Wieso ich mein Smartphone gegen ein Klapphandy eingetauscht habe

Dieser Text ist ein Gegengift gegen die Sucht. Er ist lang. Wenn Sie es schaffen, ihn zu Ende zu lesen, können Sie sich glücklich schätzen. Sie gehören noch nicht zu den Smartphone-Junkies, die so viele soziale Medien konsumieren, dass sie ihre Konzentrationsfähigkeit verloren haben.

Ich habe jetzt ein Klapphandy. Das Smartphone habe ich vergangene Woche aufs Werkseinstellung zurückgesetzt und verschenkt, an ein Kind, das damit seither jeden Zentimeter unserer Wohnung ablichtet. Damit war ich offiziell smartphonefrei und bis zum Eintreffen meines neuen Klapphandys nicht einmal erreichbar. „Voll Retro!“, sagen die Leute, wenn ich ihnen von diesem altmodischen Ding erzähle, das in Wahrheit, ich konnte es auch nicht glauben, erst 2018 produziert wurde.

Denn es gibt tatsächlich einen Markt für Klapphandys. Die Nachfrage kommt der Produktbeschreibung zufolge hauptsächlich von Senioren, die Geräte werden wegen ihrer großen Tasten und unkomplizierten Handhabung angepriesen. Ein bisschen zu kurz gedacht, finde ich. Denn da gibt es noch eine zweite Zielgruppe, die größer sein dürfte, als wir uns eingestehen. Die der Süchtigen. Ich weiß, wovon ich rede, denn mein Klapphandy ist genau das: ein Ausstieg.

Für Außenstehende muss es wie eine fixe Idee ausgesehen haben, als ich am 7. Januar plötzlich mein Smartphone aufgegeben habe. Aber sie wissen auch nicht, was ich bis dahin – ich will nicht dramatisch klingen, aber es stimmt so – durchgemacht habe. Jahrelang war das Smartphone für mich ein täglicher Begleiter, ein Fenster in die Welt, eine seelische Verlängerung und mein ausgelagertes Gehirn. Ich fand das in Ordnung so, war ja praktisch. Aber dann begann diese Sache.

Mein Gedächtnis war nie das Beste und ich war immer ein Chaot. Von klein auf habe ich Dinge vergessen und verlegt. Was ich aber in den vergangenen Monaten an mir beobachtet habe, ging weit darüber hinaus. Ich bemerkte eine Verarmung meines Geistes, meines Vokabulars und meiner Fähigkeit, zu kombinieren. In meinem Gehirn herrschte entweder Rummelplatz oder Leere, ich konnte fast nichts behalten, und kann es noch immer nicht. Dafür ist es noch zu früh.

Ich war zwar immer ein Chaot mit schlechtem Gedächtnis, aber ich war auch ein Schwamm. Ich habe Informationen aufgesaugt und konnte sie abrufen, neu kombinieren und eigene Ideen entwickeln. Darüber hinaus habe ich früher viel mehr gelesen. Ich habe reihenweise Notizbücher gefüllt. Wanderungen unternommen, einfach so ins Blaue. Ich habe auch sehr viel mehr gemalt und gezeichnet. Wo ist das alles hin? Wann habe ich diese Fähigkeit – zumindest zu einem großen Teil, im Verhältnis – verloren? Wann hat das angefangen, dass meine Tage, mein Denken, mein Fühlen, dass all das so kurzweilig getaktet wurde von einem kleinen Gerät in meiner Hosentasche?

Es ist vielleicht zu kurz gegriffen, die ganze Schuld dem Smartphone zuzuschieben. Aber es geht auch nicht so sehr darum, mit dem Finger auf jemanden oder etwas zu zeigen. Sondern um das, was danach mit mir passiert ist. Denn wenn man zu dem Schluss gekommen ist, dass das Smartphone angefangen hat, das eigene Leben zu zersetzen, was macht man dann? Genau: Man legt es weg.

Und genau das konnte ich nicht.

Mein Fahrlehrer hat immer gesagt: „Du fährst das Auto. Das Auto darf niemals dich fahren.“ Das ploppte mir immer wieder ins Gedächtnis, während ich am Smartphone hing. Morgens, nach dem Aufwachen, wenn meine Augen kaum zwei Sekunden offen waren und schon auf dem Bildschirm klebten. Einfach das Handy aus dem Schlafzimmer verbannen? Hab ich versucht. Ging nicht lange gut. Oder wenn ich die Hälfte einer Serie, die mich eigentlich interessierte, nicht mitbekam, weil ich stattdessen durch eine Timeline scrollte. Oder wenn ich mich beim Lesen eines Buchs selbst unterbrach, um mal kurz neue Nachrichten zu checken. Oder wenn ich mal wieder grantig, aufgewühlt und aggressiv war, reizüberflutet von all den Eindrücken, Nachrichten, Bildern, Gefühlen, die täglich durch das Internet wirbeln, lauter golden glänzende Nägel in einem Tornado.

Ich hatte all diese Ideen auch. Handyzeiten. Apps nach einer gewissen Zeit sperren lassen. Das Ding einfach mal zu Hause lassen. Alles gemacht, alles ausprobiert, immer Euphorie, dann Ernüchterung. Wenn diese Tricks langfristig funktionieren und du es von allein schaffst, deine Lebensqualität zu erhalten, dann Glückwunsch: Du hast alles im Griff. Aber ich hatte nichts mehr im Griff. Ich fühlte mich meinem Smartphone richtig ausgeliefert. In mir machte sich immer mehr Resignation breit, ich hatte angefangen, aufzugeben, dieses „Das bringt doch eh alles nichts“-Gefühl zu entwickeln.

Die Erkenntnis, dass das Smartphone längst mich bediente und nicht mehr ich das Smartphone, begann mich zu belasten. Jeden Tag ein bisschen mehr. Ich dachte zurück, erinnerte mich an so viele Momente, in denen ich am Handy geklebt hatte, während der Arbeit in der Redaktion, während Presseterminen, während der Book-Release-Party meines allerersten Buchs, während Ausflügen, im Urlaub in Italien, auf dem Campingplatz bei meinem Vater, den ich eh nur selten sehe … und ich fing an, mich dafür zu schämen. Ist es wirklich so schwierig, das Smartphone mal eine Weile wegzulegen?

Ja. Ist es, wenn man süchtig ist. Von einem Alkoholiker verlangt man auch nicht, jetzt einfach mal die Hände von der Flasche zu lassen. Dafür geht er in eine Entzugsklinik, und danach verzichtet er restlos auf jeden Tropfen Alkohol, weil er genau weiß: Das Spiel beginnt sonst von vorn. Und du hast keine Chance, es zu gewinnen. So funktioniert dein Gehirn nicht mehr. Der Stoff, der dich glücklich gemacht hat und längst nicht mehr glücklich macht, hat dich neu verkabelt. Er hat die einen Zentren verkümmern lassen und die anderen gestärkt, die Regionen nämlich, die auf die Ausschüttung winziger Mengen Glückshormone konditioniert sind. Du bist ein Junkie und bleibst einer.

Ich wusste das alles, aber das änderte überhaupt nichts. In fröhlicher kognitiver Dissonanz nutzte ich das Smartphone weiter, während ich mich dafür schämte und mich ausgeliefert fühlte. Ein trockener Alkoholiker, dem ich davon erhält habe, sagte dazu: „Beim Alkohol ist es genauso. Du weißt, dass du abhängig bist, aber du kannst es von allein nicht beenden. Du trinkst einfach immer weiter.“

Der Leidensdruck musste erst sein Maximum erreichen, ehe ich aktiv werden konnte. Und das ist am 7. Januar geschehen. Eine Verkettung von Zufällen gab den entscheidenden Ausschlag, begonnen mit einer Sendung auf B5 aktuell, die ich im Auto hörte, während mein Mann in einer Zahn-OP steckte. Der Schriftsteller Ralf Rothmann sagte im Radiointerview, er lese keine Zeitung, bekomme gar nichts mit von der Welt, sei ein versponnener Träumer, der nur auf den Büchern sitze. Ich war wie elektrisiert. Was für eine traumhafte Vorstellung! Ich wollte das auch, sofort, unbedingt!

Was ich natürlich erstmal twitterte. Mit dem Smartphone, versteht sich.

Ein Freund postete daraufhin einen Artikel von Rolf Dobelli, der 2011 im Schweizer Monat erschienen war. „Vergessen Sie die News!“, heißt es im Titel. Das Aufmacherfoto zeigt einen Mann, der eine Boulevardzeitung zerreißt (was immer empfehlenswert ist, deshalb erwähne ich es). Die ersten Zeilen lauten: „Dieser Text ist ein Gegengift gegen News. Er ist lang. Wenn Sie es schaffen, ihn zu Ende zu lesen, können Sie sich glücklich schätzen. Sie gehören noch nicht zu den News-Junkies, die so viel von dem Kurzfutter konsumieren, dass sie ihre Konzentrationsfähigkeit verloren haben.“

Das hatte gesessen; ich fühlte mich herausgefordert. Schon nach dem ersten Absatz verspürte ich den Impuls, das Fenster zu schließen. Die Kernbotschaft hatte ich verstanden, wozu also weiterlesen? Aber die einleitenden Zeilen schwebten drohend über mir. So leicht wollte ich mich nicht geschlagen geben. Der Impuls, den Artikel vorzeitig abzubrechen, blieb mir die ganze Zeit hartnäckig erhalten, doch ich gab nicht auf. Immer wieder ließ meine Konzentration nach, meine Gedanken flossen irgendwo anders hin, ich musste mich zurückholen und ganze Absätze mehrfach lesen. Ich tat es aus Prinzip. Ich wollte mir beweisen, dass ich diesen Artikel bis zum Ende durchlesen konnte, während ich gleichzeitig wusste, dass ich ohne die einleitenden Zeilen längst abgebrochen hätte. Meine Konzentrationsfähigkeit war eine Katastrophe und ich übersatt vom besagten Kurzfutter.

Aber es ging nicht nur ums Durchhalten. Sondern auch ums Aushalten. Denn der Artikel brachte all das auf den Punkt, was ich seit Monaten an mir bemerkte. Als würde das Universum sagen: „Du kapierst es von allein nicht – also gut, hier hast du eine schriftliche Zusammenfassung, du Vollniete.“

Die falsche Risikokarte im Kopf. Die Überbewertung von für mein Leben völlig irrelevanten Dingen. Das eingeschränkte Verständnis. Die Zeitverschwendung. Das dauerpräsente Cortisol, das gehemmte Denken und nicht zuletzt die veränderte Struktur meines Gehirns, über die ich natürlich nur spekulieren kann, die ich aber aus Vergleichen herleite. „News verkabeln uns neu“, schreibt Dobelli. „News machen uns passiv. News töten die Kreativität. News geben uns die Illusion von Mitgefühl.“

Das Wort „News“ ist ein Platzhalter für all die Posts, die durch die sozialen Medien rauschen, und das Smartphone ist die Nadel, durch die wir sie uns verabreichen. Jedenfalls war das mein Eindruck. Ist es noch. Ich schreibe hier in der Vergangenheitsform, aber fünf Tage verändern überhaupt nichts.

Jedenfalls: Nach der Lektüre des Artikels war mir klar, dass es so nicht weitergeht. Inzwischen wachte ich jeden Morgen mit dem Wunsch auf, mein Handy einfach aus dem Fenster zu schmeißen. Oder es der Tochter meiner Mitbewohnerin zu schenken, der ich es eh versprochen hatte. Im Februar würde ich per Vertrag ein neues Smartphone bekommen, dann sollte sie mein altes kriegen, das war schon abgemacht. Warum es ihr nicht früher geben? Und auf das neue Smartphone verzichten?

Leere Gedanken. Nichts würde passieren. Mich machte diese Erkenntnis so wütend, dass ich mich am liebsten selbst geschlagen hätte. Und auf einmal passierte alles wie von selbst, es war richtig einfach, ein Akt der Befreiung. Ich ging die Apps auf dem Handy durch und schrieb mir auf ein herumliegendes Stück Papier, welche von denen ich ständig brauchte. Telegram. Kalender. Emails. Swipetimes. Wecker. Twitter. Maps. Kamera. Die meisten Anwendungen konnte ich einfach am Laptop nutzen. Im Keller verstaubte – dank des Smartphones – eine recht hochwertige Digitalkamera; Zeit, sie wieder ans Licht zu holen. Der Wecker? Ein analoges Gerät musste her. Maps? Ihr werdet es nicht glauben, aber ich habe mir eine Straßenkarte gekauft. Auf Papier.

Ich lud meine Fotos auf den Laptop, dann drückte ich auf „Werkseinstellung wiederherstellen“. Das ging erstaunlich schnell, das Smartphone war im Nullkommanix wie neu, abgesehen von einer kleinen Spider-App, die sich ja nur schwer entfernen lässt. Dann ging ich zur Tochter meiner Mitbewohner und überreichte ihr das Smartphone. Keine Hintertür. Tabula rasa. Das war’s.

Anschließend bestellte ich mir online ein Klapphandy von Alcatel. Es ist klein, leicht und weich, der Akku hält tagelang und ich habe damit besseres Netz im Haus als ich es mit dem Smartphone je hatte. Keine Ahnung, woran das liegt, aber es macht mein Leben auch in dieser Hinsicht leichter.

Die ersten Tage waren merkwürdig. Etwas fehlte. Ich wusste genau, was das war, und genoss meine Verwirrung mit einer gewissen Schadenfreude. Am ersten Abend ertappte ich mich dabei, wie ich rastlos durchs Haus lief und nichts mit mir anzufangen wusste. Heute, fünf Tage später, hat sich wie von selbst ein neues Ritual etabliert: Ich kuschle mich ins Bett, schalte die angenehm warme Lampe auf dem Nachttisch an, lese erst ein paar Seiten in einem Magazin, Sterne und Weltraum, Spektrum, Schweizer Monat oder Cicero, dann nehme ich mir ein Buch und versinke für Stunden darin. Alatriste ist es im Augenblick. Ich habe dieses mit kleiner Schrift bedruckte und so anspruchsvoll geschriebene Buch fast durch, in wenigen Tagen. Ich dachte, ich werde Wochen dafür brauchen.

Natürlich ist noch nicht alles gut. Immer noch werde ich zwischendurch von dem Impuls abgelenkt, mein Smartphone zu checken. Manchmal nehme ich dann das Klapphandy zur Hand und öffne es, nur um zu sehen, dass keine Nachrichten eingegangen sind, weil keine Nachrichten eingehen können. Dann lächle ich. Geschafft. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Erleichterung empfinde ich über meinen Schritt. Ich bin immer noch dabei, ganz zu begreifen, was mir da gelungen ist.

„Nach meiner Erfahrung braucht das Hirn etwa ein Jahr Newsabstinenz, bis es wieder die Struktur hat, um lange Texte ermüdungsfrei aufzunehmen“, schreibt Dobelli. Keine Ahnung, ob das bei mir auch so sein wird. Ich find’s raus. Es kommt mir nicht mal schwer vor. Gar nicht so lang hin. Ich empfinde Tatendrang, und Hoffnung. In meinem Regal stehen lauter soziologische und ethnologische Werke, die bei Suhrkamp erschienen sind. Ich denke jetzt nicht mehr mit einem „Ach, die werde ich doch nie konzentriert durcharbeiten“ an sie. Sondern mit einem „Wir sehen uns bald“.

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