Rückblick: Juni 2018

Der Juni bringt eine einschneidende Veränderung:  Ich kündige. Ein paar Tage vorher bestürmen mich Flashbacks aus der Jugend, der Abgrund scheint keinen Boden zu haben. Ich rappel mich wieder auf, unternehme mit einem guten Freund eine Reise nach Berlin, schreibe hochmotiviert an Cronos Cube 2 weiter und genieße meinen erblühenden Balkon. Alles in allem ein guter Monat. 

Seit acht Jahren bin ich für die Süddeutsche Zeitung tätig. Ich mag das Blatt und liebe meine Kollegen: Als Pauschalistin habe ich ein paar Jahre lang an der Blattplanung mitgewirkt, den CvD übernommen, gelayoutet, redigiert. Heute hat sich das geändert. Ich bin nur noch freie Mitarbeiterin, komme montags zur großen Konferenz und nehme ein paar Termine mit nach Hause, über die ich berichte. Doch die Zeiten, in denen ich auch das gern getan habe, sind ebenfalls vorbei. Schon lange. Und es wird immer schlimmer. Ich meide die Montagskonferenz, gehe nur noch mit Bauchschmerzen hin. Es ist Zeit, die Reißleine zu ziehen.

Ich schmeiße im Affekt hin, wütend, aber noch Tage später bedaure ich nichts. Im Gegenteil. Ein Regenerationsprozess setzt ein. Ich brauche ein paar Wochen, um mir den 24/7-Stress aus der Seele zu spülen, dieses Gefühl, Tag und Nacht in einem Düsenjet zu sitzen. Dieses Gefühl rührt nicht daher, dass ich so viele Termine angenommen hätte, denn das habe ich gar nicht mehr. Es ist eine permanente Hab-Acht-Haltung. Ruft mich gleich jemand an? Will gleich jemand, dass ich zu diesem oder jenem Termin gehe? Ich will eigentlich gar nicht mehr. Aber ich sollte. Das erzeugt Druck und Schuldgefühle. Ein Zustand, in dem ich nun monatelang gelebt habe. Jetzt ist er vorbei. Und ganz langsam, während ich auf dem Balkon unter meinen Pflanzen liege, kommt das auch in meinem Bewusstsein an.

Aus der Distanz betrachtet ist der Juni ein guter Monat. Ja, die Depression ist da, aber so ist das nun eben, deshalb gehe ich ja zur Therapie. Meistens kann ich dennoch den Dingen nachgehen, die es zu tun gilt. Nur nicht am 7. Juni. Am Abend passiert irgendetwas, etwas Belangloses, und dann platzt eine Eiterbeule in mir. Flashbacks, lauter kleine Bomben in meinem Kopf. Wenn ich heute daran zurückdenke und die Sätze lese, die an jenem Abend auf mich eingestochen haben, dann wird mir übel und ich fange an zu zittern und zu krampfen.

Während ich am 7. Juni auf dem Stuhl sitze und von Erinnerungsfetzen bestürmt werde, denke ich an den Tod. Ich denke, wenn ich jetzt aufstehe, wenn ich mich jetzt rühre, dann gehe ich in die Küche, nehme mir ein Messer und mach Schluss. Die Flashbacks nehmen ab, nur dieser Gedanke, nur diese Bilderfolge in meinem Kopf bleibt. Wie ich aufstehe und in die Küche gehe und Schluss mache. Zum Glück kann ich mich nicht rühren. Ich bin wie erstarrt. Und irgendwie gelingt es mir so, die Nacht unversehrt zu überstehen. Das Erlebnis wiederholt sich nicht.

Diese Nacht legt in mir einen Schalter um. Auf einmal bin ich voller Tatendrang. Meine Wohnung soll ein Zuhause werden, ein Schutzbunker, ein Wohlfühlort. Ich mobilisiere ungeahnte Energien und bin drei Tage lang nur auf den Beinen.

Und das lohnt sich so sehr. Wir profitieren heute noch davon.

In der zweiten Junihälfte geht es nach Berlin, ein guter Freund und mein Notizbuch begleiten mich. Auf der einen Seite ist es eine Tagung der Linken, organisiert von unserem Bundestagsabgeordneten Andreas Wagner. Auf der anderen Seite ist es für mich eine Gelegenheit, kostengünstig einige Ortsrecherchen für Aurel Aspen anzustellen. Und das wichtigste: Ich bin endlich mal wieder daheim.

Ben und ich fahren kreuz und quer durch Berlin, erst mit dem Reisebus, dann mit der U-Bahn. In Dahlem-Dorf besuchen wir eine Ruine, die aber so gut abgeriegelt ist, dass nur ein gelenkiger Teenager hinein käme. Wir begnügen uns mit Fotos.

Zurück daheim bin ich angefüllt mit Eindrücken und Ideen. Man sollte meinen, dass ich mich sofort an Aurel Aspen setze, um sie alle ins Manuskript einzupflegen. Doch stattdessen meldet sich mein großes Kind zu Wort: Cronos Cube 2 spricht wieder mit mir! Und sagt mir, warum es in den vergangenen Monaten einfach nicht weiter wachsen wollte. Es muss zuerst schrumpfen. Und jetzt weiß ich auch, wie. Danach geht es wie im Rausch mit Cronos weiter. Aurel macht ein Nickerchen.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere