Der Autorenbrief #5

Vier Erwachsene, drei Kinder, drei Katzen und jetzt noch eine Schwangerschaft: Seit Juli 2020 leben mein Mann und ich in einer Zwei-Familien-WG. Das Modell bringt Menschen an ihre Grenzen, die gar nicht bei uns wohnen. Dabei ist es höchste Zeit, das Wohnen neu zu denken – nicht nur, aber vor allem wegen der explodierenden Mieten.

Die Villa KuK: Wohnen neu gedacht

Jetzt muss ich erstmal ein bisschen angeben. Wir leben nämlich in einem riesigen, romantischen Holzhaus. Es hat drei Stockwerke, eine Fußbodenheizung, mehrere Bäder, zwei große Eckbadewannen, ein voll ausgebautes Untergeschoss mit Sauna, Hobbyraum und Waschkeller, einen umlaufenden Balkon, eine riesige Terrasse und einen Garten mit Wiesen, Hochbeeten, Bäumchen … Wenn ich das so aufzähle, müsst ihr denken, wir wären reich. Nun, wenn wir uns eine Miete von 3000 Euro leisten könnten, denn das kostet dieses Haus monatlich, wären wir das ganz sicher. Aber wie die meisten Menschen sind wir’s nicht.

Das Leben als Normalverdiener ist in Oberbayern schwierig geworden. Oder sollte es inzwischen nicht sogar heißen: in Deutschland? 2020 sind die Mieten zwar nicht mehr so extrem gestiegen wie in den Jahren zuvor – nur um 1,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, zeigt eine Auswertung des Immobiliendienstleisters Value AG für Zeit Online. Aber die Steigerungen um bis zu fünf Prozent, die der Mietmarkt in den vergangenen Jahren zu verzeichnen hatte, lösen sich dadurch nicht in Luft auf. Gleichzeitig haben sich die Reallöhne von 2007 bis 2019 nur um ein Prozent pro Jahr erhöht, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung.

Und jenseits der Statistik gibt es ja auch noch das richtige Leben: Menschen werden krank oder gekündigt, neue Kinder geboren und Eltern alleinerziehend. Das Auto braucht Sprit, der Hund eine OP, der Teenager einen funktionierenden Computer fürs Homeschooling – und ein Bett im Schullandheim. Finanziert wird das alles von dem Geld, das nach der Miete übrig bleibt. Steigen also die Löhne um ein Prozent, knallt keiner mit Korken, wenn zugleich die Miete um 200 Euro anschwillt – oder gar ein Umzug unvermeidbar wird.

Unsere Mitbewohner lebten in einer Vier-Zimmer-Wohnung ohne Keller, als sich das dritte Kind ankündigte. Mein Mann und ich litten in unserer Drei-Zimmer-Wohnung unter der psychischen Belastung durch die Vermieter. Zwei völlig verschiedene Ausgangssituationen, doch unser beider Familien hatten eines gemeinsam: Wir zahlten aufgrund schlechter Bausubstanz oder weil wir schon seit vielen Jahren in unseren Wohnungen lebten, eine moderate Miete. Zwar hätten mein Mann und ich – kinderlos und mit nur einem Auto – eine teurere Wohnung noch finanzieren können, aber dann hätten wir unsere Katzen womöglich wieder einsperren müssen. Unsere heutigen Mitbewohner waren mit einer noch größeren Belatung konfrontiert: Sie brauchten eine Wohnung, die größer und bezahlbar war. Aktuell finde ich genau eine 5-Zimmer-Wohnung in der Gegend, die Miete: 1800 Euro kalt. So war die Situation auch letztes Jahr.

Das Haus, in dem wir heute leben, war das erste, das wir uns angesehen haben. Eigentlich sind wir nur hingefahren, um irgendwo mit der Suche zu beginnen – wir waren uns noch nicht mal wirklich sicher, ob wir das durchziehen wollten. Deshalb denke ich heute: Wer sich an so ein Projekt heranwagt, der sollte nicht erst nach Häusern suchen, wenn alle Beteiligten überzeugt sind. Manchmal muss man mit eigenen Augen sehen, was gemeinsam möglich wäre. Wir sind damals häufiger hergefahren, sind durch die Zimmer gegangen, haben uns vorgestellt, wie das wäre, wenn unsere Möbel darin stünden – und unsere Mitbewohner gleich nebenan wären. Denn so gern ihr eure Freunde auch habt: Wenn ihr frisch zusammengezogen seid, sind sie erst einmal irritierende Fremdkörper in eurem privaten Bereich.

Die Besichtigung des Hauses verwandelte die Idee in etwas Reales. Auf einmal klopften wir nicht mehr nur Sprüche, sondern stellten uns eine konkrete Frage: Waren wir bereit, einen gemeinsamen Haushalt zu gründen? Ich hatte die Befürchtung, einer von uns könnte sich mitreißen lassen, Zweifel für sich behalten und am Ende unglücklich sein. Wir sprachen daher ganz gezielt über Ängste und mögliche Konfliktherde. Unsere Mitbewohner waren sich bis zuletzt nicht sicher, ob mein Mann und ich wirklich mit ihren drei Kindern zusammenleben wollten, immerhin haben zwei von ihnen ADHS. Und meinem Mann musste ich förmlich aus der Nase ziehen, dass ihm die von mir vorgeschlagene Raumaufteilung gegen den Strich ging.

Erstaunlicherweise kamen die größten Widerstände nicht aus unserem Kreis, sondern von außen. Die einen äußerten Zweifel und Bedenken, die anderen reagierten auf die Neuigkeit, als müssten sie selbst mit einziehen. Für konservative Hausbesitzer, für die die Familie das Höchste ist, obwohl sie nicht einmal genau definieren könnten, was eine Familie ausmacht – abgesehen von der Blutsverwandtschaft –, ist der Gedanke an eine WG wie die unsere richtig unangenehm. Eine WG ist in dieser Hinsicht wie eine Hochzeit: Man heiratet die Verwandtschaft mit.

Und was für die Ehe gilt, gilt auch für die WG: Die Verwandtschaft hat nicht mitzureden. Sie ist willkommener Besuch, gestaltet aber das Zusammenleben nicht mit. Sie hat auch eure Lebensentscheidungen nicht negativ zu kommentieren. Leider zählt zum Zusammenleben in einer WG auch, zu akzeptieren, dass sich Verwandtschaft nicht ändern lässt.

Das sind zumeist auch die Menschen, die aufgehört haben, dich neu kennenlernen zu wollen. Wenn man zusammenzieht, lernt man sich selbst und einander ständig neu kennen, was nicht nur an der Bereitschaft liegt, sondern auch daran, dass man eine ganz neue Erfahrung miteinander macht. Das beginnt in dem Moment des Entschlusses und hört von da an nicht mehr auf. Neue Gefühle kommen ins Spiel. Nur die Romantik muss anfangs außen vor bleiben, und damit meine ich nicht etwa romantische Gefühle für die Partner der befreundeten Familie – wer die hat, sollte das Projekt abbrechen, bevor es zu spät ist. Nein, ich meine die rosarote Brille im Bezug auf die WG. Ins Träumen und Schwärmen darf man kommen, sobald das Zusammenleben für alle funktioniert. Wer im Vorfeld romantisiert und idealisiert, dem droht ein böses Erwachen. Denn eines steht von vornherein fest: Das Zusammenleben ist nicht einfach.

Menschen sind laut, emotional, machen Dreck und ihn manchmal nicht weg, haben Sex, lassen ihre Wäsche überall liegen, heulen, schreien, geben zu viel Geld aus und streiten sich. Kinder streiten noch mehr, sie trampeln, trotzen, überfluten Bäder, zerstören Dinge und wollen diskutieren, selbst wenn es nichts zu diskutieren gibt. Katzen kacken neben die Schale, kotzen dir vors Bett, laufen dir unter die Füße und haben immer Hunger. Und Babys sind zwar süß, aber auch egoistisch, das liegt in ihrer Natur.

Und dann steckt die Welt obendrein noch im Würgegriff einer Pandemie, die euch und die Kinder zu Hause einsperrt. Die verhindert, dass du für ein Wochenende einfach mal wegfährst oder dass sich die Kleinen tagsüber im Zoo verausgaben können. Unter solchen Umständen besteht die realistische Gefahr, dass du dir eine Axt wünschst.

Aus deinen Freunden werden Wahlfamilienmitglieder, und wie in jeder Familie gibt es gute und schlechte Tage. Den Unterschied zwischen einer funktionierenden und einer nicht funktionierenden Familien-WG macht die Bereitschaft, die schlechten Tage genauso anzunehmen wie die guten. Und sich immer wieder bewusst zu machen, dass man sich für dieses Wohnmodell entschieden hat. Die Konflikte waren von Anfang an einkalkuliert. Du kannst vorher nicht wissen, warum es Streit geben wird. Aber du kannst davon ausgehen, dass es ihn geben wird. Wie gehst du mit Streit um? Sind bei dir auffallend oft die anderen Schuld? Bist du in der Lage, dir die Standpunkte der anderen anzuhören, bevor du dir ein Urteil bildest? Das ist ein Skill, den man in einer WG meistern muss. Anders funktioniert das Ganze schlecht.

Ich glaube, wir kriegen das richtig gut hin. Nach meinem Empfinden wachsen wir allmählich zusammen. Wir sind füreinander da, auch dann, wenn es gekracht hat. Wir lernen, uns aufeinander zu verlassen und unserer Wohngemeinschaft zu vertrauen, sie als etwas langfristig Stabiles wahrzunehmen. Das ist ein unbewusster Prozess, für den man sich nicht entscheiden kann und der meiner Meinung nach mit der Anzahl der erfolgreich bewältigten Konflikte korreliert. Würde ich mit meinem Mann ganz plötzlich wieder in eine kleine Wohnung ziehen müssen, käme mir diese im Vergleich zur Villa KuK still und leer vor.

Unterm Strich ist die Familien-WG also eine gute Lösung für Menschen, die gern in einem Haus leben würden, sich das allein aber nicht leisten könnten. Aber so gut die rationalen Gründe auch sein mögen: Die soziale Ebene muss passen. Selbstkritik und -reflexion sind unverzichtbare Persönlichkeitsmerkmale für jeden, der in so einer turbulenten Gemeinschaft leben will. Wer hier reflexartig denkt: „Ich bin schon selbstkritisch, aber die anderen nicht!“, ist für so ein Projekt kaum geeignet. Die Familien-WG ist somit ein zukunftsfähiges Wohnmodell und eine Chance, menschlich zu wachsen. Ich kann sie nur empfehlen.

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