Mickey

Für jede Lüge gibt es den richtigen Zeitpunkt. Die Raumfahrtorganisation, deren Name wir alle kennen, sah ihn im vergangenen Juni gekommen.
„Wir haben es hier mit einem sehr komplexen dynamischen Prozess zu tun“, sagte ein Experte in die Mikrofone der Presseagenturen und Fernsehsender. „Die Trümmerteile könnten auf einer Strecke von 400 Kilometern praktisch überall einschlagen. Zumindest wenn wir den Absturz nicht kontrolliert herbeiführen. Aber wir haben alles im Griff. Seien Sie ganz beruhigt.“
Ich sah die Sendung nach dem Abendessen. Karli spielte mit Mickey, dem Bernhardiner-Welpen, den wir am Nachmittag aus dem Tierheim geholt hatten. Der Hund sollte Karli über die Scheidung hinwegtrösten.
„Mama, schau mal, was Mickey macht!“
„Mama, darf Mickey in meinem Bett schlafen?“
„Mama, darf ich mit Mickey Papa in Amerika besuchen?“
Im TV sah ich das computergenerierte Video von der Raumstation, die in der Atmosphäre rot aufleuchtete und in Einzelteile zerbrach, die zum Teil verglühten. Und stellte mir vor, wie sie das Haus meines Ex-Manns trafen, der mit seiner neuen Familie in Kalifornien lebte. Zwei Jahre lang hatte er mir ins Gesicht gesagt, es gebe keine andere Frau. „Sei nicht so paranoid, Schatz.“
Und trotzdem liebte ihn sein Sohn immer noch.

„Es ist soweit — die verwaiste Raumstation tritt gerade in die Erdatmosphäre ein“, knisterte es eine Woche später aus dem Radio. „Jetzt dauert es nur noch wenige Minuten, bis die Teile auf der Erde einschlagen.“
Ich lenkte meinen Wagen über die Bundesstraße nach Hause, auf dem Rücksitz den Wocheneinkauf. In einer Stunde würde ich Karli vom Fußball abholen und das Abendessen machen. Er durfte nicht erfahren, dass ich Mickey den halben Tag allein gelassen hatte, weil ich nicht wollte, dass mir das Vieh schon wieder ins Auto pinkelte.
„Mama, du darfst Mickey nicht alleine lassen, er hat dann nämlich Angst. Versprochen?“
Mickey war eine dumme Idee gewesen. Ich hatte keine Nerven, um mich um einen Hund zu kümmern. Aber die Scheidung, die Gerichtstermine und der Auszug seines Vaters — das alles hatte Karli belastet. Vor unserem Abstecher ins Tierheim hatte er kaum noch gesprochen.
„Ich hab dich lieb, Mickey“, sagte er jeden Abend.
Ich setzte den Blinker, um die Bundesstraße zu verlassen, als etwas Qualmendes den Himmel durchschnitt.
Hinter den Bäumen explodierte unser Haus.

Als ich die Trümmer sah, legte ich den ersten Gang ein und fuhr weg. Ich war wie betäubt, innen seltsam ruhig; das Zittern kam erst nach ungefähr zwanzig Minuten, als ich schon weit im Süden war. Ich drehte um und fuhr zurück. An unserem Haus löschte die Feuerwehr einen kleinen Brand, Polizei und Sanitäter standen rastlos herum, Nachbarn und Reporter bildeten einen Ring.
„Ist das Ihr Haus?“
„Ja.“
„War noch jemand darin?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Brauchen Sie psychologische Betreuung?“
Stattdessen begleitete ich die Feuerwehr hinein. Ich wollte es hinter mich bringen und sehen, ob noch etwas zu retten war. Wollte einen Blick auf das Trümmerteil werfen, das aus dem Vakuum herausgefallen war und die Atmosphäre überlebt hatte, nur um mein Haus zu treffen.
Es war nichts wiederzuerkennen.
Staub und Ruß und … irgendetwas. Das Haus hatte seine Innereien auf unser Leben gekotzt.
Unter Balken und Schutt entdeckte ich Mickey, halb zerquetscht von den Vorderläufen aufwärts. Ich erkannte ihn nur noch an seinem Fell.

Karli bekam das Haus nicht zu sehen. Wir zogen bei meiner Mutter ein, die mit verbissenem Mund das Wohnzimmer freigab.
„Ihr könnt solange bleiben, bis sich alles geklärt hat.“
Ihr Gesicht sagte etwas anderes.
Karli saß auf der Kante des Sofas, auf dem er die nächsten Wochen schlafen sollte, und ließ die Schultern hängen. „Mama, wo ist Mickey?“
Ich nahm ihn in den Arm und dachte daran zurück, wie ihn die Frau vom Jugendamt gefragt hatte, bei wem er leben wollte. Bei Mama oder bei Papa? Daheim bei seinen Freunden oder im fernen, fremdem Amerika?
„Mickey ist mir nach dem Einschlag weggelaufen“, sagte ich.

Bald darauf fuhr ich mit Karli in unseren alten Wohnort zurück; er wollte bei den Nachbarn klingeln und ein paar Flugblätter an Bäume pinnen.
„WER HAT UNSERN MICKEY GESEN? FINDERLON!“
Er hatte sie selbst geschrieben. Ich hätte nicht gewusst, wovon ich einen Finderlohn bezahlen sollte — wir hatten schon vorher kaum etwas besessen, bis auf das Haus, das mir mein Ex Karli zugunsten überlassen hatte. Aber da Mickey unmöglich zurückkommen konnte, war das falsche Versprechen auf den Flugblättern in Ordnung.
Wir parkten am Stadtrand; Karli klingelte bei einem Mehrfamilienhaus und sprach mit den Leuten, die ihm öffneten. „Hallo, haben Sie diesen Hund gesehen?“ Er verteilte die Flugblätter, und wo niemand zuhause war, steckte er sie in die Briefkästen.
Mein Anwalt rief mich an, als wir durch die zweite Straße gingen. Noch so ein Punkt, für den mir Geld und Energie fehlten. „Guten Tag, Charlotte“, sagte er. „Ich habe leider keine guten Nachrichten für Sie …“
Niemand fühlte sich für den Schaden verantwortlich, die Gebäudeversicherung am allerwenigsten. Sie sprach von höherer Gewalt, vergleichbar mit einem Meteoriteneinschlag. Ich wünschte, mich hätte jemand in den Arm genommen und gesagt, dass alles gut wird.
„Was können wir tun?“
„Wir können klagen. Dann geht die Sache vor Gericht. Kennen Sie jemanden von der Presse?“
„Ja. Die stehen bei mir Schlange.“
„Dann erzählen Sie denen davon. Bauen Sie Druck auf.“

Bislang hatte ich alle Interviewanfragen abgelehnt und mir auch keine Nummern notiert, aber das Glück war ausnahmsweise auf meiner Seite. Ein Paparazzo schlich um das Haus meiner Mutter herum — der Himmel weiß, woher er ihre Adresse hatte — und fotografierte durch das Küchenfenster. Ich fragte ihn gar nicht erst, für welche Zeitung er arbeitete, sagte nur, dass ich für ein Interview bereit sei, man möge mich bald anrufen. Er zückte sein Smartphone.
Noch am selben Tag klingelte es an der Tür. Das Gespräch dauerte eine Stunde und drehte sich um meine Scheidung, meine Anstellung als Bürokauffrau und Karlis Umgang mit der Trennung von seinem Vater. Der Reporter, ein ehrgeiziger Volontär, brannte darauf, der Raumfahrtorganisation und der Versicherung eins reinzuwürgen.
„Haben Sie irgendwas in dem Haus verloren? Ein Plüschtier aus Ihrer Kindheit? Oder eine Katze?“
Ich zögerte. „Einen Hund“, sagte ich. Karli interessierte sich nicht für die Zeitung, außerdem musste ich Prioritäten setzen. „Einen Bernhardiner-Welpen namens Mickey. Wir hatten ihn erst ungefähr eine Woche.“
„Wie ist er gestorben? Haben Sie ihn gesehen?“
„Er wurde halb begraben. Unter Schutt und Balken.“
„Zerquetscht?“
„Ja.“
„Haben Sie ein Foto von dem Hund?“

Tags darauf füllte Mickeys weiche Hundeschnauze die halbe Seite des Boulevardblatts. „DIE WELPEN-KILLER“, brüllten die schwarzen Buchstaben. Ich wurde zitiert mit: „Die Raumstation hat uns Mickey und unser Leben genommen — aber niemand zahlt uns einen Cent.“ Das hatte ich so zwar nicht gesagt, aber natürlich gemeint.
Zwecklos, die Zeitung vor Karli zu verstecken. In der Schule gab es niemanden, der nicht darüber sprach. Später erfuhr ich, dass Kinder ihn hänselten, indem sie übertrieben losheulten, wenn er vorbeikam. „Mickey, oooh, Mickey!“, schluchzten sie und warfen sich anderen Kindern in die Arme, die sich vor Lachen ausschütteten.
Karli lief weg. Ich sagte ein Online-Date ab, zu dem ich mich mit drei Anläufen durchgerungen hatte, und suchte ihn die halbe Nacht. Meine Mutter half mir mit mieser Laune; sie war eigentlich mit ihren Freundinnen verabredet. Am Ende fanden wir Karli in ihrem Garten, wo er Mickeys Lieblingsball in der Erde verscharrte. Er musste ihn aus dem zerstörten Haus geholt haben.
„Es tut mir so leid, Karli“, begann ich.
„Schon gut“, sagte er ohne die Miene zu verziehen. „Immerhin hatte er nicht lange Angst allein.“

Die Gebäudeversicherung gab dem öffentlichen Druck nach, indem sie mir eine stattliche Summe zusprach. Mein Anwalt munkelte, dass ihr die Kunden wegliefen — das Boulevardblatt hatte eine enorme Reichweite.
Ich erzählte Karli und meiner Mutter sofort davon und zeigte ihnen den Brief. „Wir kriegen Geld!“
„Na, Gott sei Dank“, rief meine Mutter aus.
Karli sagte nichts. Er behandelte mich wie Luft, wenn ich nicht gerade einen Eintrag im Hausaufgabenheft unterzeichnen musste. Seine Lehrerin schrieb mir, dass sich Karli nicht mehr am Unterricht beteiligte. Einmal stand er auf und warf seinen Stuhl auf einen Jungen, der hinter dem Rücken der Lehrerin in seine Richtung wimmerte.
„Miiickeeey!“
„Karli, das mit Mickey tut mir wirklich leid. Ich wollte dich einfach nicht verletzen.“
Er antwortete wieder mit einem: „Schon gut.“
„Nein, nichts ist gut.“
Er zuckte mit den Achseln und ging weg.

Anfang Juli rief mich Karlis Schule auf dem Handy an, als ich gerade vor einem Bankautomaten stand. Ich hatte noch zehn Minuten bis zu einer Wohnungsbesichtigung und war spät dran, konnte aber die Bankkarte nicht finden.
„Karli ist heute gar nicht in die Schule gekommen“, sagte die Sekretärin. „Ist er krank?“
„Aber er ist doch hingegangen“, sagte ich.
„Dann ist er nicht angekommen.“
Ich rief meine Mutter an, die gerade im Garten beschäftigt war. „Nein, Karli ist nicht hier“, sagte sie genervt. „Wann kann ich den blöden Ball wegwerfen?“
Karli blieb unauffindbar — er steckte weder in der Bücherei, noch fand ich ihn an den Trümmern unseres Hauses. Mit Anrufen drang ich nicht zu ihm durch, weil er das Handy ausgeschaltet hatte, und auch die Mutter seines besten Freunds wusste nicht, wo er steckte.
„Tut mir leid, Charlotte. Sag mal, warum kommt Karli nicht mehr vorbei? Marwin vermisst ihn.“
Ich geriet in Verzweiflung — dann kam mir ein Gedanke. Über die Online-Banking-App rief ich meinen Kontostand ab. Jemand hatte vor zwei Stunden dreitausend Euro abgehoben. Das konnte nur Karli gewesen sein. Er kannte zwar die Pin nicht, dafür aber jemand, der ihm nahestand.
Mein Ex-Mann ging erstaunlich schnell ans Telefon, dafür, dass es bei ihm drei Uhr morgens war.
„Warum hast du Karli meine Pin verraten?“
Ich versuchte, ruhig zu bleiben.
Meinem Ex gelang das besser. „Na ja, er wird in Kalifornien ein bisschen Geld brauchen, oder?“

Ich fuhr, so schnell ich konnte, und wechselte dabei von einer Stimmung zur anderen. An einer Ampel lachte ich hysterisch, an der nächsten weinte ich, an der übernächsten beschimpfte ich mich. Als ich den Flughafen erreichte, baute ich fast einen Unfall, weil ich im überfüllten Parkhaus einem anderen Fahrer die Lücke wegnahm. Er hupte mir hinterher, während ich aus dem Parkhaus rannte, hoch zu den Check-ins und Sicherheitsschleusen. Auf einer elektronischen Anzeigetafel las ich, dass das Boarding für den Flug nach Kalifornien kurz bevorstand.
Ich machte Pläne und verwarf sie wieder, während ich durch den Flughafen rannte. Wollte das Personal ansprechen und tat es dann doch nicht. Wollte das Flugzeug aufhalten lassen und tat auch das nicht. Ich überlegte, Karli ausrufen zu lassen, aber das würde nichts bringen.
Natürlich hätte ich die Polizei ansprechen müssen. Ich hätte sie schon anrufen müssen, bevor ich losgefahren war. Aber ich fühlte mich viel zu schuldig, um Karli daran zu hindern, mich für Mickey zu bestrafen.
Als ich ihn fand, sprach er an der Sicherheitskontrolle mit einer Polizistin. Sie hielt sein Ticket in der Hand. Ich drängte mich durch Menschen mit Handgepäck, die darauf warteten, dass sie an die Reihe kamen.
„Karli! Karli!“
Er drehte sich um und starrte mich verschlossen an.
„Ich bin seine Mutter“, sagte ich.
„Er ist ein bisschen jung, um alleine nach Kalifornien zu reisen, oder?“, fragte die Polizistin.
Ich sah Karli an. Er machte ein Na-toll-Gesicht und fasste nach seinem Rucksack. Obwohl es wehtat, begriff ich: Wenn es je den richtigen Zeitpunkt für eine Lüge gegeben hat, dann war es dieser. „Das geht schon in Ordnung“, sagte ich. „Karli, du hast vergessen, mir meine Bankkarte zurückzugeben. Die brauche ich.“
Er kramte sie aus seiner Jackentasche; ich sah die Geldscheine aufblitzen und ließ sie ihm.
„Viel Spaß bei deinem Vater.“
Die Polizistin lächelte und legte den Rucksack auf das Laufband. Karli ging durch den Metalldetektor und drehte sich um, bevor er zum Gate aufbrach.
Er winkte.