Schluck das, Depression!

Es steht heute 24:6 für die Disziplin. Lediglich sechs Punkte hat sich in den vergangenen vier Wochen die Depression geholt; ein Verhältnis von vier zu eins. Im Schnitt habe ich also alle fünf Tage einen depressiven Einbruch. Ansonsten läuft alles super – könnte man meinen.

So golden ist die Lage dann zwar doch wieder nicht. Aber sie ist auch nicht mehr aussichtslos. Nicht einmal an den Tagen, an denen mir die Depression das einreden will. Denn ich habe eine neue Waffe: die Statistik.

Dabei ist das nur die halbe Wahrheit. Es geht nicht nur darum, die guten Tage zu sammeln und sich an schlechten Tagen an sie zu erinnern – jeder mit Depressionen weiß, dass das nicht funktioniert. Es geht um mehr: um einen Wettkampf, ausgetragen in der Öffentlichkeit eines sozialen Netzwerkes, in unserem Fall Twitter. Und um Gemeinschaft, Bestätigung, Routine und Visualisierung. Nennen wir das Duell #Depribattle.

“Morgen Früh stehst du auf”

Ich habe Ende März damit angefangen. Meine Therapeutin hatte bei mir depressive Episoden diagnostiziert; damit stiegen wir in die Verhaltenstherapie ein. Ich merkte, dass mich eines an meiner Depression am meisten bedrückte, nämlich dass ich nur noch unregelmäßig schrieb. Ich bin der Meinung, dass Routine beim Schreiben sehr wichtig, wenn nicht gar die halbe Miete ist. Und dass jemand, der ernste Ambitionen hat, unbedingt jeden Tag schreiben sollte. So hatte ich vor und während “Cronos Cube” gearbeitet, und da wollte ich auch wieder hin. Aber wie sollte mir das gelingen, wenn ich morgens nicht aus den Federn kam, wenn es mir sogar zu anstrengend war, eine Hose anzuziehen, und ich den Wecker einfach ignorierte? Ich war Dauergast im Depressionstunnel.

Dass ich mich dafür verurteilte, trug nicht gerade zu einer Besserung meiner depressiven Symptome bei. Aber die Fakten stellten mich vor die Wahl. Entweder, ich bekam das irgendwie in den Griff. Oder mein nächstes Manuskript würde dieses Jahr nicht mehr fertig werden. Kompromisslos.

Also ging ich es an. Eine Woche lang. An drei Tagen gelang es mir, um acht Uhr am Schreibtisch zu sitzen – acht Uhr fühlte sich gut und richtig an, die ideale Uhrzeit, um mit dem Schreiben zu beginnen. An zwei Tagen war ich krank. Danach schlug wieder die Depression zu: “Siehst du, du kriegst es nicht auf die Reihe”, sagte sie, “drei Tage lang hat’s geklappt und schon kam wieder was dazwischen. Und das wird immer so sein. Weil du es eben einfach nicht hinbekommst, du Loser.” Ich gab ihr recht und kam wieder nicht aus dem Bett. You lose.

Im Tunnel ist die Depression übermächtig. Die Erfolge der Vergangenheit macht sie winzig klein. Ich spürte das. Und dachte nach.

Wahnsinn. Da stand es nun schwarz auf weiß: Die Depression war im #Depribattle ins Hintertreffen geraten. Ich kletterte ins Bett, schloss die Augen, fühlte mich stärker und dachte: Morgen Früh stehst du auf.

Und am nächsten Tag?

Bingo!

Bilanz: 207 Seiten, 38 700 Wörter

Das ist keine Patentlösung für Menschen mit Depressionen. Und ob der Gegenspieler der Depression wirklich die Disziplin ist, darüber lässt sich diskutieren. Ich denke, für mich passte der Begriff “Disziplin” einfach am besten. Ein anderer nimmt vielleicht stattdessen “Routine” oder “Lebensfreude”. Worum es geht, ist das Duell – und das soziale Netzwerk.

Ich habe seither an fast jedem Tag morgens an meinem neuen Manuskript geschrieben. Ende März hatte ich von der Rohfassung 55 Seiten. Heute habe ich 207. Das sind 38 700 Wörter, bei im Schnitt drei Stunden am Tag. Das Buch wird mit rund 300 Seiten abgeschlossen sein, ich bin also nicht nur gut vorangekommen, ich nähere mich auch dem Ende. Schluck das, Depression!

In den Wochenplan, den ich für die Psychotherapie führe, trage ich immer ein, wann ich aufgestanden bin. Mit Ausnahmen immer zwischen 7 und 8.30 Uhr. Natürlich trage ich auch ein, von wann bis wann ich geschrieben habe. Wenn ich am Ende einer Woche in jeder Spalte als erstes den Arbeitstitel meines neuen Buchs lese, bin ich ein bisschen stolz auf mich.

Und wenn es mir gelungen ist, rechtzeitig aufzustehen und mein Pensum zu schreiben, dann spüre ich das den ganze Tag – die Routine gibt mir Stabilität, das Erfolgserlebnis verleiht mir Selbstvertrauen. Und dann ist da noch die Community. Womit ich zu der Frage komme:

Was hat Twitter damit zu tun?

“Das Gegenteil von Spiel ist nicht Arbeit, sondern Depression”, sagt der Spieltheoretiker Dr. Brian Sutton-Smith. Die Gamification der Depression ist keine neue Erfindung: Zahlreiche Apps versuchen Erkrankten beim Aufbau einer neuen Routine zu helfen, stellen Challenges und belohnen mit viel Lob, schicken Erinnerungen als Push-Nachrichten und so weiter. Ich reagiere auf neue App-Funde immer begeistert. Ziemlich schnell gehen mir die Push-Nachrichten auf die Nerven. Und die App wird wieder gelöscht.

Das Konzept funktioniert bei mir nicht – und ich behaupte: bei vielen anderen genauso wenig -, weil ein wichtiger Faktor fehlt: die Community. Eine, die neue Erfolge bejubelt und an schlechten Tagen Trost spendet. Diese Apps machen uns zu Einzelkämpfern. Soziale Netzwerke wie Twitter aber geben uns das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich freue mich darauf, am nächsten Morgen meinen neuen Punktestand zu posten und dafür ein paar nette Replys zu erhalten – im besten Fall sogar von Usern, die ich eh schon sehr gern habe.

Für diesen Beitrag gab es 164 Herzen und 10 Antworten. Eine für mich überwältigende Solidarität, die mich motiviert und dahingehend bestärkt hat, am nächsten und übernächsten Tag weiterzumachen. Jeder wird doch gern gefavt. Diese Favs aber haben therapeutische Wirkung.

Aber es gibt noch mehr Gründe, warum der Wettstreit mit der Depression in den sozialen Netzwerken sinnvoller ist als der Einzelkampf in einer App. Ein solcher Grund sind User wie Ava alias @FrauPeingebreck.

Neue Duellanten, neue Regeln

Ava, die Depressionen zur Genüge kennt, hat meinen Wettstreit auf Twitter verfolgt und den Kampf ebenfalls aufgenommen.

Die Tatsache, dass noch jemand das Punktekonzept aufgriff, gab mir enormen Aufwind. Jeden Tag warte ich auf Avas Update und freue mich, wenn ihre Disziplin die Führung weiter ausbaut. Sie verlieh dem Duell den Hashtag #Depribattle und brachte eine neue Regel ins Spiel:

Obwohl sie einen miesen Morgen hatte und der Depression zunächst den Punkt gegeben hatte, nahm sie ihr diesen später wieder weg. Sie hatte es sich verdient, weil sie den Rest des Tages dafür super gemeistert hatte. In meiner Verbissenheit hätte ich mir das nicht zugestanden. Ava hatte das Spiel optimiert. Was wohl andere Teilnehmer noch hinzufügen würden?

Das Schwert der Statistik

Seit ich den #Depribattle austrage, fällt es mir immer leichter, mit Tiefs und Rückschlägen umzugehen. Wenn ich anfangs mal nicht aus dem Bett kam, beeinflusste das meinen ganzen Tag. Ich fühlte mich als völliger Verlierer. Da half auch der gute Zuspruch auf Twitter nichts.

Aber das hat sich verändert.

Das ist der Moment, in dem die Zahlen mich zu heilen beginnen. Und deshalb lade ich euch ein: Macht mit beim #Depribattle.

3 Kommentare

  1. Hallo Thekla,

    das ist eine tolle Idee mit dem #Depribattle. Ich glaube, ich werde auch mitmachen. Momentan komme ich nämlich überhaupt nicht mehr aus dem Bett und da täte mir ein bisschen Disziplin schon ganz gut. Ich hoffe, dass ich stärker sein kann als meine Depression und werde es mal versuchen.

    Heute hat auf jeden Fall die Depression gewonnen, denn ich kam erst gegen 13:30 Uhr aus den Federn und auch jetzt fühle ich mich völlig energielos und würde am liebsten wieder zurück ins Bett. Aber ich gebe mein Bestes, wach zu bleiben und mich nicht wieder in den Federn zu verkriechen.

    Liebste Grüße
    Myna

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