Figurenentwicklung und Rollen-Design

Ich habe jemanden gesucht, mit dem ich mich über Figurenentwicklung und Rollen-Design austauschen kann. Michael Engelnkemper hat sich zur Verfügung gestellt, und so entstand ein Dialog, den ich euch gerne zeigen möchte, weil er ein bisschen verdeutlicht, worauf es mir bei der Figurenentwicklung ankommt.


Michael: In welche „Richtung“ geht es denn?

Ich: Um die Tiefendimensionen bei der Figurenentwicklung und die Spannungen im Rollen-Design sowie ihre Auswirkungen auf die Erzählstruktur.

Okay. Das wäre echt ein weiter Bogen zum Ausholen.

Ja. Ich baue eine Uhr und weiß zwar schon, was ich tue, aber manchmal würde ich gerne mit jemandem über dieses oder jenes Zahnrad reden. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die damit arbeiten. Aber die sind halt nicht hier.

Also, ich bin auch gerne ein „Was wäre wenn …“-Denker, der sich gut in Dinge vertiefen kann. Also gerne mal ein Spinner, der aus A und B auch mal D oder E kreiert. Und ja, der Plot ist mit den Zahnrädern einer Uhr vergleichbar, alles muss ineinandergreifen, sich ergänzen, verfeinern …

Es ist wichtig, dass die Figuren, die um den Protagonisten kreisen, mindestens zweidimensional sind, trotzdem sollen sie die widersprüchlichen Eigenschaften der Hauptfigur hervorholen. Das heißt, das Design der Nebenfiguren muss auf die Hauptfigur abgestimmt sein, während sie gleichzeitig der Mittelpunkt ihres eigenen Sonnensystems sind. Bei Nebenfiguren der ersten Ebene gehe ich von zwei Dimensionen aus, bei den Nebenfiguren der zweiten Ebene von einer Dimension, und diese muss wiederum auf das Design der Nebenfigur abgestimmt sein, deren Eigenschaften sie herausfordern.

Aus diesem Rollen-Design ergibt sich die Struktur der Handlung, denn Figur ist Struktur.

Versuch aus der Praxis: Wie könnte das Design von Eltern aussehen, die den Mut und das Selbstvertrauen einer Tochter herausfordern? Womit gemeint ist, dass ihre Aktionen eine Reaktion der Nebenfigur auslösen, welche dem Leser oder Zuschauer zeigt, dass diese mutig und selbstbewusst ist, ohne dass es erklärt wird.

Hmmm, das könnte man auf zwei Arten realisieren. Entweder, dass die Eltern das Design einer Vorbildbeziehung zur Tochter haben, in der sie ihr Ideal sieht. Oder dass die Eltern ein gegenteiliges System etabliert haben, aus dem die Tochter entfliehen will.

In beiden Fällen wäre sie weder mutig noch selbstbewusst, sondern eher rebellisch und im ersten Fall … schlicht langweilig. Sie besucht ihre Eltern zu Hause. Ihre Eltern sind kreative, laute und lustige Leute, die sich aber aus der Politik raushalten und jede Konfrontation meiden.

Ihre Eltern sind in diesem Fall Nebenfiguren der zweiten Ebene. Ihr Spannungsfeld ist der Widerspruch zwischen dem lauten und lustigen Auftritt und dem radikalen Rückzug in konfliktträchtigen Fragen. Das ist eine einzige Dimension, und sie sind eigentlich nur in der Story, weil sie einen Charakterzug der Tochter aufzeigen sollen.

Interessante Aufgabe. Erste Ansätze gehen bei mir wieder Richtung Rebellion (Konfrontation provozieren).

Man könnte erstmal versuchen, zu klären, was denn mutig wäre.

Mutig wäre für mich, das Spannungsfeld der Eltern auszuhalten.

Das wäre für mich Stärke.

Beinhaltet diese nicht auch Mut?

Finde ich nicht. Was ist Mut? Wenn man etwas macht, wovor man Angst hat, oder? Oder wenn man etwas tut, obwohl die Gefahr der gesellschaftlichen Ablehnung besteht?

Also, die Eltern sind kreativ, laut, bunt und auf Grund der Konfliktscheue eher oberflächlich, weil sie fürchten, wenn sie zu sehr Farbe bekennen, ausgegrenzt zu werden.

Ja, das war jetzt so mein spontaner Entwurf.

Sie würden es also gerne sehen, wenn sich ihre Tochter ebenso verhält. Denn sie wollen ja nicht, das sie ausgegrenzt wird, wenn sie sich zu etwas „bekennen“ würde.

Im Grunde wäre es also mutig von ihr, wenn sie ihre Eltern mit einer Entscheidung konfrontieren würde, die diesen nicht schmeckt. Und selbstbewusst wäre es, wenn sie das schafft, ohne dabei wie ein rebellischer Teenager zu klingen. Man könnte ihr Selbstvertrauen mit einem unsicheren Vater und einer dominanten Mutter kontrastieren bzw. herausfordern.

Wovor hätte die Tochter Angst? Die Gunst der Eltern zu verlieren? Sich in Oberflächlichkeiten zu verlieren, weil sie erkennt, das das Leben ihrer Eltern zwar bunt und laut, aber ohne Substanz ist.

Vielleicht hat sie einfach ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Sie mag sie sehr, hat sich in der Kindheit und Jugend gut aufgehoben gefühlt und möchte diese Beziehung nicht beeinträchtigen.

Dann weniger die dominante Mutter, eher eine überfürsorgliche. Eine Mutter, die ihrem Mann die Socken rauslegt, die er anziehen soll, und in ihm eher ihren Sohn als Mann sieht. Einen Vater, der diesen Zustand vor langer Zeit akzeptiert hat, womit die Konfliktscheue zu Tage tritt.

Das wäre auch eine Möglichkeit. Vielleicht beides: dominant-überfürsorglich.

Außerdem hat die Tochter Selbstbewusstsein, sie ist sich also ihrer selbst bewusst. Das könnte einschließen, dass sie ein Grundverständnis für ihre Eltern mitbringt. Sie gesteht ihren Eltern zu, so leben zu dürfen, wie sie möchten. Das ändert an ihrer Liebe nichts. Sie übt keine Kritik, entscheidet sich nur für sich selbst anders. Nun befürchtet sie, dass sie ihre Eltern nicht auf dieses Level mitnehmen kann.

Damit ihr Selbstbewusstsein gezeigt werden kann und nicht erklärt werden muss, würden die Eltern entsprechend so reagieren, dass ihre Befürchtung bestätigt wird.

Wir müssen den Druck steigen lassen. Sie muss Entscheidungen treffen, und je höher der Druck, desto deutlicher tritt der Charakter zutage.

Durch die Akzeptanz gibt sie ihren Eltern die Größe, so weiter zu leben wie bisher, sie jedoch wird einen anderen Weg einschlagen.

Genau.

Die Struktur der Eltern könnte durch einen kleinen Flashback zeigen, wie sie zu denen geworden sind, die sie sind, und damit die Notwendigkeit der Tochter für die Veränderung unterstreichen (Hellingers System lässt grüßen).

Uff. Ich bin keine Freundin von Flashbacks. Zumal das etwas von einer Erklärung hätte, viel lieber möchte ich es durch Entscheidungen zeigen. Auch wirkt der Charakter einer Figur stärker, wenn das Wieso nur angedeutet und nicht vollständig dargelegt wird. Dem liegt zugrunde, dass es nie wirklich eine abschließende Erklärung für das Verhalten von Menschen gibt, und der Versuch, es trotzdem erklären zu wollen, könnte die Figur abflachen. Daher wäre es näher an der Wirklichkeit der Leser, über die Gründe spekulieren zu lassen oder sie anzudeuten.

Und ihn damit Teil der Geschichte werden zu lassen.

Ja! Man darf nämlich auch nie vergessen, dass der Leser die halbe Arbeit macht. Faktisch lassen wir nur Wörter auf Papier drucken, wir formulieren Sätze, aber auch, wenn wir sie induzieren, erschafft der Leser die Bilder.

Richtig. Du gibst die Form vor, der Inhalt ist bei jedem Leser anders.

Ich finde, ein guter Text ist leicht und flüssig zu lesen, denn nur so hat der Leser die Chance auf einen Film.

Und als guter Autor fokussiert man sich auf die Form und gibt leichte Inhaltsvorgaben. Im Gegensatz zu dem Autor, der sich auf den Inhalt fokussiert und sich damit der Fantasie des Lesers beraubt.

Ja. So ist es.


engelnkemper.org

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