Gewinnen muss der Text: Wie ein Lektorat ablaufen kann

Ich liebe Lektorate. Nun, sicherlich liebe ich sie nicht unter allen Voraussetzungen, denn ein Lektor, mit dem ich mich nicht verstehe, kann diesen wunderbaren Arbeitsschritt auch für mich zur Qual machen. Aber das blieb mir bislang erspart, weil ich sowohl bei Liesmich als auch bei Oetinger dieselbe Lektorin hatte und habe. Isabella ist nämlich so gut, dass sie von diesem großen Verlagshaus auch gleich übernommen wurde. (Ich hab’s doch immer gewusst!)

Nun haben wir drei – Isabella, Cronos Cube und ich – bei Oetinger also eine neue Heimat gefunden. Im Juli erscheint der erste Band als Taschenbuch, und weil Isabella ihn schon bei Liesmich zu Hochglanz poliert hatte, musste er auch für Oetinger nicht mehr wesentlich verändert werden. Am 21. Oktober folgt direkt bei Oetinger Band 2, “Cronos Cube – Der Chaosbringer”. (Auf diesen Titel bin ich übrigens ziemlich stolz, weil er mein Vorschlag war. Titelnamen sind nicht meine Stärke. Beim ersten Band mussten alle Kapitelüberschriften entfernt werden, weil sie so schlecht waren! Seither nummeriere ich meine Kapitel nur noch.)

Mit Cronos Cube 2 lerne ich das professionelle Verlagswesen kennen.  Für mich ein spannender Prozess: Zum Beispiel hätte ich mir nie vorstellen können, dass ein Buch bereits in den Vorverkauf geht, bevor das Lektorat beendet ist. Aber genau das ist passiert, der Chaosbringer kann bereits vorbestellt werden (zum Beispiel hier), obwohl Isabella und ich noch mitten im Lektorat stecken.

Ich glaube – das sage ich ohne Bescheidenheit -, dass ich eine gewissenhafte Autorin bin. Zu SZ-Zeiten hat mir die Redaktionsleiterin ihre Texte nochmal extra zum Korrekturlesen gegeben, weil sie wusste, dass ich noch den letzten Buchstabendreher finde. Das heißt, was Rechtschreibung und Grammatik angeht, bin ich recht sattelfest. Jedoch mache ich in meinen eigenen Texten gerne Flüchtigkeitsfehler, und zwar immer in den richtigen Momenten. Zum Beispiel stand am Anfang dieses Absatzes erst “Bescheidenhat”. Typisch für mich.

Wie funktioniert aber denn nun so ein Lektorat?

Bei uns: über Word. Isabella liest das Manuskript aufmerksam durch und setzt Kommentare, die sie mir dann schickt. Offensichtliche Fehler, die keiner Diskussion bedürfen, korrigiert sie direkt im Dokument. Das sind in der Regel Tipp- oder Rechtschreibfehler. Wenn sie mir das Manuskript zurückschickt, sieht eine Seite zum Beispiel so aus (da ich die Beispiele den ersten Seiten entnehme, ist die Spoilergefahr gering, ich warne dennoch):

Das war eine der Seiten, die am schnellsten bearbeitet waren. Da ich ein gutes Vertrauensverhältnis zu Isabella habe, muss ich bei solchen Kommentaren nicht lange nachdenken oder gar diskutieren. Wenn sie findet, dass Lachlans sarkastischer Gedanke in der Mitte missverstanden werden könnte, dann denke ich mir etwas anderes aus, und meist gefällt es mir anschließend sogar besser.

Manchmal muss Isabella ein wenig ausholen, um einen Gedanken zu erklären. In der Regel lese ich ihre Ausführung dann und denke: Ja, völlig logisch, warum ist mir das beim Schreiben nicht aufgefallen? Ich ändere es, fühle mich gut aufgehoben und habe das Gefühl, dass das Buch wieder etwas besser geworden ist. So war es zum Beispiel an dieser Stelle im ersten Kommentar:

Der zweite Kommentar hingegen ärgerte mich. Das heißt, ich ärgerte mich über mich selbst. Ich mag die einfachen Verben wie “sagte” oder “fragte”. Manchmal lasse ich mich aber zu anderen Verben hinreißen, was meist in die Hose geht.

Manuskript: »Und da hat dir ein Kollege eine Droge untergejubelt«, riet er.

Isabella: Dass Lachlan rät, ist selbsterklärend. Ich bin kein Fan des „raten“ als Verb der sprachlichen Äußerung.

Ich ja auch nicht, denke ich dann. Trotzdem muss ich immer wieder daran erinnert werden. Und das wird sich wahrscheinlich auch niemals ändern. Was ich auch nicht mag, sind Bilder, denen allzu deutlich anzumerken ist, dass der Autor sich in sie verliebt hat und deshalb nicht loslassen will, egal wie wenig sie dem Text geben.

Allerdings …

Manuskript: Lachlan gewöhnte sich allmählich an den Login; es beunruhigte ihn nicht mehr, dass sich sein Herzschlag und seine Atmung verlangsamten, dass er die Hände plötzlich nicht mehr bewegen konnte und dass sich sein Bewusstsein wie eine schlüpfende Libelle aus dem Körper zurückzog, bis nur noch sein Gesicht festklebte.

Isabella: Das verstehe ich nicht. Wo klebt das Gesicht? Noch in der Hülle? Da überstrapazierst du glaube ich die Metapher.

Ich korrigiere “festklebte” zu “übrig war” und antworte: Ich würde gern drin lassen, dass sich das Gesicht als letztes ablöst. Was meinst du, können wir es so lassen? Oder nehmen wir das Gesicht ganz raus?

Isabella: Hm, ich glaube, mein Problem ist, dass ich nicht so recht weiß, was wo ist. Und dass sich gleichzeitig das Bewusstsein aus dem Körper zurückzieht und der Körper aber auch weniger wird (nur das Gesicht ist ja übrig). Da passiert irgendwie zu viel auf einmal.

… bin ich da manchmal auch nicht besser. Ich setze also einen Punkt nach “zurückzog” und fühle sofort, dass das die richtige Entscheidung war. Wenn ich das Bedürfnis habe, um eine Formulierung zu kämpfen, ist das – nicht immer, aber meist – ein Indiz für Eitelkeit. Gewinnen muss am Ende aber immer der Text.

Nicht alle unsere Diskussionen – ein Wort, das eigentlich zu hart ist; es sind mehr Unterhaltungen, die wir in der Kommentarspalte führen – gehen jedoch so aus, manche sind ein bisschen kniffliger. Zum Beispiel, wenn es um solche Themen geht:

Manuskript: Griffin griff zum Bleistift und antwortete: Ja. Bring ihn ins Halafaz. P. wird Bescheid wissen und ihm eine Kleinigkeit zu trinken geben. — G.

Isabella: Hmm, das ist ja schon passiert. Sprich, du erzählst hier nicht chronologisch. Ich bin nicht sicher, ob das so gut ist. Du gehst hier ja nicht in die Vorvergangenheit, die klar macht, dass das zuvor passiert ist. Vielleicht solltest du das tun. Kann es sein, dass diese Szene in der früheren Version die erste oder eine der ersten war? Habe ich so in Erinnerung. Im ersten Teil hast du alles chronologisch erzählt, oder nicht?

Ich: Ich habe mir darüber echt lange den Kopf zerbrochen, eben weil ich diese chronologische Erzählweise am liebsten habe (ich trage da einen jaulenden Monk in mir). Aber es lässt sich einfach nicht anders lösen. Auch nicht, indem ich dieses Kapitel an den Anfang stelle. Es kommt in den ersten beiden Kapiteln nun mal zu einer zeitlichen Überschneidung, das kann ich nicht ändern. Ich glaube aber, wir können unseren Lesern zutrauen, dass sie das auf die Reihe bekommen.

Isabella: Ok! Den Kommentar lass ich auch zur Info stehen.

Das Lektorat poliert nicht nur das Buch zu Hochglanz auf, es bringt mir auch immer wieder etwas bei – vor allem über mich selbst und meine Figuren. Zum Beispiel war mir nur teilweise bewusst, dass Lachlan ziemlich misogyn ist. Aber als ich darauf aufmerksam gemacht wurde, leuchtete mir das völlig ein und ich wusste: Ja, das muss so sein. Isabella, eine ausgewiesene Feministin, ist das natürlich aufgefallen, und so entspann sich folgende Unterhaltung:

Manuskript: »Wir mussten es trotzdem versuchen«, unterbrach Lachlan sie und setzte sich an den Tisch. Sie hatte gerade erst zwei Sätze gesagt, da bekam er von ihrer nervigen MädchenStimme schon wieder Kopfschmerzen.

Isabella: Aaah, hier meldet sich deine Feministenlektorin zu Wort: Ich finde es immer schwierig, wenn man Frauenstimmen als „nervig“ bezeichnet. Das mag im Einzelfall natürlich stimmen, dass sie nervig sind. Aber es transportiert eben dieses Bild, dass Frauen nicht ernst zu nehmen sind aufgrund ihrer hohen/kreischenden usw. Stimmen. Und: Lachlan nennt es auch „Mädchen“stimme. Es ist auch sexistisch/verniedlichend, kleinmachend, Frauenstimmen zu Mädchenstimmen zu machen.
Kann ja sein, dass Lachlan so ein Arschloch ist ( 🙂 ), aber es bleibt halt das sexistische Klischee beim Leser hängen.
Es widerspricht ihm ja niemand.
Vielleicht ist ihre Stimme oder besser ihre Art zu reden auf eine andere Art und Weise blöd?

Ich: Im ersten Buch wird erwähnt, dass Melpo eine für ihr Alter untypische Mädchenstimme hat. Melpo ist zwar eine Frau, aber eine, die auf Mädchen macht: Puppenfrisur, Spitzenkleidchen, ihre kritiklose und reichlich oberflächliche Begeisterung für Griffin. Sie macht am Ende des Buches einen Entwicklungsschritt und den nächsten im dritten Teil.
Aber natürlich soll Cronos keine frauenfeindlichen Klischees bedienen. Ich wollte damit nur erklären, dass es tatsächlich vorrangig um Melpo geht, wenn ich solche Formulierungen verwende. Darüber hinaus hat es Lachlan nicht so mit Frauen, und er mag sie auch nicht besonders oft. Das ist aus Sicht einer Feministin (und jeder denkenden Frau) höchst unsympathisch, passt aber zu Lachlans Charakter und seiner Prägung. Vor allem mit einem Frauenbild wie seiner Mutter vor Augen ist Melpo für ihn ein unerträglich quietschiges Girlie.

Isabella: Danke für die ausführliche Antwort! Ich lasse die Kommentare stehen, weil ich sie bestimmt noch mal gebrauchen werde im Laufe des Lektorats.

Am Ende habe ich aus “Mädchenstimme” eine “Stimme” gemacht und mir vorgenommen, besser darauf zu achten, wann ich unbewusst sexistisch bin und wann ich mich wirklich nur Lachlans Charakter anpasse. Denn wir Frauen sind nicht automatisch Feministinnen, nur dadurch, dass wir Frauen sind. Auch ich trage noch Stereotypen in mir, die ich bewusst hinterfragen und beseitigen muss.

Auch dazu kann ein Lektorat also gut sein.

Wichtig finde ich aber auch, dass es immer wieder etwas zu lachen gibt. Das klappt am Besten dann, wenn man über sich selbst gut lachen kann.

Manuskript: »Das ist schlimmer, als es aussieht«, sagte er zu Teresa, die ihm das Blut von den Wangen wischte. »Am Kopf ist eben die Haut sehr dünn. Das blutet immer stark.«

Isabella: Haha!

Ich hatte Isabella zuvor schon auf diesen Fehler aufmerksam gemacht, weshalb sie diese Stelle nicht weiter kommentieren musste. Und ich werde noch sehr lange über diesen Fauxpas lachen können. Inzwischen steht da “Das ist halb so wild”, aber insgeheim werde ich immer “Das ist schlimmer, als es aussieht” lesen.

Das ist im Großen und Ganzen das, was bei einem Lektorat von Cronos Cube geschieht: Isabella liest sich durch das Manuskript und wann immer sie stolpert, setzt sie einen Kommentar, um mich darauf hinzuweisen. Sie radiert die Tipp- und Rechtschreibfehler aus, unterhält sich mit mir zum Beispiel über Feminismus und lässt es mich auch mal wissen, wenn sie lachen musste oder etwas gut fand.

Manuskript: Die Mikrokamera, die ihm das gestochen scharfe Bild übermittelte, steckte im Kreuzschlitz einer Schraube, an der ein Bilderrahmen hing.

Isabella: Omg, das ist so krank!

Ich: Ich liebe sowas!

Isabella: Ich auch!

2 Kommentare

  1. Hallo Thekla,

    vielen Dank für deinen Einblick in den Prozess des Lektorats. Ich finde es immer wieder interessant, was ein Lektorat noch aus einem Text herausholen kann. Ich glaube auch, dass es super wichtig ist, einen Lektor zu haben, der Kritik ausüben kann, aber gleichzeitig vorschlägt, wie es besser klingen kann. Der Autor soll natürlich nicht das Gefühl bekommen, fertig gemacht zu werden. Lektor und Autor haben ja beide das gleiche Ziel: Den Text besser machen.
    Das hast du in deinem Beitrag echt schön gezeigt und ich finde super, dass ihr beide euch da sehr gut ergänzt.

    Vielen Dank und gerne mehr solcher Einblicke!

    Liebe Grüße
    Mona

    1. Liebe Mona,

      vielen Dank für deinen Kommentar!
      Es ist genau so, wie du die Zusammenarbeit beschreibst: So sollte sie im Idealfall sein. Ich hoffe, dass ich in meiner Laufbahn noch ganz oft dieses Glück haben werde.
      Welche weiteren Einblicke würden dich denn interessieren?

      Liebst!
      Thekla

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