Drei Wochen ohne Smartphone: War da was?

Vieles hat sich verändert: Hing ich nicht noch vor drei Wochen von früh bis spät an diesem leuchtenden Rechteck? Das Smartphone ist wie ein Stein am Meeresgrund gewesen. Als ich es aus meinem Leben entfernte, wurde die Lücke sofort von Wasser und Sand geschlossen. Und jetzt lässt nichts mehr darauf schließen, dass da mal ein Stein gelegen hat.

Habe ich weniger Kontakt zu Freunden?

Nein. Im Gegenteil. Wenn ich am Laptop bin und mir die Zeit zum Chatten nehme, sind die Gespräche konzentrierter und persönlicher. Ich sage häufiger Guten Morgen und Gute Nacht, und wenn ich weg bin, bin ich auch wirklich weg, weil ich das Gespräch nicht mit aufs Klo, an den Esstisch oder ins Bett nehme. Ich habe nicht weniger, dafür aber besseren Kontakt zu den Freunden, mit denen ich hauptsächlich über Telegram den Kontakt pflegen kann und muss. Und WhatsApp vermisse ich überhaupt nicht, in keiner Sekunde. Alle wichtigen Menschen sind ja noch da.

Habe ich etwas Wichtiges verpasst?

Nein. Es ist genau wie Rolf Dobelli in „Vergessen Sie die News!“ geschrieben hat: Das Wichtigste habe ich zeitnah durch Freunde erfahren, etwa die neue Pflicht zur FFP2-Maske. Die Diskussionen, die es sicher gegeben hat, die Forderungen, die ziselierende Auseinandersetzung mit jedem Aspekt dieser Entscheidung – all das habe ich mir gespart. Es war für mich auch überhaupt nicht relevant, und so musste ich es auch nicht an mich heranlassen.

Dass ich momentan nicht weiß, was in der Welt geschieht, wirkt sich herrlich beruhigend aus. Ich habe mehr Zeit und Nerven, um meine eigenen Baustellen zu bearbeiten. Nichts zieht von außen Energie von mir ab. In den drei Wochen ohne Smartphone habe ich drei detaillierte Exposés ausgearbeitet und ein Weltenprofil erstellt. Ich habe ein Bullet Journal begonnen, ein Gartenjournal mit über 60 Pflanzen gefüllt und mir ein Buch über botanische Grundlagen zugelegt. Wenn Joe Biden ganz unversehens an Altersschwäche stirbt, werde ich es erfahren. Wenn er sich den Knöchel anknackst, nicht. Und dieses Maß an Informationen reicht mir völlig.

Aber was ist mit GoogleMaps und dem Kalender?

Tatsächlich ist GoogleMaps die einzig wirklich praktische Anwendung, die mir nicht nur persönlich, sondern auch praktisch abgeht. Neulich wollte ich zum Baumarkt in Holzkirchen, um etwas Bestelltes abzuholen. Aber die ausgedruckte Straßenkarte hatte ich zu Hause vergessen. Bei der ersten Gelegenheit bin ich falsch abgebogen, eine halbe Stunde durch den Schnee geirrt und dann wieder umgekehrt. Vielleicht wäre es doch sinnvoll, ein Navi fürs Auto zu kaufen. Aber mich nervt, dass ich so abhängig bin von technischen Geräten, und deshalb werde ich weiter versuchen, meine Kenntnis der Gegend und meinen Orientierungssinn zu verbessern.

Diese Erfahrung war für mich nicht frustrierend, sondern lehrreich und irgendwie auch witzig. Vor allem, weil ich mich unterwegs die ganze Zeit gefragt habe, ob ein Sack Anzuchterde wirklich so wichtig ist, um bei einem Wetter, das höchstens den zweiten Gang erlaubt, durch die Weltgeschichte zur schleichen. Aber so funktioniert mein Gehirn eben noch, so schnell geht das ja nicht: Alles muss sofort und so schnell wie möglich verfügbar sein.

Was den Kalender betrifft, so habe ich mir einen schön dicken Leuchtturm-Tageskalender zugelegt. Jeder Tag des Jahres hat eine eigene Seite, am Ende jeder Woche steht eine ganze Seite für Notizen. Ich benutze den Kalender für Termine und als Tagebuch. Um zu notieren, wann ich mit Kopfschmerzen aufgewacht oder bis zum Morgengrauen eine Serie geguckt habe.

Auch das übrigens eine schöne Neuerung: Ich gucke jetzt Serien durch. Ohne den Drang, aufs Handy zu gucken. Selbst der Impuls, das Klapphandy zu checken, ist weg. Meistens weiß ich gar nicht, wo das Ding gerade liegt. Und das ärgert mich kaum noch.

Werde ich wieder ein Smartphone haben, irgendwann?

Nein. Nie wieder. Es ist eine für mein Leben völlig überflüssige Erfindung, die mir mehr geschadet als genutzt hat. Smartphones und Apps sind praktische Begleiter, die von ihren Schöpfern bewusst so konstruiert werden, dass sie unsere Aufmerksamkeit so lange wie möglich fesseln. Da ich, wie ich seit gestern weiß, auch noch ADHS habe, sollte ich für den Rest meines Lebens tunlichst die Finger davon lassen. Ich glaube nämlich, dass man mit ADHS noch anfälliger für eine Smartphonesucht ist. Aber darüber blogge ich vielleicht irgendwann separat.

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