Mirakelmans erster Fall

Die verrückte Idee kam Miriam kurz vor dem Einschlafen: Endlich wusste sie, was sie ihrem Bruder zu Weihnachten schenken würde. Eine komplizierte Sache, nicht ganz ungefährlich, aufwendig; ihre Mutter würde vermutlich Tausend Tode sterben, wütend über das spurlose Verschwinden ihrer geliebten Christbaumspitze, ängstlich über Tims Verbleiben und völlig durch den Wind angesichts der Verwandtschaft, die bei dem Durcheinander auch noch würde bespaßt werden wollen. Ihre Mutter würde womöglich sogar die teure Gans im Ofen verbrennen lassen, die sie sich schon vor Wochen beim Bauern reserviert hatte. Aber Miriam war es das wert. Sie hatte noch nie eine bessere Idee gehabt.
Vor ungefähr zwei Monaten hatte Miriam die doppelte Identität ihres kleinen Bruders aufgedeckt. Sie wurde im März vierzehn, Tim im Sommer zehn. Sie hatte ihn immer für ein kleines Kind gehalten. In Wirklichkeit trug er das Schicksal einer ganzen Stadt auf den Schultern. Als sie ihrer Mutter damals mit der Wäsche geholfen hatte, war sie in der Sockenschublade in Tims Zimmer auf ein winzig klein zusammengefaltetes rotes Tuch gestoßen, auf das er mit gelber Acrylfarbe ein loderndes M gemalt hatte. Dazu gehörte eine blaue Maske mit Schlitzen für die Augen, zur Tarnung. Schließlich durfte da draußen niemand wissen, dass sich hinter dem geheimnisvollen Mirakelman in Wahrheit niemand Geringeres als Tim verbarg. Miriam glaubte, dass er eigentlich Miracle Man hatte schreiben wollen; wahrscheinlich hatte er nicht gewusst, wie man das Wort aussprach, und so wurde daraus Mirakelman. Jedenfalls war Miriams kleiner Bruder ein waschechter Held. Seine Superkraft hatte es in sich: Er konnte jedes noch so schwere Rätsel knacken. Das hatte er sogar schriftlich. Es stand auf einer Urkunde des letzten Knobelwettbewerbs der Karl-Weise-Grundschule, bei dem er den ersten Platz belegt hatte. Das Blatt lag gleich unter dem Umhang.
Miriam wusste inzwischen ziemlich gut Bescheid, denn Tim führte ein Superhelden-Logbuch, das „Mirakelbuch“. Dass er eine heimliche Leserin hatte, wusste er natürlich nicht, denn sie las es nur mittwochs, wenn Tim am Nachmittag Französisch hatte. Um sich für den Kampf gegen das Unrecht zu wappnen, trainierte er, indem er mit wehendem Umhang und bedeutungsschwerem Gang durch den Wald schritt und dabei mit Stöcken auf Büsche einschlug – sie war ihm einmal gefolgt, verborgen hinter Bäumen. Leider drohte all das Training umsonst gewesen zu sein: Zuletzt hatte Tim im Mirakelbuch die Erkenntnis notiert, dass niemand einen Helden brauchte, solange es keinen Schurken gab. „Ein man muss tun was ein man tun muss“, hatte Tim geschrieben. Gleich nach Weihnachten wollte er den Umhang an den Nagel hängen.
Tim hatte vermutlich keine Ahnung, wie traurig er in den letzten Tagen ausgesehen hatte. Miriam hingegen schon. Und weil sie wegen dieser Idee, die ihr jetzt im Kopf rumging, sowieso nicht mehr schlafen konnte, schälte sie sich aus dem Bett, setzte sich an den Schreibtisch und legte los.

Eine Woche später klingelte es am späten Nachmittag an der Tür. Tante Lydia aus Stuttgart kam mit Mann, Hund und Kindern, inhalierte noch im Flur entzückt den Duft der im Ofen schmorenden Gans, wuchtete zwei Ikea-Taschen voll Geschenke ins Wohnzimmer und drückte erst Miriam und dann Tim an die knochigen Schultern. „So groß seid ihr geworden – das riecht ja köstlich! – Aus, Mario, aus. – Er ist so aufgeregt! – Warum steht denn euer Baum noch nicht?“ Gemeinsam zogen sie im Garten das Netz von der Tanne und stopften sie im Wohnzimmer in einen Metallfuß. Tim saß lustlos auf dem Sofa und spielte mit dem Smartphone, als hätte er an Weihnachten nicht das leiseste Interesse. Niemand konnte ihn aufmuntern. Onkel Markus, der das am besten wusste, weil er es eine halbe Stunde lang versucht hatte, entwirrte nun lieber die Lichterketten.
Plötzlich stand Miriams Mutter mit ernstem Gesicht zwischen ihnen. „Wo ist mein Stern?“, fragte sie in die Runde. Die Schachtel aus der Kommode, in der sie den Weihnachtsschmuck lagerte, war leer: Das Styropor ließ die elegante Form der Christbaumspitze erkennen, doch von dieser fehlte jede Spur. Tante Lydia erkundigte sich ganz genau nach Farbe, Herkunft und Wert des Sterns – golden, ein Erbstück, unbezahlbar –, nur um am Ende hilflos mit den Achseln zu zucken. Miriam spürte, wie der Frust mit gespreizten Händen nach ihrer Mutter griff, und ging in Deckung, indem sie aus dem Zimmer huschte. Im Augenwinkel sah sie, wie sich Tim kerzengerade aufsetzte: Er hatte gerade eine SMS erhalten, von einer Freundin, die Miriam damit beauftragt hatte.
Sie lautete: Schnell, Mirakelman. Nur du kannst den Weihnachtsstern retten!

Tim hatte sich seit Wochen nicht mehr so hellwach gefühlt. Er schlich sich aus dem Wohnzimmer, in dem die Mutter immer wieder rief: „Das kann doch nicht sein!“, und stürzte hinauf in sein Zimmer. Als er sich gerade den Umhang und die Maske unter die Jacke schob, ging die zweite Nachricht auf dem Handy ein. Suche vor dem Haus nach einem Baum mit großen Knospen. Mehr stand da nicht. Woher wusste der Absender von Mirakelmans Existenz?
Kurz darauf zog Tim so leise wie möglich die Haustür hinter sich zu. Nacht lag auf der Stadt, und so hatte er schnell eine finstere Ecke gefunden, in der er sich den Umhang überwerfen und die Maske aufsetzen konnte. Die Luft roch nach Schnee, eine Jacke hatte er vergessen, doch er war ohnehin viel zu aufgeregt zum Frieren. Ein Baum mit großen Knospen stand im Garten des Nachbarn: eine Magnolie. Am Zaun darunter bemerkte er einen Zettel, den jemand mit einem roten Faden ans Holz gebunden hatte. Er entfaltete ihn und las.
Mirakelman! Heute Abend ist etwas Schreckliches passiert. Die finstere Mondkaiserin ist auf der Erde gelandet und hat alle Weihnachtssterne verschwinden lassen. Niemand weiß, dass ohne die Sterne das Fest zerstört wird! Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Du bist unsere einzige Hoffnung. Hilf mir, die Mondkaiserin zu bezwingen. Aber pass auf! Ihre Schergen sind bereits hinter uns her. Ich muss mich jetzt beeilen. Geh zum Briefkasten am Ende der Straße, dort wirst du die nächste Nachricht von mir finden … ein Verbündeter.
Tim sah zu, dass ihn niemand zu Gesicht bekam, als er loslief: Er umrundete die Straßenlaternen, sprang von Auto zu Auto und drückte sich an Bäume, wenn ein Wagen vorbeikam. Als er den Briefkasten erreichte, begannen dicke Flocken vom Himmel zu fallen. Diesmal klebte die Nachricht am Metall, er riss sie herunter und faltete sie auseinander. Da stand:
Sehen kannst du mich nicht, aber spüren, wenn ich dich in die Nase zwicke. Ich verwandle Tropfen in Sterne und Flüsse in Straßen, aber alles, was blüht, flattert oder summt, versteckt sich vor mir. Wenn du die Antwort weißt, schreib sie mir!

Tim riss das Handy aus der Hosentasche und tippte die Antwort. Wie einfach – einfach für ihn! Nach wenigen Sekunden reagierte der geheimnisvolle Verbündete. Das ist richtig, schrieb er und Tim machte einen kleinen Luftsprung. Die nächste Nachricht aber ließ ihn erstarren: Oh, nein! Die Monster der Mondkaiserin sind hinter dir. Du hast drei Minuten, um zur Kirche zu laufen. Schnell!

Miriam schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzulachen. Auf der anderen Straßenseite sah sie ihren Bruder, der plötzlich wie ein geölter Blitz in Richtung Kirche losflitzte. Sie hielt sich zwischen parkenden Autos versteckt und achtete darauf, von Tim nicht erspäht zu werden. Wie gut, dass sich um diese Uhrzeit so gut wie niemand mehr draußen aufhielt: Die meisten Leute saßen wohl bereits am Esstisch oder packten Geschenke aus.
Kaum hatte Miriam den Gedanken beendet, begann das Handy laut zu vibrieren. Sie sah auf das Display: ihre Mutter. Sie hob ab. Wo sie stecke, wollte diese wütend wissen: Miriam flunkerte spontan, sie habe etwas bei einer Freundin vergessen und wolle es schnell holen. Tim? Ja, der sei auch dabei. Miriam gab das Versprechen, sofort nach Hause zu kommen, und legte auf.
Sie musste sich beeilen, um Tim auf den Fersen zu bleiben: Als sie die Kirche erreichte, hatte er bereits das nächste Rätsel entdeckt. Sie konnte fast hören, wie es hinter seiner Stirn arbeitete: Dieses Rätsel war deutlich schwerer als das erste. Miriam dachte mit schlechtem Gewissen an ihre Mutter. Eigentlich musste sie zu Tim hingehen und die Sache abbrechen … aber vielleicht würde es reichen, sie nur zu verkürzen. Sie musste nur zum Waldfriedhof laufen, wo sie den Stern unter einer Bank versteckt hatte, und ihn zur Schule bringen, wo das fünfte Rätsel lag. Wenn sie dann den letzten Zettel austauschte, könnte sie es so aussehen lassen, als wäre die Schnitzeljagd vorbei.
Sie ließ Tim an der Kirche zurück, schlich geduckt in eine Seitenstraße davon und rannte los. Zum Friedhof war es nicht allzu weit. Schade nur um das Szenario: Mirakelman sollte an der Schule in das Refugium der Mondkaiserin eindringen und dort den Kontakt zu dem Verbündeten verlieren. Von da an wäre es die Mondkaiserin, die versuchte, ihn in die Irre zu führen. Am Ende tauchte der Verbündete unverhofft wieder auf und stellte Tim ein besonders kniffliges Rätsel, mit dem die Schurkin besiegt werden könnte. Daraufhin verriet der Verbündete dem Mirakelman das Versteck des Sterns. Miriam war ungeheuer stolz auf diese Geschichte und ärgerte sich darüber, dass sie die ganze Sache jetzt so plötzlich abbrechen musste. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Familie ihr Verschwinden so schnell bemerken würde.
Der Friedhof wirkte so verlassen wie nie zuvor; eine dünne Schicht Schnee lag auf der Zufahrt, den Bäumen, den Gräbern. Zwei Spaziergänger hatten eine taumelnde Spur von Fußabdrücken hinterlassen. Miriam fand die bewusste Bank und bückte sich nach der Tüte mit dem Stern – dann stutzte sie. Die Tüte war nicht da. Hektisch sah sie sich nach einer anderen Bank um, mit der sie diese hier verwechselt haben konnte, doch es gab keine. Sie wusste auch noch haargenau, dass sie die Tüte unter dieser hier versteckt hatte.
Unschlüssig ging sie vor der Bank auf und ab, bemüht, einen klaren Gedanken zu fassen. Was mach ich nur, dachte sie verzweifelnd. Meine Mutter bringt mich um! Wie angewurzelt blieb sie stehen und starrte auf die langsam unter dem Neuschnee verblassenden Fußspuren auf dem Friedhofsweg. Die Spaziergänger! Ob sie den Stern wohl gefunden und mitgenommen hatten? Ohne noch einen weiteren Gedanken zu verschwenden, lief Miriam ihnen nach.

Tim erreichte die Schule und wunderte sich kaum über das, was dort geschah: Der Verbündete erlag den Monstern der Mondkaiserin, so stand es auf dem nächsten Zettel geschrieben, den er am Fahrradhäuschen fand. Jetzt bin ich auf mich allein gestellt, dachte Tim und rückte sich die Maske zurecht. Als nächstes ging es anscheinend zum Jugendzentrum, wo sich – nach jüngsten Informationen – ein feindlicher Stützpunkt der Mondkaiserin befand. Er musste gut aufpassen, sonst erging es ihm noch wie dem Verbündeten …
Er lief gerade ohne jede Deckung über die Straße, als er auf einmal Stimmen hörte. Rasch versteckte er sich in einem hölzernen Bushäuschen und lauschte nach der Quelle. Entfernte sie sich, kam sie näher? Hatte er noch Zeit, sich unsichtbar zu machen? Ruhig Blut, dachte er, wobei er den Kopf aus dem Bushäuschen schob und die Straße hinaufblickte. Da ging ein Pärchen, und hinter ihnen ein Mädchen, das lautstark mit der Frau stritt – einer streng aussehenden Frau mit sehr dünnen Lippen. Sie trug eine Plastiktüte unter dem Arm. Jetzt rief sie: „Man kann doch so etwas nicht einfach wegwerfen und dann behaupten, dass es einem selbst gehört, wenn es jemand anderes findet!“ Und das Mädchen antwortete etwas, das Tim nicht verstand. Die Stimme aber erkannte er. Miriam! Was hatte sie denn hier zu suchen? War sie nicht zu Hause? Zu allem Überfluss kam das streitende Trio auch noch direkt auf das Bushäuschen zu. Tim schlug das Herz bis zum Hals. Ob Miriam ihn erkennen würde? Das hatte er sich schon immer gefragt, seit er die Maske das erste Mal aufgesetzt hatte.
„Es gehört mir, ich hab es gefunden“, sagte die Frau, jetzt ganz nah.
Bitte!“, rief Miriam. „Ich sage die Wahrheit, ich wollte nur …“
„Das ist mir egal, ich habe es gefunden, also darf ich es behalten, oder?“
Tim verstand, dass es um die Tüte im Arm der Frau ging. Ob sich darin wohl … Aber natürlich! Aufgeregt starrte er die Tüte an. Aus irgendeinem Grund hatte er nicht den geringsten Zweifel. Der Stern. Und Miriam, Miriam hatte die Diebin vor ihm gefunden. Gute Arbeit. Aber jetzt musste ein echter Profi übernehmen. Tim sammelte seinen ganzen Mut und sprang hervor.

Miriam bekam einen gehörigen Schrecken, als Tim ihnen plötzlich in den Weg hüpfte, und auch die Frau rief laut: „Huch!“ Tim stemmte die Hände in die Hüften und erklärte bedeutungsvoll: „Mondkaiserin! Ich bin Mirakelman und ich weiß alles über dich. Du hast den Weihnachtsstern gestohlen. Ich werde nicht zulassen, dass du Weihnachten kaputtmachst! Ich werde dich besiegen!“
Miriam merkte, wie sie heiße Ohren bekam. Die Frau – nach einem Moment verdutzten Schweigens – fing laut an zu lachen. Nur Tim blieb so ernst wie am Anfang, als wäre er nicht nur ein Junge in einem bemalten Umhang. „Ich fordere dich heraus!“, sagte er. Doch weil er noch nicht im Stimmbruch war, konnte Tim das Lachen der Frau nicht übertönen.
Ein Geistesblitz traf Miriam, und sie verlor keine Zeit. „Ein Wettstreit!“, rief sie. „Ihr müsst euch im Rätselraten messen. Ich stelle dir die Rätsel“, sie zeigte auf die Frau, „und dein Mann stellt Mirakelman die Rätsel.“ Das Lachen der Frau verebbte und sie hob die Augenbrauen, als hätte sie noch nie etwas Dümmeres gehört. Miriam setzte nach: „Oder traust du dich nicht gegen Kinder?“
Jetzt tauschte die Frau einen Blick mit dem Mann, der das ganze amüsiert grinsend verfolgt hatte. Er zuckte die Achseln.
„Na, gut“, sagte die Frau. „Aber wir fangen an.“
Der Mann dachte ein bisschen nach und stellte Tim dann eine Rechenaufgabe statt eines Rätsels, einhundertdreizehn mal zwölf. Tim senkte das Kinn und begann zu grübeln. Miriam wollte schon einschreiten, schließlich war von Rätseln die Rede gewesen, nicht von Mathe, als Tim rief: „Eintausenddreihundertsechsundfünfzig!“ Miriam wartete darauf, dass der Mann ein Zeichen dafür gab, ob das Ergebnis stimmte, doch dann zog er das Handy hervor und gab die Aufgabe in den Taschenrechner ein. „Das ist korrekt“, sagte er verblüfft.
„Okay, dann jetzt ich“, sagte Miriam. „Jemand öffnet verbotenerweise eine Tür, nimmt etwas heraus und schließt sie wieder. Tags darauf öffnet er die Tür wieder, aber diesmal macht er sie nicht mehr zu. Warum?“
Die Frau starrte mit großen Augen auf Miriam herab. Der Mann gab einen bewundernden Laut von sich, worauf ihm die Frau den Ellenbogen in die Seite stieß. Miriam sah Tim an, dass er sich den Kopf zermarterte; plötzlich aber hellte sich sein Gesicht auf. Miriam verkündete: „Wenn du es nicht weißt, sagt es der Mirakelman, und dann haben wir gewonnen!“
Die Frau gab ein abfälliges Schnauben von sich. „Sind wir hier eigentlich im Kindergarten? Komm, wir gehen nach Hause.“
„Es ist ein Adventskalender“, rief Tim. „Er konnte nicht warten und hat das nächste Türchen einen Tag früher geöffnet. Deshalb kann er es am nächsten Tag offenlassen, am Tag davor aber noch nicht.“
Eine Woge des Stolzes überkam Miriam. „Richtig!“
„Und jetzt rück den Stern heraus!“, sagte Tim und streckte die Hand aus. Die Frau aber verengte die Augen zu Schlitzen und machte keine Anstalten, ihm die Tüte zu reichen. Mist, dachte Miriam, was jetzt? Auch Tim sah nicht aus, als wüsste er, wie er reagieren sollte. Da geschah etwas Unerwartetes: „Jetzt gib ihnen das Ding schon zurück“, sagte der Mann, nahm der verblüfften Frau kurzerhand die Tüte weg und reichte sie Tim. „Frohe Weihnachten“, sagte er.
Spinnst du?“, keifte die Frau. Der Mann nahm sie am Arm und zog sie weg von Miriam und Tim; sie konnten sie den ganzen Weg die Straße hinab schimpfen hören („Nur weil diese Gören nicht auf ihr Zeug aufpassen – weißt du, was der Stern vielleicht wert war –“), dann bog das Pärchen um eine Ecke.
Miriam ließ einen erleichterten Seufzer los. „Das war knapp!“
Tim räusperte sich. „Gehört das dir?“, fragte er, anscheinend in dem Glauben, nicht von ihr erkannt worden zu sein. Miriam spielte mit.
„Ja, vielen Dank! Es ist mir geklaut worden“, sagte sie. „Vielen Dank, Mirakelman. Was hätte ich nur ohne dich getan?“
„Es war mir ein Vergnügen“, sagte Tim gewichtig.
In diesem Moment fiel Scheinwerferlicht durch das Schneegestöber und Autoreifen knirschten über den Schnee. Sie drehten sich nach dem Wagen um und erkannten ihn sofort, genau wie das Gesicht, das sich aus dem Fenster schob. „Miriam! Tim! Was macht ihr hier draußen?“, rief ihre Mutter. „Ihr steigt jetzt sofort ins Auto ein! Es ist kalt und die Gans brennt mir noch an und Tim, was hast du da eigentlich an?“ Kurz darauf knallten die Autotüren, der Motor heulte auf und Miriam und Tim schnallten sich an. Betreten schweigend saßen sie nebeneinander, während ihre Mutter ohne Unterlass mit ihnen schimpfte. „Wie könnt ihr an Heiligabend einfach weggehen, ich habe mir Sorgen gemacht! – Was –?“ Tim reichte ihr die Tüte, und als sie den Stern darin entdeckte, verstummte sie prompt. Vielleicht dachte sie darüber nach, was das alles zu bedeuten hatte.
Tim nahm die Maske ab und drehte sie in den Händen. „Was soll’s“, sagte er leise. „Das nächste Mal trete ich der Mondkaiserin in den Hintern.“
„Da bin ich sicher“, sagte Miriam überzeugt. Im Stillen tüftelte sie bereits an Mirakelmans zweitem Fall.