Aliens wie wir

Ich höre ein Knacken und Brizzeln und weiß sofort, dass das nichts Gutes zu bedeuten hat.
„Nicht! Mach das lieber —“
Ein weißer Funkenbogen, ein Knall — und aus meiner VR-Brille zieht ein trauriger Qualmfaden.
Rosc, ein humanoides Chitinpanzeralien, betrachtet das Malheur betreten. Es tut ihm sichtlich leid, aber ich bin viel zu wütend, um Rücksicht darauf zu nehmen.
„Ist sie hinüber?“
„So war das nicht geplant.“
„Wie soll ich jetzt —“ Eine Erkenntnis holt mich ein und raubt mir die Stimme. Ich erkenne, wie allein ich jetzt bin, hier draußen im dunklen All.

Ich bin der einzige Mensch auf dem Containerschiff. Wir transportieren Kunst, Pflanzen, Tiere, Speisen und Post von einem Sternensystem in das andere; die Erde habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Deshalb ist die virtuelle Realität dieser Brille mein ein und alles. Wenn ich sie aufsetze, bin ich im Blu, einer durch und durch irdischen Bar. Dort ist alles voller Leute, die solche Augen haben wie ich. Wir grüßen uns, trinken Bier, sehen die Nachrichten und unterhalten uns über Erdpolitik.
Rosc und ich haben uns in der Kantine kennengelernt. Ich muss ihm leidgetan haben, weshalb er sich einfach zu mir setzte. Das war mir unangenehm, ich hatte gern meine Ruhe. Aber Rosc kam wieder, so lange, bis unser gemeinsames Mittagessen zur Routine geworden war.
Als Rosc mich fragte, ob ich mal seine Heimat sehen wolle, war ich gleich misstrauisch. Kann gar nicht so genau sagen, wieso; ich fand es irgendwie übergriffig, zu intim. Mich interessierte seine Heimat nicht, ihn interessierte meine ja auch nicht, oder?
Am selben Tag traf ich im Blu den Offizier eines Forschungsschiffs, der mir sagte, er sei schon auf so vielen Planeten zu Gast gewesen, dass er gar nicht mehr wisse, wo genau er zuhause sei.
„Heimat ist die Insel des Bekannten im Unbekannten“, sagte er. „Aber Zuhause ist da, wo das Herz ist. Dazu muss man das Herz natürlich auch mal öffnen.“

Rosc wollte unsere VR-Brillen verbinden, um mir seine Heimat zeigen zu können, und hat es nicht geschafft. Die Brillen sind wohl genauso kompatibel wie wir.
Ich mag Rosc nicht, weil er andere Augen hat als ich. Noch nicht einmal nur anatomisch betrachtet. Es ist die Art, wie er guckt. Als hätte er in seinem Leben ganz andere Dinge gesehen als ich. Aliendinge.
Auf dem Containerschiff bin ich unter seinesgleichen in der Minderheit, weil ich der einzige Vertreter meiner Art bin. Nach langem hin und her fasse ich den Entschluss, zu kündigen und auf die Erde zurückzukehren.

Gerade habe ich das digitale Schreiben aufgesetzt und will es absenden, als Rosc mein Quartier betritt. Zögernd stellt er mir eine Flasche hin.
„Schon mal Skyll gekostet?“
„Nein.“
„Ich habe nur noch diese Flasche. Die will ich mit dir teilen, wenn du möchtest.“
Um des guten Friedens willen lasse ich es zu. Der farblose Skyll schmeckt wie Wodka mit einer Meeresbrise. Angenehm, aber das gebe ich nicht offen zu. Rosc will unbedingt über seine Heimat reden, also lasse ich ihn, obwohl er mir meine in der VR-Brille kürzlich genommen hat.
Anfangs höre ich nur halb zu, doch dann fängt mich etwas ein. Rosc spricht von der Anziehungskraft der Berge und schildert eine Natur, die mir fremd ist. Dabei verändern sich seine Augen. Werden vertraut.
„Und das Licht auf den Wolkenwalen, wenn die Sonnen nacheinander untergehen — dieses Schauspiel gibt es nur bei uns. Das wollte ich dir eigentlich zeigen.“
Er guckt auf seine Chitinknie.
„Ich hab hier auch noch ’ne Flasche“, sage ich und stehe auf, um einen Hirschkuss aus dem Schrank zu holen. „Verträgt deine Spezies Alkohol?“

Ein paar Tage später liegt die reparierte VR-Brille auf meinem Bett. Wir haben unsere Ladung auf einem Planeten des Orionsystems gelöscht, da muss Rosc jemanden gefunden haben, der sich auskennt. Ich schließe sie an und bin kurz darauf im Blu unter meinesgleichen.
„Hey, wie geht’s?“
„Alles gut bei dir?“
Ich bestelle mein Bier, lasse mich von den Spiegeln und Schnapsflaschen umfunkeln, betrachte die Fotografien an den Wänden und träume mich in die Berge. Plötzlich sehe ich vor meinem inneren Auge einen Wal an der Zugspitze vorbeitauchen, während hinter ihm zwei rote Sonnen untergehen. Rosc geht mir durch den Kopf.
Ich betrachte den leeren Stuhl an meinem Tisch. Dann trinke ich aus und gehe, lange vor meiner gewohnten Zeit.

Von nun an grüße ich die Leute auf dem Gang. Ich tue es unbewusst und mit einem Lächeln. Ich frage mich nicht mehr, ob man die Aliens auf dem Schiff überhaupt „Leute“ nennen kann, weil das keine Rolle mehr spielt.
Rosc holt mich nach Schichtende ein.
„Weißt du, was Qowos ist?“
Ich muss lachen und kann kaum erwarten, es zu erfahren.

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