Der Holzstern

Ihr kennt ihn bestimmt, diesen Dialog im Kopf. Ihr macht irgendetwas, das nicht sofort klappen will, und dann sagt diese Stimme: “Du schaffst das eh nicht.” Und ihr wiederholt unbewusst: “Ich schaff das eh nicht.” Und so geschieht es.

Ich habe diese Stimme auch, und heute hat sie einen Namen bekommen.

Ganz großes Kopfkino

Vor ein paar Jahren schenkte mir eine Freundin ein Set aus vier Holzpuzzles. Das sind dreidimensionale Figuren aus kompliziert ineinander verschachtelten Teilen, ähnlich den von mir sehr geliebten Metallpuzzles, in denen ich versinken kann und die ich immer irgendwann löse, egal, wie schwierig sie sind.

Vor den Holzpuzzles hatte ich bislang zu viel Respekt, um sie anzugehen. Und auch ein bisschen Angst. Denn ich bin ungeduldig, und wenn etwas nicht so hinhaut, wie ich mir das vorstelle, dann kann ich explodieren. Ich will das gar nicht, ich hasse es, mir dabei zusehen zu müssen. “Das ist ungerecht, jemand will mich verarschen, ich verstehe das nicht!” Mit diesen Gedanken bläht sich etwas in mir auf und RUMMS! gehe ich in die Luft wie ein berstender Druckkessel.

Ich beobachte mich dabei und kann es nicht aufhalten, und die Hilflosigkeit macht alles noch schlimmer. Auf den Wutausbruch folgen Selbstvorwürfe, der sich zu Selbsthass und Selbstverletzung steigern können. Und ich sitze in der ersten Reihe und schaue dabei zu, wie ich kaputtgehe. Ganz großes Kino!

In letzter Zeit ist das ein bisschen seltener vorgekommen. Ich weiß eben allmählich, was ich meiden muss. Zum Beispiel Holzpuzzle.

“Wir haben es schon so weit geschafft!”

Meine Therapeutin meinte, die Metallpuzzles könnten mir beim Entspannen helfen, und das hat mich dazu gebracht, sie mal wieder aus der Schublade zu holen. Gestern habe ich die sechs, die ich besitze, in aller Ruhe gelöst; eines musste ich zwischendurch weglegen, um es nach ein paar Minuten noch einmal zu versuchen. Es klappte sofort. Yeah, was für ein Erfolg!

Ob ich es nun doch einmal mit dem Holzpuzzle versuchen sollte …? Läuft doch gerade alles echt gut, dachte ich. Außerdem hatte ich die vier Figuren auf meinem Schreibtisch aufgebaut, als hätte ich bereits gestern gewusst, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war. Also griff ich mir ein Puzzle, das wie ein Stern aussieht, und zerlegte es. Sechs identisch aussehende Holzteile lagen vor mir auf dem Tisch, und obwohl ich den Stern gerade noch in der Hand gehalten hatte, wusste ich beim besten Willen nicht mehr, wie er am Ende aussehen sollte.

Nächster Schritt: Ausprobieren. Ich steckte die Teile zusammen, heraus kam irgendetwas Würfelförmiges. So also nicht. Aber wie sollte das denn sonst funktionieren? Ich schob, steckte und probierte, aber die Möglichkeiten kamen mir sehr begrenzt vor. Bis ich die Idee hatte, ein Teil gekippt in die Rinne des anderen zu schieben und … wow! Auf einmal sah ich die ursprüngliche Sternform wieder vor mir, und das ganze Puzzle flutschte wie von allein.

Na ja. Fast.

 “Nein, haben wir nicht.”

Es war dieses eine Teil, das letzte, das einfach nicht an seinen Platz wollte. Ich versuchte es – der Stern fiel auseinander. Kein Problem, dachte ich, ich weiß ja jetzt, wie es geht. Und schon lag die fast fertige Version wieder in meiner Hand. Erneut versuchte ich das Teil an seinen Platz zu bringen. Der Stern zerlegte sich, ein Teil fiel zu Boden. Ein Knall in der Stille.

Alles gut, dachte ich, versuche ich es eben nochmal. Also den Stern abermals zusammengefügt. Nach einer Weile fand ich heraus, dass sich das Ende des Teils in die Lücke schieben ließ, wenn ich es drehte. Doch ich bekam nur den Anfang hinein. Wenn ich das Mittelteil hinterher schob, ging der Stern kaputt. Klappernd fielen die Teile zu Boden. Nicht so schlimm, dachte ich.

Doch, das ist Scheiße, sagte die Stimme.

Nein, das ist okay. Es muss einen Weg geben und wir werden ihn finden, wir müssen nur Geduld haben, antwortete ich.

Es klappt nicht, das funktioniert nicht.

Gib nicht auf. Wir haben es schon so weit geschafft.

Nein, haben wir nicht, sagte die Stimme scharf. Plötzlich hatte ich eine Wut in meinem Bauch, die da nicht sein sollte.

Doch, haben wir, widersprach ich.

Was, die paar Ideen, die du hattest? Die zählen nicht. Die haben uns ja nicht ans Ziel gebracht, wie du siehst.

Ich werde das Puzzle einfach kurz beiseite legen.

NEIN, du wirst es JETZT fertig machen.

Ich hielt inne und hatte eine Erkenntnis. Du bist mein wütender Ego-State, dachte ich. Wie heißt du? Warum bist du so wütend?

Ich sag dir nicht, wie ich heiße.

Gut, dann eben nicht. Mir drängt sich seit zwei Tagen der Name Saria auf, und eigentlich ist es ja auch egal, ich kann mir das aussuchen, und Saria klingt doch ganz hübsch, also nenne ich diesen Ego-State jetzt Saria. Es fühlt sich gut an, ihn identifiziert zu haben; damit können wir arbeiten.

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