Textfragment: Strohfeuer

(…) Zwei-, dreimal in der Woche suchte er die Bibliothek seiner Mutter auf – die natürlich nicht ihr allein gehörte, jedoch in der Regel nur von ihr allein gepflegt wurde –, um in klassischer Literatur zu lesen, Dramen der Romantik und des Realismus irischer, englischer, französischer und deutscher Herkunft zu verschlingen und letztlich an einem Buch hängen zu bleiben, das ihn derart gefangen nahm, dass er nie aufhörte, es zu lesen, so wie gläubige Menschen die Bibel oder den Koran: Das Bildnis des Dorian Grey, geschrieben von jenem großartigen Mann, vor und durch dessen Statue am Merrion Square sich seine Eltern kennengelernt hatten, was L. in seinen romantischen Phasen – die kamen und gingen – ein wenig schicksalhaft vorkam. Wie Dorian von dem gleichermaßen für ihn schicksalhaften Werk, das Lord Henry ihm nach Sibyl Vanes Suizid zugeschickt hatte, besaß L. neun Ausgaben des Pictures, gebunden in kostbare Stoffe (wenn er sich auch sonst nichts daraus machte, so war dies umso mehr ein Ausdruck seiner Wertschätzung für dieses Buch).

L.s impulsive Reaktion auf das Bildnis des Dorian Grey sprach für seine Beeinflussbarkeit; Z. merkte einmal an, dass er L. nicht nur vor äußeren, sondern auch vor inneren Feinden schützen wollte, und L., der Angst vor seinen eigenen Strohfeuern hatte, dachte bei sich, er vertraue ihm mehr als sich selbst, denn Z. wisse immer ganz genau, was er wolle, während er selbst wie ein Schmetterling sei, angezogen von grellen Farben und süßen Düften, die ihn allzu leicht vom Weg abbringen konnten. Nur nicht von dem einen Weg, der ihm mehr als alles andere am Herzen lag, für den er die größtmögliche Geduld aufbrachte und die so viele seiner inneren Ressourcen fraß, dass er in allen anderen Dingen flatterhaft bleiben musste, ob er wollte oder nicht.

So brannte er für allerlei Dinge, doch sein Interesse erlosch manchmal binnen Minuten. Er war ein sehr sprunghafter Mensch. (…)

Neukölln blüht

Das rote Licht zwinkerte nie. Auf einem dünnen Bein stand es auf dem Dach des Nachbarhauses, und wenn ich nachts aufwachte, starrte es in mein Kinderzimmer. Ich weiß nicht, warum ich es fürchtete. Doch es verfolgte mich in meine Träume und sollte mir bis ins Erwachsenenalter nicht mehr aus dem Kopf gehen.

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“Wenigstens bin ich nicht tot.”

Fünf Tage die Woche ist er im Einsatz, und es bleibt neben der Arbeit keine ganze Stunde, die er für sich hat, ohne im Auto zu sitzen oder sich mit seiner Frau auseinandersetzen zu müssen. Er steht um sechs Uhr auf, sitzt um sieben Uhr im Auto, ist um acht Uhr im Büro, das er um 18 Uhr wieder verlässt, um eine Stunde später vor dem Haus zu parken, in dem er lebt; er unternimmt einen Spaziergang mit dem Hund, danach gibt es Essen und dann ist der Tag um, er ist satt und erschöpft und hat keine Lust, noch ein Fass aufzumachen, also liegt er auf dem Sofa und schaut fern, bis ihm die Augen zufallen und er ins Bett geht, um bis sechs Uhr morgens zu schlafen.

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Der rote Knopf

Viele Menschen neigen dazu, emotional an Gegenständen zu hängen. Ich etwa hatte einen roten Knopf am Handy, den mir ein Südkoreaner aus Seoul, Hyungsik Kim, im Museum für Moderne Kunst in Dublin gegeben hatte. Er wollte, dass ich an einem Kunstprojekt teilnahm, und obwohl ich meine Aufgabe schnell erfüllt hatte, habe ich den roten Knopf danach zwei Jahre lang nicht weggeworfen.  → weiterlesen

Rezept: Chili sin Carne

Dieses Chili koche ich schon seit vielen Jahren. Anfangs noch mit Experimentierfreude – da landete schon mal Zimt im Essen und der Topfinhalt im Müll.

Auch die Umstellung auf vegetarische Kost musste das Chili überleben, denn auf mein Lieblingsessen wollte ich nicht verzichten. Heute ist es nicht mehr so, dass jedes meiner Chilis anders schmeckt. Ich habe mein Rezept gefunden.  → weiterlesen

Recherche am Walchensee

Die Orte, an denen ich recherchiere, besuche ich immer mehrmals. Heute zum Beispiel. Das Bequeme an der Ingame-Recherche für Cronos Cube 2: Ich muss nicht unbedingt nach Irland reisen; das Walchenseekraftwerk tut’s auch. Und es schreibt sich erstaunlich gut mit dem Dröhnen der Turbinen und Generatoren im Hintergrund. → weiterlesen

Lesung in der Stadtbücherei

Nicht zu glauben: Vergangenen Freitag habe ich bereits meine achte Lesung gehalten. 31 Zuhörer waren dabei, mehr als jemals zuvor bei einer Lesung in der Stadtbücherei Geretsried, hat mir deren Leiter Björn Rodenwaldt verraten. Der Geretsrieder Merkur hat sehr positiv über die Veranstaltung berichtet:

“Cronos Cube”: Gelungener Mix aus realer und virtueller Welt

Besonders schön war für mich das Feedback der Zuhörer nach der Lesung – und natürlich, dass dabei ein Stapel Bücher verkauft wurde. Die nächsten Lesungen finden in Berlin, Köln und Düsseldorf statt; Wien ist in Planung.

Zur Terminübersicht.

Cronos Cube im Radio

Habt ihr auch schon diese Sätze gehört, in denen erwachsene Menschen die “heutige Jugend” verurteilen? Weil sie zu laut Fußball spielen, auf öffentlichen Plätzen kiffen, an Bushaltestellen vandalieren und überhaupt keine Bücher mehr lesen, sondern nur noch in ihre Smartphones glotzen?

Die Jugend der Stadt Geretsried wird diesen Vorwürfen gar nicht gerecht – passend zum Slogan der oberbayerischen Kommune: Geretsried – einfach anders. Unter dem Namen BATSCH!FM haben zehn junge Leute ein Stadtradio auf die Beine gestellt, das Musik, Reportagen, Interviews, Talk-Sendungen, Verkehrsnachrichten und das Wetter bietet. Das liest sich nicht nur professionell, sondern hört sich auch ganz genauso an.  → weiterlesen