Massimo

Die Melancholie ist wie ein Bonbon, das dir ein Loch in die Zunge ätzt und dabei nach Schokolade schmeckt. Seit einer Stunde oder zwei sitzt sie in der Küche und starrt, sie starrt nichts Besonderes an, aber sie kann auch nicht damit aufhören. Manchmal kommt ihr in den Sinn, wie viele nützliche Dinge sie in dieser Zeit erledigen könnte, beim Finanzamt anrufen, Briefe öffnen, einkaufen, aufräumen, putzen, aber ihr Zeitgefühl ist flüchtig und gleich darauf treibt sie wieder in dieser Wolke aus Wehmut.  

Im Nichtstun kommen ihr Ideen. Sie vergleicht Massimo mit einem deckenhohen Regal voller Bücher. Deckenhohe Bücherregale sind die Dome unter den Kirchen der Geistesfreiheit, neulich hat sie bei einem Onkel eine Landkarte von Deutschland gesehen, auf der die Merkmale der größten Städte als farbige Zeichnungen abgebildet waren, ein Dom und zwei Spatzen für Regensburg, bei deren Anblick sie lachen musste, weil sie beim Gedanken an Regensburg nie auf die Domspatzen gekommen wäre, obwohl sie so bekannt sind. Deckenhohe Bücherregale jedenfalls, die findet sie viel einladender als normale Regale, die ohne jeden Grund eine Kopfhöhe von der Decke entfernt abschließen, als ließe sich diese Lücke zwischen Regal und Decke noch irgendwie sinnvoll nutzen. Deckenhohe Bücherregale sind wie gerahmte Bilder, anziehender und ästhetischer als die zu kurz geratenen, was nicht bedeutet, dass sie die kurzen Regale nicht mag, nein, sie liebt Bücher, und sobald sie Bücher vor sich hat, muss sie zugreifen, muss sie Klappentexte studieren, durch Seiten blättern, das Papier spüren (ist es glatt, rau, dünn, stark – letzteres mag sie am liebsten, stark und glatt) und mit den Augen nach Buchstaben greifen, nach Sätzen, die Türen öffnen in Lebenswelten, die so anders sind und zugleich so vertraut. Manche Bücher lassen einen verändert zurück, als hätten sie eine Tür aufgestoßen und vergessen, es mit der letzten Seite wieder zu schließen. Sie ist süchtig nach diesem Gefühl. Und Massimo hat ihr dieses Gefühl versprochen.

Nicht mit Worten, er trat in ihr Leben und es stand ihm ins Gesicht geschrieben, es schimmerte durch seine Erzählungen, es sprang ihm aus den Augen, ich bin ein Abenteuer, sagte sein Subtext, und du sollst mit mir Verstecken spielen. Massimo ist ein deckenhohes Bücherregal, aber eines mit Büchern, die in einer fremden Sprache geschrieben sind, sogar in einer fremden Schrift, Kyrillisch oder Kanji. Verlockend stehen die Bücher Rücken an Rücken, in allen Farben, aus Pappe, aus Stoff oder in Folie eingeschlagen, manche mit goldenen Borten, die neueren mit knappen Titeln in serifenlosen Versalien geschrieben, sie entzünden die Lust in ihr, zuzugreifen und sie aufzuschlagen, doch wenn ihre Augen auf die Zeilen treffen, stößt ihr Geist an eine Mauer. Sie bringt die Worte nicht in einen logischen Zusammenhang oder die Schriftzeichen bekommen keine Stimme oder sie interpretiert kyrillische Buchstaben als lateinische, doch aneinandergefügt ergeben sie keinen Sinn, und so schweigt das Buch, sie steht vor verschlossener Tür und legt das Buch nach einer Weile aus der Hand. Sie fühlt sich zurückgewiesen. Da ist immer noch dieses Regal mit all den runden und glatten und zerlesenen und zerbogenen Rücken, da ist immer noch das Zucken, dieser Impuls, nach einem Buch zu greifen, und sie versucht es mit einem anderen und mit einem dritten, sie bildet sich ein, das Fremde entziffern zu können, aber es will nicht funktionieren. Die Bücher bleiben ein Geheimnis, bleiben Schmuck, und sie muss sich, was sie sonst nie tun würde, von den Büchern abwenden. So ist Massimo. Sie beschließt, ihm all dies in einem Brief darzulegen. Doch zuvor starrt sie noch ein wenig verloren vor sich hin.