Wie nasses Papier

Die Kaffeetasse ist leer und ich überlege, ob ich den Satz in die Pflanzen kippe, lasse es dann aber doch bleiben, weil ich sie erst am Montag gedüngt habe.

Montag. Das war, glaube ich, vorgestern, was bedeutet, das heute Mittwoch ist. Der Kalk im Untertopf der Pfefferminze sieht aus wie nasses Papier, das ich mit einem Schwamm abrubbeln könnte. Ich sollte das wirklich dringend tun, und wenn ich schon dabei bin, kann ich auch gleich den Boden in der Wohnung wischen.

Der Montag hat sich stark nach Freitag angefühlt. Auch am Dienstag kam mir immer wieder der Gedanke: “Ich muss noch zur Apotheke, das Rezept für Eletriptan einlösen, sonst ist es vielleicht nicht rechtzeitig da, ist ja jetzt Wochenende.” 

Ich habe drei Anzuchttöpfe mit Frischhaltefolie überzogen, in der Mittagssonne schwitzt die Erde ganz schön, das Kondenswasser tropft von der Folie und hält die Erde feucht. Bald schlüpfen Bohnenranken (hoffe ich jedenfalls), die dann in größere Töpfe umziehen und die Netze an den Wänden erklettern.

Ein sensibles Leben mit einem klar definierten Ziel und einem relativ klar definierten Ende. Erst zwei Blättchen auf einem dünnen Stängel, die zu einem Wust aus Blättern und Schoten werden und dann im Herbst wieder eingehen. Oder im Winter. Kommt drauf an, was für einen Sommer wir dieses Jahr kriegen.

Frühling Sommer Herbst Winter Frühling Sommer Herbst Winter Frühling Sommer Herbst Winter Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Tack Tack Tack Tack Tack Tack Tack Tack

Ich bekomme keine Luft, wenn ich darüber nachdenke, wie die Zeit rast. Luzi putzt sich das zwanzig Jahre alte Fell, was völlig verkehrt ist, das Fell wächst natürlich nach, es ist keine zwanzig Jahre alt, ihre Zunge aber schon, die ganze Katze eben, was für eine umständliche Art und Weise, ihr Alter anzugeben.

Jedenfalls putzt sie sich in der Sonne, diese alte Dame, die mich jeden Morgen minutenlang ankrächzt. Nächstes Jahr tut sie das vielleicht nicht mehr.

Ich sitze nächstes Jahr am vierten Band von Cronos Cube, weil ich dieses Jahr den dritten schreibe. Und vielleicht schreibe ich dann gleichzeitig noch an etwas anderem, das ich derzeit konzipiere. Ein guter Gedanke, der sich nach Klarheit und Struktur anfühlt. Die vielleicht einzige Wahrheit: Ich werde wieder ein Buch schreiben. Und noch eins. Und noch eins. Das ist so wahr wie das Atmen.

Wenn keine Krankheit sie dahinrafft, wachsen die Pflanzen. Die Erdbeere vermehrt ihre Blätter, die Tomate schießt in die Höhe, die Paprika trägt Früchte. Was sollen sie sonst tun? Eine Bank leiten, über die Zeitung schimpfen, Fische züchten?

Im Auge eines Sturms ist es ruhig. Wenn alles durcheinander geht, ist eine Zentrifuge nützlich, die alle Widrigkeiten von uns wegwirbelt.

Ich darf nicht vergessen, zur Apotheke zu gehen. Der Schraubenzieher steckt wieder mal im Schädel, linke Kopfoberseite, ein paar Zentimeter in Richtung Stirn. Er tritt am Augapfel wieder aus, was mit einem Gefühl der Übelkeit verbunden ist.

Hab ich noch Zeit dazu? Welcher Tag ist heute? Haben wir schon April? Ja, stimmt, gerade war Frühlingsanfang. Uhrzeit? Fast ein Uhr. Lohnt es sich, noch den Boden zu wischen? Wenn ich damit fertig bin, geht ja schon die Sonne unter.

Ich bin Kalk, der wie nasses Papier aussieht. Ganz leicht abzurubbeln. Ich atme vorsichtig, um nicht zu zerfallen. Wer bin ich und wo bin ich und wann bin ich? Es ist warm, meine Hände frieren, der Kaffee ist leer, ist habe keine Antworten und keine Gedanken, ich zerbrösele. War ich nicht gerade noch an einem Ort, an dem achtzig bedingungslose Grundeinkommen verlost wurden?

Ich war nicht unter den Glücklichen. Aber alle feierten. Eine Hornisse setzte sich auf meine Stirn und brummte dort eine Weile vor sich hin, ehe sie dazu ausholte, mich zu stechen. Da packte ich sie und riss sie herunter. Sie stach mir in den Finger, was wehtat. Ich bekam frittierte Zwiebeln, um mir den Stich zu kühlen.

In nächster Zeit werde ich immer wieder an diesen Ort denken, an seine Farben und seine Stimmung, an all die Menschen, die auf einer Website nachlasen, ob ihr Los gewonnen hatte, und an die Frau, die schimpfte und sich beklagte, weil sie kein Geld bekam. Ich werde an diesen Ort denken, als wäre ich dagewesen.

Genauso denke ich an andere Orte, die ich besucht, und an die Dinge, die ich dort erlebt habe. Ich denke an das Gebäude, in dem ich von Zimmer zu Zimmer gegangen bin, um an die Türen zu klopfen. “Feuer!”, rief ich vor jedem einzelnen Zimmer. Poch, poch. “Feuer!” Poch, poch. “Feuer!” Ich war aber nicht schnell genug, jemand stoppte die Zeit, ich musste die Prozedur wiederholen.

Ich denke an diesen Ort, an die Lavaströme, die Aussicht über das Land, die Wände, durch die ich ging, und die Wolken, durch die ich fiel, die Kämpfe, die ich ausfocht, die Tode, die ich starb und von denen ich zurückkehrte.

Sagen wir, ich kippe Erde in einen Topf und grabe mit den Fingern ein Loch, um einen zartes Pflänzchen mit seinen Wurzeln hineinzusetzen. Und währenddessen kehren meine Gedanken zurück zu einer Schule und einen violetten Sturm, der den Himmel verdunkelte. Ja, der Sturm war ziemlich lila, und diese Stimmung! Außer mir kann sich daran aber niemand erinnern, denn es war ja nur ich da.

Vor kurzem hatte ich eine Woche lang einen Job, den ich sehr mochte. Er scheiterte dann daran, dass meine Wirklichkeit mit der anderer Menschen nicht kompatibel ist. Aber ich wischte dort fast jeden Tag den Boden, wodurch ich lernte, wie einfach diese Tätigkeit ist, und wie befriedigend.

Das möchte ich nun auch zu Hause tun. Leider ist das schwierig, denn zuerst muss ich aufräumen. Dann finde ich ungeöffnete Briefe mit vertrauten Logos auf den Umschlägen, und das ist immer der Moment, in dem die Zentrifuge kaputtgeht. Sie ist schwierig zu reparieren. Man braucht dazu Chilipulver, eiskaltes Wasser und manchmal, wenn sie total hinüber ist, auch mal Ammoniak.

Wie schaffe ich es nur, dass die Zentrifuge gar nicht erst kaputtgeht? Wenn ich die Tomate danach frage, schweigt sie mich an und wächst weiter.

Warum sollte sie die Antwort auch kennen? Sie ist eine Pflanze.

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