Bonuskapitel: “Europa hat Krebs”

Sylwester stutzte, als er bei einem Blick auf seine neuen Stiefel bemerkte, dass er mitten auf einem Flugblatt stand. Er schob es mit der Schuhspitze ein Stück beiseite, wobei er mehr unbewusst als willentlich die Überschrift las:

„EUROPA HAT KREBS.“

Da er gerade nichts Besseres zu tun hatte, bückte er sich nach dem Flugblatt. Es war durchweicht vom Regen und sein Stiefel hatte ein dunkelbraunes Trittmuster auf den Buchstaben hinterlassen. Der Text, durchgehend in Versalien verfasst, brüllte Sylwester beim Lesen geradezu an.

„NACH DEN TERRORANSCHLÄGEN DES JAHRES 2021 STAND EUROPA AM SCHEIDEWEG: WÜRDE ES SEINE DEMOKRATISCHEN GRUNDWERTE, DIE PERSÖNLICHE FREIHEIT UND DIE OFFENHEIT SEINER GRENZEN DER ILLUSION VON SICHERHEIT OPFERN? DEN MEISTEN MENSCHEN WAR DIE ANTWORT AUF DIESE FRAGE NICHT WICHTIG; SIE STÖREN SICH AUCH HEUTE, IM JAHR 2030; NICHT AN DEN OMNIPRÄSENTEN ÜBERWACHUNGSDROHNEN …“

Sylvester überflog den Text mit mäßigem Interesse, dann knüllte er das Flugblatt zusammen. Er warf es jedoch nicht weg, sondern steckte es in die ausgebeulte Seitentasche seiner speckigen Lederjacke.

Zu schade zum Wegwerfen, dachte er. Immerhin war es ein klassisches Pamphlet, altmodisch gedruckt auf Papier. Faszinierend, fand Sylwester – dies war ja schließlich das fortgeschrittene 21. Jahrhundert. Wer nutzte da schon noch Papier? Der Verfasser war vermutlich in seinen Vierzigern. So wie er.

Mit dem Inhalt selbst konnte Sylwester nicht viel anfangen. Sein Spezialgebiet waren Diebstähle, neuerdings auch Entführungen – ein profitableres Geschäft als die Rebellion gegen den Staat. Er selbst hatte es von Anfang an abgelehnt, sein neues Zielobjekt mit Spähsoftware zu observieren, obwohl das viel einfacher gewesen wäre. Stattdessen hatte er sich seine schicken neuen Cowboystiefel angezogen und war ihm zu Fuß nachgegangen. Ohne Handy, wegen der Spuren, die er damit hinterlassen hätte.

Seit einer guten Stunde lehnte er im Schlagschatten eines Hauses und beobachtete durch die Sonnenbrille, was im Pub auf der anderen Straßenseite geschah. Das Fenster glich einer Kinoleinwand, er konnte alles klar erkennen und beobachten wie einen Film: Menschen saßen an den Tischen, standen an der Bar und drängten sich im Halbkreis um die Musiker, die Violine und Gitarre spielten. Über der Bar reihten sich auf gläsernen Regalen Schnapsflaschen nebeneinander, tannengrün und bernsteinfarben funkelnd. Die Tür zur Küche ging auf und zu. Sylwesters Magen knurrte so gut vernehmlich, dass sich ein Hund, der an einem Mülleimer schnüffelte, nach ihm umdrehte. Scheißkälte, dachte Sylwester, dem Hund die Zähne zeigend. Warum nur musste das Zielobjekt unbedingt in Irland wohnen? Wieso nicht in Italien oder auf den Malediven? Der Hund hinkte davon.

Seine Aufmerksamkeit schärfte sich, als in der Menschenmenge im Pub gegenüber das blasse Gesicht des Jungen aufblitzte. Perfekter Lachlan Abercromby, dachte Sylwester süffisant. Reich, gut aussehend, einigermaßen intelligent – das Selbstvertrauen quoll ihm geradezu aus den Poren, als wäre ihm nichts so bewusst wie seine schillernde, angeborene Makellosigkeit. Aber er hatte einen Makel: Sein schlaksig-dürrer Körperbau würde ihm bald zum Verhängnis werden. Nur weil er mit seinem Meter achtzig auf keine siebzig Kilo kam, würde es gerade mal eine Sekunde dauern, ihn zu betäuben und in den Kofferraum zu werfen.

Der Höhepunkt.

Sylwester fühlte sich der Sonne ein Stück näher, wenn er daran dachte. Es erfüllte ihn mit Stolz, zu sehen, wie gut er alles im Griff hatte, weil er die Entführung so sorgfältig vorbereitete wie einen Heiratsantrag: Ort, Zeit, Stimmung, alles musste perfekt sein. Erstens, weil es seine erste Entführung war, zweitens, weil sein Auftraggeber sicher noch mehr Kandidaten auf der Liste hatte. Und wen würde er dann beauftragen, wenn nicht ihn, mit dem er gute Erfahrungen gemacht haben würde? Die Aussicht auf weitere Aufträge ließ ihn diese kalten, verregneten Tage durchstehen. Und natürlich auf die Bezahlung. Eine Million Euro. Junge, da würde wenigstens ein Haus auf den Malediven drin sein. Und zwar direkt am Meer, dachte Sylwester breit grinsend.

Lachlans blasses Gesicht verschwand wieder zwischen den Köpfen im Pub. Sylwester gähnte.

Er knetete an dem zerknüllten Flugblatt herum, während er den Blick umherschweifen ließ, durch die Menge aus Zerstreuungsuchenden, die sich träge durch das Dubliner Touristen- und Vergnügungsviertel bewegten. Er sah ein paar schlanke Mädchen in Minikleidern hinterher, die auf Plateau-Highheels über das Pflaster stöckelten, das Hunderte von Reifen glatt und rund geschliffen hatten. Die Straße roch nach Fisch und Frittierfett, dank eines mit Neonröhren ausgeleuchteten Fish-and-Chips-Imbisses in der Nähe.

Eine junge Frau näherte sich ihm. Sie war kaum mehr als Haut und Knochen, vermutlich in den späten Teens und so offensichtlich drogensüchtig, dass es peinlich war, sie anzusehen. Das T-Shirt umflatterte ihre jungenhafte Brust. Sie kam ohne Einstieg zur Sache.

„Hast du mal fünfzig Cent?“, fragte sie. Augenlider auf Halbmast, Tränensäcke, verlaufene Wimperntusche. „Nur zum Telefonieren.“

Na klar, dachte Sylwester. Aber er wusste, wie sich ein Entzug anfühlte, und kramte nach einem Eurostück. „Hier, bitte“, sagte er gönnerhaft.

„Danke“, sagte sie träge. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie danach gegangen wäre, aber sie blieb stehen und sah ihn mit verschleiertem Blick an.

„Scheißwetter, oder?“

Er nickte unverbindlich. Mein Gott, dachte er. Sie hatte grottenschlechte Zähne.

„Ich bin Allie.“ Sie deutete auf seine Schuhe. „Schöne Stiefel. War’n bestimmt teuer.“

„Danke.“ Er grinste und sie lächelte zurück (Heroin oder Crystal; das Zeug zerstörte den Körper, und bei den Zähnen fing es an). Dass aus diesem unbeabsichtigt langen Blickkontakt kein unfreiwilliger Flirt wurde, war einer chromglänzenden Frisbeescheibe zu verdanken, die in diesem Moment über ihre Köpfe hinwegflitzte. Sie verlangsamte ihren Flug über ihnen. Die Scheibe hatte schwarze Glaskuppeln auf der Ober- und Unterseite; in der unteren Kuppel war unsichtbar eine Kamera untergebracht, von der man dank des verdunkelten Glases nie sagen konnte, worauf sie gerade zeigte. Vermutlich filmte sie ihn und das Mädchen. Der Elektromotor surrte, während sich die vier in die Krempe eingelassenen Rotoren so schnell drehten, dass nur ein weicher grauer Wirbel zu sehen war. Sylwester winkte mit seiner schmutzigen Hand in die Kamera und zeigte beim Grinsen eine Zahnlücke, von der er fand, dass sie das Sympathischste an ihm war. Die Drohne beschleunigte wieder und flog im weiten Bogen um die Ecke und tiefer ins überfüllte Innere der Pubmeile.

„Ich hasse diese Scheißteile“, sagte Allie lahm.

Sylwester ignorierte sie.

„Hast du noch mehr Geld?“, fragte Allie drängend. „Nur noch fünfzig Cent. Bitte.“

„Nein“, sagte Sylwester. Sie wurde ihm lästig.

„Komm schon“, sagte sie und fasste ihm an den Arm.

Er stieß sie weg. „Verzieh dich.“

„Arschloch.“ Sie drehte sich um und schlurfte über die Straße. Ein Taxi musste scharf bremsen; der Fahrer schlug auf die Hupe. Sie verschwand in der Menge.

Vielleicht dreht man bald einen Film über mich, dachte Sylwester, der das Mädchen schnell wieder vergessen hatte. Es mangelte ihm ja nicht mehr an Bekanntheit, sonst wäre ihm der Auftrag nie zugespielt worden. Er sah auf seine neuen Cowboystiefel und lächelte zufrieden. Diese Schuhe waren der beste Beweis dafür, dass er ein Genie war. Er hatte sie sich von der Anzahlung gekauft, die er für den Job bekommen hatte. Eine italienische Sonderanfertigung, fünfundneunzigtausend Euro schwer. Edles Krokodilleder; schimmernde Goldplatten in Form von Kreuzen; und als Heiligenscheine um die Kreuze funkelnde Diamanten.

Im Pub jubelten und pfiffen die Gäste der Violinistin zu, als sie ein flottes Solo hinlegte. Sylwester hielt nach dem Jungen Ausschau. Nichts. Er saß vermutlich irgendwo an der Bar, hinter all den anderen Gesichtern.

Er hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß gehabt wie bei dieser Observation. Sylwester nannte den Jungen Loki, weil ihm sein richtiger Name Kopfschmerzen bereitete. Zum Glück war Loki – anders als sein Name – recht unkompliziert: Er ging selten aus dem Haus, und wenn doch, dann meist abends zum Feiern. Dabei nahm er immer dieselbe Route, besuchte dieselben Lokale und hatte auch sonst leicht durchschaubare Angewohnheiten. Sylwester hatte sie alle detailliert festgehalten, in einem Notizbuch, das er vor drei Wochen in der Henry Street gekauft hatte. Es mochte altmodisch sein – so altmodisch wie das Flugblatt in seiner Manteltasche –, aber er konnte nicht anders, er musste sich immer Notizen machen. Andererseits konnte einem Notizbuch auch nicht der Strom ausgehen, also warum sollte er sich ändern? Auch Loki hatte eine Macke, die ihm sympathisch war, gewissermaßen Sylwesters Lieblingsmacke: die, nach Besuchen in einem Techno-Club durch die gottverlassenen War Memorial Gardens nach Hause zu gehen. (Sie hatten das schon zweimal beobachtet, mitten in der Nacht, von der Con Colbert Road aus. Beide Male hatte Szymon zuschlagen wollen, was Sylwester verhindert hatte; es wäre nicht perfekt gewesen.)

Das Regalbrett voll Schnaps, das über den Köpfen im überfüllten Pub glitzerte, zog Sylwesters Blick immer wieder magisch an. Der einzige Nachteil an der Observation: Andauernd war er unterwegs. Nie konnte er einfach mal die Füße hochlegen, sich einen Film ansehen und dabei eine Dose kühlen Biers in der Hand halten. Die Stunden, die er sitzend im Auto verbrachte, gingen ins Kreuz, ganz abgesehen davon, dass da drin niemand seine Stiefel sah. Und wenn er draußen unterwegs war, musste er sich ständig mit dem Wetter arrangieren. Nirgendwo auf der Welt wechselte das Wetter so schnell wie in Irland, davon war Sylwester überzeugt. Heute war es ein fast windstiller, warmer Junitag gewesen, der am Abend von einem kurzen, heftigen Regenschauer beendet worden war. Seitdem herrschte eine alle Stofffasern durchdringende Kälte, gegen die sein Mantel so viel ausrichten konnte wie ein Seidenbolero. Sylwester fror sogar an den Füßen, obwohl die wertvollen Stiefel mit weichem Ziegenleder gefüttert waren. Er sah besorgt zum Himmel. Das Stadtleuchten strich die Wolken in einem hässlichen braunroten Farbton an. Die Stiefel mochten wasserdicht sein (nach einer besonderen norwegischen Technik versiegelt, hatte ihm der italienische Schuhmacher versichert) – aber er wollte nicht, dass der Regen Wasserflecken auf dem edlen Leder hinterließ.

Genau in diesem Moment landete etwas Kühles auf seiner Nase, und kurz darauf begannen dunkle Punkte den Gehsteig zu sprenkeln.

Das war so klar, dachte Sylwester.

Er tat einen Schritt in Richtung Fish-and-Chips-Imbiss. Von dort aus würde er den Eingang des Pubs gerade noch im Blick haben, ohne Gefahr zu laufen, seine Schuhe mit Wasserflecken zu besudeln. Doch dann stockte er und blieb stehen.

Er blickte sehnsüchtig und ausgekühlt zum Pub mit dem warm leuchtenden Fenster, sah erneut die glitzernde Reihe der Schnapsflaschen auf dem Regalbrett, überlegte und kehrte um. Gottes Hand würde ihn führen: Wenn sie den Jungen aus den Augen verloren, wäre das kein Beinbruch. Sie wussten ja, wo er zu finden war. Sylwester küsste das Kreuz, das an einer schwergliedrigen Kette um seinen Hals hing, eilte durch den Regen und quetschte sich in den Pub.