Zwei Frauen an einem Tisch

Jetzt sitzen sich die beiden tatsächlich gegenüber, und Kathy ist schuld. Wie hat sie das nur gemacht? Mit ein paar gezielten Fragen hat sie in Form und Farbe gebracht, was noch eine Stunde zuvor eine vage Gestalt im Chaos war. Ich kann mich glücklich schätzen, so kluge Menschen zu meinen Freunden zählen zu dürfen.

Wie in Ich bin ich und ich bereits berichtet, beschäftige mich gerade mit Ego-States, also mit den Ich-Zuständen, die mein Bewusstsein bilden, so wie viele Blumen einen Strauß ergeben. Gekommen bin ich darauf durch meine Recherche zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS). An einem Abend in unserer Stammbar zeigt sich, dass Kathy das Konzept aus der neurolinguistischen Programmierung (NLP) kennt. Nur heißen die Ego-States dort einfach Teile.

Über Rotwein und Lillet machen wir am Freitag also Teilearbeit. Und warum? Weil sich irgendetwas in mir mal wieder nicht entscheiden kann. Der eine Teil blickt auf die zu erledigenden Dinge, Patreon, Etsy und natürlich: Cronos Cube 2. Jetzt, wo mein neuer Roman fertig ist, in welches Projekt knie ich mich da als nächstes? In die Fortsetzung von Cronos natürlich. Das ist diesem Teil klar. Schließlich gibt es eine Deadline, und die ist im März. Aber da ist noch etwas anderes, etwas Mürrisches, das viel zu viel Spaß hatte an dem letzten Buchprojekt. Das war so intensiv, so krass. Mehr Psycho, mehr Blut! Der Teil will sich austoben. Sofort.

Kathy setzt die beiden kurzerhand an einen fiktiven Tisch. “Wie würdest du diesen beiden Teile bezeichnen? Ist das eine vielleicht deine Kreativität?”, fragt sie.

Ich denke nach, und je länger ich das tue, desto klarer wird mir: Kathy hat voll ins Schwarze getroffen. Wie die Kreativität aussieht, will sie wissen, wie sie so drauf ist, welche Ausstrahlung sie hat. Das Gefühl nimmt die Gestalt einer dunkelhaarigen Jugendlichen an, die ein bisschen makaber und ein bisschen zerstörungswütig ist, und die ihre aufgewühlten Gefühle in Kunst gießt. 16 oder 17 Jahre alt. Sturm-und-Drang-Zeit. Das Alter, in dem ich am kreativsten war. Und am schwierigsten.

Der andere Teil steht auch schnell fest: die Disziplin. Adrett gekleidet sitzt sie auf der anderen Seite des Tisches, Knoten im Haar, ernst und ruhig, aber nicht wie eine bärbeißige alte Lehrerin, sondern wie eine kluge Frau in den Dreißigern. Ich mag sie. Ihr haben wir zu verdanken, dass aus uns eine Schriftstellerin geworden ist. Die Disziplin ist bescheiden, aber streng, weil sie weiß, dass sie ohne Alternative ist: Entweder hören wir auf sie, oder es werden keine neuen Bücher fertig.

Aber die Disziplin hat in den vergangenen Jahren ein zu strenges Regiment geführt. Die Kreativität hat keinen Bock mehr, zu kooperieren, wenn sie ihr nicht ein bisschen Raum lässt, um sich auszutoben. Die Kreativität hat Bock auf Nägel und Kettensägen. Die Disziplin hat die Karriere im Blick. Das Ergebnis: Seit mein neues Buch fertig ist (oder unser neues Buch?), geht gar nichts mehr richtig voran.

Kathy schreitet zur Mediation. “Wie wäre es denn, wenn die Kreativität einen Tag in der Woche bekommt, der nur ihr gehört?”

Ich lausche in mich hinein. Meine Kreativität will gefälligst mehr.

“Probieren wir das doch mal zwei bis vier Wochen lang aus.”

Na gut, der Teenager macht mit.

“Und welcher Tag soll das sein?”

Morgen!, ruft die Kreativität. Sie will am liebsten sofort anfangen.

“Aber morgen sind wir bei Freunden eingeladen und danach müssen wir uns um den Feinschliff unseres neuen Manuskripts kümmern”, sage ich.

“Dann legt doch den Samstag fest und verschiebt es diesmal ausnahmsweise auf Montag”, sagt Kathy. Man müsse ja flexibel bleiben.

Die Kreativität zuckt mit den Achseln. Sie ist einverstanden.

“Und was sagt die Disziplin dazu?”, fragt Kathy.

Die Disziplin ist hocherfreut. Wenn sich die Kreativität am Samstag austoben darf, bedeutet das, dass von Montag bis Freitag diszipliniert gearbeitet werden kann. Wunderbar! Ich kann spüren, wie sie lächelt. Die Kreativität ist nicht ganz zufrieden, aber das ist sie eigentlich nie, und wir alle wissen das. Ich habe den Verdacht, dass es sich bei Saria und der Kreativität um eine einzige Person handelt.

“Und wie fühlst du dich jetzt?”, will Supercoach Kathy am Ende wissen.

“Sortierter”, sage ich.

Das ist nun also der Deal: Zwei bis vier Wochen wird samstags getobt und ansonsten zielstrebig an Cronos 2 gearbeitet. Schauen wir mal, wie es läuft.

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