DAS DING

Sprechen wir über etwas, das Angst macht, ohne zu erwähnen, was Angst macht. Nennen wir es DAS DING.

Ich verbringe viel Zeit an Orten, die es gar nicht gibt.

Zurzeit ist das vor allem mein Gegenwartszimmer. Es heißt so, weil es der Ort des Jetzt ist, zu dem die Gespenster der Vergangenheit keinen Zutritt haben. Sie haben keinen Zutritt, weil das Zimmer eine vielfach verriegelte Bunkertür hat. Und weil ich sie nicht hereinlasse.

Ansonsten hat das Zimmer nichts von einem Bunker. Stellt euch ein Zimmer mit weißen Wänden vor. Couchgarnitur, Glastisch, Bücherwand, dunkles Holzregal, ein Sekretär, ein abgetrennter Gefühlsraum mit Boxsack und Kuschelecke. Eine Wandseite ist in Glas aufgelöst. Dahinter Klippen und Meer. Der Himmel ist immer bewölkt, die Luft diesig und voller Möwen.

Ich mache also die Augen zu und liege auf der Couch. Ich öffne die Augen, sehe mich um. Betrachte erst den Glastisch, dann die Fensterfront, die Klippen, das Wetter. Blick durchs Zimmer: Das gehört zum Ritual dazu, zum Ankommen. Dann stehe ich auf und überlege, was ich tun möchte.

Will ich mich austoben, gehe ich in den Gefühlsraum und dresche auf den Boxsack ein. Da kann ich die Wut so richtig rauslassen, ich verprügle den Sack nach Strich und Faden, mein Puls geht schneller, ich höre erst auf, wenn die Wut so unkontrollierbar wird, dass ich anfange, das abgetrennte Zimmer zu Kleinholz zu zerlegen. Das Toben tut gut. Manchmal lege ich mich im Gefühlsraum aber auch in die Kuschelecke; dann bin ich in meinem Schutzbereich und kann mich mit Gedanken auseinandersetzen, die Aufmerksamkeit wollen.

Wenn ich den Gefühlsraum verlasse, bin ich wieder im Gegenwartszimmer. Da gibt es ein Whiteboard und davor einen Sitzsack. Daneben eine Stereoanlage. Ich kann Musik einschalten, wenn ich will, oder mich in den Sack werfen und auf das Whiteboard starren. Da laufen dann Filme ab. Eine Art, neue Szenen zu planen: Wenn ich sie mir ansehe, fallen mir Details oder Zusammenhänge ein, die mir sonst vielleicht nicht eingefallen wären.

Ich kann auch durch die Fensterfront treten und einen Spaziergang über die Klippen machen. Oder ich schiebe das Glas mit meinen Gedanken beiseite und lasse die Vögel herein. So habe ich mir einen Papageientaucher angelacht. Er darf jederzeit hereinkommen, auch wenn die Fenster dicht sind. Dann fliegt er eben einfach durch das Glas hindurch, er kann das.

Obwohl ich mich schon ziemlich lange regelmäßig in diesem Zimmer aufhalte, entdecke ich immer mal wieder etwas Neues. Vergangene Woche habe ich eine weitere Kammer gefunden, eine geheime Kammer, gleich gegenüber dem Gefühlsraum. Da stehen zwar die Bücherregale, an einer Stelle lassen diese sich jedoch nach innen drücken, wodurch sich ein Tor öffnet. Und dahinter liegt die besagte Kammer.

Am Ende dieses kleinen weißen Raums steht ein schlichter Metalltisch, auf dem ein Tablett liegt, darauf eine gläserne Käseglocke.

Darunter blubbert und eitert DAS DING vor sich hin.

Ich wusste schon vorher, dass es existiert, aber ich sehe es zum ersten Mal als etwas von mir Getrenntes. Während es so unter der Käseglocke liegt, kann ich es nüchtern betrachten. Also nehme ich das Tablett und trage es ins Gegenwartszimmer. Stelle es auf den Couchtisch und nehme Platz.

DAS DING und ich haben eine Unterhaltung, die mehr ein Monolog ist, denn DAS DING spricht nicht, sondern verwandelt sich in etwas anderes, und dann gehen mir ein paar Lichter auf. Diese Lichter sind mir schon früher aufgegangen, aber nicht so hell wie jetzt. Das ist jetzt mehr als Ratio, das geht ins Herz. DAS DING ist kein Teil meiner Gegenwart. Und es ist kein Teil meiner Zukunft, das beschließe ich mit Inbrunst und Entschlossenheit.

Ich fühle es noch, als ich das Gegenwartszimmer verlasse. Eine komplexbehaftete Tätigkeit fällt mir auf einmal ganz leicht. So begeistert bin ich, dass ich der Welt davon erzählen möchte. Mein Herz ist voller Liebe.

Transformation abgeschlossen.

Denke ich.

DAS DING ist noch in mir. Es lässt mich zwar endlich wieder das tun, was ich jahrelang nur unter schwierigen Bedingungen tun konnte. Doch sobald ich nur kurz damit aufhöre, mein Ich bewusst zu leben, beginnt es zu randalieren und zu schreien, dass mir ganz anders wird. Es schreit in meinem Kopf: WARUM? WARUM? WARUM? Und ich weiß, warum, aber es hört mir nicht zu.

Ich sage: So ist es nun eben. Ich bin ich und mein Leben ist eben so verlaufen, wie es verlaufen ist. Das macht mich individuell. Es ist okay.

DAS DING ist für solche Sätze nicht empfänglich. Das bin nur ich. DAS DING ist kein Teil meiner Zukunft, denn ich habe beschlossen, dass es das nicht ist. Aber ist es so einfach? Abspalten, einsperren, Ruhe?

Wie kann man etwas integrieren, das für Vernunft absolut nicht empfänglich ist? Das die Welt eintrübt und Hass in die Liebe gießt, das so verbittert und nihilistisch ist, sich aber nicht trösten lässt?

Ein halbbewusster Moment. Ich denke an diese Tätigkeit, die ich am gleichen Tag mit großer Freude wieder ausgeübt habe, denke: Ich könnte jetzt damit weitermachen. Und da ist es wieder, dieses Gefühl der Enge, des Widerwillens in meiner Brust. DAS DING drückt mir seinen Eiter ins Herz.

Es ist anstrengend, bewusst dagegen anzukämpfen.

Ich muss wohl noch mal in die Kammer.

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