Sebastian

Vor zwei Jahren habe ich diesen Roman begonnen – wahrscheinlich aus einer Laune heraus und äußerst spontan, denn ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern. Bis eben, als ich den Text beim Aufräumen wiedergefunden habe. Er ist ganz anders geschrieben als alles, was ich sonst so tippe. Wo wollte ich damit nur hin? Und welcher Teil von mir hat das geschrieben?

Hier, für euch: das Romanfragment “Sebastian”. 

***

Wenn ich unterwegs bin, kommt es mir oft so vor, als begegneten mir immer dieselben Menschen. Bekannte Gesichter beim Einkaufen, im Bus, am Rathaus – man könnte meinen, unsere Kleinstadt hätte gar keine zwanzigtausend Einwohner, sondern nur etwa einhundert, und der Rest wären Statisten.
Da ist die ältere Dame mit dem implantierten Herzen, die immer am Friedhof oder im Zentrum auftaucht. Sie hat einen breiten Mund, mit dem sie sehr viel lacht, doch etwas in ihrem Gesicht lässt mich ahnen, dass dahinter eine verschlossene Persönlichkeit steckt. In ihrer Brust schlägt ein Herz, das nicht halb so alt ist wie sie; ich erinnere mich nicht daran, was sie das eigene Herz gekostet hat, nur daran, dass sie den Namen des Spenders niemals erfahren darf. Einmal rutschte ihrem Arzt jedoch heraus, dass es ein sehr junges Herz sei. Das erzählte sie mir, als wir nebeneinander auf den Bus warteten. Vielleicht ist sie doch nicht ganz so verschlossen.
Und da ist die mädchenhafte Frau mit der weichen Stupsnase. Sie ist faszinierend klein und dünn und besitzt eine beneidenswerte Haarpracht, aus der sie sich einen perfekten Knoten bindet. Ich habe noch nie mit ihr gesprochen, doch einmal habe ich sie mit ihrem Freund reden gehört, auf Englisch. Ihr Freund ist doppelt so groß und breit wie sie, ein bulliger, blasser Nerd. Wann immer ich die beiden sehe, frage ich mich, wie das Leben sie wohl zusammengeführt hat. Doch ich würde sie niemals fragen.
Da ist der Kellner eines bayerischen Wirtshauses, schwarze Augen, hohe Stirn, lange Nase, der morgens immer einen Cappuccino in einem italienischen Café trinkt. Mit unbewegter Miene verfolgt er die Nachrichten auf dem Bildschirm über dem Tresen, ein unnahbarer Typ, der manchmal einen amerikakritischen Kommentar abgibt, ansonsten aber wenig spricht. Und da ist der kontaktfreudige und doch so einsam wirkende Mann, der ein Großvater sein könnte. Mit einer schwergliedrigen Goldkette um den Hals, dicken Ringen an den Fingern und einer schäbigen Baumwollkappe auf dem kahlen Kopf hinkt er über den Gehsteig der Straße, in der er wohnt, sich auf einen hölzernen Gehstock stützend. Wenn ich vorbeigehe, will er mich mit unverständlichen Worten zum Kaffee einladen, und wenn ich höflich abwinke ruft er mit böhmischem Akzent: „Scheene Frau! Scheenste Frau von ganze Stadt.“ Manchmal grüßt er mich auch über die Straße hinweg, und schwingt seinen Gehstock dabei durch die Luft. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich seine Einladungen nicht annehme. Wer weiß, wie lange er noch lebt – und ob er einen Vertrauten hat?
Obwohl ich keinen dieser Menschen kenne, fällt es mir auf, wenn sie verschwinden. Die tschechischen Zwillinge, die man als flüchtiger Bekannter nicht auseinanderhalten kann, studieren Fremdsprachen auf Lehramt und halten sich immer wieder monatelang in England oder Spanien auf, wo sie Praktika an Oberschulen absolvieren – wie ich von ihrer Mutter weiß, die wegen einer Operation im Bauchbereich bei uns in der Klinik stationiert war. Und der Obdachlose mit dem schneeweißen Bart, der mir immer weismachen möchte, er habe einen Schlafplatz im Atelier eines Bildhauers, setzt sich in Wochen klirrender Kälte in den Zug nach Süditalien. Ein bisschen Geld scheint er von der Sozialkasse zu bekommen, und davon kauft er sich das Ticket, um mit Bibel, Brecht und Böll in der Tasche die lange Reise auf sich zu nehmen. Auch in Süditalien kann man obdachlos sein, angenehmer offenbar als in Deutschland, und doch kehrt er immer wieder zurück. Wenn er mir begegnet, freut er sich, doch seine Augen weichen mir aus und dann greifen seine Seidenpapierhände nach dem Tetrapack mit dem Weißwein. Vielleicht gibt es auch gar keine Reisen nach Süditalien.
Für das Verschwinden des blonden Jungen, der in seiner Freizeit durch die Wälder streift und im Erdboden nach vergessenen Relikten des Zweiten Weltkriegs sucht, hatte ich keine Erklärung. Ich hatte einen Zeitungsartikel über ihn gelesen, in dem er seine Sammlung präsentierte: Messer, Münzen, Helme, Überreste von Tellern und Patronenhülsen in Hülle und Fülle, aufgspürt mit einem Metallsuchgerät. Ich begegnete ihm einmal bei einem Spaziergang im Stadtwald, weshalb mir der Zeitungsartikel, auf dessen Foto ich ihn wiedererkannte, mir überhaupt erst auffiel. Danach bemerkte ich ihn immer wieder bei alltäglichen Gelegenheiten, ich traf ihn in der Dönerbude am Bahnhof, sah ihn an der Kasse des Discounters und stand in der Postfiliale hinter ihm. Wir hatten noch nie ein Wort gewechselt, und ich war fest davon überzeugt gewesen, dass er noch nicht einmal wusste, dass ich existierte. Bis er eines Tages wieder auftauchte, so als wäre er nie weggewesen, mir auf der Straße entgegenkam, mein Gesicht mit einem kurzen Blick streifte und Hallo sagte.
Vermutlich würden mich diese Menschen sehr verwundert ansehen, wenn ich ihnen sagte, dass mir ihr Verschwinden aufgefallen sei. Ich bin neugierig und wüsste zu gern, wo sie waren.
Natürlich frage ich mich, ob sie mein Verschwinden auch bemerkt haben. Ob sie sich fragen, wo ich gewesen bin? Ich weiß nicht, ob ich ihnen von dem Unfall erzählen würde, obwohl ich mit meiner Geschichte von der geöffneten Schädeldecke sicher viel Aufsehen erregen könnte. Ich könnte sogar ins Detail gehen und ihnen beschreiben, wie mein Gehirn anschwoll und solchen Druck auf die Schädeldecke ausübte, dass ich womöglich an einer Hirnquetschung gestorben wäre, hätten die Ärzte mir nicht das Quadrat aus dem Kopf gesägt, um dem Gehirn mehr Platz zu verschaffen. Ich würde ihnen sagen, dass dies auch der Grund sei, aus dem ich immerzu eine Mütze trage, denn die Haare sind noch nicht ganz nachgewachsen. Aber weil ich nicht gefragt werde, spielen sich diese Unterhaltungen nur in meinem Kopf ab. Und das ist auch besser so. Ich mag meine Rolle als stumme Beobachterin.
Meine Familie sagt, der Unfall habe mich verändert, und das stimmt. Ich war nie eine stille Beobachterin, eher gab ich laut den Ton an. Mit nur einundzwanzig Jahren war ich Pflegedienstleiterin unserer Stadtklinik und hatte ein zwölfköpfiges Team unter mir, ohne mich daran zu stören, dass meine Mitarbeiter allesamt älter waren als ich. Ich hatte immer alles im Griff und war Tag und Nacht auf den Beinen. Es ist mir schleierhaft, wie ich das ausgehalten habe, denn dieser Job ist mir heute einfach unvorstellbar. Das sei keine Seltenheit bei einem Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades, sagte der Arzt; darauf sei auch meine Konzentrationsschwäche zurückzuführen, meine Neigung, rasch zu ermüden und selbst die schlichtesten Worte und Ereignisse zu vergessen. Ich kann noch nicht ins Arbeitsleben zurückkehren, und will es auch gar nicht, zumindest nicht in mein altes Arbeitsleben. Sobald ich wieder stabil genug bin, werde ich etwas Neues ausprobieren.
Einigen Patienten, die regelmäßig zu Untersuchungen ins Krankenhaus kommen, haben mein Verschwinden bemerkt. Das weiß ich von einer Kollegin, die mir nach meinem Aufwachen Genesungskarten dieser Patienten brachte. Vorher hätte es keinen Sinn gehabt, weil ich – wegen meines  angeschwollenen Gehirns – ein paar Wochen lang im künstlichen Koma lag. Diese lange Zeit, in der meine Mutter das Bett bewachte und mein Vater kaum ein Auge zutat, die sich für meinen Bruder endlos in die Länge zog und meine beste Freundin alle Nerven kostete – diese lange Zeit fühlte sich für mich nur wie eine durchschlafene Nacht an. Wenn ich etwas geträumt habe – und ich bin ganz sicher, dass ich das getan habe –, so habe ich es sofort wieder vergessen. Geblieben ist nur so ein Gefühl, das einem nach intensiven Träumen immer nachgeht, selbst wenn die Bilder längst verblasst sind.

Sebastian gehörte nicht zu den Einhundert, sondern zu den für mich unsichtbaren Besuchern der Bibliothek, in der ich mich seit meinem Unfall regelmäßig aufhielt. Unsichtbarkeit, das ist die wichtigste Eigenart der Menschen, die es nicht in meinen engeren Wahrnehmungskreis hineinschaffen: Sie sind wie das Ticken einer Uhr in einem ansonsten stillen Wohnzimmer, anfangs da, doch schon nach wenigen Minuten nicht mehr zu hören oder zu sehen. Sie bevölkern die Straßen, die Läden, unsere Klinik oder die Bibliothek, so wie Gräser aus dem Unterholz eines Waldes sprießen und den Boden entweder grün oder braun aussehen lassen, ohne dass man genauer hinsehen und der Farbe auf den Grund gehen würde. Diese Menschen sind wie das Hintergrundrauschen in einem Café, das unverzichtbar ist für die belebte Kulisse. Doch sie schaffen es in meiner Wahrnehmung nicht aus diesem Rauschen heraus, sie erhalten niemals eine Gestalt und ein Gesicht.
Unsere kleine Stadtbibliothek ist im Westflügel eines ehemaligen Schulgebäudes untergebracht. Von ihrer Existenz wusste ich, aber bis zu meinem Unfall habe ich nie einen Fuß hineingesetzt. Den Lesestoff, der mir gefiel und den ich mit in den Urlaub nehmen wollte, lud ich mir auf meinen Tolino, den ich in Tunesien oder Kroatien unter einem Sonnenschirm liegend vors Gesicht halten konnte, ohne dass mir nach kurzer Zeit der Arm abfiel. Bibliotheken erinnerten mich wie alte Schlager und Agatha-Christie-Filme an eine Zeit voller Kitsch und Unzulänglichkeiten, die ich nicht erlebt hatte und die sich für mich fremd anfühlte. Meine Oma hatte den Schrank voll mit Reader‘s-Digest-Büchern und in Leinen gebundenen Schinken, zwischen deren nach Staub müffelnden Seiten winzige Käfer krabbelten. Bücher, wie man sie auf Flohmärkten in Kisten unter den Tapeziertischen fand, die ich nicht einmal dann angerührt hätte, wenn Stephenie Meyer darauf gestanden hätte. All dies war, was ich ehrlicherweise mit dem Begriff Bibliothek assoziierte: Alte, muffige Bücher; riesiger Flohmarkt; Unzulänglichkeiten, Vergessenheit, verschwendete Zeit. Und: Menschen, die mir Angst einjagten.
Als Kind besuchte ich die Grundschule, die bis vor zehn Jahren in einem gedrungenen Backsteingebäude aus den Sechzigerjahren untergebracht war, in dem jetzt nur noch die Bibliothek haust. Mit unserer Lehrerin, Frau Severin, waren wir regelmäßig in der Bibliothek, wo uns eine junge, mollige Mitarbeiterin die Abteilungen zeigte, uns das Entleihsystem erklärte und uns dann gestattete, eine Stunde in der Jugendbuchabteilung zu verbringen. Eine Freundin von mir, Hannah, fing derart Feuer, dass sie noch am selben Tag fünf Bücher mit nach Hause nahm – unsere Eltern hatten uns im Auftrag unserer Lehrerin Ausweise erstellt, die wir an jenem Tag feierlich überreicht bekamen. Ich verlor meinen sofort.
Ich erinnere mich an die glucksende Stimme eines unsichtbaren Mannes, der irgendwo zwischen den Regalen in einem Sitzsack lümmelte und einen Asterix-Comic las. Er versuchte, sich das Lachen zu verkneifen, aber je mehr er sich bemühte, desto lauter knallten seine Ausbrüche durch den Saal. Die Stille in der Bibliothek, der strenge Blick der Frau hinter dem Tresen, das Verbot unserer Lehrerin, uns laut zu unterhalten, all das verleidete mir die Bibliothek, doch dieser gluckernde Mann war mir richtiggehend unheimlich. Wir kicherten zwar über die komischen Laute seines unterdrückten Lachens, doch ich kaschierte damit nur mein Unbehagen. Menschen, die sich eigenartig verhielten, waren mir immer suspekt. Das hatte ich von meiner Mutter.
Ich dachte an den merkwürdigen Asterix-Leser zurück, als ich zwei Wochen nach meinem Unfall die Tür der Bibliothek öffnete. Es fühlte sich für mich an, als wäre das letzte Mal einhundert Jahre her. In Wahrheit waren ungefähr zwölf Jahre vergangen, und inzwischen wusste ich, dass jener vermeintliche Mann wohl nur aus meiner kindlichen Perspektive ein Erwachsener, in Wirklichkeit aber selbst ein Junge gewesen sein musste, vielleicht ein Sechst- oder Siebtklässler des benachbarten Gymnasiums. Inzwischen wäre er also längst über die Universität hinaus und arbeitete vermutlich in einer anderen, einer größeren Stadt als unbedeutender Angestellter. Vielleicht standen in seinem Bücherregal Asterix-Hefte, womöglich zeichnete er sogar selbst Comics. Hatte er sich verändert, seit ich diesen kurzen, schüchternen Blick auf ihn geworfen hatte? Äußerlich vermutlich nur wenig. Ich dachte an sein unvergessliches Gesicht, in dem sich Augen, Nase und Mund eng zusammendrängten, obwohl die sich hoch darüber erhebende Stirn mehr als genug Platz geboten hätte. Dann musste ich ihn mir vorstellen, wie er allein in einer Firmenkantine saß und sich bei der Lektüre eines Comic-Hefts auf seine peinliche Art das Lachen verkniff. Sein hervorbrechendes Prusten hallte durch die Kantine und fing ihm verächtliche Blicke ein. Ich hatte Mitleid mit ihm.
Eigenartig, welchen Gang die Gedanken nehmen, wenn man sie nur lässt – und noch eigenartiger, dass ich bei meinem ersten Besuch in der Bibliothek nach so langer Zeit ausgerechnet an diesen mir völlig fremden Jungen denken musste, den ich in der dritten oder vierten Klasse nur flüchtig gesehen hatte. Ich trat durch die Tür in die Bibliothek ein, deren Geruch mir – obwohl ich seither nicht mehr dagewesen war – sofort vertraut vorkam. Meiner Einschätzung nach hatte sich nichts verändert, bis auf die Computer, die ganz in der Nähe des Verleihtresens standen. Ein Plastikschild verriet, dass eine halbe Stunde Internet zwei Euro kostete. Ein Junge und ein ergrauter Mann hatten die Computer in Beschlag genommen und klickten sich stumm durch Webseiten. Ich hatte vor, mich nur ein wenig umzusehen, weil mein Arzt gesagt hatte, ich solle viel lesen, und meine Mutter der Meinung gewesen war, das Starren in den Ebook-Reader könnte meine Genesung verzögern. Falls ich etwas fände, das ich lesen wollte, würde ich mir einen Ausweis machen lassen; die Jahresgebühr in Höhe von zwölf Euro hatte ich dabei.
Ich glitt an den Regalen vorbei, ohne ein Buch in die Hand zu nehmen, las Titel, vergaß sie sofort. Ich traute mich nicht, zuzugreifen, denn ich fühlte mich wie unter Beobachtung, ein Eindringling in einer kleinen, touristisch nicht erschlossenen Kirche. Als ich die Fantasy-Abteilung betrat, entdeckte ich Stephenie Meyer, und hier langte ich zum ersten Mal zu – dies war vertrautes Terrain, meine Welt. Ich blätterte durch die Seiten, zuerst beglückt über meinen Fund, verlor aber angesichts der allzu vertrauten Sätze bald das Interesse und ging dazu über, die Titel in Augenschein zu nehmen, die die Twilight-Saga flankierten. Einen schmalen Band von Laura Withcomb, Silberlicht, behielt ich in der Hand. Der erste Satz gefiel mir: „Jemand sah mich an; ein seltsames Gefühl, wenn man tot ist.“ Die Worte berührten mich auf eine merkwürdige Weise, vielleicht, weil ich dem Tod selbst nur um Haaresbreite von der Schippe gesprungen war. Ich las ihn erneut und noch einmal, aber als ich merkte, dass meine Augen über den Rest der Seite flogen, klappte ich das Buch zu und ging zum Tresen, um mir den Büchereiausweis anfertigen zu lassen. Mitten auf dem Weg blieb ich wie angewurzelt stehen. Der Junge mit dem gequetschten Gesicht saß hinter dem Tresen, der glucksende Asterix-Fan, nur eben kein Junge mehr, sondern groß, korpulent und schüchtern wirkend.
Ich irrte; er war nicht schüchtern, sondern verwickelte mich schnell und selbstbewusst in ein Gespräch. Er fragte mich, ob ich neu in der Stadt sei, was bedeutete, dass er mich nicht erkannte (weil er mich noch nie gesehen hatte, wurde mir klar). Währenddessen gab er meine Daten routiniert in den Computer ein, ohne auf die Tastatur zu blicken. Er machte auf mich einen aufrichtig neugierigen Eindruck, weshalb ich ihm eine aufrichtige Antwort gab und verneinte. Ich lebte schon mein ganzes Leben in diesem Ort, und er vermutlich auch.
„Es ist nie zu spät für einen Bibliotheksausweis“, sagte er und bückte sich, um in einer Schublade zu kramen. Er holte eine weiße Karte heraus, so groß wie eine Kreditkarte, und las sie ein. Auf der Vorderseite war ein Aquarell des Gebäudes abgedruckt, darunter das Stadtwappen und der Ortsname. Auf der Rückseite musste ich unterschreiben. Er kassierte meine zwölf Euro, dann zog er Silberlicht zu sich heran und fragte, ob ich das gleich mitnehmen wollte. Ich nickte. „Willkommen“, sagte er und reichte mir das Buch, in das er den Zettel mit dem Abgabedatum gelegt hatte, „im Club der Bücher-Nerds.“

Wir wurden ziemlich schnell Freunde – spätestens an jenem Tag, an dem ich ihm davon erzählte, dass ich ihn als Kind in der Bücherei über die Asterix-Comics hatte glucksen hören. Das brachte ihn derart zum Lachen, dass er fast vom Stuhl fiel. An diesem Tag schloss ich ihn ins Herz. Sein Name war Matthias, und mit meiner Theorie, dass in der Stadt nur einhundert Menschen lebten und der Rest ein undeutliches Hintergrundrauschen bildete, stimmte er völlig überein. Seine Einhundert allerdings unterschieden sich fast gänzlich von meinen. Er kannte weder den dunkeläugigen Kellner noch den Rentner mit der Goldkette noch die Frau mit dem jungen Spenderherz, dafür aber die tschechischen Zwillinge, und zwar besser als ich, denn sie waren Stammkunden der Bibliothek und besessene Leseratten, ganz besonders, wenn es um Frauenromane des neunzehnten Jahrhunderts ging.
Sebastian gehörte zu seinen Einhundert, allerdings unter einem anderen Namen, wozu ich später kommen möchte. Doch weil sich Matthias‘ und meine Einhundert kaum überschnitten und es überhaupt keinen Anlass gab, über Sebastian zu sprechen, wehte er wochenlang als Hintergrundrauschen durch die Regalfluchten, ohne dass ich Notiz von ihm nahm. Ich gehörte jedoch schon längst zu seinen Einhundert, denn als wir das erste Mal ein Wort wechselten, hatte er mich schon eine Weile beobachtet. Das vermutete ich jedenfalls, weil er mich ansprach, als wären wir Vertraute oder zumindest Freunde.
Ich war sicher nicht unschuldig daran, dass ich ihm auffiel. Alles begann mit der Idee, die Matthias hatte, um mir mit meiner Vergesslichkeit zu helfen – ein Manko, das ihm zum ersten Mal auffiel, als ich seinen Vornamen vergaß. Perplex starrte ich ihn an und gestand stammelnd, was mir entfallen war. Meine größte Angst war, dass er enttäuscht sein könnte, weil ich seine Bekanntschaft offensichtlich so wenig wertschätzte, dass ich mir noch nicht einmal seinen Namen merke. Mir war das unendlich peinlich. Also erzählte ich ihm hastig von meinem Unfall, obwohl ich sonst nicht damit herumposaunte, und berichtete bei dieser Gelegenheit auch gleich davon, dass ich nur aus diesem Grund damals in die Bibliothek gekommen sei – um meinem Gehirn gewissermaßen auf die Sprünge zu helfen. Matthias machte nicht das mitleidige Gesicht, das ich sonst immer von Leuten zu sehen bekomme, die meine Geschichte hören. Er meinte nur auf seine lakonische Art, dass lesen natürlich gut fürs Gehirn sei. Aber noch besser könne ich mir wohl nur helfen, wenn ich selbst zum Stift griff und anfing, zu schreiben.
„Ich doch nicht“, erwiderte ich bestürzt, aber geschmeichelt genug, um damit zu kokettieren, „ich kann ja nicht mal Postkarten schreiben!“
„Du musst ja nicht gleich einen Literaturpreis gewinnen“, sagte er. „Probier’s doch aus. Es muss ja niemand außer dir lesen, oder?“
Am Ende las er es aber doch, und es gefiel ihm, und das wiederum gefiel mir – sehr, und zwar so sehr, dass ich die Bibliothek zu meinem Arbeitsplatz ernannte. Da ich, freigestellt vom Job, ohnehin nicht viel zu tun hatte und auch nur wenig tun konnte, das mich nicht nach kürzester Zeit erschöpfte, kam ich fast jeden Tag vorbei, setzte mich auf eines der Sofas oder in einen Sitzsack, so wie Matthias damals mit seinen Asterix-Comics, und schrieb in einen Spiralblock mit türkisblauem, halbdurchsichtigem Cover, den ich mir nur dafür gekauft hatte. Wer weiß, ob meine Geschichten wirklich so gut waren, wie Matthias sie fand; mir jedenfalls gaben seine Komplimente viel Energie, und an Energie mangelte es mir seit dem Unfall immer.
Auch das Schreiben selbst gab mir Kraft. Ich hielt länger durch als beim Lesen oder Fernsehen, ehe mir die Konzentration schwand, und es wurde sogar jeden Tag ein wenig mehr, objektiv messbar. Schrieb ich anfangs noch von zwölf bis eins, schaffte ich es bald bis halb zwei und dann bis um zwei. Die Kopfschmerzen nahmen ab und meine wirren Gedanken ordneten sich selbst, indem sie sich auch nach dem Schreiben noch stundenlang mit dem Text beschäftigten, an dem ich gerade arbeitete. Die Ideen flogen mir zu, fügten sich wie von selbst aneinander, vereinten sich vor meinem inneren Auge zu lebhaften Szenen und unterhielten mich prächtig. Ich konnte kaum erwarten, sie aufzuschreiben und auf diese Weise Matthias zugänglich zu machen.
Jedenfalls fiel es anderen Kunden auf, wie ich da immerzu saß; es fiel Sebastian auf, und vierzehn Tage nach meiner ersten Geschichte, als ich, beflügelt von meinem Erfolg bei Matthias bereits über einen Roman nachdachte, trat er aus dem Hintergrundrauschen heraus. Er schlenderte auf mich zu und sagte zu mir: „Tag, Marie.“

4 Kommentare

  1. Wie schön du schreibst, du aufmerksame Beobachtern! Ein Glück, dass du zum Stift gegriffen hast. Ein Glück für alle deine Leser – und ein Glück für mich, dass ich dich persönlich kennenlernen durfte.
    Mach weiter so, viele Menschen freuen sich darauf, deine schöne Sprache zu lesen!

  2. Hallo, Thekla!
    Du hast recht, das Fragment ist anders geschrieben als die Schriftstücke, die ich kenne.
    Die Atmosphäre.. es hat sich tatsächlich wie ein Rauschen angefühlt. Kleine Augenblicke und Menschen haben sich mit dem Blick der Protagonistin kristallisiert, aber die meiste Zeit war die Außenwelt ein… Rauschen.
    Anders als bei Cronos, ist die Stimmung hier.. so unglaublich ruhig. Und stirngerunzelt. Ich habe auch sehr langsam und aufmerksam gelesen, vielleicht lag es daran.

    Ich finde es schade, dass du dich nicht mehr daran erinnerst, warum du damit angefangen hast “Sebastian” zu schreiben, oder was du damit erreichen wolltest. Ich hätte gerne mehr gelesen.

    Viele Grüße,
    Lia Honigmohn.

    1. Liebe Lia,

      danke für deine Nachricht! 🙂
      Ich bin sicher, die Zeit dieses Fragments wird noch kommen. Auch wenn ich nicht mehr genau weiß, wo ich damals damit hin wollte, hätte ich schon die eine oder andere Idee, wo ich heute damit hin könnte …

      Viele Grüße
      Thekla

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