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Ein Hexengarten entsteht

Ein Hexengarten entsteht

Jetzt, wo sich draußen mal wieder der Schnee türmt, ist die Zeit für Gartenthemen gekommen. Der heutige Autorenbrief ist daher ein rebellischer Akt gegen den Winter: Draußen mag es kalt sein, aber im Kopf ist schon alles grün.

Das Schwarze Bilsenkraut. Foto: Jaanus Leoste

Und wie grün. Es ist eine Sucht. So muss es sich anfühlen, in Minecraft mit dem Bauen zu beginnen: so viel freie Fläche, so viele Möglichkeiten. Und niemand schreibt dir vor, was du zu tun und zu lassen hast. Na gut, fast niemand. Aber was mein jüngstes Projekt betrifft, haben meine Mitbewohner durchaus berechtigte Einwände.

Sie haben mir nämlich verboten, Fingerhut und Stechapfel anzupflanzen. In diesem Haus leben drei Kinder, ein viertes ist unterwegs, da haben Giftpflanzen im Garten einfach nichts zu suchen. Auch nicht solche wie der Gefleckte Schierling, Eisenhut oder das Schwarze Bilsenkraut, drei der giftigsten Pflanzen, die in Europa heimisch sind. Allein die Samen des Schierlings sind so giftig, dass man beim Aussäen Handschuhe tragen müsste. Sokrates wurde mit einem Schierlingstrunk hingerichtet. Das Gift kann durch die Haut eindringen und dich innerhalb einer halben Stunde durch Atemlähmung töten. Und sowas wächst auf unseren Äckern!

Okay, ich bleibe vernünftig und lasse die Finger vom Schierling. Ich bin eigentlich ein großer Schisser, wenn es um sowas geht, und würde mich der Pflanze vermutlich nur mit ABC-Schutzanzug nähern. Aber für alles andere habe ich eine Lösung gefunden: Ich lege einen Hexengarten an. Einen kleinen Bereich, der mit einem Zaun gesichert wird.

Hinter der Garage haben wir ein dreieckiges Wiesenstück, das uns zum Teil als Nutzgarten dienen wird. Mit zwei Planen habe ich über den Winter ein Beetstück vorbereitet, das umgepflügt wird, sobald der Schnee weg ist. Gegenüber sollen die Bohnen, die Kartoffeln, die Zucchini und der Hopfen wachsen. Und ganz hinten, wo sich die Zäune im spitzen Winkel treffen, fernab der Spielflächen der Kinder, ist Platz für den interessanten Kram.

Mexikanisches Traumkraut, Holunder, Damiana, Löwenohr, Schöllkraut, Tabak, Stachelmohn, Eisenhut, Tollkirsche, Schwarzes Bilsenkraut, Mönchspfeffer, Frauenminze, Arnika, Ringelblumen, Fingerhut, Weinraute, Räuchersalbei, Berg-Gamander, Mutterkraut, Schafgarbe, dreierlei Fingerhut und Bittersüßer Nachtschatten – ich habe bestimmt ein paar Pflanzen vergessen. Und mittendrin ein Tischchen für mich und meinen Laptop. So bekomme ich nicht nur einen Platz für meine Heilpflanzen, sondern auch einen Rückzugsort.

Der Blaue Eisenhut. Foto: Annette Meyer

Damit die Kinder nicht auf die blöde Idee kommen, sich beim Versteckspiel in den Blauen Eisenhut zu kuscheln und dabei von der Tollkirsche zu naschen, bekommt der Hexengarten einen Totholzzaun. Der ist ganz einfach zu bauen: Man schlägt im Abstand von etwa einem Meter je zwei einander gegenüber liegende Pflöcke in den Boden. In diese Zwingen kommen Äste und Zweige, bis eine dicke Wand entstanden ist. In dieser sogenannten Benjeshecke können sich Insekten, Amphibien, Reptilien, Mäuse, Igel, ja sogar Fledermäuse ansiedeln. Und auch im Winter bietet so ein Totholzzaun ein angemessenes Quartier für all diese Tiere.

Und der Garten erfüllt auch einen pädagogischen Zweck: Ich kann die Kinder hindurchführen, ihnen zeigen, wie giftige Pflanzen aussehen, und sie vor der Wirkung warnen. Ich kann ihnen beibringen, dass es Pflanzen gibt, die man nicht mit bloßen Händen anfassen darf. Und solche, die man zwar nicht essen kann, aus denen sich aber Arznei herstellen lässt.

Aus Eisenhut kann man zum Beispiel eine schmerzstillende Salbe gewinnen (auch, wenn man wegen der Giftigkeit von Eisenhut davon absehen sollte, diese als Laie zuzubereiten). Die Weinraute ist ebenfalls giftig, wenn auch nicht so sehr wie der Eisenhut. Sie wirkt richtig dosiert schlaffördernd und krampflösend. Und dann gibt es ja auch noch die harmlosen und hilfreichen Heilpflanzen wie Ringelblume, Arnika und Wermut. Letzterer ist ein Paradebeispiel für Medizin, die wirkungsvoll, aber sehr bitter ist. Der Klassiker.

Da stellt sich die Frage: Wenn es so viele harmlose Heilpflanzen gibt, warum dann überhaupt Giftpflanzen aussäen? Warum Bilsenkraut, warum Tollkirsche? Ich glaube, das hat mit meiner Jugend zu tun. Als Teenager hatte ich blühendes Bilsenkraut in meinem Kinderzimmer. Die Neugier junger Menschen ist wirklich nicht zu unterschätzen – ich hätte dringend eine Führung durch einen Hexengarten gebraucht, denn ich wusste nichts über Giftpflanzen, obwohl ich sie sehr faszinierend fand. Wikipedia gab es damals noch nicht. Aufklärung ist jedenfalls immer besser als ein „Oh, Gott, eine Giftpflanze, geh damit weg“.

Damals ging es los, dass ich mich gern mit solchen Pflanzen umgab. Ich habe das Gefühl, dass zwischen mir und diesen Pflanzen die Chemie stimmt. Als würden wir einander ansehen und uns schweigend zunicken. Vielleicht, weil ich weiß oder verstehe, was sich in ihnen befindet. Jeder Mensch hat doch diesen Winkel in sich, in dem er seine seelischen Giftpflanzen kultiviert. Das Bilsenkraut und ich teilen dieses Geheimnis.

Ich freue mich darauf, an meinem kleinen Gartentischchen zu sitzen und in einer Schreibpause dem Stechapfel dabei zuzusehen, wie er eine Wildbiene nährt. Mir kommt es gar nicht darauf an, diese Pflanzen zu ernten und weiterzuverarbeiten. Ich will sie nur um mich haben. Von Löwenohr und Damiana abgesehen, denn die ergeben hervorragende, nikotinfreie Rauchkräuter, die bei bewusstem Konsum auf legale Weise entspannen können.

Ab Dienstag soll es wieder wärmer werden, und dann beginnt hoffentlich endgültig der Frühling. Nur noch ein paar Tage durchhalten!

Eure Thekla


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