Zweites Kapitel

„Sag mal, kennst du den hier?“

Ich stellte den Rucksack vor Annika auf den Tisch, damit sie ihn betrachten konnte. Zuhause hatte ich ihn gegen meine Umhängetasche eingetauscht und meinen Block und die Schulbücher hineingetan, die ich heute im Unterricht brauchen würde.

„Nein, aber das ist ein echt heißes Teil.“ Annika befühlte die Tasche mit den Fingerspitzen. „Ist der neu?“

Ich hievte den Rucksack auf den Boden und setzte mich auf meinen Stuhl. „Ja, sozusagen neu“, sagte ich, drauf und dran mit der ganzen Geschichte herauszuplatzen. Das Frühstück mit meiner Mama, eine heiße Dusche und die Tramfahrt zur Schule hatten Distanz zwischen mich und die Nacht gebracht; mittlerweile war ich davon überzeugt, dass es für den Rucksack und das gelbe Fläschchen eine logische Erklärung gab, die nur noch gefunden werden musste. Trotzdem hielt ich die ganze Geschichte immer noch für aufregend genug, um sie Annika auf der Stelle zu erzählen.

„Du glaubst mir nie, was ich heute Nacht geträumt habe. In Wirklichkeit lag der Rucksack nämlich gar nicht unter meinem Bett, sondern …“ Ich unterbrach mich, denn Annika hörte nicht zu. Gedankenverloren sah sie aus dem Fenster. „Ist alles okay?“

„Ja“, knurrte sie.

„Autsch“, sagte ich.

„Meine Mutter“, flüsterte sie. Ich seufzte, legte ihr die Hand auf den Rücken und erzählte nicht weiter. Diese Situation kannte ich bereits. Annika würde den ganzen Tag mit einer düsteren Wolke über dem Kopf durch die Schule ziehen, sich bei jeder Gelegenheit über ihre Mutter auskotzen und nicht empfänglich sein für solche Banalitäten wie meine Träume.

„Was hat sie gemacht?“

„Ist doch scheißegal.“

Ich bohrte nicht nach. Annika würde noch früh genug von selbst damit anfangen. Außerdem kam jetzt Herr Spektor ins Klassenzimmer; er zog die Tür hinter sich zu und der Gong läutete zur ersten Stunde. Ich schlug meinen Block bei den Mathehausaufgaben auf: Parabelfunktionen, das Messer, das mich am Jahresende mit großer Sicherheit erdolchen würde. Auch Annika öffnete ihr Heft. Ich erkannte auf den ersten Blick, dass ihre Graphen anders aussahen als meine, was hieß, dass ich alles falsch gemacht hatte. Annika war ein Mathegenie. Sie warf einen Blick in mein Heft und dann einen in mein Gesicht. Ich schnitt eine Grimasse.

Es wurde ein schier endloser Tag. Dass ich vergessen hatte, wem der Rucksack gehörte, musste daran liegen, dass ich seit Anfang September in die zehnte Klasse ging und mit Vollgas auf die Mittlere Reife zuraste, woran uns die Lehrer jeden Tag mit sadistischer Vorfreude erinnerten. Nach Mathe hatten wir Spanisch und dann bis zur Mittagspause Englisch; drei Abschlussprüfungsfächer am Stück, und alle Lehrer wollten uns tags darauf Stegreifaufgaben reindrücken. Sie sprachen es zwar nicht aus, machten aber unmissverständliche Andeutungen. Herr Spektor sagte nach der Hausaufgabenbesprechung: „Passt gut auf. Alles, was wir heute durchnehmen, könntet ihr morgen brauchen. Wenn ihr eure Hausaufgaben macht, kann nichts schiefgehen.“

„Von wegen“, sagte ich im Mundwinkel.

„So schwer ist das wirklich nicht“, sagte Annika spitz.

Ich konnte mich kaum konzentrieren, der Rucksack neben dem Tisch fesselte meine ganze Aufmerksamkeit. Und wenn er doch niemandem gehörte? Wenn ich ihn tatsächlich aus meinem Traum mitgenommen hatte? Vielleicht träumte ich ja immer noch. Womöglich sollte ich mal einen Schluck aus dem Fläschchen kosten. Ob mich die gelbe Flüssigkeit kleiner oder größte machen würde, wie Alice im Wunderland? Wohl eher high oder krank, dachte ich. Wie albern. Ich war doch keine zwölf mehr und glaubte an solche Märchen.

Es hätte gutgetan, die Sache mit Annika zu erörtern, doch die steckte bis zum Hals in ihren eigenen Problemen. Nach der ersten Doppelstunde begann sie wie erwartet über ihre Mutter zu sprechen, aber so plötzlich als hätte sie nie damit aufgehört.

„Wenn sie Besuch hat, gibt sie immer mit mir an“, sagte sie, kaum dass Herr Spektor die Stunde beendet hatte. Sie gab ihrer Stimme einen schrillen Ton, der durchs ganze Klassenzimmer zu hören war: „Annika hatte im Zeugnis eine 1,0! Annika hat einen Wettbewerb gewonnen! Annika hat dies, Annika hat das, ich bin so stolz auf Annika!“ Sie bleckte die Zähne, und die Mitschüler, die sich zu ihr umgedreht hatten, wandten sich hastig wieder ab. „Und wenn ihre Freunde wieder weg sind, behandelt sie mich wie Luft oder schreit mich an, weil ich ihre blöden Weingläser nicht abwaschen will. Soll sie das doch selber machen!“

„Jaa, schon“, sagte ich.

In der Mittagspause setzten wir uns im Pausenhof unter einen herbstbunten Ahorn und stellten die Mitbringsel zwischen uns auf: frisch gemixten Erdbeerjoghurt mit Minze und Brot von mir, Falafel mit Linsensalat und einen in Stücke geschnittenen Apfel von Annika. Wir luden uns das Mittagessen vom Büffet auf unsere Kunststoffteller und aßen in der Sonne. Annika tat mir leid, außerdem konnte es übel enden, ihr zu widersprechen, wenn sie über ihre Mutter redete; zwei gute Gründe, die Klappe zu halten und sich aufs Essen zu konzentrieren. Meine Gedanken drifteten immer wieder ab. Während Annika ihren ganzen Zorn in einen feuerroten Monolog goss, in dem es um alles und nichts ging – ihren faulen Bruder, der stets bevorzugt wurde, ihren Vater, der auf Dienstreise vermutlich fremdging, und immer wieder ihre Mutter, die nichts konnte, aber alles von ihrer Tochter forderte –, suchte ich in meinem Rucksack nach dem gelben Flakon. Ich zog ihn heraus und betrachtete ihn, befühlte den Korken, war versucht, ihn herauszuziehen und an der gelben Flüssigkeit zu riechen.

„Ich würde am liebsten abhauen“, fauchte Annika.

Widerwillig steckte ich das Fläschchen zurück in die Tasche, um ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. „Ich bin manchmal echt froh, dass meine Mutter sterbenslangweilig ist“, sagte ich. Mama ist Sekretärin und trägt am liebsten graue Blazer. Von meinem Traum hatte ich ihr heute Morgen nichts erzählt; Mama reagierte sehr allergisch auf alles, was nicht unter den harten Deckel der Vernunft passte, auf Astrologie und Edelsteine genauso wie auf Comics, Fantasyromane, Computerspiele oder eben Träume.

Annika gefiel meine Antwort nicht, sie hatte wohl auf etwas mehr Bestätigung gehofft, zuckte nun mit den Achseln und strafte mich mit Schweigen. Ich wollte etwas hinterherschicken, etwas wie: „Deine Mutter kann nur nicht damit leben, dass du schlauer bist als sie“, doch ich kam nicht mehr dazu, denn Annika begann unvermittelt von etwas anderem zu sprechen. Dem Nürnberger Stadtlauf, der Anfang Oktober stattfinden sollte. Annika trainierte seit Monaten, und sie hatte nicht vor, sich mit dem zweiten Platz zu begnügen, geschweige denn mit noch weniger. „Ich bin die ganzen sechs Kilometer am Sonntag gelaufen, und ich kam nur auf neununddreißig Minuten“, sagte sie verbissen. „Das ist viel zu viel! Wenn ich gewinnen will, dann muss ich die Strecke in allerhöchstens dreißig Minuten schaffen.“

„Neununddreißig Minuten sind schon ziemlich gut“, sagte ich. Annika machte eine wegwerfende Handbewegung und schob sich Falafel in den Mund.

Nach der Mittagspause trennten sich unsere Wege; ich ging in den Werkunterricht, Annika hatte Kunst. Ich sah ihr nach, als sie sich entfernte, und bewunderte ihren selbstbewussten Gang, ihre schlanke Figur und ihre dunklen Locken. Sie wirkte so erwachsen, mehr wie eine Lehrkraft als eine Schülerin. Ich wusste, dass Mama in Annika einen guten Umgang für mich sah, ein Vorbild, an dem ich mir ein Beispiel nehmen sollte, und ich fand, dass sie damit recht hatte. Als ich Annika in der siebten Klasse kennengelernt hatte, war sie ein bisschen pummelig gewesen; jetzt war sie schlank, nicht etwa so dürr wie ihre Mutter, sondern drahtig und schön. Der Sport hatte sie in einen Schwan verwandelt.

Ich hingegen war weniger in die Höhe als in die Breite gewachsen, meine blonden Haare fielen nicht so lebendig wie Annikas Locken und obwohl ich in der Schule nicht schlecht war, hinkte ich ihr immer hinterher. Oft genug hatte ich meine Vokabeln nur gelernt, um nicht neben ihr zu versagen. Wenn wir einen Test zurückbekamen, litt ich heimlich Qualen; ich musste entweder genauso gut oder allenfalls eine Note schlechter sein als Annika, alles andere wäre mir unerträglich. Sie würde mir ihre Note bei jeder Gelegenheit beiläufig unter die Nase reiben: „Ich hätte nie gedacht, dass ich glatte vierzehn Punkte schaffen würde.“ – „Eigentlich habe ich gar nicht dafür gelernt.“ Und Mama, die es ganz unverhohlen hasste, wenn ich schlechte Noten nach Hause brachte, fragte mich auch immer danach, wie Annika abgeschnitten hatte. Wenn ich nur eine Note schlechter war als sie, konnte ich damit leben. Wenn ich noch schlechter abschnitt, würde ich mich elend fühlen.

Annika war gerne unerreichbar. Vor einem Jahr hatte ich ihr vorgeschlagen, sie beim Laufen zu begleiten: Ich wollte auch abnehmen und hoffte, dass sie mich antreiben würde. Doch ihre Miene verfinsterte sich; sie wandte sich von mir ab und sprach an dem Tag kein Wort mehr mit mir. Am nächsten Morgen legte sie mir schweigend eine teure Wimperntusche aufs Heft und tat so, als wäre nichts gewesen. Es war nicht das erste Mal, dass sie mir Make-up schenkte, und ich nahm es wie immer gern an. Ich steckte die Wimperntusche zu ihren anderen Geschenken und machte Annika nie wieder den Vorschlag, mit ihr gemeinsam Sport zu treiben.

Als ich sie so selbstbewusst davongehen sah, ging mir noch etwas anderes durch den Kopf. Vielleicht war es gut, dass ich ihr nicht von meinem Traum erzählt hatte. Wir waren zu alt für Luftschlösser und Fantasiegeschichten, wir waren auf dem besten Weg zur Volljährigkeit, wir waren vernünftig, erwachsen. Vernünftige Menschen erzählten sich ihre Träume nicht; das hatte mir meine Mutter schon als Kind beigebracht. Es gab keinen Grund, heute mit dieser Regel zu brechen.

 

Als ich zu Hause die Wohnungstür aufschloss, saß Mama in der Küche. Sie hatte Besuch von ihrer besten Freundin Florentina, die gerade sagte: „Trau dich ruhig, Lu. Ich glaube, das würde dir so guttun.“

„Ich weiß nicht“, sagte Mama, „das liegt einfach alles schon so lange hinter mir. – War das gerade die Tür?“ Sie steckte den Kopf durch die Tür und sah mich. „Hallo, Mona. Wir war’s in der Schule?“

„Anstrengend“, sagte ich.

Emma, Florentinas Golden Retriever, kam in den Flur geflitzt und sprang schwanzwedelnd an mir hoch.

„Aus, Emma!“, rief Florentina.

„Schon gut“, rief ich zurück.

Ich nahm Emma mit in den Hinterhof, wo wir mit einem Tennisball spielten, bis ich ihn versehentlich auf das Dach eines Bungalows warf. Er rollte herunter und blieb in der Regenrinne liegen. Mama und Florentina machten Sushi, für das sie Lachs, Thunfisch und Surimi eingekauft hatten, und ich aß mich so satt, dass ich vergaß, für wenigstens einen der drei Tests zu lernen, die für morgen angekündigt worden waren. Sie fielen mir wieder ein, als ich ins Bett ging; ich blickte unschlüssig den Rucksack an, in dem Block und Bücher steckten, ließ die Müdigkeit siegen und knipste das Licht aus.

Ich träumte, dass ich verschlief.

Als ich im Traum aufwachte, war es bereits zehn Uhr morgens. Ich stand auf und rechnete mir aus, dass ich es, wenn ich mich beeilte, wenigstens noch zum letzten Test schaffen würde. Ich zog mich an und schminkte mich, doch jeder Handgriff dauerte unheimlich lang. Mein Make-up war hinüber; der Kajalstift brach ab, der Lippenstift war weich wie warmes Wachs und das Puder stob als champagnerfarbene Wolke aus der Dose. Als ich endlich zum Gehen bereit war, merkte ich, dass ich wieder meinen Pyjama trug. Und die Uhr zeigte fünf Uhr am späten Nachmittag an, was bedeutete, dass es in diesem Moment zum Schulschluss läutete.

Ich geriet in Panik. Wie sollte ich das Herrn Spektor und den anderen Lehrern erklären? Würde ich noch ein Attest von einem Arzt bekommen? Ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen, als ich eine Männerstimme hörte, die sagte: „Nimm die Pfütze.“

Die Pfütze! Mir leuchtete der Vorschlag sofort ein, so wie einem in Träumen oft Dinge logisch erscheinen, die es nicht sind. Ich öffnete den Rucksack und kramte nach dem Fläschchen. Weil sich viel zu viele Dinge in dem Rucksack befanden, kam ich mit der Hand nicht richtig durch, also zog ich ein kleines Spanischwörterbuch heraus und legte es neben mich auf den Boden. Unter meinem Stiftemäppchen wurde ich fündig. Ich trat einen großen Schritt zurück, zog – Plopp! – den Korken aus dem Flakon und goss die sonnenblumengelbe Flüssigkeit vor mir aus. Auf den Fliesen des Flurs wurde sie zu dem, was sie sein sollte: einer Pfütze.

Intuitiv nahm ich Anlauf und sprang hinein. Das Wasser spritzte unter meinen Schuhen auf, rauschte an mir empor und klatschte über meinem Kopf zusammen, wobei es mich kurz in einen flüssigen Kokon hüllte. Er zerplatzte wieder und fiel an mir herab. Ich blickte auf. Und schnappte verblüfft nach Luft.

Ich war nicht mehr zuhause.

Doch in der Schule war ich auch nicht, obwohl ich das im Traum annahm. Ein Flur; links viele Türen, durch die Menschen gingen und kamen, rechts eine lange Fensterfront, durch die ich einen roten Himmel sah. Ich drückte mich flach gegen die Wand, während sich die Gedanken in meinem Kopf verästelten. Hatte es nicht gerade erst zum Schulschluss geläutet? Was, wenn mich Herr Spektor hier sah? Ich hielt den Pfützenflakon noch in der Hand, doch er war restlos leer. Ich steckte ihn in die Hosentasche meines Pyjamas und beobachtete die Menschen, die an mir vorbeigingen. Sie trugen schnurgerade schwarze Mäntel und weiße Hüte, die die Form und Fülle von Sofakissen hatten. Die Gesichter kamen mir nicht bekannt vor. Wie Lehrer sahen sie nicht aus.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und begann durch den Flur zu gehen. Wenn eine Tür sich öffnete, reckte ich den Hals und spähte durch den Spalt: Ich sah viele Menschen, die durcheinanderwuselten oder debattierten, erkannte aber nicht, warum sie das taten. Aus einer Tür kam ein Mann geeilt, der, gerade noch in Gedanken vertieft, neben mir wie angewurzelt stehenblieb. Er drehte sich zu mir um. Musterte mich.

Und ich musterte ihn, ohne zu ahnen, wie sehr ich mich bald in ihn verlieben würde.

Remo, so heißt er, sah für mich im ersten Moment sehr merkwürdig aus: Sein Gesicht erinnerte mich an einen Löwen. Es war zwar menschlich, aber mit katzenhaften Augen und einem Flaum ums Kinn, der genauso rot war wie seine zerzausten Haare. Sein Kinn ließ mich an einen großen, erwachsen wirkenden Jungen aus meiner Schule denken, in den ich in der neunten Klasse Hals über Kopf verknallt gewesen bin. Remo war für irdische Begriffe gar nicht so viel älter als ich. Und obwohl er was von einem Star-Trek-Alien hatte, gefiel er mir gleich. Ich lächelte; er lächelte zurück.

„Komm mal mit“, sagte er.

Ich folgte ihm den Flur entlang. Er führte mich in eine ruhige Ecke des Gangs, bevor er sich wieder zu mir umdrehte. „Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Ich habe den Unterricht verpasst“, sagte ich. „Wir haben Tests geschrieben, aber ich bin nicht aus dem Haus gekommen und jetzt kriege ich Ärger.“

„Was waren das für Tests?“

„Mathe, Spanisch, Englisch …“

„Oh. Das klingt kompliziert.“

„Ja, aber es wird noch viel komplizierter, wenn ich meinen Lehrern nicht erklären kann, wo ich war, als sie die Tests mit mir schreiben wollten.“

Remo dehnte die Lippen zu einem Grinsen, wie jemand, der sich sein eigenes Bild machte. „Und woher bekommst du dein ganzes Wissen?“

„Na, aus Büchern und dem Unterricht“, sagte ich und deutete auf meinen Rucksack.

„Das Wissen ist in dem Rucksack?“

„Da sind meine Bücher drin.“

„Ah.“ Er betrachtete mich fasziniert. „Möchtest du vielleicht wissen, wie ich lerne?“

„Ja“, sagte ich.

„Pass auf.“ Remo griff in die Seitentasche seines Mantels und gab mir einen Bonbon in einem blauen Wickelpapierchen. „Das hier zum Beispiel sagt dir alles, was es über Pfützen zu wissen gibt. Du musst es nur lutschen. Es gibt tausende, abertausende Bonbons! Auf diese Weise kannst du alles lernen, was du willst.“

„Danke“, sagte ich.

Sein Grinsen schwand ein wenig. „Aber sei bitte vorsichtig mit den Pfützen. Die meisten Leute werden nicht erfreut darüber sein, dich zu sehen.“

„Warum?“

„Zum Beispiel, weil du Warum fragst.“

Diese Antwort verstand ich nicht, aber ich hatte keine Zeit, sie mir erklären zu lassen, denn in dieser Sekunde plärrte mein Wecker los. Der Traum löste sich schlagartig auf; ich öffnete die Augen, wälzte mich im Bett herum und schaltete das Piepen aus. Schon wieder so ein Traum, dachte ich und richtete mich auf. Mein Blick fiel auf den Rucksack, der neben dem Bett an der Wand lehnte. Ich blinzelte ein paar Mal und sah erneut hin. Etwas stimmte nicht. Er sah anders aus als gestern Abend. Nicht äußerlich – es handelte sich immer noch um den Lederrucksack, von dem ich geträumt hatte. Aber jetzt war er leer. Ich streckte den Arm aus und zog ihn zu mir ins Bett. Am Gewicht spürte ich, dass er nicht ganz leer war; die Stifte lagen noch im Mäppchen. Warum sollte Mama nachts in mein Zimmer kommen und meine Bücher mitnehmen? Ich hielt inne. Und starrte in den Rucksack.

Er war voller Bonbons.

Drittes Kapitel