Die verfluchte Geige

„Mein Name ist Anne Carrodus und ich möchte mich anzeigen“, sagte das Mädchen entschlossen. „Ich bin schuld am Gasteig-Unglück. Hier haben Sie meinen Pass.“

Inspektor Miller warf einen verwirrten Blick auf die laminierte Karte, die sie ihm unter dem Sicherheitsglas durchschob. Anne Mary Carrodus, Staatsbürgerin des Vereinten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, vierzehn Jahre alt: Sie sah wesentlich älter aus mit dem hellen Make-up und dem modischen Tweed-Mantel. Ihr schnurgerader Rücken hatte wenig gemein mit den hängenden Schultern der Teenager, mit denen Miller normalerweise zu tun hatte; gute Erziehung, dachte er. Vermutlich reich.

„Welches Unglück, Miss?“

„Das Gasteig-Unglück. Die eingestürzte Konzerthalle in München.“ Auch die Art wie Anne sprach war anders, sie betonte jedes Wort so klar und deutlich, wie eine Theaterdarstellerin, und ließ Miller keine Sekunde lang aus den Augen. Miller dachte nach; er meinte, auf BBC etwas über die Sache mit dem Gasteig gehört zu haben. Komisches Wort, dachte er. Und komisches Mädchen.

Nach einem Moment des Zögerns, in dem er einen gelangweilten Blick auf den Pressebericht warf, an dem er gerade geschrieben hatte (ein zerkratztes Auto in der McKee Road, Unfallflucht an der Baptist Church – spannender wurde es heute nicht mehr), stand er auf, um das Mädchen hereinzulassen. „Danke, Sir“, sagte Anne höflich. Miller fragte sich, in welcher Schule heute noch die Anrede Sir verlangt wurde. Er brachte Anne in ein freies Büro, in dem sie ungestört reden konnten.

Anne hatte einen Geigenkoffer dabei, ein elegantes Etui mit Beschlägen aus Messing. Sie stellte es neben den Stuhl und legte die Hände in den Schoß, während sich Miller etwas zu schreiben holte. Die Kleine hätte vom Alter her seine Tochter sein können; seine Schwiegertochter sogar, wäre Paul nicht so ein Taugenichts gewesen, der in der Nase bohrte und keinen vollständigen Satz herausbrachte. Und die Lügengeschichten, die er ihm immer auftischte! Miller konnte sie schon lange nicht mehr hören.

Er nahm am Schreibtisch Platz.

„Du bist Anne Miller“, wiederholte er, auf der Suche nach einem Einstieg. Er las ihre Adresse vor, sie bejahte, danach legte er ihren Pass zwischen sie auf den Tisch und betrachtete sie ratlos.

„Ich bin hier wegen des Gasteig-Unglücks“, sagte sie erneut. „Sie wissen doch davon – im Mai?“

„Du meinst diese eingestürzte Konzerthalle.“

„Der Gasteig war ein Kulturzentrum in München, mit vielen Konzerträumen und einer Bibliothek, aber am wichtigsten an ihm war die Philharmonie, in der ich aufgetreten bin, als die Katastrophe passiert ist, Sir.“

„Aufgetreten?“

„Ja, Sir. Ich bin Geigenspielerin. Ich schreibe meine eigenen Stücke oder interpretiere klassische Werke, die ich dann vor Publikum vortrage.“

Miller fragte sich, wie viele in ihrem Alter wohl das Wort interpretieren kannten und obendrein richtig verwenden konnten. „Und du bist …?“

„Ich bin schuld daran, dass die Halle eingestürzt ist.“

Miller kramte in seinem Gedächtnis. ‚Eingestürzt‘ war wohl ein wenig unpräzise; soweit er sich erinnern konnte, hatte das Unglück gerade deshalb international Schlagzeilen gemacht, weil das Konzerthaus ausgesehen hatte, als wäre etwas Schweres darauf gelandet. Ein Flugzeug zum Beispiel, nur gab es keine Trümmer. Er sah die Luftaufnahme des roten Backsteinbaus jetzt wieder vor sich: als hätte das Dach unter Schneemassen nachgegeben, oder unter dem Schlag eines gigantischen Hammers. Drei- oder vierhundert Tote, darunter auch einige aus England.

Vielleicht tickte das Mädchen nicht ganz richtig.

„Wie meinst du das?“, fragte er freundlich.

„Ich hätte nicht auftreten dürfen, Sir. Ich wusste, dass so etwas passieren würde, aber trotzdem bin ich auf die Bühne gegangen. Meine Mutter –“ Sie kniff die Lippen zusammen, so dass sie einen Moment lang ganz weiß wurden. „Sie wollte, dass ich auftreten, aber das heißt nicht, dass ich ihr die Schuld gebe. Wir sind für unsere Entscheidungen immer selbst verantwortlich, oder?“

Miller hätte diese Feststellung für ziemlich erwachsen gehalten, hätte Anne nicht nebenher so viel Unsinn von sich gegeben. Offenbar hatte sie Schuldgefühle, was ganz normal war nach so einer Katastrophe, aber er hielt sich nicht für den richtigen Mann für dieses Gespräch. Im Stillen überlegte Miller, wie er sie wieder loswurde.

„Sie glauben mir nicht“, stellte Anne sachlich fest. „Das verstehe ich natürlich. Sehen Sie.“

Sie bückte sich und legte den Geigenkoffer auf den Tisch. Mit einer Hand ließ sie den Messingverschluss aufschnappen, mit der anderen Hand drehte sie den Koffer so, dass Miller – der jetzt doch ein wenig neugierig wurde – den Inhalt sehen konnte: eine antike, ja geradezu edel wirkende Geige in schokoladenbraunem Samt.

„Ich habe mit sieben Jahren angefangen, Geige zu spielen“, sagte Anne. „Anfangs tat ich es, weil meine Mutter es wollte – wussten Sie, dass Menschen, die Geige spielen können, als besonders intelligent gelten?“

„Nein“, sagte Miller und fragte sich, was das eine mit dem anderen zu tun hatte. Sie wollte wohl damit sagen, dass sie eine sehr ehrgeizige Mutter hatte.

„Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis ich die Geige gut genug beherrschte, um flüssig auf ihr zu spielen. Und von da an begannen komische Dinge zu passieren, wenn ich es tat. Verstehen Sie, was ich meine?“

Sie meinte die Frage offenbar ernst, redete aber weiter, bevor er antworten konnte. „Es war ganz egal, was ich spielte, aber sobald ich es tat, bekam ich … Besuch.“ Zum ersten Mal meinte er eine Spur von Verunsicherung in ihrem Gesicht zu entdecken. „Sie glauben wahrscheinlich nicht an Geister, oder, Inspektor?“, fragte sie.

Er atmete durch. „Miss Carrodus, ich will nicht unhöflich sein, aber ich habe den Eindruck –“

„Sie mögen den Klang der Geige – die Geister, meine ich“, unterbrach Anne ihn. „Wenn ich spiele, kommen sie zu mir und hören zu. Sie sehen aus wie Tiere, nur ein bisschen anders. Am Anfang kamen besonders häufig Füchse mit Hasenohren zu mir, und Vögel mit Katzennasen und Schmetterlingsflügeln. Sie schimmern sehr bunt, wirklich, Sir, es ist ein Jammer, dass Sie sie nicht sehen können.“

„Und du kannst sie sehen“, stellte Miller fest.

„Ja, aber nur, wenn ich spiele.“

Miller fragte sich, ob Anne eines dieser leicht verrückten Kinder-Genies war. Er legte sich seine Worte genau zurecht. „Wissen deine Eltern, dass du hier bist, Anne?“

„Nein, Sir“, sagte Anne mit verblüffender Ehrlichkeit. „Da ich hier bin, um mich selbst anzuzeigen, kann ich Ihnen auch genauso gut die ganze Wahrheit sagen.“ Sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein, wie um sich zu sammeln. „Mein Vater lebt nicht mehr, ich habe nur meine Mutter. Ich habe ihr ein starkes Schlafmittel in den Tee getan, bevor ich aufgebrochen bin. Es war nötig.“

Ein Kind, das seiner Mutter Schlafmittel in den Tee tat! Miller schluckte. „Und warum, Anne?“

„Sie hat mich seit diesem Unglück nicht mehr aus dem Haus gelassen, Sir. Sie wollte um jeden Preis verhindern, dass ich jemandem davon erzählte.“ Auf einmal riss sie die Augen auf, so dass das Weiße hervortrat. „Es ging nicht anders, verstehen Sie? Weil sie es weiß.

„Was weiß?“

„Sie ist eine Hexe, Sir. Ich weiß, das klingt verrückt. Aber sie ist der Grund, weshalb die Geister zu mir kommen, wenn ich spiele. Ich gebe ihr nicht die Schuld! Seit ich weiß, was sie damit zu tun hat, hätte ich jederzeit aufhören können. Weil ich das nicht getan habe, ist es ganz allein meine Schuld, was passiert ist.“

Miller begann sich immer unwohler zu fühlen. „Es ist nicht nett, seine Mutter eine Hexe zu nennen, Anne“, sagte er väterlich. Das Mädchen machte eine wegwerfende Handbewegung, als hätte er kein Wort verstanden.

„Mir ist klar, wie das alles in ihren Ohren klingen muss. Deshalb habe ich die Geige aus dem Safe geholt, bevor ich hierhergekommen bin – um es ihnen zu beweisen.“ Sie nahm ein Glasrohr aus dem Geigenetui, zog den Gummiverschluss ab und kippte eine Reihe feiner Saiten in ihre ausgestreckte Handfläche. „Die hier sehen aus wie ganz normale Larsen-Saiten“, sagte sie, als könnte Miller etwas damit anfangen. „Aber das sind sie nicht.“

Miller lehnte sich vor; ihm wurde gerade bewusst, dass er noch nie Geigensaiten aus der Nähe gesehen hatte. Von welcher Marke auch immer.

„Wenn sie meine Mutter fragen würden, würde sie sagen, es handele sich um mit Silber umwickelte Stahlseiten. Aber das ist eine Lüge. Das Material ist verzaubert.“ Sie senkte die Stimme. „Ich kann sie flüstern hören.“

„Die Saiten?“ Miller konnte sich ein spöttisches Grunzen nicht verkneifen.

Anne funkelte ihn verächtlich an. Sie schob die Fäden zurück in das Glasrohr. „Ich habe sie Ihnen mitgebracht, damit Sie sie untersuchen lassen können. Oder besser noch: Schicken Sie sie nach München, zusammen mit dem Kolophonium.“ Sie öffnete eines der Zubehörfächer, indem sie an einem Messingknopf zog, und nahm einen zylinderförmigen Stein heraus. Einen Bernstein, dachte Miller, denn der Stein wirkte sehr weich, außerdem hatte man den Eindruck, dass er aus seiner Mitte heraus leuchtete.

„Das ist Geigenharz“, sagte Anne. „Man reibt damit den Bogen ein. Doch dieses hier ist kein gewöhnliches Harz – es ist veredelt, und zwar mit Blut.“

Jesus“, rutschte es Miller heraus. Woher hatte das Mädchen nur seine schreckliche Fantasie?

Anne lächelte dünn. „Fast hätte ich geglaubt, Sie hätten die Geige erkannt. Aber Sie haben nur geflucht.“ Mit ihren zierlichen Händen hob sie die Violine aus dem Samt und hielt sie Miller hin. „Das hier“, begann sie feierlich, „ist eine echte Guaneri del Gesùs aus dem Jahr 1741. Sie kommt aus Cremona, wo auch Stradivari seine Geigen fertigte. Meine Familie hat dieses Exemplar vor Jahren der Österreichischen Nationalbank abgekauft – für fast vier Millionen Pfund. Einerseits, weil sie antik ist, andererseits wegen ihres Namens. Die Geige heißt Carrodus.

„Wie du also.“ Womöglich erzählte sie als nächstes, die Geige sei verflucht. Bestimmt ein Familienfluch, und schuld war die Hexe Mrs. Carrodus.

„Genau, wie ich“, sagte Anne ernst. „Diese Geige ist etwas Besonderes, aber dass sie die Geister ruft, liegt an den Saiten und dem Kolophonium. Sonderanfertigungen, die meine Mutter in Auftrag gegeben hat.“ Sie bettete die Geige wieder in den Samt. Einen Moment lang schwieg sie. Dann: „Sie haben ja gar nichts mitgeschrieben.“

Miller blickte auf die leeren Seiten seines Blocks. „Tja, Anne, das ist alles schwer zu glauben …“

„Sie müssen mir nicht glauben“, sagte Anne scharf. „Sie müssen nur meine Geige, die Saiten und das Kolophonium nach München schicken, sonst nichts.“

Eine Geige im Wert von fast vier Millionen Pfund nach München schicken? Zum ersten Mal kam Miller der Gedanke, die Kleine könnte versuchen, ihren Eltern einen teuren Streich zu spielen. Sie war wohl doch noch nicht so erwachsen, wie er zuerst gedacht hatte. Am besten versuchte er, sie zu entlarven – ihr Lügengebäude hatte irgendwo einen Logikfehler, das hatten diese Lügengebäude immer, dank Paul konnte er ein Liedchen davon singen.

„Also gut, Anne“, sagte er versöhnlich, „was genau ist in München passiert? Erzähl’s mir.“

Ihre Nasenflügel blähten sich, als sie ausatmete. Sie warf einen unschlüssigen Blick auf die Knie. „Nun gut“, sagte sie. „Es war mein erster Auftritt im Ausland. Vorher habe ich in London gespielt, und da merkte ich schon, dass etwas nicht stimmte.“ Schweigen. „Die Geister haben sich im Laufe der Jahre verändert – sie sind gewachsen, aber das ist nicht alles. Sie waren immer sehr nett.“

Vielleicht spürte sie, dass Miller innerlich nur noch den Kopf schüttelte, jedenfalls hörte sie plötzlich wieder auf zu reden. „Und dann?“, hakte er nach.

„Sie wurden frech. Fingen an, Dinge umzuwerfen. Einmal vergossen sie eine Tasse Tee auf den Teppich meiner Mutter, ein anderes Mal warfen sie eine Vase von einem Sockel. Die Vase konnte nicht mehr repariert werden.“

Miller nickte, Verständnis heuchelnd. Ein neuer Gedanke kam ihm: Vielleicht wurde das Mädchen misshandelt. Aber sah sie so aus? Kein Stück, dachte er.

„Einmal tauchte der Ballonbär auf, als ich spielte. Er war so groß und rund, dass er das ganze Zimmer ausfüllte. Ich musste mich an die Wand stellen und konnte fast nicht mehr atmen! Aber ich konnte auch nicht aufhören“, setzte sie nach, „ich meine, nicht aufhören zu spielen.“

„Wieso?“

„Es ist, als ob die Geige an meinen Händen klebte.“ Sie begutachtete ihre Hände, als könnte sie noch den Klebstoff an ihnen sehen. „Verstehen Sie?“

„Anne, was glaubst du, ist der Grund, dass nur du die Geister sehen kannst?“, fragte Miller.

„Weiß ich nicht. Aber ich glaube, in München haben ein paar Leute sie gesehen. Apropos – damals im Mai flogen wir schon eine Woche früher nach München. Ich musste zur Probe mein Konzert in der leeren Halle spielen. Sie waren wahrscheinlich noch nie im Gasteig – wenn man da auf der Bühne steht, dann ist es, als würde man erdrückt. Die Halle ist so groß, sie gähnt einen richtig an! Und überall diese roten Sitze. Verzeihung, sie war so, meine ich natürlich. Im Gasteig wird nie wieder jemand auftreten. Und das wusste ich vorher. Ich hatte schreckliche Angst.“

„Vor dem Auftritt?“

„Ja. Als ich da in der Philharmonie stand und spielte, da spürte ich zum ersten Mal, dass … dass etwas passieren würde.“ Sie starrte Miller an, wie auf der Suche nach einem Hinweis auf seinen stillen Spott. „Ich meine, etwas Größeres als sonst. Die Geister waren nervös –“

Nervös“, wiederholte Miller, höhnischer als beabsichtigt.

Anne biss sich auf die Unterlippe, so schnell wie durch einen Reflex. „Wieso denken Sie, dass ich Sie anlüge?“, brach es aus ihr heraus. „Wieso sollte ich herkommen, nur um Ihnen eine Lügengeschichte aufzutischen?“

Ihr Tonfall erinnerte ihn an Paul.

Er seufzte. Es war an der Zeit, sich wieder mit den handfesten Dingen des Lebens zu beschäftigen. „Ich fahre dich nach Hause, dann können wir gleich nach deiner Mutter sehen.“ Er stand schwerfällig auf.

„Ach!“, rief Anne und sprang ebenfalls auf die Füße. „Das glauben Sie mir also, ja? Dass ich meiner Mutter ein Schlafmittel gegeben habe?“

Er zögerte. Hatte sie ihn diesbezüglich auch angelogen? Anne nutzte den Moment der Verunsicherung, um nach vorn zu stoßen und den Geigenkoffer zuzuklappen. „Ich wollte Verantwortung übernehmen! Ich wollte geradestehen für das, was ich getan habe! Ich wollte – nein, Sie fahren mich nirgendwo hin“, sagte sie hitzig. „Vielen Dank, aber ich finde allein nach Hause.“

Miller hielt sie nicht auf, als sie aus dem Büro wischte: Er hatte sich die Adresse gemerkt und würde mit dem Auto hinfahren, schließlich war es seine Pflicht, nach der Dame zu sehen, die zu Hause in ihrer Villa womöglich mit ernsten Problemen zu kämpfen hatte. Wie war die Kleine überhaupt hergekommen? Sicher nicht mit dem Bus? Vielleicht hatte sie einen Fahrer. Ansonsten würde er sie draußen treffen und dazu überreden können, in den Wagen zu steigen. Teenager, dachte er abfällig: Egal, wie sie auftraten, im Kern waren sie doch alle nichts anderes als Opfer ihrer Hormone. Wie Paul, der sich die wildesten Geschichten ausdachte, um nicht in die Schule gehen zu müssen.

Er zog sich die Dienstjacke an und nahm den Autoschlüssel vom Tisch. Auf dem Weg zum Ausgang hielt er mitten im Schritt inne: Was ging denn da draußen vor sich? Das Mädchen stand auf der anderen Seite des Hofs und klemmte gerade die Geige zwischen Kinn und Schulter. Die Saiten hatte sie in Windeseile gespannt; sie nahm den Bogen zur Hand, richtete sich auf und begann zu spielen. Miller konnte das Wimmern der Violine durchs Fenster hören.

Er konnte sich nicht mehr beherrschen und fing an zu lachen. Unglaublich! Kichernd und kopfschüttelnd zugleich trat er durch die Sicherheitstür in die Eingangshalle. Sie versuchte wohl, ihm etwas zu beweisen. Wie lange sollte er warten, bis sie einsah, dass nichts geschehen würde? Sollte er sich einfach ein bisschen neben sie stellen und so tun, als sei er wahnsinnig gespannt – und vielleicht noch eine Münze in ihren Koffer werfen?

Ein lauter Knall und Miller verstummte. Verwirrt drehte sich in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Ein leises „Jesus Christ“ entfuhr ihm: Das Sicherheitsglas war gesprungen, ein langer, verzweigter Blitz teilte es diagonal. Ein Konstruktionsfehler, dachte Miller – oder ein Erdbeben? Was für ein Zufall. Wenn das Mädchen davon wüsste, würde es bestimmt denken, dass es –

Der Boden bebte; Miller sprang vor Schreck in die Luft. Knackend verästelte sich der Sprung im Sicherheitsglas – und setzte sich über die Decke fort. Miller beobachtete mit offenem Mund, wie der Riss auf ihn zukam. In diesem unwahrscheinlichsten aller Momente klingelte plötzlich das Telefon hinter dem Sicherheitsglas: Erst das eine vorne am Empfang, dann die beiden an den Tischen weiter hinten. Der Kopierturm sprang an und begann Papier auszuspucken; es kam mit solchem Schwung aus der Ausgabe, dass es zu Boden segelte. Kling-kling! Die Leuchtstoffröhren flimmerten, gingen an und wieder aus. Der Gasteig. Hatte er nicht so etwas Ähnliches gehört? Von Zeugen, die kurz vor dem Zusammensturz berichtet hatten, in der Bibliothek hätten die Computer verrücktgespielt – und der Aufzug – die Lampen –

Ein gleißender Lichtbogen schoss durch die Luft, quer durch den Raum, so schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Miller hörte die Tür hinter sich klappern und griff nach dem Knauf. Mit einem Schrei ließ er ihn wieder los: glühend heiß! Wieder gab es eine heftige Erschütterung, die Miller das Gefühl gab, ein paar Zentimeter in die Luft gehoben zu werden. Das Haus knackte wie ein Baum im Wind. Panik packte ihn, eine irrationale Ahnung, und er zog die Hand in den Ärmel seiner Uniform, um sie vom Stoff zu bedecken. Er riss die Tür auf und stürmte nach draußen. Auf der Treppe blieb er stehen.

Die Luft bewegte sich. Oder hatte er etwas im Auge? Bunt schillernde Seifenblasen schwammen an ihm vorbei. Manche hatten Beine und lange Ohren – wie Hasen. Sie umtanzten Anne, tollten herum wie spielende Kinder.

Hinter Miller quoll ein brodelndes Geräusch herauf, der Boden zitterte und bebte und die letzte Stufe warf Miller von sich. Er stolperte auf den Vorplatz und drehte sich um – und fiel auf den Hintern.

Ein Drache saß auf der Polizeistation. Das klapprige Gebäude gab unter seinem Gewicht nach: Staub stob in großen Wolken hervor, Steine flogen Miller um die Ohren, ein letztes Krachen – und es wurde still.

Der Drache war fort.

Miller blickte zitternd über die Schulter: Auch Anne war verschwunden, mitsamt ihrer Hexengeige. Vielleicht hätte er sie noch eingeholt, hätte er aufstehen können. Doch was hätte er dann tun sollen? Was heute passiert war, so viel stand fest, würde ihm niemand glauben.

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