Drittes Kapitel

3Ich war so aufgeregt, dass ich mich in der Straßenbahn nicht hinsetzen konnte.

Mit so leichtem Gepäck war ich noch nie zur Schule aufgebrochen – doch so gern ich meine Bücher auch mitgenommen hätte, ich konnte sie nirgends finden. Da lagen nur die Bonbons im Rucksack, auf deren Wickelpapier in winziger Schrift Dinge geschrieben standen wie: „Mathematik 10, Realschule Bayern, Kapitel Vier, Fünf, Sechs“ und so weiter.

Wie sollte ich Mama und meinen Lehrern erklären, dass ich die Bücher verloren hatte? Im Lügen war ich noch nie gut gewesen. Aber ich wusste auch, dass ich mich nur an dieser Frage fest biss, weil mich das eigentliche Rätsel überforderte. Meine Bücher konnten sich nicht in Bonbons verwandelt haben. Das war nicht möglich. Aber anders als gestern fiel mir diesmal keine logische Erklärung dafür ein, und das machte mich verrückt.

Ich schrieb Annika: „Mir passiert hier gerade was total Verrücktes. Wir müssen reden!“ Zwei blaue Haken teilten mir mit, dass Annika die Nachricht gelesen hatte, aber sie antwortete nicht. Wahrscheinlich saß sie gerade auf dem Fahrrad. Ich steckte das Handy weg und fasste einen Gedanken, der mir immer wieder in den Sinn kam, seit ich das Haus verlassen hatte: Sollte ich die Bonbons lutschen?

Ich trug diesen Gedanken in die Schule, ohne die Bonbons anzurühren. Am Eingang wartete ich fünf Minuten lang auf Annika, und als sie nicht kam, ging ich allein nach oben ins Klassenzimmer. Kurz vorm Gong wischte sie herein, mit unserer Deutschlehrerin auf den Fersen, die nahtlos mit dem Unterricht begann. Annika ging nicht auf meine Nachricht ein, sondern raunte mir nur zu: „Sorry, ich hatte heute keine Zeit für unser Mittagessen“, und schlug ihren Block auf.

„Ich auch nicht“, flüsterte ich zurück, denn das Essen war heute Morgen meine geringste Sorge gewesen. Nach einem Blick in Annikas Block wurde mir klar, dass das nicht das einzige war, was ich vergessen hatte: Der Zeitungsartikel und meine dazugehörige Erörterung, unsere Hausaufgaben, waren beide in dem Block gewesen, den ich in der Nacht gegen einen Haufen Bonbons eingetauscht hatte. Ich schlug meinen Ersatzblock auf – ich lagerte immer einen kleinen Vorrat auf meinem Schreibtisch zu Hause – und machte mich ganz klein, während Frau Anselm in die Besprechung ging. Annika meldete sich, stand auf und las ihre Erörterung vor, die wie üblich makellos war. Als sie geendet hatte, sagte Frau Anselm: „Genau so sollt ihr es machen.“

Annika setzte sich wieder und tat so, als bemerkte sie die neidischen Blicke unserer Mitschüler nicht, obwohl sie sich in Wahrheit in ihnen sonnte.

Als nächstes las Noah seinen Aufsatz vor, Frau Anselm schrieb Stichworte an die Tafel, es gab Meldungen, eine Diskussion – ich hörte nicht hin, zu beschäftigt damit, nicht völlig aus der Haut zu fahren. Das war doch absurd! Es konnten sich keine Bücher in Bonbons verwandeln. Obendrein durfte das nicht mal mein ärgstes Problem sein, denn mit jeder verstreichenden Minute näherte ich mich weiter einem Mathetest, für den ich mich nicht bereit fühlte. Ich konnte schon jetzt keinen klaren Gedanken mehr fassen, wie sollte ich mich da mit Funktionen und Parabeln auseinandersetzen?

Und wenn ich es wenigstens versuchte?

Ich griff in den Rucksack und legte drei Bonbons vor mich hin, in der Hoffnung, dass Annika keinen abhaben wollte. Glücklicherweise sah sie mich nur an, als wollte sie sagen: „So wirst du nie abnehmen.“ Ich machte mich daran, die Wickelpapiere abzulesen.

Block, Seite Eins.

Block, Seite Zwölf.

Mathematik, Kapitel Zehn …

Ich legte den Mathebonbon beiseite, steckte die anderen beiden in ein Seitenfach des Rucksacks und nahm eine weitere Handvoll heraus. Noch ein Kapitel des Mathebuchs. Dann eines der Englischlektüre. Weitere Blockseiten. Ich griff mir die nächste Handvoll aus dem Rucksack, während Frau Anselm Kopien herumgehen ließ, von denen sich jeder eine nahm. Die Aufregung trieb mir den Schweiß unter die Achseln.

„Gruppenarbeit“, flüsterte Annika mir zu.

„Bin gleich so weit“, gab ich zurück.

Endlich fand ich es: Mathematik 10, Realschule Bayern, Kapitel Eins. Kapitel Zwei bis Fünf hatte ich bereits aussortiert, doch wir waren im Unterricht erst am Ende des ersten Kapitels angelangt, also würde es reichen, diesen einen Bonbon zu lutschen. Falls es funktionierte. Und es konnte unmöglich funktionieren.

Ich schob die anderen Bonbons an den Rand des Tisches, wickelte das Mathebonbon aus seinem Papier und schob ihn mir in den Mund, ehe ich mich zu Annika umdrehte und das ausgeteilte Blatt Papier zur Hand nahm. „Wir sollen einen Sachtext schreiben“, sagte Annika. „Hast du aufgepasst? Was ist los mit dir?“

„Schwer zu erklären“, sagte ich.

Sie beließ es dabei und beugte sich über ihren Text. Ich tat es ihr nach, während ich konzentriert mein Bonbon lutschte. Es schmeckte nach Papier.

Weil nichts passierte, beschloss ich, mir auch das zweite Kapitel in den Mund zu stecken. Annika und ich füllten eine Blockseite mit einem Sachtext über einen Autor, bis Frau Anselm die Gruppenarbeit beendete. Wir sollten unsere Ergebnisse vortragen; Annika übernahm unseren Part freiwillig, stand auf und las laut vor, während ich das nächste Bonbon aufwickelte. Ich hatte es mir gerade auf die Zunge gelegt, als ich an die Mathehausaufgaben vom Donnerstag denken musste. Die ich so schrecklich in den Sand gesetzt hatte.

Ich sah die Gleichung mit ihren Variablen, Klammern und Brüchen deutlich vor mir, nur nicht mehr als verwirrende Zeichenkombination, sondern glasklar wie den gedruckten Text auf Frau Anselms Kopie. Dasselbe mit der Seite des Mathebuchs; wie ein Foto schwebte sie mir vor Augen. Während Annika unsere Aufzeichnungen vortrug, schlug ich eine neue Seite meines Notizblocks auf und schrieb eine Funktion auf, die wir gestern im Unterricht durchgenommen hatten und die mir besonders kompliziert erschienen war. Als ich gerade fertig war, setzte sich Annika wieder („Tadellos“, sagte Frau Anselm). Weil ich wusste, dass Annika wie ich alle Aufzeichnungen in einem einzigen Block festhielt, fragte ich sie, ob ich ihn kurz haben dürfte. Sie gab ihn mir, und ich blätterte ein paar Seiten zurück, bis ich zur letzten Mathestunde kam. Und da fand ich sie, die Funktion.

Ich verglich sie mit der, die ich gerade aufgeschrieben hatte. Sie stimmte exakt überein.

Ohne einen einzigen Fehler.

„Was ist denn nur los mit dir?“, fragte Annika.

„Gar nichts“, sagte ich und stopfte mir die aussortierten Bonbons in die Hosentaschen. Ich blickte auf die Uhr: fünfzehn Minuten bis zum Test.

Als der Gong ertönte, sprang ich auf und ging auf die Toilette, um mich daran zu hindern, Annika alles zu erzählen. Der Zauber der Bonbons war wie der Wunsch an eine Sternschnuppe: so zart, dass er verwehen würde, sobald ich ihn laut aussprach.

„Handys Weg, Bücher vom Tisch“, sagte Herr Spektor wenige Minuten später. Dann das Ratsch-Ratsch der Reißverschlüsse, Stühlerücken, Stifteklappern, angespanntes Murmeln, das verebbte. Papier raschelte, Herr Spektor sah ein letztes Mal auf die Uhr („Fangt an!“) und unsere Köpfe beugten sich über die Tests. Ich spürte meinen klopfenden Puls in den Fingerspitzen, mit denen ich den Stift hielt, als ich die erste Aufgabe las. Wie vorhin im Deutschunterricht glitten meine Augen über die Funktion wie über einen einfachen Text; ich setzte die Kugelschreibermine auf das Papier, die Tinte floss und meine Hand bewegte sich wie von allein. Noch bevor Annika ihren Stift aus der Hand legte, beendete ich die letzte Aufgabe. Ich drehte das Blatt um und lehnte mich zurück, in der Gewissheit, nichts korrigieren zu müssen. Es war alles richtig, das wusste ich, das fühlte ich.

Und ich sollte recht behalten.

In der Mittagspause verglichen Annika und ich unsere Ergebnisse. Sie hatte sich ihre wie immer gemerkt, und auch ich konnte alle Details aus dem Gedächtnis abrufen. Annika sagte: „Das stimmt“ und „Das hatte ich auch“, wobei sie immer verwunderter klang. Bei der letzten Aufgabe unterschieden sich unsere Lösungen. „Ha!“, rief sie, bis ich ihr die Funktion auf den Block schrieb und wir sie Schritt für Schritt durchgingen.

„Ich habe einen Fehler gemacht“, hauchte sie fassungslos. „Und du hast es richtig!“

„Das ist unglaublich“, sagte ich.

„Wie hast du das gemacht?

Ich öffnete den Mund, um ihr von den Bonbons zu erzählen, als ich ihre misstrauisch verengten Augen sah und mir ein neuer Gedanke kam, ein fieser Gedanke. Annika würde mir die Sache mit dem Traum nicht glauben; stattdessen würde sie die Bonbons für Ritalin oder etwas Ähnliches halten. Und um Annika das Gegenteil zu beweisen, fehlte mir ein guter Plan.

„Ich hab gelernt“, sagte ich.

„Wann? Gestern?“

„Ja.“

„Wir hatten bis fünf Uhr Schule.“

„Ich war eben lange auf.“

Annika kaute schweigend an der Brezel herum, die sie sich in der Mensa gekauft hatte. Dünne Wolken filterten ein kühles Licht auf den Schulhof und der Wind scheuchte eine ihrer Locken auf.

„Ich werde bald achtzehn. Noch genau zwei Monate“, sagte sie unvermittelt. Ich wusste, wann sie Geburtstag hatte, nämlich am 29. November. „Und meine Mutter will, dass ich dann sofort ausziehe.“

„Mitten im Jahr?“

„Ja.“ Sie knüllte die Tüte zusammen, in der sich jetzt nur noch ein paar Krümel befanden. Dass sie den ganzen
Vormittag nichts darüber gesagt hatte, verlieh ihren Worten eine besondere Dramatik.

„Die kriegt sich bestimmt wieder ein“, sagte ich.

Annika tat, was sie meistens tat, wenn ich sie aufmuntern wollte: Sie zuckte mit den Achseln. „Und übrigens, du bist eine schlechte Lügnerin!“, fauchte sie plötzlich, nahm ihre Tasche und lief mit fliegenden Locken davon. Ich sah ihr voller Mitleid nach. An anderen Tagen wäre ich ihr nachgelaufen. Doch jetzt dachte ich an die nächsten beiden Tests, in denen ich genauso gut abschneiden wollte wie vorhin in Mathe. Ich öffnete den Rucksack und schluckte die Bonbons im Ganzen.

 

In dieser Nacht schlief ich nicht. Stundenlang wälzte ich mich von einer Seite auf die andere: Ich strampelte mir die Decke von den Füßen und zog sie mir hoch bis zum Kinn, legte mich auf den Rücken und atmete zehnmal tief ein und aus, zählte von Hundert rückwärts bis Null – nichts half. Manchmal dämmerte ich weg und döste im Halbschlaf vor mich hin. Bis mir schlagartig klar wurde, dass ich endlich müde wurde, und ich vor lauter Freude wieder putzmunter im Bett lag.

Neben mir stand der bis zum Platzen mit neuen Büchern vollgestopfte Rucksack. Nachdem ich in der Schule alle Stegreifaufgaben mit Links geschrieben hatte, wollte ich jetzt nur noch eines: so schnell wie möglich von Pfützen und Löwenmännern träumen, die Bücher in Bonbons verwandelten. Leider gewann die Nervosität den Wettstreit mit der Müdigkeit, so dass ich am frühen Morgen mit Augenringen am Frühstückstisch saß und mit Leidenschaft die ganze Welt hasste.

Ganz anders Mama. „Guten Morgen!“, sagte sie überrascht, als sie im grauen Pyjama in die Küche kam. Sie sah übertrieben genau auf die Uhr. „Wer bist du und was hast du mit meiner Tochter gemacht?“

„Sehr witzig“, gab ich zurück.

Mama machte uns beiden Kaffee. „Flori kommt gleich und bringt mir was vorbei“, sagte sie so beiläufig, dass ich hellhörig wurde. „Möchtest du uns vielleicht Brötchen vom Bäcker holen?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, legte sie mir einen Schein hin.

Ich zog mich an und ging zum Beck um die Ecke. Die Verkäuferin, die Kunden, ja sogar die Autofahrer an den roten Ampeln, alle kamen mir unnatürlich gut gelaunt vor. Ich stellte mir vor, wie ich sie alle anbrüllte: „Ich bin müde, ich will schlafen, ich will meine Bonbons, also warum lasst ihr mich nicht alle in Ruhe?“ Als ich zurückkam, stand Florentinas marineblauer Toyota vor dem Haus. Emma, die an der Wohnungstür an mir hochsprang und sich vor Begeisterung im Kreis drehte, heiterte mich ein wenig auf. Ich kraulte ihr den Kopf, als Mama und Florentina geheimniskrämerisch tuschelnd aus dem Schlafzimmer kamen.

„Aus, Emma!“, sagte Florentina.

„Schon gut.“

Florentina blieb zum Frühstück. Sie und Mama unterhielten sich über einen Laden für Stoffe in Glockenhof, einem Nürnberger Ortsteil ganz in der Nähe meiner Schule, und weil ich das nicht sehr interessant fand, schrieb ich vorsichtig Annika an. Sie tat so, als hätte sie mich nicht tags zuvor als Lügnerin bezeichnet, und fragte mich, ob ich sie später auf der Wöhrder Wiese treffen wollte. „Ich möchte den Lauf nochmal üben, und am Wöhrder See geht das am Besten.“

Froh darüber, dass wir uns nicht im Streit befanden, sagte ich zu. Nach dem Frühstück räumte ich die Bücher aus dem Rucksack, legte ein Notizbuch, den Schlüssel und meinen Geldbeutel hinein und stieg in die U-Bahn. Annika erwartete mich ungeduldig; ich sah sie schon von Weitem auf und ab tigern, blass vor Nervosität und reizbar wie eine übellaunige Katze.

„Heute muss ich es auf unter eine halbe Stunde schaffen“, sagte sie, während sie ihre Dehnübungen machte. Kein: Wie geht es dir? Kein: Du siehst aber müde aus! Aber wenigstens auch kein: Meine Mutter ist die Hölle. Ich erwartete nichts von ihr, weil sie gerade Wichtigeres im Kopf hatte (so wie ich auch). Dennoch versetzte mir ihr Desinteresse einen Stich.

„Und wenn du es nicht schaffst?“

„Dann ist alles umsonst gewesen. Morgen und übermorgen kann ich nicht trainieren, und am Dienstag ist ja schon der Lauf. Heute oder nie!“

„Du kriegst das hin“, sagte ich, nicht ganz so enthusiastisch wie sie es von mir gewohnt war. „Und wenn nicht, geht die Welt auch nicht unter.“

„Doch“, schnappte Annika. „Das tut sie.“

Sie stellte sich an einer imaginären Startlinie auf und ich zählte den Countdown: „Drei, zwei, eins – los!“ Damit aktivierte ich die Stoppuhr auf meinem Handy und Annika zischte los. Ich sah ihr nach, bis sie hinter Bäumen und Leuten verschwand, und fragte mich, warum sie mich dabei haben wollte, denn jetzt musste ich eine halbe Stunde totschlagen, die ich viel lieber geschlafen hätte. Ich wünschte Annika, dass sie ihr Ziel erreichte und sich dadurch ein wenig entspannte.

Ich ging ans Ufer des Wöhrder Sees und setzte mich auf eine Bank, um den Enten und Tretbooten zuzusehen. Der Wind kräuselte die Wasseroberfläche und fuhr mir kühl unter die Jacke; ich zog sie mir fester um den Körper und bedauerte, dass der Sommer nun endgültig vorbei war. Wir hatten unsere großen Ferien in Freibädern und Seen verbracht, draußen an der frischen Luft, in der Natur, unter der Sonne und im Wasser, wo ich mich am wohlsten fühlte. Annika war ungewöhnlich ausgelassen gewesen und hatte auf Handtüchern liegend sicher fünf oder sechs Romane durchgelesen. Ich beneidete sie oft darum, mit welcher Leichtigkeit sie Bücher las, während mir nach einer Stunde die Konzentration schwand. Ihre Bildung war deshalb so viel besser als meine. Aber mit Hilfe meines neuen Rucksacks konnte ich das ändern. Ich hatte mir fest vorgenommen, am Nachmittag zu Jokers in die Innenstadt zu gehen und so viele vergünstigte Restauflagen zu kaufen, wie ich tragen konnte. Wenn diese Bücher verschwanden, würde niemand sie vermissen – anders als bei Mamas schweren Sachbüchern, die ihre Regale füllten. (Mama mochte keine Belletristik und besaß deshalb auch keine Romane.)

Unsere Englischlektüre – „Slam“ von Nick Hornby – hatte sich unter den in Bonbons verwandelten Büchern befunden, und das spürte ich. Hätte mich jemand gefragt, welcher Satz zum Beispiel auf Seite 230 in Zeile zehn stand, hätte ich ihm diesen sofort nennen können. Das bedeutete nicht, dass mir alle Informationen ununterbrochen im Kopf herumschwirrten. Sie ruhten viel mehr unter der Oberfläche, und wenn ich sie abrufen wollte, ploppten sie mir ins Bewusstsein. Diese Nacht hatte ich sehr viel Zeit zum Nachdenken gehabt, und dabei war mir aufgefallen, dass ich meistens auf Deutsch, aber auch immer wieder auf Englisch dachte.

Ich würde den gesamten Literaturkanon in Bonbons verwandeln und jeden mit meiner unfassbaren Allgemeinbildung beeindrucken. Ich würde Goethe zitieren, Shakespeare und Hemingway, Musil, Hoffmann, Fontane, Hesse und die Mann-Brüder … Ich sah es vor mir, wie ich in einem eleganten Kleid unter lauter klugen Menschen stand, in einem funkelnden Saal mit Kronleuchtern, es war eine Gala oder ein Empfang, es gab ein Buffet, ein Streichquartett spielte dezente Musik, und ich beeindruckte eine kleine Gruppe von Zuhörern, in dem ich tönte: „Wie schon Gottfried Keller sagte“ oder „Wie bei Max Frisch nachzulesen ist“, und alle Augen waren auf mich gerichtet, bewundernde Blicke, jemand flüsterte einem anderen etwas ins Ohr, weil man in meiner Gegenwart nicht laut zu sprechen wagte, aus Angst, etwas zu verpassen. Ich schwenkte Weißwein in einem Glas in meiner Hand und hob zu einem weiteren Zitat an: „Wer etwas Großes will, der muss sich zu beschränken wissen; wer dagegen alles will, der will in der Tat nichts. Das wusste schon Georg Friedrich Hegel.“

Meine Stimme klang laut und klar im Saal nach. Es war ganz still geworden. Unheimlich still. Ich blickte mich um und begegnete überall starrenden Augen. Das Streichquartett hielt die Bögen still.

„Entschuldigen Sie mich“, sagte ich, stellte mein Glas am Buffet ab und eilte davon. Auf der anderen Seite des Saals sah ich eine Tür, doch der Weg dorthin kam mir endlos vor. Die Gesichter drehten sich nach mir um, jede Bewegung ein lautloses Gleiten, nur meine Schritte rumpelten laut auf dem Parkett. Ich erreichte die Tür, sah ein letztes Mal hinter mich – und erfror.

Die Köpfe hatten keine Gesichter mehr. Hunderte eierschalenglatte Scheiben zeigten in meine Richtung. Ich griff hinter mich, erfühlte den Türrahmen und zog mich auf die andere Seite, ohne die blassen Ovale aus den Augen zu lassen. Ich kauerte mich hinter die Wand, und kaum war ich außer Sichtweite, setzte auf der anderen Seite wieder Streichmusik ein. Stimmgewirr, Gelächter, klingende Gläser. Ich lauschte den warmen Geräuschen mit wild klopfendem Herzen und wünschte mich zurück in den Kreis meiner Bewunderer. Was war das gerade nur gewesen? Ich linste um die Ecke, und mein Magen zog sich vor Schreck fest zusammen.

Die Musik war verstummt, die Gesellschaft stand da wie zuvor. Mit leeren Gesichtern.

Ich lief weg.

Im nächsten Moment war ich unter freiem Himmel, in einem Park, mit dem Rucksack auf dem Rücken. Ich erinnerte mich daran, dass ich irgendetwas damit vorhatte, und ließ ihn von den Schultern gleiten, um einen Blick hineinzuwerfen. Da war mein Geldbeutel, gefüllt mit einigen Eurostücken, die anders aussahen als sonst, nämlich mit kleeblattförmigen Löchern in der Mitte. Mir fiel ein, dass ich eine sonnenblumengelbe Pfütze benötigte, weil ich die letzte verbraucht hatte. Was ich damit anstellen wollte, hatte ich vergessen, doch das kümmerte mich nicht, wichtig war nur die Pfütze.

„Hallo, Sie da?“ Ich sprach eine Frau an, die mit einem Sonnenschirm durch den Park flanierte. Sie blieb stehen und musterte mich verwundert.

„Hallo, Sie da“, antwortete sie.

„Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich zum Pfützenladen komme?“, fragte ich.

„Sie wissen also nicht, wo der Laden ist.“

„Nein.“

„Aber jeder weiß doch, wo der Laden ist.“

„Ich nicht – OH!

Es sah aus, als stülpte sich das Gesicht der Frau nach innen, aufgesaugt von der Nase mit einem kurze, feuchten Fluuurp! – dann war nur noch eine glatte weiße Scheibe übrig. Ich stolperte rückwärts und rannte los. Als ich mich umdrehte, stand die Frau immer noch genauso reglos da und sah mir hinterher.

Hinter einem Busch ging ich in Deckung und rang nach Luft. Ruhig Blut, sagte ich mir. Denk nach. Es muss doch eine Möglichkeit geben, diesen Pfützenladen zu finden. Warum hatte die Frau mir nicht geholfen? Anscheinend hatte ich mit meiner Frage ihr Misstrauen geweckt. Jeder weiß doch, wo der Laden ist … Wen meinte sie mit jeder? Ich gehörte jedenfalls nicht dazu. Vielleicht konnte ich ja zu dem Laden laufen. War er nicht in der Wüste gewesen? Nein, in der Großstadt. Hatte ausgesehen wie Frankfurt. Oder eher New York.

Ich kann doch nicht nach New York laufen, dachte ich verzweifelt, als mir eine neue Idee kam. Gegenüber dem Pfützenladen befand sich doch das Taschengeschäft, in dem ich meinen Rucksack bekommen hatte. Ich sah eine andere Frau mit einem Sonnenschirm ganz in der Nähe. Sie ähnelte der ersten, war aber nicht dieselbe. Ganz ruhig, dachte ich und gab mir einen Ruck.

„Entschuldigen Sie?“

Die Frau blieb sehen. „Entschuldigen Sie.“

„Ja … nein – also, ich hätte da eine Frage.“

„Sie hätten eine Frage.“

Ich zeigte ihr meinen Rucksack. „Können Sie mir sagen, wie ich zum Taschenladen komme? Ich habe meinen Rucksack schon so lange, dass ich gar nicht mehr weiß, wo dieses Geschäft überhaupt ist.“

Die Frau betrachtete mich genauso phlegmatisch wie die erste. „Sicher wissen Sie das. Der Taschenladen ist da, wo alle anderen Geschäfte sind.“

Fast hätte ich aufgestöhnt. „Jaa, aber die anderen Geschäfte besuche ich auch nie, also …“

„Sie sind von der Erde“, sagte die Frau da.

Ich sah sie perplex an. „Wie bitte?“

„Es hat kürzlich einen neuen Eintrag im Melderegister gegeben. Sie haben Ramblarta besucht. Das fand ich interessant, denn normalerweise geht niemand freiwillig nach Ramblarta. Aber wahrscheinlich können Sie das auch nicht steuern, Sie armes Ding.“

„Ich weiß nicht, was Sie …“

„Ich habe nichts gegen die Menschen“, sagte die Frau. „Deshalb werde ich Ihnen helfen. Die Geschäfte liegen im Pallaloka. Es gibt viele Wege ins Pallaloka. Sie müssen nur mit einem bestimmten Vorsatz bestimmte Dinge tun. Und dann kommen Sie ans Ziel.“

„Und was sind das für Dinge?“, fragte ich.

„Sie könnten fliegen, einen Zug nehmen oder durch eine Wand gehen“, zählte sie auf. „Ich empfehle Ihnen, durch eine Wand zu gehen, denn einen Bahnhof haben wir hier nicht und das Fliegen haben Sie wahrscheinlich noch nicht gelernt. Sie gehen zu einer Wand ihrer Wahl und legen die Hände dagegen. Dann vergegenwärtigen Sie sich, dass die Wand Sie nicht aufhalten kann, und drücken sich hindurch. Ganz sanft.“

„Okay, alles klar“, sagte ich, als hätte ich auch nur ein einziges Wort verstanden.

„Sie gleiten dann durch die Wand, und auf der anderen Seite befindet sich das Pallaloka.“

„Mehr nicht?“

„Nein.“

„Und wenn ich zum nächsten Bahnhof laufe?“

Sie blinzelte. „Das sollten Sie nicht tun.“

„Und warum nicht?“

„Weil Sie nun schon zwei Einträge im Melderegister haben. Das ist für einen Menschen …“

„…na!

„… eine ungeheure Menge. Sie sollten also versuchen, nicht aufzufallen. Und eigentlich …“

Mo…na!

„… sollten Sie am besten gar nicht wiederkommen, weil Sie sonst große Probleme –“

„MONA!“

Ich schreckte aus dem Schlaf. Annika stand vor mir, rotgesichtig, außer Atem und stinkwütend.

„Du hast die Zeit nicht gestoppt!“, rief sie. „Warum tust mir das an? Ich war bestimmt unter einer halben Stunde, aber jetzt weiß ich es nicht!“

Verwirrt sah ich mich um. Ich saß noch auf der Bank. Den Rucksack auf dem Schoß.

„Nicht nur, dass mich meine Mutter nicht unterstützt, auch dir ist es offenbar völlig egal!“

Ich hatte nur geträumt.

Oder?

„Tut mir leid“, unterbrach ich Annika. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.“

Sie erschlaffte und sah mich aus großen Augen an, als bemerkte sie mich zum ersten Mal.

„Wieso?“

„Zu viele Gedanken.“

„Meinetwegen?“

Ich hatte keine Ahnung, wie sie darauf kam. „Hör zu, ich bin sicher, dass du toll sein wirst.“

Annika sah mir schweigend dabei zu, wie ich mir den Rucksack über die Schulter warf.

„Hat das mit dieser verrückten Sache zu tun, von der du mir gestern geschrieben hast?“

Mich wunderte, dass ihr das jetzt plötzlich einfiel, denn sie hatte mir nicht geantwortet. „Ich bin nur hundemüde“, wich ich aus. „Ich fahr heim.“

Annika starrte mich an, wie die unheimlichen Gesichtslosen aus meinem Traum, mit einem leeren, glatten Gesicht, das mir stumme Vorwürfe machte und wissen wollte, was mit mir los war.

„Okay“, sagte sie.

„Bis Montag.“

Ich dachte, ich würde es ihr irgendwann erzählen. Ich wusste nicht, dass ich es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde. In diesem Moment interessierte mich nur eins: Ich musste durch eine Wand gehen.

Viertes Kapitel in Arbeit