Das Märchen vom Mandelkern. Eine Gute-Nacht-Geschichte für nachtaktive Amygdalas

Es war einmal ein Mandelkern, der wollte gern, dass alle Welt ihm zuhörte. Doch leider erzählte der kleine Mandelkern nur düstere Geschichten, und so wandten sich die Leute von ihm ab, wenn sie ihn sahen.

Der Mandelkern wartete vor den Fenstern der Menschen, bis sie eingeschlafen waren. Dann kletterte er neben ihr Bett und erzählte seine Geschichten trotzdem, wobei er so tat, als hörte man ihm aufmerksam zu. So hielt er es Nacht für Nacht, einen Sommer lang. Die Menschen wurden immer zorniger und trauriger, und niemand konnte sich erklären, warum. Sie suchten nach dem Übeltäter, der ihnen die gute Laune verdarb, suchten ihn Tag und Nacht. Schließlich erwischten sie den kleinen Mandelkern am Bett einer jungen Witwe. Sie umzingelten den Miesepeter und warfen ihn in den tiefsten Brunnenschacht, den sie finden konnten. Da saß der kleine Mandelkern und weinte bitterlich über seine Einsamkeit, denn nun gab es niemanden mehr, der seinen Geschichten lauschte.

Es verging der Herbst und der kleine Mandelkern schrumpelte ein wenig vom vielen Weinen. Weil ihm niemand mehr zuhörte, erzählte er sich die Geschichten eben selbst, und so wurde er immer trauriger und trauriger. Eines Tages kam ein Kind an den Brunnen.

“Warum weinst du so fürchterlich, kleiner Mandelkern?”, fragte das Kind.
“Ach, ich habe so dunkle Gedanken, und alle Geschichten, die ich mir erzähle, handeln davon, dass ich nie wieder die Sonne spüren werde”, sagte der Mandelkern.
“Warum erzählst du dir keine fröhliche Geschichte?”, fragte das Kind.
“Pff, als wäre das so einfach”, murrte der Mandelkern. Da lief das Kind davon und kam nicht wieder zurück.

Allein im Dunkeln gab sich der kleine Mandelkern seinen finsteren Geschichten hin, bis er noch ein wenig mehr geschrumpelt war. Im Winter trat ein alter Mann an den Brunnen heran. “Warum bist du so traurig, Mandelkern?”
Er bekam die gleiche Antwort wie das Kind: “Ich erzähle mir immer diese finsteren Geschichten, aber gib dir keine Mühe, das lässt sich nicht ändern.”
“Ach, das kenne ich”, sagte der Alte. “Man muss eben lernen, damit zu leben. Wenn man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, die fiesen Geschichten zu ignorieren, verpasst man auch die freundlichen. Deshalb ist es am besten, die düsteren Gedanken kurz zur Kenntnis zu nehmen und abzunicken, und fertig.”
“Und dann?”, fragte der Mandelkern.
“Na, dann kommt eben die nächste Geschichte. Die sind immer im Rudel unterwegs, weißt du doch.”
“Hm”, machte der Mandelkern.

Als der alte Mann weg war, ließ er sich die Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Und als die finsteren Geschichten kamen, da nahm er sie zur Kenntnis und nickte sie ab, und fertig. Nach einer Weile fiel ihm auf, dass es auch viele freudige Geschichten zwischen den finsteren gab. Die machten ihm viel mehr Spaß, weshalb er sie sich rauf und runter erzählte.

Irgendwann schlief der kleine Mandelkern mit einem Lächeln ein. Er träumte, dass er aus dem Brunnenschacht schwebte und zu den Menschen zurückkehrte, um ihnen die schönen Geschichten zu erzählen. Manchmal auch die finsteren, aber nicht nur. Alle winkten ihm und freuten sich, wenn er kam. Und alle Welt hörte ihm zu. Der kleine Mandelkern erwachte und merkte, dass der Traum Wirklichkeit geworden war. Er hatte nur so viel Neues zu erzählen, dass ihn dabei der Schlaf eingeholt hatte.

~ Ende ~

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