Ich bin ich und ich

Hier liegt seit Jahren ein kleiner Post-it-Zettel herum. Der Klebestreifen ist schon ganz fusselig, auf der Oberfläche klebt Staub, die gelbe Farbe wirkt ein wenig blass und das Papier brüchig. Auf dem Zettel steht kein besonders brillanter Satz, und trotzdem war es mir in all der Zeit nicht möglich, ihn zu entsorgen:

“Das eigene Ich bleibt bis zu einem gewissen Grad ein Rätsel.”

Ich glaube nicht, dass ich ihn aufgehoben habe, um mich an diese einfache Erkenntnis zu erinnern (denn ich kann nicht behaupten, sie seither auch nur einen Tag lang vergessen zu haben). Viel mehr erinnert mich der Zettel an die Tatsache, dass ich schon sehr lange auf der Suche nach meinem, nun ja, wahren Ich bin, und dass ich ebenso lange keine klare Antwort auf die Frage habe, wer ich bin.

Bin ich mein Name? Bin ich die Summe meiner Eigenschaften oder die Summe meiner Taten? Bin ich das, was ich denke, was ich fühle? Bin ich die Frau, die mich anguckt, wenn ich in den Spiegel blicke? Oder das Bild, das ich selbst von mir habe? Ich würde heute sagen, ich bin das alles auch. Es sind kleine Fragmente.

Eine unbefriedigende Antwort.

Eine bessere konnte mir bislang aber niemand geben. Lange sah es so aus, als endete meine Reise vor dieser Mauer, und das Rätsel sollte nie gelöst werden. Bis ich vor kurzem eine neue Tür entdeckt habe. Spoiler: Ich bin viele.

Kleiner Exkurs in die Welt der Multiplen

Durch Twitter bin ich auf das Krankheitsbild der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) gestoßen, früher auch multiple Persönlichkeit genannt. Menschen, die unter DIS leiden, haben in der frühen Kindheit – nämlich in der Phase der Persönlichkeitsbildung – wiederholt Traumata erlitten. Missbrauch oder schwere Gewalt zum Beispiel. Sie hatten nur zwei Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen: Entweder sie starben oder sie spalteten einen Teil von sich ab, der die Misshandlungen gutheißend ertragen konnte.

Aus dieser ersten Spaltung kann sich im Laufe des Lebens ein ganzes Haus voller Persönlichkeiten entwickeln, die teilweise nichts voneinander wissen. Die dominante Persönlichkeit, der “Host”, hat das Trauma weggesperrt, erinnert sich oft nicht mehr an seine Kindheit und kann sogar ein geregeltes Leben führen, wenn sich die Krankheit nicht bemerkbar macht. In “Ich bin Robert, Bobby und Wanda” lesen wir von Robert Oxnams glänzender Karriere: Der China-Gelehrte saß elf Jahre lang der US-amerikanischen Chinagesellschaft vor, begleitete Bill Gates und George Bush Senior auf Reisen in den fernen Osten und konnte auch sonst über sein Leben nicht klagen – abgesehen davon, dass er manchmal komplett ausrastete, sich selbst verletzte, sich zum Alkoholiker entwickelte oder Diebstähle beging, an die er sich hinterher nicht mehr erinnerte.

Die Amnesie ist ein wichtiger Faktor bei der Diagnose einer DIS; ohne sie könnten die Symptome auch auf Borderline hindeuten. (Nach Gesprächen mit Betroffenen auf Twitter habe ich den Eindruck gewonnen, dass DIS-Menschen ziemlich häufig zuerst die Fehldiagnose Borderline erhalten, aber das ist ein anderes Thema.) Die Amnesie kann so ablaufen: Ein Persönlichkeitsteil drängt den Host zurück und übernimmt das Steuer. Irgendwann kommt der Host wieder zu sich – und hat auf einmal lauter blaue Flecken auf den Armen.

Das Thema ist damit lange nicht erschöpft. Wenn ihr mehr über die DIS erfahren wollt, empfehle ich euch den Blog dis-sos.com.

Ich bin gar nicht ich!

Die DIS fasziniert mich. Nicht, weil ich eine solche Störung hätte, denn das ist nicht der Fall. Meine Theorie ist, dass wir alle multipel sind; das multiple Ich ist ein natürlicher Zustand. Wenn das Kind – in der Regel keine vier Jahre alt – eine Serie traumatischer Erfahrungen erlebt, bildet es kein neues Ich heraus, sondern es zieht zwischen den sich natürlich entwickelnden Persönlichkeitsanteilen massive Mauern hoch. Fortan ist keine gesunde Persönlichkeitsentwicklung mehr möglich, die Anteile werden zu autonomen Personen, mit eigenen Namen, eigenem Alter, eigener Geschichte und eigenem Charakter.

Ich glaube, das wir es hier – wie bei so vielen psychischen Erkrankungen – mit der extremen Variante eines natürlichen Vorgangs zu tun haben. Auch gesunde Menschen haben verschiedene Persönlichkeitsanteile; diese Theorie ist nicht neu – Stichwort Eric Berne und die Ego images. Der Unterschied: Es gibt keine Mauern zwischen ihnen. Sie konnten sich also gesund entwickeln und werden als ein Ich wahrgenommen bzw. von diesem gelenkt.

Ergo: Ich bin gar kein einzelnes Ich. Sondern ein Bewusstsein, das sich aus vielen Ich-Zuständen zusammensetzt. Manche Ich-Zustände sind wütende Teenager, andere sind krankhaft diszipliniert. Ich könnte ihnen Namen geben, um benennen zu können, welcher Anteil gerade aktiv ist. Und da es keine Mauern gibt, könnten auch mehrere Anteile gleichzeitig aktiv sein.

Die neue Tür,  die ich kürzlich entdeckt habe, nennt sich Ego-State-Therapie. Das Feld ist noch weit und es gibt viel zu entdecken. Ich habe mich auf diesen neuen Reiseabschnitt begeben, indem ich mir eine Map gemacht habe. In der Mitte steht eingekringelt “Ich”. Davon geht eine Linie weg, beschriftet mit “Thekla, 31”. Ziemlich schnell sind noch weitere Linien hinzugekommen, und jetzt sieht das umringelte “Ich” wie ein Weberknecht aus. Da sind der genusssüchtige Anteil, der vermeidende Anteil, der jähzornige Anteil. Oben links das selbstzerstörerische Ich, das sich selbst hasst. Das bin ich also: ein Team aus Ichs.

Ich werfe den Zettel trotzdem nicht weg. Er soll mich daran erinnern, dass ich der Lösung des Rätsels ein wenig näher gekommen bin.

2 Kommentare

  1. Ein sehr schöner und auch nachvollziehbarer Beitrag. In den letzten Wochen beschäftige ich mich auch immer wieder mit dem “Ich”.
    Vielleicht kennst du auch dieses Gefühl, wenn du auf einmal einen neuen Teil deiner Persönlichkeit kennen lernst und ihr euch erst anfreunden müsst. So ungefähr geht es mir gerade. Wir sind uns noch nicht ganz grün, ich weiß nicht ob er bleibt, dieser neue Teil.
    Es ist interessant, dass auch andere ähnliche Gedanken zu dem Thema haben. Ich überlege, ob ich auch mal eine Mindmap mache. Vielleicht erinnere ich mich ja an ein Ich, dass ich lange nicht mehr gesehen habe.

    Liebe Grüße, Sandra

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