Der Autorenbrief #4

Nach meinem letzten Autorenbrief erreichte mich über Twitter die Frage, wie viel ich vor Cronos Cube geschrieben hätte – aufbauend auf einem Ratschlag des Fantasy-Autors David Eddings an Jungautoren: “Schreibe 10 000 Seiten und verbrenne sie. Dann fang nochmal an.” Der Satz hat etwas Wahres an sich. Aber wie viele Seiten waren es eigentlich bei mir?

Phasen der Entwicklung

Es waren viele Seiten, sehr viele, und ich bin froh darüber. Denn die Entdeckung des inneren literarischen Kompasses und das Erlernen des Schreibhandwerks ist ein so erfüllender und erhellender Prozess, dass ich niemandem raten würde, darauf zu verzichten.

Meine (noch lange nicht abgeschlossene) Entwicklung vollzog sich bisher in neun Schritten: Sturm und Drang, Popstar der Literatur, Perfektionismus, Hammer der Ernüchterung, Zeit der Entwicklung, glitschige Fische, Heureka-Moment, Verantwortung und Gesellenstück.

1.     Unkontrolliertes Sturm-und-Drang-Schreiben. Eine Idee kommt und muss sofort zu Papier. Jeder Satz klingt perfekt, weil er beim Lesen die Erinnerung an die Szene weckt, die ich beim Schreiben im Kopf gehabt habe. Es geht weniger darum, irgendwelche Leser mit auf eine Reise zu nehmen. Ich reise allein. Da bin ich zwischen neun und 15 Jahre alt.

2.     Inzwischen haben so viele Freunde meine Texte gelobt, dass ich mich wie ein werdender Popstar der Literatur fühle. Meine literarischen Vorbilder sind auf einmal meine Konkurrenten, und jeder, der meine Genialität nicht anerkennt, wird leidenschaftlich gehasst. Um meiner neu entdeckten Brillanz gerecht zu werden, schreibe ich jeden Satz, jede Seite hundertmal um. Ich schreibe viel, aber nichts fertig. Ich bin davon überzeugt, mein Text wird umso besser, je verschachtelter die Sätze sind. Wer schlicht und einfach schreibt, hat es halt einfach nicht drauf! Das nenne ich übrigens Perfektionismus. Ich bin zwischen 16 und 20 Jahre alt.

3.     Während ich meinen Perfektionismus pflege wie ein liebgewonnenes Haustier, fällt mir auf, dass es noch etwas gibt, das Texte verbessert: Recherche. Ich habe zwar keine Ahnung, wie man recherchiert, aber ich schreibe gerade einen Fantasyroman, der in einem gigantischen Palast spielt (Größenwahn auf allen Ebenen). Also laufe ich ins Deutsche Museum und schreibe mir alle Begriffe auf, die interessant klingen, um sie dann in meinen Text einzubauen. Und zwar alle. Mann, wird mich das klug und gebildet aussehen lassen! Ich bin zwischen 19 und 20 Jahre alt.

4.     Der Hammer der Ernüchterung fällt. Mein Fantasyroman ist fertig, zumindest der erste Band. 800 restlos überladene Seiten, keine Ahnung, worum es genau geht, deshalb ist die Handlung auch nicht abgeschlossen. Es hat sich gut angefühlt, sie zu schreiben. Aber das gute Gefühl ist verflogen. Was ich da produziert habe, kann ich keinem Verlag zeigen. Ich wüsste nicht mal, wo ich mit dem Überarbeiten anfangen soll. Ich bin 20 Jahre alt.

5.     Zäsur. Nach drei Jahren des Rotierens und Ruderns rund um ein neues Projekt herum, bekomme ich ein Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung. Schluss mit Sturm und Drang, es ist die Zeit der Entwicklung. Ab jetzt wird gelernt. Meine Chefin schleudert mir alles um die Ohren, was ich verbocke. Sprachliche Schnitzer, unpräzises Geschwurbel, falsche Strukturen, fehlende Informationen. Ich weiß nichts von meinem ADHS, aber ich will mich verwandeln, ich will, ich will, ich will so unbedingt, dass ich alles aufsauge, was mir beigebracht wird. Ich denke nicht mehr, ich wäre brillant. Die Menschen um mich herum indes sind es. Nebenbei hole ich das Abi nach. Danach will ich eigentlich studieren. Aber die Redaktionsleitung bietet mir eine Pauschalistenstelle bei der SZ an – ohne Studium, ohne Ausbildung, einfach nur, weil ich so lernwillig und aufnahmefähig bin. Wahnsinn! Ich bleibe acht Jahre bei der SZ, durchlaufe Hochs und Tiefs. Als ich die Redaktion verlasse, habe ich das Gefühl, nichts mehr dazulernen zu können. Ich bin derweil zwischen 23 und 31 Jahre alt.

6.     Während meiner Zeit bei der SZ entdecke ich neue Vorbilder. Patricia Highsmith auf der literarischen, Wolf Schneider auf der sprachlichen und Robert McKee sowie Linda Seger auf der fachlichen Seite. Ich lese Literaturschlüssel aus dem Reclam-Verlag, analysiere Filme. Auf einmal fühlen sich meine Geschichten an wie glitschige Fische, die ich festzuhalten versuche. Wie zum Teufel geht das mit der Struktur? Während ich ein System nach dem anderen ausprobiere – Notizbücher, Fäden an der Wand, Karteikarten, Diagramme, Schaubilder auf Karton und so weiter – und regelmäßig alles anbrülle, was nicht rechtzeitig in Deckung gegangen ist, fange ich an zu begreifen. Ich bin irgendwo in den 20ern.

7.     Die Haupthandlung, das, worum es geht, ist mein roter Faden. Die Plotpoints sind die Nieten, die den roten Faden befestigen. Die Hinleitung zu den Plotpoints ist wie eine Rampe. Je unerwarteter die Wendung, desto wirkungsvoller der Plotpoint. Und je näher ich am roten Faden bleibe, desto dichter ist die Handlung. Figurendesign basiert auf Widersprüchen, Beziehungsdesign auf Kontrasten. Handlung entsteht aus Konflikt. Ich arbeite seit ein paar Jahren an Cronos Cube, als ich endlich meinen Heureka-Moment habe. Ich verwerfe alles und fühle mich wahnsinnig professionell, als ich das ganze Buch neu strukturiere. Noch habe ich mein Handwerk nur begriffen, nicht verinnerlicht. Aber was jetzt entsteht, ist tausendmal besser als alles, was ich je geschrieben habe. Die Welt, die ich mir ausgedacht habe, und ihre Figuren bekommen nun ein richtiges Haus, in dem sie wohnen können. Es ist zwar immer noch zu groß, immer noch zu verschachtelt, aber es ist ein Haus. Ich bin 27.

8.     Was ich bei der SZ gelernt und mir zu Hause selbst erarbeitet habe, kulminiert in meinen ersten Recherchereisen. Es geht nach Irland. Ich war dort noch nie, aber ich habe mir diesen Ort für meine Geschichte ausgesucht, und deshalb muss ich ihn mir jetzt erschließen. Anfangs fliege ich nur mit meinem Lebensgefährten. Als ich das erste Mal allein nach Irland reise, ist das ein gewaltiger Schritt für mich. Mit den Ortsrecherchen werde ich erwachsen. Ich trage Verantwortung. Für meine Sicherheit, aber auch für das Projekt. Das ist kein Urlaub, sage ich mir. Das ist Arbeit. Zwei Jahre lang bin ich in jeder Minute geistig in Cronos, bei Lachlan und Zack, bei ihrem Konflikt, ihrer Story, dem roten Faden ihres Wegs und ihrer Entwicklung. 2016 ist Cronos Cube fertig. Und ich bin 29 Jahre alt.

9.     Cronos Cube ist das Kind meiner Zwanziger. Es ist mein Gesellenstück, und das merkt man ihm an. Sturm und Drang treffen auf journalistische Lehrjahre und den ersten Versuch, zu viel Handlung und zu viele Details in eine übersichtliche Storystruktur zu gießen. Es fehlt diesem Buch noch an so vielem. An Genrekonventionen, an Konzentration, an Reduktion. Cronos Cube ist auch das Kind meines unentdeckten ADHS. Nie wieder werde ich so ein Buch schreiben können. Das ist zugleich schade und gut. Schade, weil Cronos Cube so unkonventionell ist, dass der Liesmich Verlag es herausgebracht hat. Gut, weil ich inzwischen weitergezogen bin, zum Oetinger Verlag, zur Agentur Michael Meller, in die Welt der Publikumsbücher. Ich bin 30 Jahre alt, als Cronos Cube beim Liesmich Verlag erscheint, und 31, als Oetinger Taschenbuch es neu auflegt.

Bis zur Endfassung von Cronos Cube habe ich 10 000 Seiten verworfen. Mindestens. Ich trauere keiner einzigen Seite nach, denn das wenigste von dem, was man als junger Autor oder junge Autorin schreibt, ist Gold. Der Wert dieser Seiten liegt in ihrem Beitrag zu unserer Entwicklung.

David Eddings Aussage: “Schreibe 10 000 Seiten und verbrenne sie. Dann fang nochmal an”, ist daher wahr. Sie sagt aus: Halte nicht alles, was du am Anfang schreibst, für lesenswert. Betrachte es kritisch und finde heraus, was du besser machen kannst. Dann mache es besser, und betrachte auch das kritisch. Irgendwann hast du so viel geschrieben, dass du von dir behaupten kannst, Übung und Erfahrung zu haben. Und mit diesen beiden Werkzeugen an der Hand schreibst du dein erstes Buch.

Der Begriff „junger Autor oder junge Autorin“ bezieht sich übrigens nicht auf das Alter. Auch, wenn ihr über 40 oder 80 Jahre alt seid, hindert euch nichts daran, mit dem Schreiben zu beginnen. Dann seid auch ihr junge AutorInnen. Und für euch gilt das gleiche wie für AutorInnen Anfang 20. Charles Chadwick war 72, als sein erster Roman, „Ein unauffälliger Mann“, erschienen ist. Ich weiß zwar nicht, wie viele Seiten Chadwick zuvor verworfen hat, aber sein Beispiel zeigt: Es ist nie zu spät.

Viel Spaß beim Schreiben!

Eure Thekla

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