Rüberwandern

Ich habe diesen Satz so schnell auf den Lippen. Wenn die Nachbarn mal wieder die Hausverwaltung bemühen, weil ihnen mein Balkon nicht passt; wenn die AfD in Wahlen die CDU fast überholt; wenn die grauen Briefe eintrudeln: “Ich halt’s hier nicht mehr aus! Ich will auswandern.”

Der Sehnsuchtsort als Oase des Friedens. Wo alles besser ist, das Gras grüner, die Leute netter; das Paradies, so wirkt es in diesen Momenten, liegt nur einen Schritt hinter der Landesgrenze. Die Vorstellung, diesen Schritt zu gehen, wärmt das Herz und besänftigt den Kopf. Wenn, ja, wenn ich nur wollte, wenn ich nur täte! Das hätte Deutschland dann davon. Als wäre das Auswandern ein Akt der Rache an einem kaputten System, das einen vermissen würde.

Sobald die Fluchtursache beseitigt ist und wieder die angenehmen Dinge das Bewusstsein berühren, ist auch der Satz von den Lippen. Freunde, Stabilität, Job, den Umzug könne man sich eh nicht leisten, Deutschland ist doch ganz hübsch, irgendwie auch Heimat – natürlich bleiben wir.

Deshalb hat es auch in ruhigen Momenten einen Beigeschmack, wenn man vom Auswandern spricht. Es redet sich ja immer leicht. Wahrscheinlich ist wieder etwas passiert, wahrscheinlich ist das Gras drüben mal wieder grüner, wahrscheinlich spricht da nur die Sehnsucht nach der Oase. Wie geht man sowas also an, so ein Gespräch, wie hebt man einen solchen Wunsch von der Bühne der Traumtänzer auf das Fundament der Realisten?

Ich hab’s getan, und jetzt haben wir einen Plan.

“Kannst du dir ernsthaft vorstellen, nach Irland zu ziehen? Du hast hier alle deine sozialen Kontakte. Die Leute hier sprechen deine Sprache. Du hast noch nie im Ausland gelebt. Kannst du dir wirklich vorstellen, auszuwandern?”

Diese Frage habe ich in einem ruhigen Moment nicht nur meinem Mann, sondern auch mir selbst gestellt. Die emotionalen Ausbrüche, in denen ich mir wünsche, Deutschland den Rücken zu kehren, habe ich gefressen. Ich bin satt. Zeit für etwas Konkretes. Wir klären diese Frage jetzt ein für alle mal: Will ich wirklich weg, weg von den Bergen, weg von Nürnberg und Berlin, weg von meinen Freunden, eben weg? Nein. Aber die Distanz zu all diesen Menschen und Orten für ein paar Jahre etwas vergrößern: Ja, das möchte ich.

Wer nur weg will, wird nicht auswandern. Denn der will nur weg und nicht ankommen. Ich aber will ankommen. Und wer irgendwo angekommen ist, der kann auch zurückkommen.

Die sozialen Kontakte? Sind doch dadurch nicht tot. Die Muttersprache? Nehme ich einfach mit. Ich habe noch nie im Ausland gelebt? Ein Grund mehr, dieses Kapitel meinem Leben hinzuzufügen.

Nachdem die Sache für mich also geklärt ist, gilt es, sie auch für meinen Mann zu klären. Lange Autofahrten sind eine gute Gelegenheit für solche Gespräche. Im
Faradaykäfig zwischen Blech, Asphalt und Leitplanken werden störende Einflüsse einfach abgeleitet. Lenken, Gas geben, bremsen, schalten, Gefühle erforschen und aussprechen: Auf Autobahnen geht das.

Wenn Menschen an Orten Wurzeln schlagen können, dann ist mein Mann eine alte Eiche. Den Münchner Großraum hat er noch nie verlassen. Nicht selbstverständlich, da den Entschluss zu fassen, gleich ins Ausland zu ziehen.

Er sagt: “Ich sehe das nicht als Auswandern. Wir leben in Europa, da gibt es keine Grenzen. Wir ziehen einfach um.”

Das sitzt. Ich habe keine Eiche geheiratet, sondern einen Ent. Und der fühlt sich wohl im Wald Europa. Er wandert nicht aus, er wandert rüber. Das ist eine Erfahrung, die er machen will, sagt er. Die in seinem Leben noch fehlt. Am Willen mangelt es nicht. Am Finanziellen allerdings schon.

Aber um das Thema pragmatisch anzugehen, muss man zuerst die Emotionen klären. Denn was nützt der beste Sparplan, wenn man im Herzen gar nicht die Wurzeln aus dem Boden ziehen will. Nun, wo die Gefühle geklärt sind, kommen die Fakten an die Reihe. Die Vorstellungen. Erwartungen. Zahlen.

Besonders die Zahlen.

Die sind verglichen mit der emotionalen Ebene ein Kinderspiel. Nicht das Sparen an sich (wann war das jemals ein Kinderspiel). Das Ausrechnen, Budgetieren, Planen jedoch schon. Ist ja nur Mathematik.

Und nun haben wir einen Plan. Wir wissen, wie viel Eigenkapital wir mitbringen müssen, um in Irland ein Haus zu kaufen; wir wissen, wie viel Geld im Jahr wir realistisch und sinnvoll sparen können; wir können abschätzen, wie hoch die zusätzlichen Kosten für Umzug, Notar und so weiter sein werden. Kurzum: In drei Jahren sollten wir soweit sein.

Es fühlt sich neu und aufregend an. Schmeckt nicht nach Wut und riecht nicht nach Flucht. Stattdessen sehe ich, dass ich durch die Schriftstellerei eine gewisse Sicherheit gewonnen habe. Noch vor einem Jahr habe ich mich ständig dabei erwischt, wie ich gedacht habe: “Und wenn das mit dem Schreiben doch nicht klappt? Gehe ich dann noch mal studieren, schiebe ich eine Ausbildung nach oder suche ich mir wieder einen Job als Journalistin?” Das ist weg.

Jetzt ist da ein sicherer Boden. Wenn ich ein Jobangebot sehe, greift manchmal noch der alte Reflex: “Da könnte ich mich bewerben, falls, ja, falls.” Doch inzwischen folgt sogleich der Gedanke: “Moment mal, das musst du nicht mehr. Du hast einen Job.” Das Thema ist durch. Ich schreibe jetzt Bücher.

Zeit für ein neues langfristiges Ziel.

Ich denke an Harry, der sich selbst mit seinem Patronus vor den Dementoren rettet. Es gelingt ihm, weil er bereits gesehen hat, wie es ihm gelungen ist. Weil es ihm bereits gelungen ist, hat er keine Zweifel daran, dass es ihm gelingen wird. Und so gelingt es ihm. Dieses Sinnbild soll die Maxime unserer Zukunft sein.

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