Wie Cronos Cube zu Oetinger kam

An diesen Moment werde ich mich immer erinnern.

23. Januar 2018, ich sitze im Geretsrieder Rathaus. Großer Sitzungssaal, Pressetisch. Der Bauausschuss tagt. Die Sanitäranlagen der Mittelschule sollen für 750 000 Euro saniert werden. Im Boxclub schimmelt die Decke, eine neue Lüftungsanlage ist fällig. Ich mache mir Notizen und werfe gelangweilte Blicke auf mein Handy. Ich weiß noch nicht, dass ich den Job im Juni an den Nagel hängen werde, habe innerlich aber schon gekündigt.

Cronos Cube ist für den SERAPH-Phantastikpreis nominiert. Ich hoffe, es noch auf die Shortlist zu schaffen (was tatsächlich gelingt). Bis zur Buchmesse und der Preisverleihung (die allerdings nicht gelingt) sind es noch zwei Monate hin. Ich führe gerade zwei Leben: Das eine verbringe ich in Sitzungen und in dem anderen schnuppere ich die Luft des Buchmarkts.

Eine WhatsApp-Nachricht des Liesmich-Verlegers Karsten Möckel geht ein. Hurra, Abwechslung! Ich rufe die Nachricht auf.

[17:47, 23.1.2018] Karsten Möckel: Der Oetinger Taschenbuchverlag fragt nach einem CC Exemplar und ob wir die Lizenz verkaufen würden ☺

Karsten Möckel am 23. Januar 2018 per WhatsApp

Zwei Jahre ist es her, seit mein Debütroman Cronos Cube beim Leipziger Liesmich Verlag erschienen ist – dem damals vielleicht kleinsten Verlag Deutschlands. Cronos Cube war da gerade erst sein drittes Buch: Zuvor hatte er im Abstand von jeweils einem Jahr die Titel Pedalpilot Doppel-Zwo und Fayvel der Chinese herausgebracht. Liesmich besteht heute noch aus lauter lesebesessenen Bücherliebhabern, die ehrenamtlich für den Verlag arbeiten. Einen Bestseller landet man da zwar nicht – dazu fehlen schlicht die Mittel. Aber mit so einer Nachricht hat dort auch niemand gerechnet. Immerhin ist Oetinger Astrid Lindgrens Hausverlag und Herausgeber der deutschsprachigen Ausgabe von Die Tribute von Panem.

Ich reagiere daher ganz sachlich:

[17:49, 23.1.2018] Thekla: WAS ZUR HÖLLE SOLL DAS EIN WITZ SEIN OMG MEIN PULS
[17:50, 23.1.2018] Thekla: Ich sitze gerade im Stadtrat. Kippe dann mal um.

An diesem Abend fahre ich singend nach Hause. Am nächsten Tag brechen die Zweifel über mich herein – das kann doch nicht klappen, warum sollte mir so etwas passieren? Im Alltag versuche ich, Oetinger zu vergessen. Was ziemlich gut gelingt, so sehr bin ich davon überzeugt, dass Oetinger das Leseexemplar für nicht gut genug befindet. An manchen Tagen denke ich überhaupt nicht mehr daran, auch, weil so viele andere Dinge mich beschäftigen. Mein Terminplan für die Leipziger Buchmesse wächst. Lesungen, ein Interview, die Preisverleihung. Das alles während einer ständig dunkler werdenden depressiven Phase.

Zeitsprung zum 21. März 2018. Ich habe die Buchmesse irgendwie überlebt und Oetinger ist zu einer Entscheidung gekommen.

Er schreibt Karsten:

“Cronos Cube wird eine Doppelseite in unserer Vorschau erhalten und ein Schwerpunkttitel in unserem Programm werden, wir glauben wirklich sehr an diesen tollen Titel!”

Oetinger per Email an Liesmich

Was Oetinger plant, ist eine Taschenbuchausgabe von Cronos Cube. Bei Liesmich ist das Buch als Paperback erschienen, welches in Deutschland ein bisschen größer ist als ein Taschenbuch und einen festeren Umschlag hat, der aufklappbar und innen gestaltet ist. (In englischsprachigen Ländern hingegen ist “Paperback” einfach nur die Bezeichnung fürs Taschenbuch.)

Karsten schließt also einen Lizenzvertrag mit Oetinger, der dem Verlagshaus die Rechte einräumt, Cronos Cube als Taschenbuch neu herauszubringen. Das dauert und dauert; Wochen vergehen, bis ich endlich die Nachricht erhalte, dass der Vertrag unter Dach und Fach ist.

Ich lerne: In der Buchbranche braucht man Geduld.

Kaum ist der Vertrag geschlossen, landet eine Email in meinem Postfach. Jetzt, wo Oetinger mit Liesmich alles geklärt hat, möchte die Programmleiterin von Oetinger Taschenbuch die Autorin kennenlernen:

Es freut mich wirklich sehr, dass Cronos Cube, das uns hier allesamt sofort begeistert hat, bei uns im Programm erscheinen wird, und ich fände es schön, wenn wir uns zum Kennenlernen vielleicht einmal kurz sprechen könnten.

Oetinger per Email an mich

So schnell bin ich noch nie in einen Zug gestiegen. Ein Telefonat kommt für mich nur im Notfall in Frage. Ich habe das schon in meiner Anfangszeit bei Liesmich eisern durchgezogen: Wann immer es möglich ist, bestehe ich auf ein persönliches Gespräch. Zum einen telefoniere ich generell ungern. Zum anderen möchte ich mein Gegenüber bei so wichtigen Themen komplett erfassen können, nicht nur akustisch.

Drei Tage später reise ich nach Hamburg. Ich schlafe in einem Hotel an der Reeperbahn und treffe mich am nächsten Tag mit einem guten Freund, der mich zum Verlagshaus begleitet. Die Aufregung zwirbelt mir den Magen so durch, dass ich am liebsten auf den Boden der S-Bahn brechen würde. Wir kommen an den ruhigen und grünen Hamburger Stadtrand, links eine Baumschule, rechts geduckte Häuser, wenige Autos, ab und zu mal ein Bus. Und hier soll einer der bekanntesten deutschen Verlage seinen Sitz haben?

Tatsächlich: Da steht das Schild, am Rande einer Hofeinfahrt. Der Verlag verteilt sich auf eine verwinkelte Ansammlung von Häusern, die, würde man sie stapeln, jene Verlagszentrale ergäben, die ich erwartet hatte.

Ich lerne Vicky Graz kennen, die Programmleiterin der Taschenbuchsparte, und eine der Lektorinnen. Von beiden fühle ich mich herzlich aufgenommen, die Aufregung schwindet. Wir unterhalten uns fast zwei Stunden lang über Oetinger, meinen Werdegang, die Verlagsarbeit – und darüber, wie man bei einem großen Verlag ein Manuskript einreicht.

Kurzum: Jetzt, wo mich der Verlag kennt, reicht ein formloses Anschreiben. Klar, ein Exposé und eine Leseprobe sollten schon sein. Aber da gibt es eigentlich kein richtig oder falsch. Es muss nur überzeugen können. (Wenn ihr wollt, kann ich euch dazu in einem anderen Artikel mal mehr sagen.)

Auf der Heimfahrt im ICE nehme ich das Surface heraus und arbeite weiter an Cronos Cube 2 – nicht wissend, ob Oetinger den zweiten Teil auch herausbringt (tut er!), aber voller Hoffnung (zu Recht). Im November erscheint die oben erwähnte Programmvorschau, und tatsächlich:

Und es wird noch besser. Im Frühjahr 2019 betritt ein Vertreter Oetingers die Buchhandlung Ulbrich in Geretsried. Da kennt man mich, so wie man dort das halbe Städtchen kennt. Der Vertreter weiß nicht, dass ich in Geretsried lebe und regelmäßig in dieser Buchhandlung einkaufe, als er sagt, dass Cronos Cube einer seiner beiden Favoriten der Saison sei.

Ein Vögelchen wird mir flüstern, dass die Meinung der Vertreter sehr viel zähle. Und dass alle Vertreter auf Cronos Cube begeistert reagiert hätten.

Ob das bedeutet, dass es ab Juli 2019 auch gut über die Ladentische geht, weiß ich nicht. Ich wünsche mir seit Monaten eine Glaskugel! Andererseits, falls Cronos Cube floppt, möchte ich das lieber nicht vorher gewusst haben.

Jedenfalls: So kam Cronos Cube zu Oetinger. Der Name allein ist natürlich kein Garant für kommerziellen Erfolg. Aber wenn man bedenkt, dass zuerst ein kleines Team bibliophiler Büchermacher Cronos Cube ins Leben gewuchtet hat, ohne große finanzielle Mittel und ohne Marketingabteilung, allein getrieben von dem Wunsch, unbekannten Autoren auf die Bühne der Literatur zu helfen, dann ist das schon eine bemerkenswerte Geschichte.

An dieser Stelle noch einmal Dank an die LiMis: Bitte bleibt euch treu! <3

1 Kommentar

  1. Hallo Thekla,
    lese gerade so ein bisschen die alten Beiträge hier im Blog.

    Ich weiß nicht, wie gut das Buch verkauft wurde. Aber es steht bei Thalia in Ludwigshafen bei den Jugendbüchern gut sichtbar platziert im Regal. Also nicht so, dass man den Buchrücken sieht, sondern die Vorderseite. 🙂

    Wenn ich mein Handy dabei gehabt hätte (ja, sowas gibts, bin ein alter Sack), hätte ich das Regal fotografiert.

    Viele Grüße,
    Klaus

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