Kapitel 0

Ich kann das Feuer noch riechen. Egal, wohin ich gehe, ob ich in der U-Bahn sitze und durch den Tunnel rase oder ob ich nachts in den Ruinen schlafe, ich könnte sogar in ner Drogerie stehen, immer riech ich das Feuer.
Brennendes Holz und schmorendes Plastik.
Manchmal hör ichs sogar knistern. Ich hörs auch jetzt, am helllichten Tag in Schöneberg, während der Regen mir in den Nacken nieselt und Autoreifen übers Pflaster rumpeln, hör ich dieses dunkle Knistern und spür ich den Qualm in den Augen, die mir damals so gebrannt haben, und das Beißen in der Lunge, ich dachte, der Rauch beißt sich geradewegs durch meinen Körper, so sehr hat das wehgetan.
Aber nun bin ich hier und es ist ruhig und leise in dieser Straße mitten in Berlin. Kein Feuer weit und breit.
Ich muss mich zusammenreißen — da vorne wohnt Mike, ich schau mal nach oben, ob er auf dem Balkon steht und mich hat kommen sehen. Nein, das ist zu hoch, ich kann nichts erkennen, und wieso sollte er mich auch erwarten, das Wetter ist kacke und er kann nicht hellsehen.
Eigentlich bin ich ja verschwunden.
Da steht sein Name auf dem Klingelbrett, Kruse, viel zu gewöhnlich für einen Typen wie Mike. Ist vielleicht keine so gute Idee, bei ihm zu klingeln, er wird nicht begeistert sein, mich zu sehen, wirft mich bestimmt gleich wieder raus oder schleift mich zu meiner Mutter, Gott, wenn er meine Mutter anruft, dann …
Aber ich kann nicht mehr umdrehen, ich brauch ne Pause, nur eine einzige Nacht in Sicherheit und in sauberer Kleidung, ich muss klingeln, ich muss weg von der Straße, ich brauche ne Pause von dem Feuer in meinem Kopf.

Nächstes Kapitel …