Cronos Cube: Das gestrichene Kapitel

Ursprünglich nahm die Handlung am Ende von Cronos Cube 1 einen etwas anderen Verlauf: Lachlan, Zack und Melpo begleiteten die Underminers zur Quelle des rätselhaften Datenstroms – und begegneten dort einem übermächtigen Endboss.


Der Krake

Ehecatl bewegte sich auf seinen Elefantenbeinen wie schwerelos durch den Wald. „Der Faden sinkt“, sagte Shadiya, „das Ziel befindet sich offenbar unter der Erde.“
Der Datenstrom verlief schnurgerade durch das Dickicht, durchdrang Stelzwurzeln und wuchtige Äste, die ihnen zwar im Weg, für den Strom aber anscheinend gar nicht vorhanden waren. Zack beobachtete, wie sich die Bäume ein Stück zur Seite neigten, wenn Ehecatl an ihnen vorbeikam; war ein Durchgang zu niedrig, machte er sich flach, auf zierlichen Brücken bekam er plötzlich winzig kleine Füße und Weidenvorhänge öffneten sich ihm wie durch Geisterhand. Deshalb hätten ihn wohl auch die Stelzwurzeln und Äste nicht daran gehindert, dem Datenstrom immer weiter zu folgen – seine Passagiere, für die das nicht galt (bei Shadiya war sich Zack nicht so sicher), vergaß Ehecatl jedoch keine Sekunde lang, und so umrundete er die Hindernisse mal in kleinen, mal in großen Bögen und wartete geduldig, wenn Shadiya den Strom danach wieder aufspüren musste.
„Er ist jetzt schon so niedrig, dass er in den Sträuchern verschwindet“, sagte Shadiya, als sie gut zwanzig Minuten unterwegs gewesen waren. „Noch ein kleines Stück, Ehecatl, dann müssen wir zu Fuß weitergehen.“
Melpo ließ keine Gelegenheit aus, Lachlan und Zack über Cronos aufzuklären, als hätte sie schon wieder vergessen, dass sie nicht vorhatten, wiederzukommen. „Die Muertos sind unverzichtbar in starken Verbänden. Atziloth wie dieser hier –“, sie klopfte auf Ehecatls Rücken, „– hausen in alten Stätten. Die Muertos müssen sie wecken und ihr Vertrauen gewinnen, und wenn ihnen das gelingt, schließen sich die Atziloth ihnen an. Es dauert in Kämpfen eine halbe Ewigkeit, sie zu beschwören, aber wenn der Muerto fertig wird …“
Sie stieß einen leisen Pfiff aus, womit sie wohl sagen wollte, dass dann ziemlich die Post abging.
„Vielleicht sollte sie mal was gegen die da unternehmen“, sagte Zack und deutete mit einem Nicken hinter Ehecatl. Sie hatten inzwischen eine große Schar ungemütlicher Begleiter: Ein gutes Dutzend zerzauster Titanmäuse, mehrere Stacheldrahtraupen („Passionsspinner“, erläuterte Melpo), fünf riesige Schmetterlinge mit zuckenden Menschenaugen („Die Glotzende Gespinstmotte“) und eine unzählbare Menge nicht wesentlich kleinerer Schmetterlinge mit Tarnkappenmuster auf den Flügeln („Bomberfalter – sie lassen rote Säurekapseln fallen, die ziemlich wehtun“). Zack sah mehrere schwarze Qualmwolken, die sich geräuschlos durch das Gebüsch bewegten, und dazwischen Schattenantilopen, die mit langen geknickten Storchbeinen durch das Unterholz staksten. In den Ästen bemerkte er eine aus Metall geschmiedete Krähe; sie öffnete die Flügel und flog der wandernden Meute hinterher. Kaum hatte sie den Ast verlassen, verwandelte sich dieser vor seinen Augen in geschwärztes Eisen.
„Der da ist ein Fremdkörper in Ma’quoia“, sagte Melpo und deutete auf den Vogel. „Eingeflogen aus der Eisenstadt. Er steht nicht unter dem Schutz der Atzilotha Ma’quoia und sollte auf jeden Fall bekämpft werden.“
„Bin ich derjenige, der sie anzieht?“, fragte Lachlan. Zack leuchtete die Frage ein: Vielleicht wirkte Melpos Anti-Nubbun-Schild nicht mehr. Doch sie schüttelte den Kopf.
„Es ist Hideki“, sagte sie mit gesenkter Stimme. Hideki saß ein Stück abseits und hatte noch kein Wort gesagt, seit sie aufgebrochen waren; er hatte die Augen geschlossen und sah aus, als meditierte er. „Er lockt die Nubbun an und nimmt sie in Besitz. So wie die Titanmaus vorhin.“
Zacks Magen zog sich zusammen. „Das heißt, die da unten stehen alle unter seiner Kontrolle?“
„Genau das heißt es.“
„Aber das werden doch keine Anfänger sein“, sagte Lachlan. „Ich meine, diejenigen, die die Karten verteilen – die putzen diese Viecher doch mit links weg.“
„Deshalb nimmt er auch nicht nur ein paar Nubbun mit. Die Masse macht’s“, sagte Melpo. „Bevor ich es vergesse: Du solltest dir zwei oder drei Phiolen meines Aurums zapfen. Eine bessere Waffe hast du derzeit nicht.“
„Okay, alle runter hier“, sagte Hideki laut. Shadiya hatte sich erhoben und ging als erste die steile Treppe hinab.
„Die Datenspur ist von da oben kaum noch zu sehen“, erklärte sie, als sie sich neben Ehecatls gewaltigen Vorderläufen versammelten. Sie ging in die Hocke und zeigte ihnen mit der flachen Hand an, wie hoch die Datenspur über dem Boden schwebte. „Sie wird bald verschwinden.“
„Unter die Erde“, sagte Hideki.
Shadiya nickte. Sie stand auf und berührte Ehecatls Schnurbart. „Danke für deine Hilfe.“
„Es war schön, dich wiedergesehen zu haben“, sagte Ehecatl. „Ruf mich, wenn du mich brauchst.“
„Das werde ich. Salam.“
Sie spürten einen plötzlich aufkommenden Wind, der zwischen die Sträucher stieß und die Blätter aufpeitschte; und mit einem Mal war Ehecatl verschwunden.
Die von Hideki angelockten Nubbun drängten sich an einer unsichtbaren Linie zusammen, etwa fünfzig Meter von ihnen entfernt, schnaubten, knurrten, fiepten und keckerten; es mussten fünfhundert sein, sechshundert vielleicht, oder noch mehr, wenn man die roten Augen und huschenden Schatten berücksichtigte, die hoch oben im Geäst Ma’quoias und zwischen den Stelzwurzeln auftauchten.
Shadiya ging voraus, während Melpo Lachlan eine Phiole füllen ließ. Hideki hielt Zack auf und verlangte von ihm, dass er seinen rechten T-Shirt-Ärmel hochschob. Als Zack ihn nur misstrauisch ansah, packte Hideki kurzerhand selbst zu. „Lass sehen.“
„Hey –“
„Level drei“, sagte Hideki und zog den Ärmel wieder herunter. Zack, neugierig geworden, sah jetzt selbst nach und entdeckte ein Tattoo auf seinem Oberarm, eine Drei. „Level drei“, wiederholte Hideki. „Das ist ein Pfurz. Mit Level drei bekommst du gar nichts platt.“
„Nicht meine Schuld“, gab Zack zurück.
„Das liegt nicht an dir, sondern an deiner Waffe. Wenn du es auf Level fünf schaffst, dann bekommst du von mir eine Halbautomatische.“ Hideki schlug ihm auf die Schulter, drehte sich um und pfiff. Eine Gespinstmotte löste sich aus der wuselnden Monstermeute und flog auf sie zu: Ihre Augen waren geschlossen und ihr Rüssel eingerollt. „Schieß sie ab“, sagte Hideki und trat einen Schritt beiseite.
Zack hatte verstanden; er zog den Revolver und schoss auf die Motte, zweimal hallte das Krachen durch den Wald, dann verpuffte das Wesen in grüne Funken.
„Nicht übel. Das machen wir jetzt solange, bis du auf Level fünf bist“, sagte Hideki. „Komm, weiter – du kannst das auch, während du dich bewegst, oder?“ Während er sprach, verließ eine Schattenantilope die Meute und sprang auf ihren fingerdicken
Beinen auf ihn zu. „Keine von denen wird dich angreifen, versprochen. Schieß einfach nur.“
Es gefiel Zack nicht, auf die Nubbun zu schießen, wenn sie ihn nicht angriffen, wenngleich ihm das Paradoxon durchaus bewusst war – keines dieser Wesen war echt, also warum sollte er Hemmungen haben? Hideki ließ ihm keine Zeit, darüber nachzudenken, er rief die Nubbun in solchem Tempo, dass Zack nur zum Durchschnaufen kam, wenn er warten musste, bis der Revolver nachgeladen hatte. Je häufiger das passierte, desto mehr ging es Zack auf die Nerven: Mit jedem Nubbun zielte er sicherer, schoss er schneller, der Rückstoß wurde zur Gewohnheit. Beim zehnten oder elften Nubbun achtete er schon nicht mehr darauf, wie er sich in Funken auflöste, sondern wirbelte herum, richtete den Lauf auf das nächste Ziel. Als ihm die Munition ausging, gab Hideki ihm eine Karte, auf der eine verbeulte Metallschachtel mit einhundert weiteren Patronen abgebildet war. Dann forderte er Zack auf, einen Blick auf sein Level zu werfen.
„Vier“, sagte Zack verblüfft.
„Gut. Jetzt mach mir nach.“ Hideki schlug die Handflächen aufeinander. Zack tat es ihm gleich – und stutzte, als er einen elektrischen Schlag verspürte. Hideki löste die Hände voneinander und machte eine Bewegung, als versuchte er etwas von sich wegzustoßen. Als er das tat, geschah nichts; doch als Zack ihn nachahmte, flammte aus heiterem Himmel ein blaues Licht auf, das sofort verblasste.
„Dein erster Schild“, sagte Hideki. „Wenn dir ein Nubbun zu nah kommt, stößt du ihn damit weg.“
„Shadiya hat das Ende des Datenstroms gefunden“, rief Melpo ihnen zu. Sie, Shadiya und Lachlan waren ein gutes Stück vorausgegangen; jetzt standen sie um eine Stelle herum, die sich rein äußerlich durch nichts von ihrer Umgebung unterschied. Die Luft war in dieser Gegend warm und stickig; alle Stelzwurzeln und Sträucher litten unter der Herrschaft einer besonders aggressiven Efeu-Art, die noch den zartesten Zweig überwuchert hatte. Hoch über ihren Köpfen verzwirbelten sich die Enden des Efeus, so dass sie Ma’quoias Baumkrone nicht mehr sehen konnten und das Gefühl hatten, sich durch eine Höhle zu bewegen, eine Höhle mit dunkelgrünen Pfeilern und einem verzweigten Wegenetz, das altrosa war von den trockenen Blättern, die vor einiger Zeit von den sterbenden Zweigen gefallen waren. Der Waldboden war hügelig und die Stelle, an welcher der Datenstrom verschwand, lag in einer Senke, so dass Zack die Nubbun, die ihnen folgten, für eine Weile aus den Augen verlor.
„Tatsächlich: unter der Erde“, sagte Shadiya, als Hideki und Zack zu den anderen stießen.
„Eine Höhle?“, fragte Hideki.
„Davon bin ich von Anfang an ausgegangen. Wenn wir die Linie im Kopf weiterziehen, können wir zwar ungefähr sagen, wo sie liegt, aber das heißt nicht, dass sich da auch der Eingang befindet“, sagte Shadiya.
„Es dürfte hier nicht allzu schwer sein, ihn zu finden“, sagte Hideki. „Wir teilen uns auf. Der Shooter geht mit mir. Melpo, du nimmst den Alchemisten – diese Richtung. Shadiya …“ Er hielt inne. „Mach was du willst.“
„Ich gehen in die Richtung, in die der Datenstrom verläuft“, sagte Shadiya und entschwebte.
Melpo seufzte hörbar.
Sie gingen gabelförmig auseinander; Lachlan und Zack tauschten einen letzten Blick. Als sie die Senke verließen, sah Zack, dass die Passionsspinner, Titanmäuse, Schattenantilopen und all die anderen Nubbun ihnen immer noch folgten, wie eine wuselnde Mauer aus Ungeziefer, die den Rückweg versperrte. Ihm behagte der Anblick nicht.
„Weiter geht’s“, sagte Hideki, legte zwei Finger in den Mund und stieß einen durchdringenden Pfiff aus, auf den gleich vier Bomberfalter auf sie zugeflitzt kamen. „Achtung. Von jetzt an werden sie dich angreifen.“
„Was?“
Die Falter sahen nicht nur aus wie Tarnkappenbomber, sie waren auch ziemlich schnell. Im selben Moment, in dem Zack sah, wie sich zwischen den Füßen der Falter kirschgroße Kugeln bildeten, die sie fallen ließen, traf ihn das erste Geschoss am linken Unterarm. Es platzte und spritzte ihm eine rote Flüssigkeit auf die Haut. Ein rasender Schmerz machte sich breit, als handelte es sich um Wirklichkeit um kochend heißes Wasser. Er riss den Revolver hoch und schoss auf den Falter, traf ihn, sah, wie er verpuffte. Im Augenwinkel bemerkte er eine rote Kugel, die auf ihn zuraste. Er wich ihr aus, zielte erneut – doch bevor er abdrücken konnte, explodierte der Schmerz in seinem Nacken. „Aaargh!“
„Du lässt dich von ein paar Schmetterlingen fertigmachen?“, sagte Hideki spöttisch.
Die Falter schienen überall zu sein. Zack hörte Hideki lachen und Wut packte ihn; er nahm einen Falter ins Visier – diesmal traf ihn die ätzende Flüssigkeit auf der rechten Hand. Es tat so weh, dass er die Waffe fallen ließ.
„Klatschen!“, sagte Hideki genervt.
Doch die Bomben gingen jetzt so schnell auf ihn nieder, dass Zack kaum noch etwas anderes wahrnahm als das auflodernde Brennen auf der Haut. Er zwang sich, in die Hände zu klatschen, und da war es wieder, dieses Gefühl von Elektrizität – es machte ihm Mut, er bäumte sich auf und stieß die Hände vor sich. Knisternd loderte der blaue Schild auf, erfasste zwei Bomberfalter und schleuderte sie in den Efeu. Zack schnappte nach Luft, Adrenalin, der Schmerz ließ nach, er hob den Revolver auf, der Schuss krachte, grüne Funken. Die anderen beiden Falter erholten sich, surrend schossen sie aus dem Efeu, und Zack schlug die Handballen zusammen, den einen erwischte er, der Falter überschlug sich, und Zack schoss erneut. RUMMS. Grüne Funken. Nur einer war noch übrig, er taumelte ein wenig, leichte Beute. In Zacks Ohren rauschte es, rasend vor Wut zielte er erneut –
Das Krachen erzeugte ein Echo in der Stille.
Grüne Funken.
„Iss einen Muffin“, sagte Hideki mürrisch. „Du wirst das üben. Das machen wir gleich nochmal.“
Zack versuchte sich nicht zu sehr anmerken zu lassen, dass er höllische Schmerzen hatte. Während er Hideki hinterher ging, fummelte er mit brennenden, wundroten Fingern eine Muffin-Karte aus der Hosentasche. „Sollten wir uns nicht lieber darauf konzentrieren, den Höhleneingang zu finden, statt uns mit so was aufzuhalten?“ Er hatte das Gefühl, dass Hideki Spaß daran hatte, ihn zu quälen. Hätte er doch nur darauf bestanden, bei Lachlan bleiben zu dürfen.
„Wenn du dich anders anstellen würdest, wäre das überhaupt kein Problem.“ Hideki kletterte einen steilen Hang hinauf; die trockenen Blätter boten keinen festen Grund und gaben unter ihm nach. Er rutschte ein Stück ab, stieß sich hoch und sprang entschlossen auf die Kuppe. Er ließ den Blick schweifen; Zack, der noch unter dem Hang stand, konnte nicht sehen, was er sah. Er hatte den Muffin fast aufgegessen und beobachtete jetzt, wie sich die Rötung von seiner Haut verzog. Die Schmerzen vergingen und ein wohliges Gefühl der Geborgenheit machte sich breit. Er verzieh Hideki.
„Komm“, sagte Hideki und verschwand hinter der Kuppe. Zack folgte ihm leichtfüßig. Auf der anderen Seite des Hangs lag eine weite Talsenke; von hier oben konnte er Melpo und Lachlan sehen, die ein paar Meter weiter links suchten, nah genug zusammen, um sich zu unterhalten. Zack schlitterte den Hang Blätter aufwirbelnd hinunter. Hideki drehte sich nicht nach ihm um, als er den Pfiff ausstieß.
Diesmal waren es zwei Schattenantilopen, die über die Kuppe des Hangs sprangen. Zack klatschte in die Hände und stieß sie gegen die linke Antilope, die wie von einem Auto gerammt gegen den Hang geschleudert wurde. Zack schoss auf die rechte Antilope, die ihm die roten Korkenzieherhörner entgegenhielt; sie sprang in die Luft, so dass die Kugel durch ihre dürren Beine flog, und rammte Zack die Vorderläufe gegen die Brust. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst, er verlor den Boden unter den Füßen und überschlug sich halsbrecherisch. Benommen blieb er auf dem Rücken liegen … was war passiert? In seinem Kopf drehte sich alles …
Er blinzelte – die Nubbun! Er hörte das Rascheln ihrer Hufen auf dem Waldboden, klatschte in die Hände und schwang sich hoch – sie waren fast über ihm, Hörner voraus, wollten ihn aufspießen – „WEG!“ – das blaue Knistern – und die schwarzen Kreaturen flogen ins Laub.
„Nicht übel“, kommentierte Hideki.
Zack war wie im Rausch, er schoss, bis eine der Antilopen sich nicht mehr rührte. Er hatte es geschafft, er würde es immer schaffen, nichts konnte ihn aufhalten, er würde es Hideki zeigen. Im grünen Funkensturm ihrer toten Gefährtin rappelte sich die andere Schattenantilope auf und fegte wie der Wind auf ihn zu. Etwas Unvorhersehbares geschah: Das Wesen öffnete das Maul, ein Kreischen und eine Druckwelle – etwas traf ihn frontal wie eine Abrissbirne, der Boden rammte sich ihm
in den Rücken, er schlitterte unkontrolliert rückwärts. Efeu streifte sein Gesicht, eine dunkle Decke schob sich über ihn, dann gab die Erde nach und er fiel.
Er hörte noch, wie Hideki etwas rief, doch seine Stimme verlor sich in der Dunkelheit. Zack spürte, wie er sich in der Luft überschlug; es gab nichts, woran er sich festhalten konnte. Immer weiter stürzte er in die Tiefe, ständig wurde er schneller, wurde er schwerer, wie ein Stein würde er am Boden aufschlagen und es nicht überleben. Zack merkte, dass er schrie, und fragte sich in einem Winkel seines Bewusstseins, ob das nicht der richtige Moment wäre, um sein Safeword zu sagen und dem schrecklichen Ende zu entkommen. Doch es fiel ihm nicht mehr ein, alles, woran er denken konnte, war der Boden tief unten in der Finsternis, gleich würde das Ende kommen, jeden Moment –
FFFUMP.
Es fühlte sich an, wie auf einem Trampolin zu landen: Der Boden gab unter Zack nach, er wurde nach oben geworfen, nur ein, zwei Meter hoch, jetzt fiel er wieder, landete auf einer federnden, wippenden Fläche, es war vorüber, er lag atemlos da. In seinem Körper stand alles still.
Hoch oben, wenn auch lange nicht so hoch, wie er vermutet hätte, tauchte ein Licht auf. Vermutlich riss Hideki den Efeu weg. „Zack?“ Seine Stimme klang nah.
„Mir geht’s gut“, sagte Zack. Sein Körper erwachte wieder zum Leben, der Schrecken über das, was ihm wiederfahren war, kam in heftigen Wellen über ihn. Er zitterte und war froh, dass man es ihm nicht anhörte.
„Was ist da unten?“, fragte Hideki.
Zack war sich nicht sicher. Er klatschte in die Hände und nutzte das aufflackernde Licht des Schilds, um mehr von seiner Umgebung erkennen zu können. Das vermeintliche Trampolin hatte ein Fell und roch nach nassem Hund. Es stand in einer runden Kammer, die einen Ausgang hatte.
„Da ist eine Tür“, gab er zurück. Er konnte es nicht ganz fassen. „Könnte das die Höhle sein?“
Wenige Minuten später hatten sich Lachlan, Melpo und Hideki nacheinander dazu überwunden, den Sprung ebenfalls zu wagen; dreimal hörte er das dumpfe Fffump, dann war die Gruppe wieder komplett. Shadiya kam nicht mit; sie kehrte zu Hana zurück, wie sie es abgesprochen hatten. Melpo hatte sich schon vor dem Sprung eine Karte zurechtgelegt, die sie jetzt in ein fest verschlossenes Einmachglas verwandelte, in dem es vor lauter Glimelin nur so wimmelte. Die Käfer sonderten ein grünes Licht ab, das gerade hell genug leuchtete, um zu enttarnen, dass es sich bei dem vermeintlichen Trampolin ganz und gar nicht um ein Trampolin handelte – sondern um den Bauch eines riesenhaften Golden Retrievers, der auf dem Rücken lag und schlief. Sie hätten zu viert in seine Schlappohren gepasst, und gewiss auch auf seine Zunge. Er zuckte im Schlaf mit dem linken Hinterlauf und kratzte dabei an der Steinwand, die die Kammer rund umlief.
Melpo gab Lachlan das Einmachglas. „Kannst du das bitte tragen? Ich brauche die Hände frei.“ Und sie beschwor die Geige herauf, wie um sich zu wappnen.
„Zeig her“, sagte Hideki und erdreistete sich, einen Blick unter Zacks Ärmel zu werfen. „Herzlichen Glückwunsch. Du hast das fünfte Level erreicht. Warte.“
Er zeigte ihm eine Karte. „Das ist ein Dannoir-Colt, ein DC9, die unterste Stufe einer halbautomatischen Waffe. Die Details lässt du dir von deinem Mentor erklären, dem Offizier in Ma’quoia. Ich sage dir nur das Nötigste. Diese Waffe hat eine stärkere Durchschlagskraft als der Revolver, den du jetzt sofort verschwinden lässt. Mach schon.“
Zack verwandelte den Revolver in eine Karte und ließ sich von Hideki den DC9 reichen. Er war schwer, schwarz wie Kohle und geformt wie die Waffen, die Polizisten am Gürtel trugen. „Der DC9 ist schwerer als der Revolver, dadurch wirst du anfangs nicht so gut zielen können. Dafür machst du mehr Schaden. Für einen Passionsspinner bräuchtest du damit nur noch einen Schuss.“ Noch eine Karte: diesmal Magazine. Einhundert Patronen. Zack hielt den Atem an.
„Danke, Hideki.“
„Bis Level acht lädt sich der Colt noch selbständig. Darüber musst du dir vorerst also nicht den Kopf zerbrechen. Steck die Magazine einfach ein. Bereit?“
„Ja.“ Zack schob den Colt ins Holster. Er fühlte sich unglaublich, stark wie ein Riese, als könnte er es mit all den Nubbun Ma‘quoias gleichzeitig aufnehmen.
„Wollen wir noch lange neben diesem Hund stehen bleiben?“, fragte Lachlan zweifelnd.
„Er ist nicht aufgewacht, als wir auf seinem Bauch gelandet sind, also wovor hast du Angst?“ Hideki gab Melpo ein Zeichen, die Tür zu öffnen. Mit der Hand, die den Bogen hielt, drückte Melpo die Klinke und stieß die Tür auf. Sie blickten in die gähnende Schwärze eines Tunnels.
„Auf geht’s“, sagte Hideki entschlossen und ging voraus, die rechte Hand auf dem Griff des langen Schwerts, das in seinem Gürtel steckte. Melpo ließ Lachlan und Zack den Vortritt und bildete das Schlusslicht; auf Hidekis Anweisung hin ließ sie die Tür weit offen stehen, so dass das leise Schnarchen des Hundes sie noch eine Weile begleitete. Lachlan kam von ganz allein auf die Idee, das Einmachglas mit den Glimelin hoch in die Luft zu halten, damit Hideki sehen konnte, wo er hintrat. Zack ließ die rechte Hand auf dem angenehm kühlen Griff des Colts liegen, mit der anderen tastete er sich an der feuchten Wand entlang. Meter um Meter arbeiteten sie sich tiefer in den Tunnel hinein, ohne dass etwas geschah oder sie andere Geräusche hörten als ihre eigenen vorsichtigen Schritte. Nach eine Weile begann Hideki zu pfeifen, leise, zitternd und langatmig; Zack stellte sich vor, wie der Ton durch den Tunnel eilte, an dem schlafenden Hund vorbeihuschte und den Schacht hinaufflog, um die Ohren der Monstermeute zu erreichen, die ungeduldig draußen wartete. Er horchte auf und sein Nacken versteifte sich, als sie ein raschelndes Geräusch einholte: Es tat sich etwas im Schacht; was genau es war, konnte er nicht sagen, doch es kam näher. Schnarrend, kichernd, knurrend, Dornen, die über Stein
kratzten, klappernde Hufe, brummende Falter, und dann – er linste über die Schulter – waren sie da: rote Augenpaare in der Dunkelheit. Krabbelnd und raschelnd flogen sie ihnen nach.
„Angst?“, fragte Hideki im Mundwinkel.
„Ich mach mir gleich ins Hemd“, sagte Lachlan trocken.
„Die haben anscheinend gar keine Fallen eingebaut“, sagte Melpo. „Oder sind wir doch falsch?“
„Psst!“
Hideki war stehengeblieben. Der Schatten, den er im unsicheren Licht der Glimelin warf, war an der Hüfte abgeschnitten: ein Abgrund. „Da vorne geht’s nicht weiter“, sagte er und tastete sich an die Kante heran. Er winkte Lachlan, der ihm mit dem Einmachglas hinterher kam. Hideki nahm ihm die Laterne weg und lehnte sich mit ihr nach vorn, um in den Abgrund hineinzuleuchten. „Hab mich geirrt“, sagte er, „hier führt eine Leiter nach unten.“
Er drückte Lachlan das Einmachglas in die Hand, setzte sich hin und schob sich über die Kante auf die Leiter, was vermutlich komlizierter aussah, als es war – zumindest hoffte Zack das. Er sah zu, wie Lachlan das Glas auf den Boden stellte und sich umständlich in den Abgrund gleiten ließ. Plötzlich sackte er ab und mit ihm Zacks Herz; doch ein paar Sekunden später tauchte Lachlans Hand über der Kante auf, sie griff sich das Glas und verschwand.
„Ich hasse so etwas“, sagte Melpo. In ihren Händen vollzog sich ein fliegender Wechsel, im einen Moment war die Geige fort, im nächsten hielt sie einen Regenschirm in der Hand. „Eine Person kann ich mitnehmen“, sagte sie und bot Zack ihren Arm an, während sie mit der anderen Hand den Regenschirm aufspannte. „Kommst du mit?“
„Was hast du vor?“, fragte er und hakte sich bei ihr ein.
„Ich mache es wie Mary Poppins“, sagte sie. „Kennst du das noch? Ich stehe auf diese alten Filme.“ Sie dirigierte ihn an den Rand des Abgrunds. „Wenn ich bei drei bin, springst du, verstanden? Eins … zwei … drei!“
Und als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, als in einen dunklen Abgrund zu springen, stieß sie sich vom Boden ab. Er tat es ihr nach; er musste verrückt geworden sein, dachte er, vielleicht hatte ihn der Sturz auf den Bauch des Hunds leichtsinnig gemacht. Doch sie fielen nicht: Ihr Sprung trug sie ungewöhnlich weit, zwei, drei Meter, dann fing die Luft sie auf wie ein weiches Kissen und federleicht glitten sie in die Tiefe, vorbei an Lachlan, der jede Sprosse mit sichtlichem Argwohn suchte, und vorbei an Hideki, der die Leiter hinabstieg, als täte er jeden Tag nichts anderes.
„Du zerdrückst mir den Arm!“, raunte Melpo ihm zu.
„Sorry“, sagte Zack peinlich berührt.
„Wir dürften jetzt im Wurzellabyrinth sein“, fuhr Melpo fort. „Hoffentlich ist es nicht mehr weit. Stell dir vor, wir müssten den ganzen Weg wieder zurück!“
Sachte kamen sie auf dem Boden auf. Zack erkannte Lachlan über sich an der Laterne, ein grüner Fleck, der sich in langsamen, abgehackten Bewegungen Sprosse um Sprosse nach unten schob. Hideki war schon nach weniger als einer Minute bei ihnen. „Hier ist etwas“, teilte er ihnen mit ernster Miene mit. „Wir müssen vorsichtig sein.“
„Dann fange ich mal langsam damit an“, sagte Melpo munter. „Mit dem Vorsichtigsein, meine ich.“
Lachlan sackte ab, als er die letzte Sprosse erreichte und bemerkte, dass es darunter nicht weiterging; verunsichert tastete er nach dem Boden, fand ihn und sprang von der Leiter. Als er zu ihnen stieß, hatte Melpo vom Regenschirm zurück zur Geige gewechselt. Sehen konnten sie nicht viel: Selbst das Licht der Glimelin verlor sich nach allen Seiten in Finsternis. Keine Wände. Hideki blickte an sich herab, stand ein paar Sekunden lang völlig bewegungslos und sagte plötzlich: „Wir sind in einer Halle.“ Er schwieg wieder. „Ich habe einen Eisenvogel auf die andere Seite geschickt und kann sehen, was er sieht. Die Halle ist riesig, vergleichbar mit dem Temenos. Wir stehen erst am Rand.“ Jetzt schloss er die Augen. „Und da ist noch etwas.“
„Und zwar?“, hauchte Melpo.
Hideki hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. Er wirkte so konzentriert, als grübelte er über einer Prüfung. „Ein Nubbun. Aber ich bekomme ihn nicht unter Kontrolle – er ist durch irgendetwas geschützt. Hohes Level. Nichts, was normalerweise in Ma’quoia herumläuft.“
Melpo hob die Geige zum Kinn. „Ich bin bereit.“
„Er bewacht etwas. Ich bin mit dem Eisenvogel über ihm. Er ist gar nicht so weit weg. Aber noch hat er uns offenbar nicht bemerkt.“ Seine Stimme wurde immer leiser. „Ich bin neben ihm … ja, er sitzt auf irgendetwas … ich würde sagen, das sind … Sekunde noch …“ Hideki schwieg mit angehaltenem Atem. „Ja!“, flüsterte er. „Das sind Schatztruhen. Direkt unter dem Ding. In einer Art Grube … nein, wartet. Das ist Wasser. Ein riesiges Wasserbecken –“
In der Dunkelheit blitzte ein Licht auf – sie hörten ein dumpfes Krächzen, dann einen Schlag. Etwas Schweres fiel mit einem feuchten Klatschen ins Wasser. Hideki fluchte und öffnete die Augen. „Der Vogel ist tot.“
„Glaubst du, die Karten senden an die … an die Truhen, Hideki?“, fragte Melpo ehrfürchtig, die sich in der Dunkelheit nervös nach einer Bewegung umsah.
„Sie sind wohl kaum zufällig hier“, sagte Lachlan.
„Das finden wir raus“, sagte Hideki finster, „aber zuerst kümmern wir uns um dieses Biest.“
Licht sprang an, und in dieser Sekunde brach Chaos aus. Eine weißglühende Helligkeit stach Zack wie eine Nadel ins Auge. Er schlug die Hände vors Gesicht. Ein ohrenbetäubendes Wimmern, das zu einem Dröhnen anstieg – jemand packte ihn und riss ihn von den Füßen. Ein Krachen, eine Explosion, der Boden zitterte, Geräusche wie von herabfallenden Felsen. Zack blinzelte, doch die Helligkeit war unerträglich – jemand zog ihn mit sich.
„LAUF!“ Die Stimme war sehr fern. Hideki oder Melpo?
Er kam auf die Beine. Noch ein Dröhnen, gefolgt von einem Piepton, danach samtige Stille und ein Druck auf den Ohren – etwas rammte Zack von hinten. Die Welt löste sich in Trümmer auf, schwarze Objekte stürzten durch weißes Nichts, Donnerkrachen, der Boden wölbte sich nach oben, warf ihn in die Luft. Zack stürzte mit dem Kopf voraus, jemand landete auf ihm, sie überschlugen sich, schlitterten haltlos.
Eine Geige spielte.
Eine unpassend fröhliche Melodie überlagerte das Dröhnen und Wimmern, das die Halle füllte wie eine Sirene. Da war das elektrische Knistern eines Schilds … Zack drehte sich auf den Rücken und versuchte durch zusammengekniffene Augen etwas zu erkennen. Die Helligkeit tat nicht mehr so sehr weh – er lag im Schlagschatten eines haushohen Felsens, der ganz bestimmt vor einer Minute noch nicht dagewesen war. Neben ihm raffte sich Hideki hoch und zog in derselben Bewegung das Schwert aus der Scheide. Melpo stand neben dem Felsen und ließ den Bogen über die Violinensaiten fliegen. Das Dröhnen schmetterte durch die Halle, und aus einem Winkel, den Zack hinter dem Felsen nicht einsehen konnte, brach ein weißgühender Laserstrahl hervor. Er hätte sie frontal erwischt und pulverisiert, bevor sie begriffen hätten, was sie getötet hätte. Doch er drang nicht bis zu ihnen vor – sondern zerplatzte an einer knisternden Käseglocke, die sich schützend über sie gelegt hatte. Der Strahl riss ab.
„Ich hab‘s im Griff!“, rief Melpo.
Zack trat hinter dem Felsen hervor. Er bemerkte die dicken Wurzelarme an der Decke, manche hingen bedrohlich tief herab und qualmten. Der Boden war rauh und hart wie aus dem Fels gehauen, die Wände löchrig, zerstört. Nur die halbe Leiter war noch übrig. Der Boden der Halle ähnelte einem Mondkrater, mit einem See in der Mitte, in der ein Wesen saß, das sich Zack in seinen schlimmsten Alpträumen nicht hätte vorstellen können. Es handelte sich um einen Kraken, so viel stand fest; um einen Kraken von der Größe der Christchurch Cathedral, mit acht Armen, die sich wie gigantische Schlangen durchs dunkle Wasser rollten, jeder groß genug, um einen Kleinwagen zu plätten. Doch was Zack vor Angst das Gefühl aus dem Körper trieb, waren die beiden hoch aufgerichteten Arme, deren Saugnäpfe in ihre Richtung zeigten. Saugnäpfe, die in Wirklichkeit Lampen waren, kreisrunde Operationsleuchten, so grell und kalt, dass sie ihm das Gefühl gegeben hatten, er würde erblinden. Er dachte an den Laserstrahl und etwas rastete in ihm ein. Ihm wurde schwindelig.
„Was machen wir jetzt, Hideki?“, fragte Melpo über den zarten Klang ihrer Violine hinweg.
Hideki blähte beim Ausatmen die Wangen auf. „Das ist nicht gut. Das Ding hätte uns fast gekriegt.“
Lachlan kam zu Zack, wankend und mit glasigem Blick. Er ließ sich neben ihm am Felsen nieder.
„Den schaffen wir zu zweit nicht“, sagte Melpo. Sie legte über die erste Käseglocke noch eine zweite und eine dritte, ehe sie die Geige absetzte und durchschnaufte. Der Krake wusste entweder, dass er gegen ihre Schilde keine Chance hatte, oder er sammelte sich für die nächste Lasersalve, jedenfalls saß er jetzt ganz ruhig da. Melpos Blick fiel erst auf Zack, der nicht aufhören konnte, den Kraken anzustarren, dann auf den leichenblassen Lachlan. Sie nahm die Violine wieder auf und begann, ihren Song der Courage zu spielen.
„Das sehe ich auch so. Aber konzentrieren wir uns auf das Wesentliche: die Schatztruhen.“
„Du meinst, wir müssen den Kranken nicht besiegen, solange wir die Truhen bekommen?“
„Ja. Vielleicht mit einem Ablenkungsmanöver …“
„Wir sollten auf Shadiya und Hana warten.“
„Ja“, sagte Hideki. „Hält dein Schild das –“
Weiter kam Hideki nicht. Das sirenenartige Dröhnen des Kraken fuhr ihm ins Wort, Blitzlicht – und der Laser schoss scharf an ihnen vorbei, schnitt durch den Steinboden wie eine Schere durch Papier. Die Erschütterung riss Zack von den Füßen, er stürzte, Melpos Schild knisterte hysterisch, doch aufhalten konnte er es nicht: Die Erde brach auf wie spröder Ton, Risse öffneten sich, der Krake richtete einen Arm auf und ließ ihn herabfallen, ein Beben und unter Zack explodierte der Boden wie eine Fontäne. Er wurde in die Luft geschleudert, der Krake stand Kopf, die Wurzeln kamen näher, er drehte sich und ein Felsen raste auf ihn zu. Der Boden fing ihn auf, hart und erbarmungslos. Stein und Schutt spülten ihn gegen die aufgerissene Wand, Staub deckte ihn zu. Sein Körper war nichts als ein Klumpen Schmerz. Doch Melpos Melodie hallte noch durch seinen Kopf wie ein Ohrwurm, er hatte keine Angst, einen Muffin, er musste sich heilen, und dann würde er es diesem Biest zeigen. Er kämpfte gegen das Gewicht der Steine an, die ihn unter sich begraben hatten. Der Boden zitterte in unrhythmischen Schüben. Wenn nur Lachlan nicht in der Nähe des Epizentrums war … Es gelang ihm, einen Stein von seiner Brust zu wuchten. Die Karten in der Hosentasche. Da, der Muffin. Er stopfte sich das Gebäck in den Mund, Dreck und Sand auf der Zunge. Nach ein paar Sekunden spürte er seine Beine wieder. Er hievte sich hoch, blinzelte sich den Staub aus den Augen und stand auf.
Die Höhle hatte sich in ein Schlachtfeld aufgelöst, in scharfkantige Felsen und weiße Laserstrahlen, die ohne Vorwarnung aus den Armen schossen, in das Rumpeln und Krachen brechender Felsen, in das unablässige Dröhnen, in Melpos Geigenspiel und das Knistern ihrer Schilde. Zack wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Seine Nerven waren wie betäubt, seine Wahrnehmung dumpf, beinahe gleichgültig sah er
zu, wie Hideki mit dem langen Schwert auf den Kraken losging. Ein Fangarm schlug nach ihm und Hideki sprang in die Luft, mit akrobatischer Präzision landete er auf dem Rücken des Arms und lief ihn hinauf, das Schwert voraus. Der Krake riss den Arm hoch, Dröhnen, Laser, krachender Stein, doch Hideki war auf der sicheren Seite – er sprang hoch in die Luft, holte mit der Klinge aus, der Kopf des Kraken war unter ihm, er würde ihn aufspießen. Da wischte ein anderer Arm des Kraken durch die Luft, putzte Hideki beseite wie eine Fliege. Er sauste wie ein Pfeil davon, bevor sein Schwert den Schädel des Kraken auch nur berührt hatte. Zack sah ihn schon gegen die Wand klatschen, als ein roter Schild aufleuchtete, ihn einhüllend wie eine Kugel. Hideki flitzte haarscharf an der Wand vorüber, beschrieb einen Bogen und war wieder auf Kurs. Der Krake sah ihn, blitzschnell hob er einen Arm, die leuchtenden Kreise zeigten auf Hideki. Das markerschütternde Geräusch, der Laser, Zack kniff die Augen zu.
Ein neues Geräusch: ein Kreischen wie von Metall, das Zack an den Stacheldrahtwurm denken ließ, nur ungleich lauter. Der Laser schlug eine neue Furche in die Wand des Kraters, ein kurzer Strahl nur, dann begannen die leuchtenden Kreise zu flackern, wie bei einem Wackelkontakt. Der Arm zuckte, die Kreatur kreischte und Hideki holte ein zweites Mal aus, durchtrennte den Arm. Er stürzte in den See, das Wasser aufpeitschend. Hohe Wellen schwappten ans Ufer und erwischten dabei Lachlan, den Zack jetzt erst entdeckte. Was machte er denn da? Wieso brachte er sich nicht in Sicherheit? Zack erwachte aus dieser seltsamen Benommenheit, die seine Kopf in Besitz genommen hatte, und lief los.
Er konnte Hideki nirgends entdecken, doch dafür Melpo, die es irgendwie auf einen der wuchtigen Felsbrocken geschafft hatte. Sie spielte die Geige, als gäbe es keinen Kraken, der drei seiner verbliebenen sieben Arme hob, um sie wegzupusten. Er hatte noch nicht gefeuert, als sich eine schwarze Wolke auf ihn stürzte, dann noch eine und noch eine – wirbelnder Qualm rotierte dem Kraken um den Kopf, Feuer loderte auf, doch ein einziger Wisch mit der Spitze eines Arms und grüne Funken sprühten wie ein Feuerwerk. Sobald die Rauchlöwen aus dem Weg waren, widmete sich der Krake wieder Melpo – doch die hatte die gewonnene Zeit zu nutzen gewusst, um ein Lied zu spielen, das Zack noch nicht kannte. Ein Schwall Wasser fiel von der Decke und strudelte um den langen Körper des Kraken, bis es mit einem Schlag silberhell klirrte – und das Wasser zu Eis gefror.
„SCHIESS AUF DIE ARME!“, brüllte Hideki.
Zack begriff, dass er gemeint war, zog den Colt und zielte mit aller Entschlossenheit, die er aufbringen konnte. Das zusätzliche Gewicht des DC9 machte ihm kaum zu schaffen, die Schüsse kamen leichter und klarer, der Rückstoß war weniger heftig. Der Fangarm zuckte, wenn er ihn traf, als würde er gekitzelt – nicht so wie bei den anderen Nubbun, die sich rückwärts überschlugen, wenn er sie erwischte, sondern vielmehr so, als ärgerte ihn ein Käfer. Lachlan, der tropfnass am See stand, hatte sich Melpos Aurum in den Rachen gekippt: Seine Eissalven zerplatzten an dem Arm des Kraken und schienen kaum etwas ausrichten zu können, doch das hinderte ihn nicht daran, immer weiter zu feuern. Sie bekamen Unterstützung, Bomberfalter warfen mit Säurekapseln, Gespinstmotten schossen silberne Netze, Titanmäuse rammten ihre Zähne in den zitternden Arm – als wie aus dem Nichts ein elektrischer Lichtbogen hervorpeitschte, gleich einer glühend hellen Blutfontäne. Ein paar getroffene Nubbun lösten sich in grüne Funken auf, doch sie hatten es geschafft; der
Arm zuckte, die Laserleuchten flackerten, ein dröhnendes Aufbäumen und der Arm streckte sich kraftlos aus.
Sechs Arme waren noch übrig; fünf, denn in diesem Moment gelang es Hideki, einen weiteren zu durchschneiden. Der Arm prallte gegen das Ufer, rutschte ins Wasser und trieb den See in die Höhe. Hideki sprang auf den nächsten Arm und hob das Schwert – als der Krake mit einer Ruck wieder zum Leben erwachte. Er riss seine restlichen fünf Arme hoch und sprengte den Eiskäfig ab. Hideki wurde ans Ufer geschleudert. Zack warf sich flach auf den Boden und schlang die Arme um den Kopf, als um ihn herum die Welt unterging. Ein Laser würde ihn treffen oder ein Fels ihn erschlagen, er musste nur darauf warten, und sicher war es dumm von ihm, dass er nicht einfach das Safeword sagte. Jeder hätte das getan. Aber Lachlan würde denken, er hätte ihn im Stich gelassen. Lachlan. Was hatte er am See zu suchen?
Auf einmal wusste Zack es und er sprang auf wie von der Tarantel gestochen und rannte durch das Chaos, die scharfen Schatten und grellen Lichter, schlitterte auf der bebenden Erde, verschwendete keinen Gedanken an den Laser, der scharf über ihn hinwegschnitt, bis er am See war, wo Lachlan gerade auf die Beine kam. Er warf sich auf ihn. Sie stürzten, Lachlan schlug aus, doch Zack packte ihn.
„Zack, was zum –“
„Ich weiß, was du vorhast, du willst die Truhen raufholen! Du sollst nicht den Helden spielen!“
„Wir brauchen die Dinger, oder?“, presste Lachlan hervor, der versuchte, sich unter Zacks Gewicht hervorzuwinden. „Wie lange willst du hier noch bleiben?“
„Wenn du dabei draufgehst, wird Hideki stocksauer sein, und dann hilft er uns vielleicht nicht!“
„Sieh doch dem Kraken zu, Zack, er greift alles mögliche an, aber nie seinen eigenen See!“
„Wir dürfen es uns mit Hideki nicht verscherzen!“
Lachlan hörte auf, sich zu wehren. Bewegungslos ertrug er Zacks Gewicht, der gar nicht daran dachte, sich vom Fleck zu bewegen. „Ich tue ihm den größten Gefallen, der mir möglich ist“, sagte Lachlan ruhig. „Ob du willst oder nicht.“
Zack erschrak fürchterlich: Aus Lachlans Hinterkopf tauchte ein Gesicht, schwarz wie die Nacht, mit Augen wie ein Rauchlöwe und einem breiten Grinsen voll spitzer Zähne. Zwei krallenbewehrte Hände packten ihn an den Schultern, eine ungeahnte Kraft riss ihn von Lachlans Rücken, wirbelte ihn herum und warf ihn auf den harten Boden.
„Lachlan!“
Doch alles, was er von Lachlan noch sah, war sein dunkler Lockenkopf, der unter der Oberfläche des Sees verschwand. Zack wollte ihm nichts wie hinterher, doch Lachlans Dämon warf ihn zurück. „Geh runter!“, knurrte Zack, wälzte sich zur Seite,
um das Biest abzuwerfen. Es griff ihn nicht an, sondern hielt ihn nur fest, so wie Zack Lachlan festgehalten hatte. Kurzentschlossen zog er den Colt und schoss dem Dämon in die Brust. Der Effekt war wesentlich befriedigender als bei dem Arm des Kraken: Die schwarze Kreatur ließ mit einem Rückwärtssalto von ihm ab, flatterte empor und wäre sicher sofort zu ihm zurückgekehrt. Zack ließ es so weit nicht kommen, im Nu war er auf den Beinen, er rannte zum Ufer, steckte den Colt weg und sprang ohne zu zögern.
Kalt, dunkel und nass schloss sich das Wasser um ihn: Er ließ zu, dass er in die Tiefe sank, während er sich mit zusammengekniffenen Augen umsah. Der See war nicht tief, so dass er Lachlan schnell eingeholt hatte: Er zerrte an dem Griff einer Truhe, die sich nicht vom Fleck bewegte. Drei dieser Truhen standen auf einem Felsvorsprung, gezimmert aus Holz und beschlagen mit Eisen.
Zack packte den anderen Griff und zu zweit gelang es ihnen, die Truhe hochzuhieven. An Schwimmen aber war nicht zu denken; sobald sie sich vom Boden abstießen, sank die Truhe zurück auf den Felsen. Lachlan schüttelte den Kopf. Zack fragte sich, wie lange sie die Luft noch anhalten konnten; vielleicht war es eine Besonderheit von Cronos, dass er noch nicht das Gefühl hatte, er müsse ersticken. Lachlan, dem es offenbar ganz ähnlich ging, legte den Kopf in den Nacken. Der Krake saß wie eine schwarze Insel im See, rund um ihn herum leuchtete und blitzte es unablässig, das Tosen der Explosionen drang dumpf zu ihnen herab.
Da sah Zack einen rotäugen Schatten, der sich in hohem Tempo auf sie zubewegte. Lachlans Dämon fegte zwischen sie, packte die Truhe und trug sie durch das Wasser nach oben, als wäre sie nicht schwerer als ein Buch. Kurz darauf kehrte er mit leeren Klauen zurück und schnappte sich die zweite Truhe. Lachlan begann wieder nach oben zu schwimmen und Zack beeilte sich, ihm zu folgen. Er sah die Wasseroberfläche nahen, die verschwommenen Lichtgewitter, mit denen Melpo und der Krake die Luft erfüllten. Lachlan durchstieß die Oberfläche und näherte sich rasch dem Ufer, als sich etwas Großes und Dunkles vor die Lichter schob. Das Wasser explodierte in Wolken aus Luftbläschen und lang und dick und schwer wie ein umgefallener Tanklaster sank ein Arm des Kraken an ihm vorbei. Das verdrängte Wasser drückte ihn nach oben; so schnell er konnte, kraulte er ans Ufer, das er im selben Moment erreichte wie Lachlans Dämon, der die letzte Kiste auf den Boden warf. Lachlan half Zack aus dem Wasser und schnappte sich die erste Kiste, um sie in Sicherheit zu bringen. Er schleifte sie über den Boden, weil sie zu schwer war, um sie zu tragen, und Zack, japsend und prustend und doch voller Energie, packte die zweite Kiste mit beiden Händen und rannte los. Der Dämon nahm die dritte. Sie folgten Lachlan, der zu einem der Felsen wollte.
„Hier her!“, rief er und flüchtete in den Schatten des abgesprengten Gesteinsbrockens. Keuchend ließ er die Kiste los. „Sind die schwer, verdammt –“
Zack stellte seine Kiste daneben – und fühlte sich großartig. Er wünschte auf einmal, er hätte nicht versucht, Lachlan aufzuhalten, denn seine Idee war fantastisch gewesen, und sie hatte funktioniert. Er strahlte Lachlan an.
„Es hat geklappt“, seufzte dieser.
Zu gern hätte Zack Hideki auf der Stelle Bescheid gegeben, doch der Kampf war unvermindert weitergegangen. Er entdeckte Hideki unter dem Kraken, mit dem erhobenen Schwert, doch nicht mehr halb so flink wie am Anfang. Bildete er es sich nur ein oder schwankte Hideki?
„Die schaffen das nicht“, sagte Lachlan, stieß ihn an und deutete auf den Felsen, auf dem Melpo vorhin die Violine gespielt hatte. Jetzt befand sie sich darunter, vielleicht war sie gestürzt; sie schleppte sich mit letzten Kräften in den Schlagschatten, dann brach sie zusammen.
„Die sind am Ende“, sagte Zack.
„Wenn die beiden sterben, kommen wir hier nicht mehr raus“, sagte Lachlan panisch. „Wir können gegen den Kraken nichts ausrichten – und ich darf mich nicht ausloggen. Außerdem bringen uns die Kisten dann nichts. Wenn wir auch sterben, holt uns hier keiner raus.“
„Und jetzt? Vielleicht braucht sie nur einen Muffin!“
„Einen Muffin?“
„Ja! Vielleicht hat sie keine Heilmittel mehr. – Du bleibst hier“, sagte Zack im Befehlston, schlug Lachlan auf die Schulter und stürmte aus der Deckung.
Er hielt sich am Rand, um nicht die Aufmerksamkeit des Kraken auf sich zu ziehen, und rannte, so schnell er konnte, was nicht so einfach war. Die Laserstrahlen hatten den Boden in eine Schutthalde verwandelt, lockere Steine lagen ihm im Weg, Löcher im Boden, über die er springen musste. Er erreichte einen anderen Felsen, kleiner als der, hinter dem Lachlan saß, doch groß genug, um sich hinter ihm zu ducken, als der Krake das ohrenbetäubende Döhnen losließ und abermals Laserstrahlen die Höhle durchschnitten. Zack rollte sich ein und wartete darauf, dass das Rumpeln und Krachen der herabstürzenden Gesteinsbrocken endete. Staub und Steinchen fielen ihm auf den Kopf und den Rücken. Was, wenn der Krake einen der Felsen traf, hinter denen sich Lachlan und Melpo versteckten? Wenn er der einzige war, der überlebte? Sie hatten erst vier seiner Arme bezwungen … die Hälfte war noch übrig, und doch waren sie schon am Ende ihrer Kräfte …
Das schaffen wir nicht, dachte er erschaudernd. Aber sie hatten die Kisten … alles, was sie tun mussten, war, sie in Sicherheit zu bringen … vielleicht mit einer Tunnelmurmel. Das war die Idee. Ob Melpo eine hatte? Er musste zu ihr!
Das Beben endete. Als er den Kopf wieder hob, hatte sich eine von jenen gewaltigen Wurzeln gelöst, die schon von Anfang an so bedrohlich tief gehangen hatten, und sich quer durch die Höhle auf den Boden gelegt. Zack wollte gerade losstürzen, als er stutzte. Die gigantische Wurzel – sie hatte jemanden getroffen und halb unter sich begraben.
Hideki.
Zack starrte ihn an. Bestimmt war er nur kurz benommen. Gleich würde er sich wieder regen, sich unter der Wurzel hervorziehen und weiterkämpfen. Zack sah, wie
der Krake seine letzten vier Arme hob, und zog schnell den Kopf ein, als er nach allen Richtungen feuerte. Diesmal hatte er den Eindruck, dass es eine halbe Ewigkeit dauerte, bis die Erde aufhörte zu beben … er linste hinter dem Stein hervor … Hideki lag immer noch unter der Wurzel … Komm schon, dachte Zack mit zusammengebissenen Zähnen, steh endlich auf, du Arsch!
Da – etwas bewegte sich. Ein graues, durchsichtiges Abbild Hidekis erhob sich aus der Wurzel. Fassungslos sah er an sich herab – auf seine Leiche. Er war tot.
Nur Melpo war noch übrig.
Zack verlor keine Zeit, sprang unter dem Stein hervor und eilte zu Melpo. Sie hatte gesehen, was mit Hideki geschehen war, und starrte Zack erschrocken entgegen. Sie rief: „Was hast du …“ – Mehr hörte Zack nicht: Eine Schattenantilope sprang ihm in den Weg, richtete die Korkenzieherhörner auf ihn und galoppierte los. Zack brauchte eine geschlagene Sekunde, um zu begreifen, was passierte; er sprang beiseite, riss den Colt heraus und schoss auf die Antilope. Er traf sie dreimal im Hinterteil – sie stürzte, grüne Funken. Ein Brummen: Er sah hektisch über sich, ein Bomberfalter, der Säurekapsel wich er aus, ein Schuss und der Falter zerplatzte. Die Kapsel landete dicht vor seinen Füßen; er sah gerade rechtzeitig hin, um die Stacheldrahtraupe zu erkennen, die auf ungleichmäßig langen Dornen auf ihn zurollte. Er schoss auf sie, rückwärts strauchelnd. Wieso griffen sie ihn an? Weil Hideki gestorben ist, ging es ihm auf. Sie hatten unter seiner Kontrolle gestanden, doch jetzt wo er weg war … Wie viele waren noch übrig? Und wirkte Lachlans Schild noch?
Der Passionsspinner löste sich auf, exakt in dem Moment, als ein Rauchlöwe auf ihn zupreschte. Zack schlug die Handballen zusammen und stieß ihn von sich; er musste zu Melpo, sie würde einen Schild heraufbeschwören und sie alle in Sichercheit bringen. Während er weiterrannte, schoss er rücklinkgs auf den Rauchlöwen; vier Schüsse, fünf, und aus Qualm wurde ein Funkenmeer. Zack legte noch einmal an Tempo zu, gleich hatte er den Felsen erreicht. Da, das Dröhnen – er warf sich flach hin und kniff die Augen zu. Nicht jetzt, flehte er, bitte erwisch mich bloß nicht jetzt –
„Attacke!“, rief eine helle Mädchenstimme. Etwas Weißes flog über ihn hinweg – ein kleiner Roboter mit grünen Lampenaugen. Zack stockte der Atem: Mit einem Propeller auf dem Rücken flitzte Hana durch die Höhle, umrundete den Kraken und – zerlegte sich. Es sah aus, als fiele sie auseinander: Beine, Arme, Kopf und Torso lösten sich voneinander und flogen in alle Richtungen davon. Sie deformierten sich zu glänzenden weißen Bowlingkugeln, die rasend schnell um den Kraken zu rotieren begannen. Zack bemerkte gerade noch die rohrartigen Öffnungen der Kugeln, da setzte ein markerschütterndes Knattern ein. Mündungsfeuer brach aus den Öffnungen, als Geschosse auf den Kraken niederprasselten, wie ein Hagel aus Kanonenkugeln.
Eine fauchende Titanmaus lenkte Zacks Aufmerksamkeit auf sich. Sie stürzte sich auf ihn, krallte sich an ihm fest und setzte dazu an, ihm die Zähne in den Arm zu treiben. Er packte sie am Ohr und schleuderte sie von sich, zielte und schoss – grüne Funken. Er nahm die Beine in die Hand. Melpo war jetzt in Reichweite – doch sie war nicht mehr allein. Shadiya stand neben ihr, diesmal nicht mehr als Geist, und reichte ihr eine Phiole, die Melpo gierig austrank.
„Zack!“, rief sie, als er japsend bei ihnen ankam. „Was zum Teufel machst du denn da? Wieso versteckst du dich nicht, und wo hast du Lachlan gelassen?“
„Ich dachte, du könntest ein Heilmittel gebrauchen – einen Muffin – ich wollte dir einen bringen –“
„Du wolltest mir einen Muffin bringen? Der ist doch nur für Anfänger, Zack!“, sagte Melpo verzweifelnd. „Und überhaupt, du hättest die Karte auch werfen können. Wo ist Lachlan? Geht es ihm gut? Oder ist er –“
„Wir haben die Kisten“, stieß Zack hervor. „Wir – lasst uns hier abhauen, schnell, ja?“
Melpo und Shadiya tauschten einen Blick.
„Ich kann uns hier rausteleportieren“, sagte Shadiya. „Ich müsste nur einen Atziloth rufen.“
„So wie ich das sehe, ist das nicht nötig. Hana hat ihn in der Hand“, sagte Melpo, nachdem sie einen Blick um den Felsen riskiert hatte. „Ich helfe ihr. Vielen Dank, Shadiya – ich brauchte schon so lange kein Heilmittel mehr, dass ich völlig vergessen hatte, welche zu kaufen.“
„Dafür bin ich da“, sagte Shadiya.
Melpo spielte ein paar Takte auf der Geige und ließ sich von einem blauen Lichtwirbel auf den Felsen hinauftragen, wo sie sofort dazu überging, ein pathetisches Lied zu spielen. Zack wartete auf einen knisternden Schild oder einen Wasserwirbel, der klirrend zu Eis wurde, doch nichts geschah. Die in Kanonenkugeln aufgelöste Hana schien über einen nicht enden wollenden Vorrat an Munition zu verfügen; zwei weitere Arme hatte sie zerstört, deformiert und durchlöchert lagen sie zwischen den Gesteinstrümmern. Der Krake schlug nach ihr, doch wenn er eine ihrer Kugeln traf, geriet diese nur kurz aus der Bahn und kehrte sofort an ihren Platz zurück. In der Höhle wurde es immer dunkler, weil Hanas Geschosse die Laser zerstörten – nur noch ein paar einzelne Strahlen flogen an die Decke und gegen die zerstörten Wände, lösten Steine, aber keine Felsen mehr. Zischend wie Wasser in heißem Öl gab der vorletzte Arm des Kraken den Geist auf.
Vielleicht hatte Melpo auf diesen Augenblick gewartet, zumindest vermutete Zack, dass das, was jetzt geschah, mit ihrem Geigenspiel zusammenhing. Eine dünne Lichtspirale wuchs um den Kraken herum, wanderte in Windeseile vom einzigen Arm hinauf zum Kopf – und zog sich zusammen wie eine Schlinge. Sie schnitt ihm in den kegelförmigen Körper, stieß auf Widerstand, haderte mit ihm, gewann den Kampf und zerlegte den Kraken in dünne Scheiben. Die grellen Operationslampen erloschen endgültig, es wurde finster – und der Krake explodierte in grüne Funken.
Zack stieß einen Schrei aus; auf dem Felsen jubelte Melpo und klatschte in die Hände. „Geschafft!“
„Mabrouk“, sagte Shadiya auf Arabisch und drehte sich zu Zack um. „Wo sind die Kisten?“
Sie stießen zu Lachlan, der auf einer der Schatztruhen saß; sein Dämon hatte sich offenbar wieder zurückgezogen. „Das Monster ist tot“, begrüßte Lachlan sie, als könnte er es noch nicht so recht fassen. Er bemerkte Hideki, der ihnen als Geist hinterher kam, sichtlich unzufrieden mit seiner Lage. Mit verschränkten Armen sah Hideki Shadiya dabei zu, wie sie die erste Kiste öffnete. Zack half ihr, den schweren Deckel aufzuhieven. Und in der Kiste war – nichts.
„Sie ist leer“, sagte Shadiya ungläubig.
„Mach die andere auf“, sagte Melpo und packte selbst mit an. Sie wuchteten den Deckel hoch.
Nichts.
„Das gibt es doch nicht“, sagte Zack.
„Hier ist etwas“, sagte Shadiya und griff in die dritte Kiste. Es war eine Marionette mit Händen und Füßen aus geschnitztem Holz und einem Körper aus weichem Samt. Shadiya hielt die Puppe hoch und starrte sie ratlos an.
„Eine Puppe?“, fragte Melpo zweifelnd.
„Vielleicht ist das nur …“ Shadiya hatte den Satz noch nicht beendet, als die Puppe plötzlich das Gesicht verzerrte. Shadiya ließ sie erschrocken los – doch die Puppe fiel nicht zu Boden. Sie drehte si ich um die eigene Achse, schwebte in die Höhe und begann aus heiterem Himmel zu brüllen.
„HA! HA! HA! HA! HA! REINGEFALLEN!“ Sie kreischte und lachte wie ein verrückter Esel. „REINGEFALLEN! SEHT EUCH DIESE TROTTEL AN! HA! HA! HA! ALLES UMSONST! IHR WART ZU LANGSAM! VERSAGER!“
Und die Puppe ging in Flammen auf.