Kann ich vom Schreiben leben?

Ich wollte wissen, welchen Eindruck ich auf Twitter erwecke: Denken meine Leser:innen, ich könnte vom Schreiben leben oder nicht?

Das Ergebnis hat mich dann doch ein bisschen erschreckt. Aber irgendwie habe ich auch damit gerechnet. Denn was meine Leser:innen sehen, ist, dass ich keinen anderen Job habe und mich ganz aufs Schreiben konzentriere. Das muss ein unfehlbarer Beweis sein! Also, kann ich vom Schreiben leben?

Natürlich nicht.
(Noch nicht.)

Bevor ich näher darauf eingehe, ein kleiner Disclaimer vorab: Was ich hier beschreibe, bezieht sich auf meine Erfahrungen und Ziele als Verlagsautorin. Wenn ihr etwas über die Verdienstmöglichkeiten von Selfpublishern/Selbstverlagen wissen möchtet, wendet euch über Twitter besser an @KiaKahawa. 

Vom Schreiben leben: Was bedeutet das?

Ob man ganz allgemein von einem Job leben kann oder nicht, hängt natürlich erst einmal von den Lebensumständen ab.

In einer Beziehung könnten zum Beispiel beide Partner:innen zu gleichen Teilen zu den Lebenserhaltungskosten beitragen. Oder aber einer geht Voll- und der andere Teilzeit arbeiten. In jedem Fall können beide Partner:innen von ihrem Job leben, nämlich gemeinsam (es sei denn, die Einkommen sind so gering, dass diese Behauptung zynisch wäre, aber das jetzt mal kurz beiseite).

Anders ist der Fall bei Alleinstehenden. Ihr Einkommen ist das einzige Einkommen, das heißt, sie müssen davon die Miete, den Einkauf, die Krankenversicherung und so weiter bestreiten. Natürlich könnte man hier jetzt noch stark differenzieren, aber mir reicht das als Rampe, um mir die Frage zu beantworten: Was bedeutet es, wenn man sagt, man könne vom Schreiben leben?

Für mich bedeutet es, dass man mit dem Schreiben so viel verdient, wie man mit einem regulären Lohnjob mindestens verdienen müsste, um die wichtigsten Verpflichtungen bezahlen zu können. Und in einer Partnerschaft bedeutet es – aber das ist meine ganz eigene, für mich gewählte Definition -, dass man so viel verdient, wie man mindestens in einem Teilzeitjob verdienen würde.

Ich orientiere mich an einem Teilzeitjob, weil ich mich persönlich niemals damit zufrieden geben könnte, wenn mein Verdienst nur einem Minjob entspräche. Und deshalb kann ich auch nicht behaupten, ich würde vom Schreiben leben. Denn ich verdiene noch nicht so viel wie mit einem Teilzeitjob.

Aber: Das ist völlig okay.
Es ist sogar richtig gut.

Was bisher geschah

Aber wie kann das “richtig gut” sein? Ganz einfach: Es ist immer noch deutlich mehr als ich am Anfang verdient habe. Und die Geschichte geht ja noch weiter. Aber vorher kurz einen Blick in die Vergangenheit.

2017 ist “Cronos Cube”, mein erstes Buch, beim Liesmich Verlag erschienen. Von den Büchern, die er verkauft hat, habe ich zehn Prozent erhalten. Ganz schön viel! Denn in der Branche sind deutlich niedrigere Anteile Standard, zumindest, wenn man noch ein:e unbekannte:r Autor:in ist und sich erst noch etablieren muss. Ich habe durch diese Veröffentlichung ca. 1700 Euro verdient. Das war sozusagen mein erstes Jahresgehalt in meiner Tätigkeit als Schriftstellerin.

2018 ist “Cronos Cube” zum Oetinger Verlag gewandert und 2019 erneut erschienen, diesmal als Taschenbuch (Liesmich hatte es als Paperback herausgegeben). Ich bekam meine ersten Vorschüsse. Das war immer noch nicht die Welt, aber schon deutlich mehr als im Jahr zuvor. So kann’s weitergehen, dachte ich damals.

Aber von allein tut es das nie.

Wie es weiter- und weitergeht

Wenn man vom Schreiben leben können will, dann muss man entweder einen Weltbestseller schreiben, der das Konto für alle Zeiten füllt. Oder man muss zusehen, dass man immer neue Bücher platziert, im Gedächtnis bleibt, sich eine treue Leserschaft erarbeitet und sich so eine Nische schafft.

Als Oetinger 2019 Cronos Cube 3 und 4 unter Vertrag genommen hat, war ich nicht nur überglücklich, sondern auch besorgt. Denn ich hatte auf einmal nur noch für ein Jahr zu tun. Was wiederum bedeutete, dass ich nur noch ein Jahr Zeit hatte, um mein nächstes Projekt unter Dach und Fach zu bringen.

Das ist der Schlüssel: Planung, Planung, Planung.

Hätte ich erst nach dem Abschluss von Cronos Cube 4 damit begonnen, mir ein neues Projekt auszudenken, es Oetinger oder einem anderen Verlag anzubieten, die Leseprobe und das Exposé zu schreiben und den Vertrag zu verhandeln, dann hätte frühestens Herbst 2022 ein neues Buch von mir erscheinen können. Das wären mindestens anderthalb Jahre gewesen. Anderthalb Jahre ohne neue Vorschüsse. Anderthalb Jahre unsichtbar. Der Buchmarkt ist schnelllebig.

2017 habe ich überhaupt keine Vorschüsse erhalten, dieses Jahr waren es bereits vier. Hätte ich nicht vorausgeplant, wären es nur zwei gewesen, und nächstes Jahr wären mit Glück zwei weitere hinzugekommen. Anfangs wurde ich auch nicht für Lesungen engagiert, für die ich Honorar bekam. Das hat sich geändert und bedeutet einen nicht unerheblichen Beitrag zum Jahresumsatz. Aber das hat damit zu tun, dass eben immer wieder neue Bücher von mir erscheinen, wie vor kurzem Cronos Cube 3. Ohne diesen Release wäre ich nicht gebucht worden.

Mein Ziel war schon 2017, dass eines Tages zwei Bücher im Jahr von mir erscheinen sollen. Nächstes Jahr gelingt mir das, und 2022 voraussichtlich auch. Es ist wichtig, dass ich am Ball bleibe und die Folgejahre niemals aus den Augen verliere. Ich muss mich immer fragen: “Und wenn ich Buch xy abgegeben habe, was schreibe ich dann am Tag, in der Woche, im Monat darauf? Und wo erscheint das?”

Für mich stand fest, dass ich das nicht alleine schaffen würde. Also habe ich mich bei einer Agentur beworben. Das erste Gespräch in der Agentur Michael Meller hat mir gezeigt, dass das für mich die allerbeste Idee war. Denn meiner Agentin musste ich meine Ziele nicht lange erklären, die waren ihr sonnenklar.

Bitte realistisch bleiben

Als ich oben schrieb, dass ich natürlich nicht vom Schreiben leben könne, meinte ich das so: Es ist einfach noch zu früh dazu!

Am 21. September ist gerade mal mein drittes Buch erschienen. Und das war der dritte Teil einer Reihe. Ich bin erst im zweiten Jahr Autorin bei einem großen Verlag, immer noch unbekannt und gerade so erfolgreich, dass man mich behält. Und das ist vollkommen üblich und normal. Denn Autor:innen werden selten entdeckt und groß herausgebracht. Sie werden aufgebaut.

Ich habe mir nie Illusionen darüber gemacht, ob und wie man vom Schreiben leben kann. Mir wurde wirklich jeder Spruch, den man zu dem Thema bringen kann, um die Ohren geknallt, und ich habe mich immer furchtbar darüber geärgert. Am besten fährt man mit einer Mischung aus Träumerei und Bodenständigkeit.

Klar kommt es vor, dass ein:e Autor:in mit dem ersten Buch eine steile Karriere hinlegt. Es kommt vor. Die Regel ist es nicht. Wer das nicht schafft, ist kein:e Versager:in, sondern befindet sich in einem ganz normalen Prozess. Das einzige, was man sich selbst vorwerfen kann, sind unter Umständen mangelnde Geduld, Ausdauer und – sorry, niemand mag dieses Wort – Disziplin.

Wie weit noch …?

2018 habe ich den Journalismus aufgegeben, als Freie bei der Süddeutschen Zeitung hingeworfen und angefangen, mich nur noch aufs Bücherschreiben zu konzentrieren. Das liest man manchmal in Autorenvitas oder in Klappentexten: “Seit ihrem Megaerfolg So-und-so, konzentriert sie sich ganz aufs Schreiben.” Klingt nach jemandem, der es geschafft hat, der ganz oben angelangt ist, der Hunderttausende mit den eigenen Büchern einnimmt. Das stimmt sicher auch ab und zu.

Aber in meinem Fall war es anders: Ich habe alle Brücken abgebrochen und angefangen, mich aufs Bücherschreiben zu konzentrieren, weil ich Glück hatte und das konnte. Denn ich hatte Hilfe – meinen Mann. Mit seinem Einkommen hat er vor allem am Anfang unsere gesamte finanzielle Belastung allein getragen. Es hat gut zwei Jahre gedauert, aber inzwischen nehme ich wieder fast so viel ein wie 2018 mit meiner journalistischen Tätigkeit bei der Süddeutschen Zeitung.

Und nächstes Jahr wird es wieder etwas mehr sein, und übernächstes Jahr auch. Bald verdiene ich das Mindesteinkommen eines Teilzeitjobs, und dann traue ich mich zum ersten Mal ernsthaft zu sagen: Ich kann vom Schreiben leben. Gerade so. Auf Höhe des Mindestlohns, aber dabei wird es sicher nicht bleiben.

Wäre ich alleinstehend, hätte sich mein Weg nur in einem einzigen Punkt unterschieden: Ich wäre weiterhin meiner freiberuflichen Tätigkeit als Journalistin nachgegangen. Dass ich das nicht tun musste, war wie gesagt Glück, aber auf den Rest trifft das nur bedingt zu. Wer planvoll vorgeht, an sich arbeitet, fleißig, geduldig und ausdauernd ist, kann sich ein Leben als Schriftsteller:in erarbeiten.

Es ist ein harter Weg, aber der schönste, den ich mir vorstellen kann.

1 Kommentar

  1. Liebe Thekla, vielen Dank, dass du uns diese Einblicke in deinen “Autoren-Lohnzettel” gewährst… Für Menschen wie mich, die sich für eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst entschieden haben und jeden Monat im Voraus ihren Sold erhalten, ist dies ein sehr interessanter Beitrag. Immerhin sind die meisten von “uns” auch wegen dem Sicherheitsaspekt in den öffentlichen Dienst eingetreten. Ich selbst entstamme einem kleinen Familienbetrieb, mit Höhen und Tiefen. In meiner Jugend musste ich erfahren, was es bedeutet, gemeinsam mit der Familie “den Karren aus dem Dreck zu ziehen” und um jeden Euro zu kämpfen. Durch meinen Partner habe ich erfahren, was es bedeutet, wenn der Arbeitgeber insolvent geht, wenn aufgrund von Krankheit kein Arbeiten möglich ist und wie die Behörden teilweise mit Menschen in diesen Situationen umgeht, als sind sie eine Nummer unter vielen. Ich bewundere dich für deinen Mut diesen Schritt gegangen zu sein, für dein Glück deinen Mann zu haben und ich freue mich, wenn du hier irgendwann schreibst: “Jetzt ist der Zeitpunkt da, dass ich vom Schreiben leben kann.”

    Ich glaub’ an Dich!

    Luzi

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