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Fetisch

Fetisch

von Thekla Kraußeneck

Michaela band sich die Schürze um, wie jeden Samstagabend. Es war ein schlichtes Exemplar, weiß, halbrund und mit Taschen an den Seiten. Michaela hatte die Schürze frisch gewaschen und gebügelt, genau wie das Hausmädchen-Kleid, das sie darunter trug. Kein aufreizendes Kostüm mit Strapsen und kurzem Rock, sondern ein elegantes schwarzes Kleid aus Baumwolle und Elasthan. Der Ausschnitt war rechteckig. Karreeausschnitt nannte man das.

Michaela prüfte ihr Haar im Spiegel, strich das Kleid glatt und trug Lippenstift auf. Heute durfte es etwas knalliger sein, ein leuchtendes Hellrot, das Markus nicht mochte. Es störe die Illusion, sagte er immer. Sie tupfte die Farbe mit Toilettenpapier ab, zog die Lippen ein und machte einen Schmollmund. Dann ging sie durch die Tür und den Vorhang auf die Bühne. Applaus empfing sie.

Unten im Parkett, wie Markus den Bereich vor dem Podium nannte, saßen vier Männer in bequemen Sesseln. Markus war nicht unter ihnen, ein merkwürdiges Gefühl, schließlich gehörten ihm diese Räumlichkeiten. Die vier Männer waren seine Freunde, Leute wie er. Ein mittelständischer Unternehmer, ein Anwalt für Zivilrecht, ein Versicherungskaufmann und der Immobilienmakler, der Markus dieses Anwesen vor zehn Jahren vermittelt hatte. Sie hatten die Krawatten gelockert und nippten an dem bernsteinfarbenen Weißwein in ihren Gläsern. Michaela hatte die Flasche vorhin aus dem Weinkeller geholt, sie war Markus’ größter Schatz, ein Scharzhofberger Riesling. Trockenbeerenauslese. Die Trauben wurden an der Rebe von einem Pilz befallen, der die Edelfäule herbeiführte. Dieser bohrte feine Löcher in die Haut der Früchte. Die aus den weißlich bereiften Trauben verdunstende Feuchtigkeit hinterließ einen konzentrierten Fruchtzucker, der dem Riesling eine süffige Süße verlieh. Die Flasche hatte 13 000 Euro gekostet. Markus hatte immer auf eine gute Gelegenheit gewartet. Nun, das hier war die beste aller Gelegenheiten.

Michaela begann ihre Vorstellung.

Es gab keinen Text, kein Drehbuch. Die Bühne war mit einer voll funktionsfähigen Küche ausgestattet, es gab einen Herd, eine Spüle, eine Anrichte und Schränke mit Geschirr, Gläsern, Töpfen und Besteck. Zur Einrichtung gehörten auch eine Waschmaschine und mehrere Leinen. Ein Wäschekorb stand bereit, die letzte Ladung war schon durchgelaufen. Die nahm sie sich als erstes vor. Michaela öffnete die Waschmaschine und zog die Kleidungsstücke in den Korb. Beiläufig prüfte sie ein Hemd, eine Hose auf Flecken.

Sie lächelte.

Das Blut war rausgegangen.

*

Michaela wuchs behütet auf. Ihr Vater arbeitete bei einer Bergbahn und die Mutter leitete die örtliche Grundschule. Das Elternhaus stand am bewaldeten Rand einer Kleinstadt mit fast dreißigtausend Einwohnern. Geschwister hätten Abwechslung in Michaelas Leben bringen können, aber sie war und blieb ein Einzelkind. Ihr Vater hatte sich nach der Geburt vasektomieren lassen.

Als sie ein Teenager war, hörte Michaela oft den Satz, dass sie froh sein könne, „alles zu haben“. Ein Dach über dem Kopf, genügend Grips und Disziplin für gute Noten, zweimal im Jahr Urlaub in Italien oder Frankreich. Ein eigenes Zimmer, das neueste Smartphone, hochwertige Markenkleidung. Im Garten stand ein Pool, der ihr ein paar Freundinnen sicherte. Und ihre Eltern hatten nicht nur stabile Jobs, sie liebten einander immer noch und stritten sich nie.

Aber diejenigen, die sagten, dass sie doch „alles habe“, kannten wie so oft nur die halbe Wahrheit. Michaela begriff früh, dass sie in der Ehe ihrer Eltern nur ein Accessoire war. Und das war es auch, was sie später den Ermittlern, ihrem Anwalt und dem vorsitzenden Richter sagte: Ihre Eltern – die durchaus bemühte Menschen waren und Michaela ein angenehmes Leben boten – hatten sie in die Welt gesetzt, wie sich andere Menschen einen Hund anschaffen. Weil man das eben hat. Ein großes Einfamilienhaus, gute Jobs, einen Pool, ein Kind. In diesem Gemälde einer perfekten Kleinstadtfamilie fehlte der Hund nur, weil Michaelas Mutter eine Tierhaarallergie hatte. Sie versuchte diesem Makel mit einer Hyposensibilisierung beizukommen, vertrug jedoch das Allergenextrakt nicht.

Michaela bedauerte das sehr, denn ein Hund wäre ein Verbündeter gegen die Einsamkeit gewesen. Sie fühlte sich in ihrer Familie wie das dritte Rad am Bike. Die Mutter redete fast nur über sich selbst, über ihre Freundinnen und deren Probleme, über Eltern oder Schüler, die sie nervten. Wenn Michaela etwas erzählte, fand die Mutter rasch einen Weg, wieder auf sich selbst zurückzukommen. Michaelas Vater war keine Hilfe im Kampf gegen diesen ausgeprägten Narzissmus. Er betete seine Ehefrau an, ja, er trug sie regelrecht auf Händen. Michaela erlebte viele andere Eltern, wenn sie ihre Freundinnen zu Hause besuchte. Da gab es mal ein Küsschen auf die Wange, häufiger wurden organisatorische Dinge ausgetauscht. Was gibt’s zu essen, wann muss Lara zum Geigenunterricht, kommt am Donnerstag der Futzie von der Telecom? In Michaelas Familie war das anders. Ihr Vater brachte der Mutter jede Woche Blumen mit. Er massierte ihr die Füße und die Schultern, bereitete ihr ein Bad vor, goss ihr Wein ein, kochte ihr Lieblingsessen. Michaela durfte sich auch manchmal ein Gericht wünschen. Aber wenn die Mutter keine Lust darauf hatte, kochte ihr Vater selbstverständlich etwas anderes.

Michaela liebte ihren Vater mehr als die Mutter. Sie genoss jede Minute, die sie ihn für sich hatte, weil die Mutter etwa auf einer Abendveranstaltung in der Schule war. Ihr Vater war ein kluger und witziger Mensch, der viel über die Geschichte der Alpenregion und ihre Seilbahnen wusste. Er schilderte Michaela wortgewaltig den Bau der alten Zugspitzbahn in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts und erklärte ihr die Unterschiede zwischen den verschiedenen Bergbahntypen. Ihre liebste Erinnerung war die, als sie zusammen mit der neuen Seilbahn auf die Zugspitze hochgefahren waren. Ohne die Mutter, nur sie beide.

Einen Tag lang hatte sie das Gefühl gehabt, er gehöre nur ihr allein.

*

Sie traf Markus ein Jahr nach dem Abitur. Michaela war neunzehn, und solange sie zurückdenken konnte, hatte sie sich wie ein Gespenst gefühlt. Markus war der erste Mann, der sie wahrnahm und mochte.

Manche sagten, sie passten nicht zusammen.

Michaela hatte mit achtzehn das Elternhaus verlassen, mit dem Vorsatz, von nun an nur sich selbst zu genügen. Sie hatte ihr ganzes Leben um die Aufmerksamkeit des Vaters gekämpft, und damit war jetzt Schluss. Sie bewarb sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München um einen Studienplatz in Humanmedizin, wollte Chirurgin werden. Manchmal träumte sie, wie sie die Mutter vom Vater losschnitt.

Markus hatte an derselben Universität Betriebswirtschaftslehre studiert, Schwerpunkt Marketing- und Innovationsmanagement. Sie trafen einander auf einer Veranstaltung der Fakultät für Betriebswirtschaft, Alumni-Insights, als alter Hase sollte er Studierenden Karrieretipps geben. Eine Kommilitonin schleppte Michaela mit, sie kannte dort jemanden, Michaela verlor sie bald aus den Augen. Markus lud sie zur Flucht ein. Sie aßen in einem Restaurant, er war charmant und wortgewandt, sie schlief noch in dieser Nacht mit ihm. Über ihre Vorstellungen vom Leben sprachen sie nicht.

Es gab an Markus nichts auszusetzen. Er verwöhnte sie, drückte seine Verehrung mit Blumen und Zärtlichkeiten aus, ging ihr nie auf die Nerven. Stattdessen hörte er ihr zu. Nur von ihrem Studium wollte er nichts wissen, er sagte, eine Frau ihres Formats sollte nicht arbeiten müssen. Sie fühlte sich geschmeichelt.

Sie heiratete ihn.

Als sie darüber klagte, dass der Haushalt allein an ihr hängen bleibe, stellte er ein Hausmädchen ein. Michaela bemerkte, wie er dem Mädchen mit den Blicken folgte, und entließ es wieder. Die neue Haushaltshilfe war über sechzig. Das Problem war beseitigt.

*

Das bestandene Hammerexamen feierte Michaela im Kreis von Kommilitonen und Kommilitoninnen. Markus holte sie ab, sie war beschwipst, aber nicht betrunken. Was Alkohol mit dem Gehirn anstellt, hatte sie im Studium gelernt. Seither bremste sie sich, nichts sollte sie beherrschen, auch kein unsichtbares Nervengift.

Markus machte den Vorschlag noch im Auto. „Wie wäre es, wenn du zu Hause bleibst?“

„Wann?“, fragte sie.

„Immer. Du musst nicht arbeiten.“

Sie war empört. „Ich bin doch keine Hausfrau!“

Er argumentierte mit dem Geld, das er verdiente, es reiche für fünf Leben. Sie müsse nicht arbeiten, sie könne es sich gutgehen lassen. Er sprach mit sanfter Stimme, aber etwas Ungeduldiges schwang mit. Michaela schwieg. Sie hatte Angst, fühlte ihr Leben kippen, entgleiten, wegrutschen. Markus wollte sie einsperren.

„Ich bin auch kein Kanarienvogel“, sagte sie.

Einen Moment lang wusste er nicht, wie sie das meinte. Als er begriff, war er bestürzt. Er redete auf sie ein, bemühte sich um Schadensbegrenzung. Michaela stieg aus, lief ins Haus und weinte im Bad. Er ließ sie in Ruhe. Als sie ins Schlafzimmer kam, war er nicht da, sie fand ihn auf der Couch, er hatte ihr das Bett lassen wollen. Michaela spürte, wie sehr ihm alles leidtat.

Drei Tage später traute er sich.

Eine Schachtel stand auf dem Tisch, sie hatte eine rote Schleife. Markus räusperte sich, als Michaela das Zimmer betrat und die Schachtel sah. Sie hielt es für ein Geschenk. Markus bat sie, sich zu setzen. Er sprach von einem Traum, den er schon immer gehabt habe. Mehr eine Fantasie, eine Vorstellung von einer Frau, die elegante Hausmädchen-Kleidung trug. In dieser Fantasie gab es keine sexuellen Handlungen, nur die rhythmischen Bewegungen einer eleganten Frau, die Wäsche zusammenlegte, Geschirr abwusch oder einen Schweinebraten zubereitete.

Während sie ihm zuhörte, fragte sich Michaela, wie viel sie bei einer Scheidung bekommen würde. Markus hatte keinen Ehevertrag von ihr verlangt.

Wenn in diesem Karton ein Hausmädchen-Kostüm liegt, dachte sie, werde ich ihn bis aufs Hemd ausziehen. Sie ließ ihn reden, wartete ab. Am Ende löste er die Schleife und hob den Deckel. Es enthielt das befürchtete Kleid. Aber Michaela nickte nur und stand auf.

Er hatte ihr versprochen, dass sie keine Hausfrau sein müsse, wenn sie nicht wolle. Er liebe sie so, wie sie sei. Sie solle ihm nur einen Schritt entgegenkommen. Und deshalb wolle er ihr etwas zeigen.

*

Die Bühne lag im rückwertigen Teil des Hauses, sie hatte ihn noch nie betreten. Ausgehend vom Staub, der über die Bohlen flimmerte, galt das für Markus genauso. Der Saal hatte hohe Fenster mit schweren Vorhängen, runde Holztische und Stühle standen an den Wänden, bedeckt mit weißem Tuch. Michaela hatte keine Vorstellung davon, warum das Haus eine Bühne besaß. Aber ihr wurde klar, dass Markus sich bewusst für diese Immobilie entschieden hatte. Er trug die Idee schon sehr lange mit sich herum.

Als Markus seine Bitte aussprach, musste sie lachen. Das war ihr erster Impuls. Der zweite war Scham. Sie schämte sich für Markus, er tat ihr leid, und da war auch eine Spur von Abscheu, ihr wurde schlecht.

Sie stellte sich vor, wie sie ihn verließ. Die Vorstellung, morgens allein aufzuwachen und ihn nicht mehr bei sich zu haben, erschreckte sie so sehr, dass ihr das Lachen verging. Sie hatte nie mehr von der Zuneigung eines Menschen abhängig sein wollen, und hatte es doch nicht verhindern können. Sie war immer noch verliebt.

„Nur ein einziges Mal“, bat Markus.

Sie nahm sich Bedenkzeit.

*

In den nächsten Tagen durchwanderte sie das Anwesen mit neuen Augen. Sie ging durch den Garten, wo die Dahlien blühten und der Gärtner einen Topf voll Holzwolle wegtrug, ein gefangenes Ameisenvolk, sagte er. Die Köchin briet etwas in der Pfanne, Michaela roch gerösteten Knoblauch mit einer feinen Note von Rosmarin.

Auf der Terrasse trank sie einen Espresso. Dabei saß sie auf bequemen Polstern, die Garnitur hatte ein Designer entworfen, der Ästhetik und Funktion gleichwertig behandelte. Sie trug einen Kimono aus Seide, der sich angenehm um ihren Körper schmiegte, und dachte daran, wie Markus ihn ihr geschenkt hatte. Das Leben in diesem Haus war wie kostbares Porzellan, und ohne Markus würde es zerbrechen. Sie wusste nicht, warum sie diese andere Seite an ihm so lange übersehen hatte. Aber je länger sie darüber nachdachte, desto glücklicher wusste sie sich zu schätzen. Es hätte auch ein anderer Fetisch sein können. Etwas Perverses, etwas, das mit Urin und Kot zu tun hatte, oder mit lebensechten Puppen. Er hätte sie bitten können, mit ihr auf eine Swingerparty zu gehen, oder sich für den Sex wie ein Schulmädchen anzuziehen.

Markus’ Fetisch aber war nur die Abstraktion konservativer Sehnsüchte. Und statt sich diesen Sehnsüchten dergestalt zu unterwerfen, dass er seine Frau zu einem Leben hinterm Herd zwang, wollte er ihnen eine Bühne geben. Er projizierte sie gewissermaßen auf die Bretter. Die Bretter, die die Welt bedeuten. Seine innere Welt.

Michaela begann, Gefallen an der Idee zu finden. Als Markus für ein paar Tage auf Geschäftsreise im Ausland war, ließ sie die Bühne herrichten. Den Kontakt zu einem Schweizer Küchendesigner nahm sie schon Wochen im Voraus auf. Sie kaufte eine rustikale Landhausküche. Die dunklen Fronten hatten Glaseinsätze, die Spüle war aus Naturstein, der Tisch in der Mitte besaß Nieten. Vollholz, Messing, Weidenkörbe. Ein gusseiserner Gasherd stand prominent platziert. Auf der linken Seite ließ sie eine Waschmaschine installieren, untypisch für eine Küche dieses Designs, aber das war die Bühne ja schließlich auch.

Markus hatte sie nicht mehr darauf angesprochen, nachdem Michaela sich Bedenkzeit erbeten hatte. Er dachte, die Sache wäre durch, sie war ihm peinlich. Sein schlechtes Gewissen versuchte er zu besänftigen, indem er ihr von seiner Dienstreise Schmuck mitbrachte. Einen lupenreinen Diamanten, ein Karat, zum Brillanten geschliffen, eingefasst in eine gelbgolde Krappenfassung. Die feine Kette wog so gut wie nichts um Michaelas Hals.

Sie berührte den Diamanten mit den Fingern und bat Markus, ihr in den Anbau zu folgen. Er sagte nichts, als er die Küche sah, aber sein Mund stand einen Spalt offen und seine Augen schimmerten feucht.

Sie zog sich in einem Raum neben der Bühne um. Das Hausmädchen-Kleid umfloss ihre Figur wie eine zweite Haut, dank der Wiener Nähte im Vorder- und Rückenteil. Michaela band sich die Schürze um, es war Samstagabend. Sie ging auf die Bühne und kochte Suppe.

Die Vorstellung wurde zum wöchentlichen Ritual. Michaela begann, einzelne Stücke schmutziger Wäsche vor der Haushaltshilfe zu verstecken, um sie am Samstag auf der Bühne waschen zu können. Sie absolvierte das erste Tertial ihrer ärztlichen Ausbildung in der kardiologischen Abteilung einer Münchner Uniklinik. In den Pausen las sie Rezepte und sah sich Koch-Tutorials an.

Ende November bat Markus sie, ihm das Essen nicht mehr von der Bühne ins Parkett zu bringen, wenn es fertig war. Auch solle sie ihn nicht ansehen, denn das störe die Illusion, so als blickte ein Schauspieler mitten in einem Film in die Kamera. Die sprichwörtliche vierte Wand sei für ihn wichtig, sie solle ihn ignorieren.

Sie war gekränkt, befolgte aber seine Anweisung, und bald dachte sie nicht mehr darüber nach. Da oben auf der Bühne zu stehen und beobachtet zu werden, hatte etwas für sich. Michaela fühlte sich auf eine gute Weise mächtig und begehrt, obwohl Markus nicht ein einziges Mal von ihr verlangte, der Vorstellung eine erotische Komponente hinzuzufügen. Seiner Frau beim Verrichten von Hausarbeiten zusehen zu können, war für ihn offenbar weit erotischer als jeder Striptease der Welt.

*

Nach Weihnachten stellte Markus ihr einen Freund vor, einen Anwalt für Zivilrecht. Ob sie etwas dagegen hätte, wenn er auch zusehe, fragte Markus.

„Warum?“, fragte Michaela. Es war ihr peinlich, dass Markus ihm davon erzählt hatte.

„Warum nicht?“, antwortete der Anwalt. Er war um die Vierzig, verheiratet, zwei Kinder. An seinem rechten Ringfinger steckte ein Goldring, stumpf geworden vom Alltag. Michaela glaubte nicht, dass seine Frau von dieser Bitte wusste. Sie lächelte ihm zu.

*

Den folgenden Samstagabend erlebte Michaela viel positiver, als sie erwartet hatte. Markus allein war als Zuschauer zu einer Gewohnheit verkommen, aber die Anwesenheit des Juristen, den Michaela gerade einmal flüchtig kannte, machte die Sache wieder aufregend.

Während sie Äpfel schnitt, Boskop für eine Tarte Tatin, stellte sie sich seine Gedanken vor. Michaela war jung, ihre Figur entsprach dem Schönheitsideal. Sie sah im Augenwinkel, wie ihr der Anwalt auf den Po starrte, wenn sie sich zum Herd und zurückdrehte. Als sie in der Nacht mit Markus schlief, dachte sie daran.

Sie schlug ihm vor, noch mehr Freunde einzuladen, es mache ihr nichts aus, sie könnten im Anschluss Whisky trinken und Poker spielen, wenn sie wollten. Markus gefiel die Idee, er lud den Immobilienmakler ein, der ihm das Haus damals vermittelt hatte. „Du wolltest doch immer wissen, was ich mit der Bühne wollte“, hörte Michaela ihn am Telefon sagen. Ende Januar hatte sie drei Zuschauer. Es war eine so berauschende Erfahrung, dass sie Markus bat, noch einen dritten Freund anzurufen.

Er sah sie komisch an, musste ihrem Vorschlag aber nachgekommen sein, denn kurz darauf saßen sie zu viert im Parkett. Michaela fing an, ihnen zur Begrüßung Getränke zu servieren. Sie nannte Markus und seine Freunde „Meine Herren“ und nahm ihnen die Jacken ab. Für die Bühne kaufte sie ein Retro-Radio, das beim Abspielen alter Songs schön knisterte, und integrierte kleine Tanzeinlagen in ihre Vorstellungen. Am Ende servierte sie den Herren, was sie gekocht hatte, mehrgängige Menüs, sie deckte vorher die Holztische im Parkett. An Markus’ Anweisung verschwendete sie keinen Gedanken mehr.

*

„Es ist nicht mehr dasselbe“, sagte er, als Michaela den zweiten Teil ihrer ärztlichen Ausbildung begann. Sie war jetzt in der Chirurgie, dort hatte sie immer hingewollt, sie erinnerte sich noch gut.

„Du durchbrichst die vierte Wand. Du begrüßt sie an der Tür und bringst ihnen Getränke. Du tanzt!“ Markus fuhr sich durchs Haar, es ging an der Stirn immer weiter zurück. „So ist es aber nicht richtig.“

„Aber es macht mir Spaß“, sagte Michaela.

Dagegen wusste er nichts einzuwenden. Nur ihr hatte er zu verdanken, dass seine Träume Wirklichkeit geworden waren. Nur, jetzt waren sie das nicht mehr, sie hatte seinen Traum zu ihrem Traum gemacht. Er fühlte sich betrogen. Um sein Recht gebracht. Sie gehörte ihm, denn sie war seine Frau und sie trug seine Uniform.

Den mittelständischen Unternehmer rief Michaela selbst an, sie lud ihn ein, und am Samstag stand er vor der Tür. Markus öffnete und sagte kein Wort.

Er schwieg auch die Woche drauf und die danach. Acht Männer saßen im April um ihn herum, Markus kannte zwei von ihnen nicht, sie arbeiteten im städtischen Rathaus. Zuerst dachte er, sie wollten die Aktivitäten seiner Frau überprüfen, aber dann sagten sie, Michaela habe sie eingeladen. So ging es weiter, neue Männer kamen und gingen, manche erkannten Markus nicht als Hausherren, sie hielten ihn für einen Gast. Ein harter Kern von zehn Zuschauern pendelte sich ein. Markus hatte das Gefühl, zwischen ihnen zu schrumpfen, bis er so klein war wie eine Nervenzelle, und aus der Realität zu verschwinden. Er hörte nicht auf, den Vorstellungen beizuwohnen. Aber ihm war, als bemerkte Michaela seine Anwesenheit gar nicht mehr.

*

Im Juni sollte Schluss sein. Sie stritten sich ständig wegen der Samstagvorstellung, Markus brüllte, Michaela warf Geschirr an die Wand. Markus wollte seine Frau zurück, sie habe die Bühne nur für ihn bespielen sollen, nicht für jeden dahergelaufenen Dorftrottel.

Er nahm ihr Hausmädchen-Kleid und zerhackte es mit einem Messer. Morgen werde er das gleiche mit der Bühne machen, sagte er, und dann mit ihrer Ehe.

Als er schlief, machte sie das gleiche mit ihm.

*

Das Parkett blieb am nächsten Samstag fast leer. Nur Markus’ vier Freunde waren gekommen. Sie sahen ihr zu, wie sie die Wäsche aus der Maschine holte und die Kleidungsstücke sorgfältig auf eine Leine hängte. Der Duft des Weichspülers überdeckte den Geruch nach Chlor. Michaela schaltete das Radio ein. Sie summte ein Lied mit und begann zu kochen.

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