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ADHS: Vom Verdacht zur Diagnostik

ADHS: Vom Verdacht zur Diagnostik

Ich war immer ein Alien. In meiner Jugend bezeichneten mich Freunde als „Wüstenrennmaus auf Speed“. Ich habe fast immer in einer Traumwelt gelebt, war der Klassenclown, hatte Anpassungsprobleme und konnte mich nicht benehmen, weder als Kind noch später im Job, wo mich alles überforderte. Und trotzdem musste ich bis zur Diagnose 34 Jahre alt werden.

Wenn ihr vermutet, dass ihr ADHS habt, zögert nicht, zur Diagnostik zu gehen. Ob euer Verdacht bestätigt wird oder nicht, ist dabei gar nicht so wichtig. Die Antwort wird euch auf die eine oder andere Weise weiterbringen. Entweder endet eure Suche und ihr habt eine Erklärung für das, was euch das Leben schwermacht. Oder ihr wisst, dass ihr die Suche woanders fortsetzen müsst, falls ihr das denn möchtet.

In diesem Autorenbrief will ich euch daher darlegen, welche Zweifel mich umgetrieben haben, was mich am Ende dann doch in die Klinik getrieben hat und – vielleicht das Wichtigste – wie ihr zu einer Diagnostik kommt.

Aus Kindern mit ADHS werden Erwachsene mit ADHS – auch aus den Kindern, die nie diagnostiziert worden sind. 60 Prozent aller ADHS-Kinder zeigen im Erwachsenenalter weiterhin Symptome (laut Wender, Wolf und Wasserstein in den Annals of the New York Academy of Sciences, 2001, zitiert nach adhs-deutschland.de). Daraus entwickeln sich entsprechende Biografien, die von abgebrochenen Ausbildungen, Jobkündigungen, unbeendetem Studium und Arbeitslosigkeit gezeichnet sind.

Das ist noch lange nicht bei allen Menschen angekommen, auch nicht bei den Ärzten und Psychologen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat Methylphenidat erst 2011 für Erwachsene zugelassen. Noch immer hält sich der Irrglaube, dass sich ADHS mit dem Erwachsenwerden einfach in Luft auflöst. Das liegt daran, dass Betroffene mit der Zeit Strategien entwickeln, um irgendwie zurechtzukommen.

Warum Eltern darauf verzichten, mit ihren Kindern zum Arzt zu gehen, hat sicher ganz verschiedene Gründe. Manche halten es für persönliches Versagen, andere glauben vielleicht immer noch, dass es sich bei ADHS um eine Modediagnose handle und der Zappelphilipp ein Charakterzug sei. Je nach Ausprägung mag das der Fall sein, nicht jedes lebhafte Kind hat gleich ADHS. Aber wenn dahinter eine neurologische Stoffwechselstörung steckt, ist therapeutische und medizinische Hilfe einfach unverzichtbar.

Mein Psychiater ist kein junger Arzt mehr, aber einer, der über den Tellerrand schaut. Als meine Mitbewohnerin bei ihm war und ihm von ihrem ADHS-Verdacht erzählt hat, nahm er sie ernst – was wirklich viel wert ist, weil es selten vorkommt. Meine Mitbewohnerin durfte sich von anderen Ärzten und Psychologen schon einiges anhören, darunter die Empfehlung, doch mal eine Tasse Tee zu trinken (was zur Hölle). Unser Psychiater aber legte ihr ans Herz, sich zur Diagnostik in der ADHS-Ambulanz der kbo Isar-Amper-Klinikum Haar anzumelden. Ich war dabei, aber zum damaligen Zeitpunkt hatte ich noch nicht die Absicht, die Diagnostik auch zu machen.

Als ich meiner Therapeutin davon erzählt habe, hat sie ein kurzes Screening mit mir durchgeführt, und als dieses relativ eindeutig ausfiel, hab ich mir auch einen Termin gemacht. Um ehrlich zu sein, ich dachte bis zuletzt, ich hätte mir da was eingeredet. Das ist mir aber erst bewusst geworden, als die Ärztin nach der zweiten Sitzung sagte, dass die Symptomatik eindeutig sei und meine Biografie typisch für jemanden mit ADHS. Ich war platt.

Aber nachdem der erste Schock verwunden war, ging’s mir jeden Tag besser. Ich bin immer noch dabei, mein bisheriges Leben neu zu bewerten, aber auch unheimlich stolz auf mich, weil ich trotz ADHS schon so vieles geschafft habe. Das war vielleicht das größte Geschenk, denn stolz bin ich noch nie auf mich gewesen. Nicht mal dann, als mein erstes Buch verlegt wurde. Klar war ich damals glücklich, aber ich hatte dieses Gefühl, etwas Tolles geleistet zu haben, nicht. War ja schließlich etwas, das vielen Autoren ständig gelang.

Die Diagnostik in der ADHS-Ambulanz

In der Ambulanz habe ich im November angerufen. Ich musste drei Monate auf meinen ersten Termin warten, fand das aber nicht schlimm – mir war das schon vorher klar und die Zeit verging sowieso wie im Flug. Mir wurde eine Liste von Unterlagen diktiert, die ich zum ersten Termin mitbringen sollte:

·       Grundschulzeugnisse

·       Blutbild

·       Leberwerte

·       Schilddrüsenwerte

·       EEG und EKG

·       eine Überweisung

Die Überweisung ist nicht zu unterschätzen. Sie muss in dem Quartal, in dem auch der Termin stattfindet, von einem Psychiater ausgestellt werden. Bevor ihr also in der Klinik anruft, sprecht mit einem Psychiater darüber und fragt, ob ihr eine Überweisung bekommt. Falls nicht, verliert nicht den Mut. Wägt ab, ob der Absage Vorurteile oder begründete Argumente zugrunde liegen. Das dürfte leicht zu erkennen sein. Und dann sucht euch ggf. einen besseren Psychiater. Ohne euch runterzuputzen.

Das kbo-Klinikum in Haar ist kein einzelner Krankenhauskomplex, sondern setzt sich aus alleinstehenden Häusern zusammen. Die Anlage ist wie ein Dorf für sich. Die Häuser sind nummeriert und auf Tafeln ausgeschildert, plant also etwas mehr Zeit ein, um stressfrei das richtige Gebäude zu finden. Parkplätze sind auch eher spärlich vorhanden.

Zum ersten Termin musste ich die Unterlagen an der Rezeption abgeben. Sie wurden kopiert, dann ging’s ins Behandlungszimmer. Natürlich musste ich dabei die ganze Zeit die Maske aufbehalten. Falls ihr da empfindlich seid, wartet lieber die Pandemie ab, bevor ihr euch einen Termin sichert. Das Gespräch kann sonst anstrengend werden.

Die drei Termine fanden im Abstand von einer Woche statt, die letzten beiden über eine Videosprechstunde. In der ersten Sitzung ging es um die Zeit seit meiner Volljährigkeit, um meine Erlebnisse im Job, die Reaktionen meiner Kollegen auf mich, meine Biografie im Allgemeinen. Die Ärztin hat sehr detailliert nachgefragt. Vor der zweiten Sitzung, in der es um meine Kindheit gehen sollte, habe ich eine Art Gedächtnisprotokoll erstellt. Über mehrere Tage habe ich mir alle Kindheitserlebnisse notiert, an die ich mich erinnern konnte. Das war sehr hilfreich.

Ich habe mich im kbo-Klinikum in Haar ernst und wahrgenommen gefühlt. Die Interviews waren angenehm und die Ärztin sehr nett. Auch hatte ich das Gefühl, dass die Diagnostik professionell und gründlich durchgeführt wurde. Also solltet ihr im Münchner Einzugsgebiet wohnen und nicht wissen, wohin, kann ich die Klinik sehr empfehlen.

Unten findet ihr die Adresse und die Telefonnummer der Ambulanz in Haar. Wenn ihr nicht in der Gegend wohnt, sucht unbedingt nach einer Klinik in eurer Nähe, die euch kostenfrei diagnostiziert. Es gibt inzwischen immer mehr Ärzte, die an Erwachsenen eine kostenpflichtige ADHS-Diagnostik durchführen. Das kostet 200 Euro aufwärts.

Ich wünsche euch alles Gute auf eurem Weg!

Liebst!

Eure Thekla

PS: Meldet euch hier zum Newsletter an und erhaltet die Autorenbriefe jeden Sonntag um 11.50 Uhr per E-Mail zugeschickt. 🙂


kbo-Isar-Amper-Klinikum München Ost

Klinik für Psychosomatik, Psychotherapie und Psychiatrie

Ringstr 24

85540 Haar

Tel: 089/456 236 10

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