Der Autorenbrief #3

Habe ich Talent? Ja, ich glaube schon. Aber hat mich mein Talent zur Schriftstellerin gemacht? Nein! Heute will ich euch zeigen, warum ich denke, dass Talent überbewertet wird, und wieso ihr ohne Talent sogar bessere AutorInnen werden könntet als andere, die begabt sind.

Über das Schreiben: Vom Wert des Talents

Mein Mitbewohner hat ein Talent fürs Geschichtenerzählen. Wenn er etwas erzählt, höre ich gern zu und fiebere mit. Manchmal schmeiße ich mich auch weg vor Lachen. Außerdem koordiniert und verfasst er das interaktive Textadventure zur Cronos Cube auf Twitter, in dem er immer wieder zeigt, dass er weiß, wie man eine flotte und spannende Handlung entwirft und langfristig verfolgt. Was er (noch) nicht kann?

Schreiben.

Ich kam auf dieses Thema, weil er mir letztens ein selbst verfasstes DnD-Abenteuer gezeigt hat. Eine Textart, die sich wie ein Bericht liest, weil sie nicht dazu dient, den LeserInnen einen Film vorzuspielen oder sie gar mit sprachlichen Finessen zu beglücken. Für ein Pen-and-Paper-Abenteuer war es gut geschrieben, es erfüllte alle formellen Anforderungen, ließ sich flüssig lesen und enthielt keine Schnörkel.

Nun hat mein Mitbewohner aber auch mal ein kleines Stück Fiktion verfasst. Einen Dialog. Witzig und originell, aber so gut wie unlesbar. Die Rechtschreibung war zum Fürchten und der Text so unübersichtlich strukturiert, dass ich ihm kaum folgen konnte. Okay, das sind nur formelle Kritikpunkte, die sich leicht beheben lassen. Ein anderer kurzer Text von ihm, den ich mal lesen durfte, war mit Insidern und Metaphern so überladen, dass er sich nur schwer aufnehmen ließ. Fehlt meinem Mitbewohner also einfach das Talent zum Schreiben? Soll er es am besten gleich bleiben lassen, sich gar nicht erst an einem Roman versuchen?

Das hat er mich nicht im Wortlaut gefragt, aber so hat er’s gemeint, als wir uns neulich über den Schreibstil seines DnD-Abenteuers unterhalten haben. Es ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Braucht man zum Schreiben eines Romans Talent? Und falls ja, welches Talent? Und wie viel davon? Und wenn man überhaupt keines hat, was dann?

Das Umfeld macht den Unterschied

Spulen wir mal 17 Jahre zurück.

Mein erster Freund war Legastheniker und verrückt nach Fantasy-Literatur. Ich glaube, er kannte den Herrn der Ringe – oder auch Tolkiens Gesamtwerk – auswendig. Und er hielt recht viel von seinen Fähigkeiten als Autor, denn er sagte immer: „Würde ich eine Sexszene schreiben, würden meine Leser einen Orgasmus bekommen.“ Leider hat es nie drauf ankommen lassen, denn er hatte ja Legasthenie und das hat ihn, soweit ich das heute beurteilen kann, immer vom Schreiben abgehalten.

Anders als bei mir. Ich lernte im Kindergarten das Alphabet, begriff schnell, wie die Buchstaben zusammengehörten, und konnte zur Einschulung fließend lesen. In der ersten Klasse verfasste ich Gedichte, in der dritten Klasse schrieb ich immer längere Geschichten mit elf Jahren begann ich meine erste Romanreihe, falls man das so nennen kann. Ich sog neue Wörter, Formulierungen und Stilmittel auf und verwendete sie in meinen Texten. Das zu tun, war für mich das höchste Glück.

In der Kindheit ist das der Weg, den Talent geht: Es drängt uns zur Tat. Wäre es ein Mentor, würde es neben uns stehen und sagen: „Guck mal, das hier ist spannend, du könntest richtig gut darin werden, wenn du es übst.“ Es sagt nicht: „Guck mal, hierin bist du spitze!“

Unser Umfeld machte den Unterschied.

Ich hatte eine Mutter, die sich in den ersten Jahren meines Lebens nur um mich gekümmert und mir früh das Alphabet gezeigt hat. Und ich hatte eine Mentorin. Sie hieß Frau Nebeck und war meine Lehrerin in der Grundschule. Frau Nebeck hat mich ermutigt, mich gefördert, mir in der dritten Klasse eine Eins für einen Aufsatz gegeben, der eine Themaverfehlung, aber überdurchschnittlich gut geschrieben war. Überdurchschnittlich, weil ich eben früh ans Lesen herangeführt worden war und als Sahnehäubchen eine natürliche Sprachbegabung besaß.

Und mein Ex? Der war Legastheniker. Wenn er in den ersten Jahren seines Lebens etwas gelernt hat, dann, dass seine Texte falsch waren. Sie waren ja voller Fehler. Obwohl ich nicht dabei war, kann ich doch mit Sicherheit sagen, dass er keine Lehrerin hatte, die ihm vor lauter Begeisterung eine Eins für eine Themaverfehlung gegeben hat. Denn wenn du eine Lese- und Rechtschreibschwäche hast, bist du für die Schule und die meisten LehrerInnen in erster Linie ein Problemfall.

Ob Talent oder nicht: Er hatte den Drang, zu schreiben, als wir einander kannten. Aber anders als ich tat er es nicht, denn er war nie dazu ermutigt worden. Den Zusammenhang hat eine Studie von Sian Beilock von der University of Chicago aufgezeigt, wie das FOCUS Magazin 2009 berichtete: “Als Folge der Begabungsthese lassen sich vermeintlich Unbegabte davon abhalten, ihr Können zu entfalten.”

Lernbereitschaft ist wichtiger als Talent

Als ich ihm mit ungefähr 17 Jahren mal einen Text von mir zeigte, kritisierte er meinen übermäßigen Gebrauch von Adjektiven. Boah, war ich wütend! Wie konnte er es nur wagen, mein Talent anzuzweifeln, wo er doch noch nicht einmal selbst schrieb? So ein Klugscheißer! Ich fühlte mich angegriffen, denn ich war abhängig von Lob und konnte mit Kritik nicht umgehen. Ich wollte bestätigt werden, nicht entmutigt.

Warum war das so?

Talent hat in unserer Gesellschaft einen absurden Stellenwert. Der Focus hat es in seinem oben verlinkten Artikel folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Von Geburt an, so der Glaube, trennt Begabung die Genialen von den Gewöhnlichen und die Bewunderten von den Belächelten. Talent ist der göttliche Funke, ein Geschenk höherer Mächte, und wen er erleuchtet, darf sich auserwählt fühlen.“ Diesen Irrglauben hatte ich unbewusst auch verinnerlicht. Ich kam gar nicht auf die Idee, mich zu fragen, ob ich denn etwas über das Schreiben und Erzählen wusste.

Spoileralarm: Ich wusste nichts darüber.

Alles, was ich schrieb, schrieb ich impulsiv und intuitiv, und deshalb brauchte ich auch ständige Bestätigung von außen, denn ich verstand meine Texte ja selbst nicht. Um sich in der Literatur verorten zu können, muss man sich mit dieser Literatur auseinandersetzen. Man darf sie nicht nur lesen, fühlen und wegstellen. Man sollte wenigstens versuchen, zu begreifen, was man da liest. Die Wortwahl. Den Aufbau der Handlung. Die Spannungskurve. Die Analyse fremder Werke ist wichtig für die Analyse des eigenen Werks. Wer weiß, was er tut, kann konstruktive Kritik einordnen.

Die Analyse ist ein Werkzeug des professionellen Schreibens. Professionelles Schreiben ist ein Handwerk. Talent erleichtert nur die Aneignung der handwerklichen Fähigkeiten, aber es macht niemanden zu einem guten Autor oder einer guten Autorin.

Ich war sogar kurz davor, Talent aufgrund meiner eigenen Erfahrungen als hinderlich zu bezeichnen. Aber das ist falsch: Hinderlich ist der gesellschaftliche Umgang mit dem Begriff des Talents. Es ist zwar wichtig, junge Menschen auf ihr Talent hinzuweisen, sie zu bestärken und zu unterstützen. Aber genauso wichtig ist es, allen anderen jungen Menschen diese simple Wahrheit immer wieder vorzubeten: Talent ist eine Veranlagung, nicht mehr und nicht weniger.

Um beim Schreiben zu bleiben: Wer talentiert ist, aber nie das Handwerk des Schreibens lernt, kann mühelos von jemandem übertroffen werden, der wenig bis gar nicht talentiert ist, sich aber das Handwerk des Schreibens beibringt und es Jahr um Jahr trainiert.

Oder um es mit Christiane Fischer-Ontrup vom Internationalen Centrum für Begabtenforschung in Münster zu sagen: „Leistungsbereitschaft [ist] wichtiger als Intelligenz“ (siehe Focus). Fischer-Ontrup bezieht sich dabei auf den Lernerfolg, aber das Zitat lässt sich auch auf das Autorenhandwerk anwenden: Lernbereitschaft ist wichtiger als Talent.

Worauf es wirklich ankommt

Wir belächeln US-Amerikaner für die Creative-Writing-Kurse, die an ihren Universitäten angeboten werden. Denn im Land der Dichter und Denker gehen wir natürlich davon aus, dass SchriftstellerInnen ein gewisser Genius beseelt. Und nicht wenige AutorInnen denken das auch von sich selbst. Warum tun sie das? Liegt es an den Erwartungen der Gesellschaft? Oder an den Vorbildern? Goethe soll einen IQ von 183 gehabt haben, Voltaire einen von 164, Charles Dickens einen von 154. Aber was sind diese Autoren denn noch, außer unsterblich und brillant?

Genau: Sie sind Einzelfälle.

Was wir AutorInnen der Genreliteratur und Belletristik alle wollen, ist, dass viele Menschen unsere Geschichten gerne lesen. Wir wollen, dass man unsere Bücher als „flüssig geschrieben“ und „spannend“ bezeichnet, als „kaum aus der Hand zu legen“, „Pageturner“ und „nachhallend“. Wir wollen bekannt werden, und geschätzt. Aber wir wollen auch, dass unsere Bücher eine individuelle Note haben, dass sie nicht austauschbar sind, sondern uns zugeordnet werden können. Wie geht das?

Die persönliche Note ist meiner Meinung nach das Einzige, was sich nicht gut planen lässt. Sie ist wie der Geruch, den wir an uns selbst nicht wahrnehmen und der bewirkt, dass manche Menschen unsere Nähe suchen und andere uns nicht riechen können. Je genauer wir wissen, wer wir sind und was wir wollen, desto bewusster können wir diese Note einfließen lassen. Müssen wir aber nicht. So oder so wird es am Ende in unseren Texten zu finden sein. Meine Lektorin beim Oetinger Verlag sagte zum Beispiel neulich zu mir, meine Bücher würden wohl immer eine politische und gesellschaftskritische Komponente enthalten, dagegen könne ich gar nichts machen. Ich hab drüber nachgedacht, und sie hat recht.

Aber ein flüssiger, lebendiger Stil oder eine spannende Handlung sind Parameter, die wir beeinflussen können. Das ist nichts, was zufällig entstehen muss, nichts, was Talent für uns erledigt. Talent kann nützlich sein, um rasch zu begreifen, worauf es ankommt. Aber wenn wir uns nie damit befassen, worauf es denn nun ankommt, dann können wir auch nichts begreifen, und somit haben wir auch nichts im Griff.

Zurück zum Anfang.

Mein Mitbewohner fragt sich nun also, ob er einen guten Schreibstil hat und ob er mal versuchen sollte, etwas Längeres zu schreiben.

Lieber Michi, hier kommt meine Antwort: Nein, du hast keinen guten Schreibstil. Du hast gar keinen Schreibstil. Und das ist cool, denn du hast alles noch vor dir! Du hast nämlich noch gar nicht angefangen, dir Stil zu erarbeiten. Man setzt sich nicht eines Tages an die Tastatur und ist bäm! ein guter Autor. So läuft das nicht, bei niemandem.

Aber ich weiß, dass du ein guter Autor werden wirst. Du bist kreativ, belesen und analytisch. Du hast Ideen und den Drang, zu erzählen. Und das Wichtigste: Du bist lernfähig. Das sind die Talente, auf die es wirklich ankommt. Arbeite an deinen Fertigkeiten und an deinen Texten und du wirst sehen, dass du überhaupt nicht scheitern kannst. Nicht einmal dann, wenn deine Rechtschreibung zum Fürchten bleibt.

Und das gilt auch für alle, die sich in meinem Mitbewohner sehen.

Viel Spaß beim Schreiben!

Eure Thekla

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