An eine Heldin

Kleine Thekla,

deine Heldin ist magisch. Sie zaubert, sie beschwört die Liebe, sie bezwingt das Böse. Sie ist Kitsch, sie ist Freude, sie lässt dir Flügel wachsen. Du liebst sie über alles. Du bist sie. Und doch wirst du heute oder morgen diese Heldin draußen im Papiercontainer entsorgen. Du wirst dabei denken: Hoffentlich sieht mich keiner. Hoffentlich werden alle vergessen, dass ich dich mal mochte.
Du denkst, dass es jeder weiß und dass dich alle dafür verachten. Wenn du in die Schule gehst, dann ist dir, als riefen sie dir aus allen Ecken schlimme Namen zu. Du versteckst dein Gesicht hinter einem Vorhang strähniger Haare und kleidest dich schwarz, als wäre jemand gestorben. Auf einmal ist es in deinem Kopf, das, was du für eine Erkenntnis hältst: Es verstört dich, du starrst diese knallbunten Comic-Hefte an und meinst dich zu sehen, wie sie dich sehen. Kindisch. Komisch. Anders. Sailor Moon!
Du kannst es nicht mehr hören, und deshalb nimmst du diese Hefte und trägst sie zum Müll hinaus. Von nun an wirst du dir die Haare färben. Du wirst dir bei Deichmann Stiefel mit hohen Absätzen kaufen und Make-Up tragen. Du wirst böse sein, das Gegenteil von Sailor Moon, scharfzüngig, arrogant. Du wirst fünfzehn sein. Fast schon erwachsen, selbständig. Du wirst die sein, die nicht Sailor Moon mag.
Deine arme Heldin, im Container. Eines Morgens wird die Müllabfuhr vor deinem Haus halten, ein Mann wird aussteigen und kurz darauf werden all die Hefte zusammen mit Reklame und Briefen und Pappverpackungen in den dunklen Bauch des Wagens fliegen. Rumms, Zisch, Klack. Und fort. Die Regale von nun an halbleer. Und aus dem Bauch steigen, scheinbar ohne Zusammenhang, Zorn und Hass und Selbstzweifel, ein Cocktail, der nach Metall schmeckt, nach schmutzigem Schnee und Schnapps und altem Brot. Er macht dich betrunken. Du wirst Jahre brauchen, um wieder nüchtern zu werden.
Dass die anderen dich nicht mögen, dass sie Sailor Moon nicht mögen und dass sie dich beides spüren lassen, das ist etwas, das wir nicht ändern können. Wir werden nie erfahren, warum es so ist. Aber die Frage, warum du diese Hefte weggeworfen hast, warum du Sailor Moon weggeworfen hast, wird dich früher oder später ereilen, und dann wird sie dich nicht mehr loslassen. Es ist die Frage deiner Fragen.
Es gibt diesen natürlichen Prozess, in dessen Verlauf wir uns von den Helden unserer Kindheit trennen: Es geschieht von ganz allein. Unsere Helden verabschieden sich leise, damit wir den Rest des Wegs alleine gehen können. Doch wann immer wir ihnen wieder begegnen, sei es, weil uns unverhofft eine alte Ausgabe eines Comicbuchs in die Hände fällt, weil wir ein Kinderhörspiel hören oder unsere Nichten und Neffen zufällig diese eine Serie sehen – sobald sie auftauchen, fühlen wir uns geborgen. Wir tanken ein warmes Gefühl, wir tanken Unbeschwertheit und Zuversicht, wir tanken ein wenig von dem Glauben an ein magisches Licht, das in uns glüht und Dämonen bezwingt. Wir tanken Kindheit. Wir erinnern uns gern an diese Zeit, weil sie unser Fundament ist.
Du aber reißt dir deine Heldin aus wie einen Arm. Du willst sie loswerden wie einen Pickel auf der Nase. Du schämst dich so sehr für sie, dass du noch jahrelang nicht an sie denken kannst ohne halb verrückt zu werden.
Jahre später wirst du dich fragen, wer du bist. Weiß jemand, wer er ist? Sind wir die Summe unserer Eigenschaften? Sind wir die Summe unserer Taten? Du wirst akribisch genau darauf achten, wie andere Menschen auf dich reagieren, und dich danach bewerten. Du wirst wie eine leere Dose sein, und alles, was andere Menschen über dich sagen, wirst du in diese Dose gießen, und dann wirst du die Dose schütteln und wahrhaftig sagen: Das hier drin, das bin ich.
Sailor Moon hätte das nie getan. Sie war sich immer treu. Oft genug hat sie gejammert, dass sie etwas nicht schaffe, aber am Ende hat sie es dann doch immer geschafft. Ganz egal, wie oft sie gestürzt ist, Sailor Moon ist immer wieder aufgestanden. Und wie scheußlich ihre Feinde auch waren: Sailor Moon, die übermenschlich freundliche Sailor Moon, hat nie auch nur einen einzigen von ihnen gehasst. Sie hat sie nicht einmal verletzt. Sie hat sie lediglich geheilt.
Ich wünschte, ich könnte dich davon abhalten, die Hefte wegzuwerfen. Ich würde dich dazu bringen, sie in den Keller zu verbannen. Denn eines Tages, wenn du das mondlose Tal hinter dir gelassen hast, wirst du dir wünschen, du könntest in diesen Keller hinabsteigen und sie ans Licht holen, um sie noch einmal mit neuen Augen zu betrachten. Aber so soll es nicht sein. Vielleicht ist das der Lauf der Dinge. Schließlich schreiten alle Heldinnen mal durch dunkle Täler. Warum solltest du da eine Ausnahme sein?

Bis bald
Deine Thekla