Erstes Kapitel

Mit dem Rucksack fing alles an.

Ich träumte, dass ich durch einen Laden schlenderte, in dem es die verrückteste Auswahl an Taschen gab. Sie lagen in hohen Regalen, so dass man Holzleitern an Schienen benötigte, um in die obersten Etagen zu gelangen. Keine Tasche ähnelte der anderen. Manche waren aus Schokolade, die nicht schmolz, andere aus Papier, Wolle, Leinen oder Schmetterlingsflügeln genäht, die selbst unter Bowlingkugeln nicht einbrachen. Es gab Taschen, die eigentlich Teleporter waren; wenn man in sie hineinstieg, tauchte man an anderen Orten wieder auf (ich habe sie allerdings nicht ausprobiert). Einige Taschen hatten Schubladen mit Messinggriffen, wie alte Sekretäre. Eine Tasche bestand aus Wolken, die sich grau färbten und auf den Boden regneten, doch wenn man den Reißverschluss öffnete, leuchtete eine warme und weiche Frühlingssonne in ihrem Inneren.

Meinen Rucksack fand ich, als ich in einem düsteren Winkel des Ladens einen Schrank öffnete. Weil die Tür klemmte, stützte ich den rechten Fuß am Schrank ab, packte den Griff und lehnte mich so weit zurück wie es ging. Der Schrank knurrte, sträubte sich und gab so urplötzlich nach, dass ich rückwärts zu Boden geworfen wurde. Als ich mich aufrappelte, stand die Tür weit offen. In dem Schrank gab es keine Fächer, nur schummrige Dunkelheit und diesen achtlos in die Ecke gepfefferten Rucksack. Ich nahm ihn heraus, klopfte ihm den Staub ab und warf einen Blick hinein. Leer. Ein Preisschild hing an einem seiner Träger: 500. Keine Währung, nichts, nur diese Zahl. Trotzdem wusste ich, dass ich keine fünfhundert Was-auch-immer besaß. Ich war schon dabei, den Rucksack zurück in den Schrank zu werfen, als eine Stimme hinter mir sagte: „Nimm ihn ruhig mit und bezahle ihn mir später.“

„Danke“, sagte ich, ohne mich umzudrehen. Ich riss das Preisschild ab, warf mir den neuen Rucksack über die Schulter und verließ den Laden.

Als nächstes wollte ich etwas haben, das ich hineintun konnte. Doch das war leichter gedacht als getan. Draußen vor dem Laden befand sich eine Einkaufsstraße, in der es noch viele andere Geschäfte gab, die unbedingt von mir besucht werden wollten. Dummerweise besaß ich immer noch keine Was-auch-immer, und die würde ich zum Einkaufen schließlich brauchen. Ich trug eine Pluderhose, in deren Taschen ich meine Hände steckte, während ich nachdachte und die Optionen abwog. Die Einkaufsmeile ähnelte einem arabischen Basar, hinter den Buden erhoben sich Sanddünen und es ging eine warme Brise. Ich betrachtete die Sanddünen fasziniert, als meine Finger etwas Kühles berührten. Ich zog es aus der Hosentasche: Eine makellos blanke Münze blinkte mich an. Es war eine sehr schöne Münze, mit einem kleeblattförmigen Loch in der Mitte und einem goldenen Rand, wie bei einem Eurostück. Beglückt ging ich in ein Haus auf der anderen Straßenseite, dessen weiße Wände das Sonnenlicht so hell reflektierten, dass es ganz ohne Schatten war und zu leuchten schien.

Der Laden verkaufte Pfützen. Außer mir befand sich niemand darin. Dennoch sprach eine Stimme mit mir, und ich nahm an, dass der Händler im Nebenraum saß: „Na, neu hier? Ich mach dir ein Angebot. Die erste Pfütze kriegst du für die Hälfte.“

Die Pfützen standen in hübschen, schlanken Fläschchen verkorkt und farblich sortiert auf schmalen Regalen an den Wänden. Das Spektrum reichte von hellgelb bis dunkelviolett. Ein abgetrennter Bereich hinter dem Tresen – auf dem auch eine elektronische Kaufhauskasse stand – stellte weiße und schwarze Fläschchen aus. Zwischen den weißen sah ich ein Schild, auf dem zu lesen war: „Kannst du dir nicht leisten.“ Auch bei den schwarzen Fläschchen gab es ein Schild, das lautete: „Willst du dir nicht leisten.“ Alle anderen Fläschchen kosteten bis zu fünfzig Münzen, wobei die gelben sehr billig und die violetten schlicht unbezahlbar waren.

„Ich habe eine Münze“, sagte ich. „Kann ich dafür eine sonnenblumengelbe Pfütze bekommen?“

„Diese Pfütze kostet zwei –“ (Ich kann mich beim besten Willen nicht an das Wort erinnern.) „Die erste Pfütze gibt’s wie gesagt für die Hälfte.“

„Also bekomme ich sie für eine Münze?“

„Na, gut.“

Ich nahm ein sonnenblumengelbes Fläschchen aus dem Sortiment, legte meine Münze auf den Tisch und ging hinaus. Ich war so heiß darauf, etwas in meinen neuen Rucksack zu tun, dass ich nicht fragte, wozu ich die verkorkte Pfütze überhaupt brauchte.

Draußen hatte es zu schneien begonnen und die Hochhäuser in der Ferne funkelten in der hereinbrechenden Nacht. Die Szenerie hatte sich verändert, aber ich hinterfragte das nicht, bemerkte es nicht mal. Unter der Markise einer Würstchenbude suchte ich Schutz, bevor ich den Rucksack öffnete und das Fläschchen mit dem Pfützenwasser behutsam hineinlegte. Das war noch nicht das Verrückteste, was ich von dieser Nacht an in meinen Träumen tun sollte. Ich band die Schnüre zu einer Schleife und schulterte den Rucksack.

In diesem Moment plärrte mein Wecker los.

Es fühlte sich an wie ein radikaler Ortswechsel – von New York nach Nürnberg in einer Sekunde. In meinem Bett richtete ich mich auf, nahm das Handy vom Nachttisch, drückte den Snooze-Button. Und war plötzlich mit jeder Faser meines Körpers hellwach.

Neben meinem Bett stand der Rucksack.

Träumte ich noch?

Ich sah mich im Zimmer um. Da war mein Kleiderschrank mit dem Spiegel, der Schreibtisch, die Bücher neben der Zimmertür, an der ein Poster der Freaking Picks hing. Ich blickte zurück zum Rucksack – er lag immer noch da, ein wenig zusammengesunken, als hätte er eine anstrengende Nacht hinter sich. Unmöglich.

Ich sprang aus dem Bett und riss die Vorhänge auf. Ein trüber Herbsthimmel hing über den Dächern der Nürnberger Südstadt, ein Schwarm Schwalben sammelte sich über einem Schornstein. Von der Straße stieg ein Hupkonzert herauf, denn hinter einem ausparkenden Mini hatte sich ein Stau gebildet. Im Haus gegenüber goss eine Lockenwickler tragende Frau die Reste einer Geranie, die am Küchenfenster hing.

Alles ganz normal.

Ich lief zur Zimmertür und schlug die Hand auf den Lichtschalter. Die Glühbirne in der von der Zimmerdecke baumelnden Papierkugellampe ging sofort an. Strom war etwas, das in meinen Träumen selten funktionierte – allerdings benötigte ich ihn auch nie in taghellen Zimmern. Ich sah auf meine Hände und zählte die Finger ab. Fünf rechts, fünf links. Ich blickte auf: Der Rucksack stand immer noch neben dem Bett. Ich musste träumen. Aber es fühlte sich überhaupt nicht so an.

Ich sollte telefonieren. Wenn ich in einem Traum jemanden anrufen wollte, verfehlte ich ständig die Tasten, die Ziffern fingen an zu tanzen oder erschienen doppelt auf dem Display, wenn ich sie drückte. Ich setzte mich aufs Bett und öffnete die Kontaktliste, um meine beste Freundin anzurufen. Um diese Uhrzeit frühstückte sie für gewöhnlich einen Milchshake auf dem Laufband. Annika hob nach dem dritten Freizeichen ab; beim Sport hörte sie immer Musik über das Smartphone. Aber das kann nicht sein, dachte ich, im Traum geschehen die Dinge nie so wie in Wirklichkeit!

„Hi, Mona!“ Sie war ganz außer Atem. „Was ist los? Kommst du nicht in die Schule?“

„Doch, ich wollte dir nur Guten Morgen sagen“, behauptete ich und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Der Rucksack stand nach wie vor neben dem Bett. Ein Anfall von Alzheimer, ging es mir durch den Kopf; klar, alles war bestimmt ganz einfach zu erklären. Mama hatte ihn mir aus irgendwelchen Gründen in der Nacht ins Zimmer gestellt. Oder ich hatte ihn von Annika mitgenommen, ohne mich daran zu erinnern. War wohl doch noch ziemlich neben der Spur. Oder –

„Mona? Alles okay?“

„Weißt du, ich habe irgendwie vergessen, was ich heute mitbringen wollte“, sagte ich. Das war eine Vereinbarung zwischen uns: Jeder brachte etwas zum Essen mit und in der großen Pause veranstalteten wir ein Picknick auf unserer Stammbank auf dem Pausenhof. Mein Handy erinnerte mich morgens daran, aber auf die Schnelle war mir nichts Besseres eingefallen.

In der Stille hörte ich Annikas Turnschuhe auf dem Laufband klatschen. „Hast du dein Handy geschrottet?“ Sie hatte meine Ausrede sofort durchschaut. „Erdbeerjoghurt. Heute ist Donnerstag, oder?“

Ich tat so, als wäre es mir wieder eingefallen, sagte ihr Auf Wiedersehen und legte das Handy neben mich. Und starrte den Rucksack an. Der genauso aussah wie in dem Laden, von dem ich geträumt hatte. Ja, ich musste ihn schon mal gesehen haben. Vielleicht in einem echten Geschäft? Kurzerhand nahm ich die Tasche auf den Schoß – das hätte ich schon längst tun sollen. Ich ließ die Schnalle aufschnappen und klappte den Deckel auf. Zwei Schlaufen, zu einer Schleife gebunden. Ich zog sie auf und griff mit der Hand in den Beutel. Noch bevor ich mir einreden konnte, dass er entweder leer sein oder ein Geschenk des Überbringers enthalten würde, ertasteten meine Finger ein schlankes Objekt aus kaltem Glas.

Ich zog es heraus und ließ es vor Schreck beinahe fallen. Ein gelber Flakon.

Sonnenblumengelb.

Mit Korken.

 

Seit diesem Donnerstagmorgen sind ein paar Wochen vergangen, in denen sich meine Welt komplett auf den Kopf gestellt hat. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich wegen des Rucksacks um mein Leben rennen würde. Doch genau das tue ich jetzt.

Man hat mir gesagt, die Bibliothek sei sicher. Doch die Nachtmahre haben mich gefunden, sie jagen mich, sie holen mich bald ein, und dann bin ich im Arsch. Und alle anderen mit mir. Seltsame Ironie, hat mir doch wirklich jeder geraten, endlich mit dem Träumen aufzuhören. Bis auf Annika und Elmon, die einzigen, die mir jetzt beim Überleben helfen könnten. Aber von hier aus kann ich die beiden nicht erreichen. Weil sie wach sind, während ich tief und fest schlafe.

Bei meinen bisherigen Besuchen im Bücherlabyrinth ist nichts passiert. Ich konnte mir die ganze Nacht mit der Suche Zeit lassen, was angesichts der Masse an Büchern, die hier gelagert werden, zwar immer noch wenig war. Aber immerhin musste ich dabei nicht um mein Leben fürchten. Der Kaiser hat von meiner Suche erfahren – und ich will gar nicht wissen, was mit mir passiert, wenn seine Jäger mich schnappen. Angeblich hat er schon andere Träumer in die Finger bekommen, die danach nie wieder aufgewacht sind.

Das darf mir auf keinen Fall passieren.

Ich muss es schaffen. Alles, was ich dazu brauche, ist der Rucksack. Und das ist der Haken.

Ich habe ihn verloren.

Zweites Kapitel