Neukölln blüht

Das rote Licht zwinkerte nie. Auf einem dünnen Bein stand es auf dem Dach des Nachbarhauses, und wenn ich nachts aufwachte, starrte es in mein Kinderzimmer. Ich weiß nicht, warum ich es fürchtete. Doch es verfolgte mich in meine Träume und sollte mir bis ins Erwachsenenalter nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Jetzt war ich schon fast dreißig und wollte endlich Frieden schließen.

Wir fuhren gegen Mittag los. Durch das Fenster des Mietwagens sah ich in der Ferne die drei Windräder von Großbeeren, deren schlanke Rotorblätter sich in der Dezemberluft drehten. Wir stellten uns innerlich auf stressigen Großstadtverkehr ein, obwohl bislang nichts darauf schließen ließ, dass Deutschlands größte Metropole direkt vor uns lag. Kahle Felder flogen an uns vorbei, auf denen nur ein paar Grashalme dem Winter trotzten. Auch ich versuchte tapfer zu sein und mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Es war mir peinlich, dass mein Herz verrücktspielte, nur weil ich mal wieder meine Geburtsstadt besuchte.

Kurz vor Berlin richteten sich links – gleich einem Empfangskomitee – die pastellfarbenen Hochhäuser von Marienfelde am Horizont auf, und kurz darauf zog rechts das sonnengelbe Ortsschild vorbei. In meinem Kopf hob Rainald Grebe an: „Halleluja, Berlin, alle wollen da hin“, und während ich über die Liedzeile lächelte, wurde mir klar, dass sie ein Irrtum war, zumindest was mich betraf. Ich wollte eigentlich nie wieder nach Berlin.

Doch jetzt war ich da.

Unser Ziel zählte nicht gerade zu den Ausflugstipps eines Reiseführers, und das bereitete mir Bauchschmerzen. Mein Mann war gestern die ganzen sechshundert Kilometer von München nach Berlin gefahren (wir hatten ein Hotel in Ludwigsfelde bezogen, südlich von Berlin). Gewiss hatte er das nicht nur getan, damit ich mal wieder zuhause vorbeischauen konnte. Ich ging davon aus, dass er etwas sehen wollte von der Hauptstadt, dass er zum Alex wollte und vielleicht in ein Museum, mal das Regierungsviertel besuchen und ein Selfie knipsen vor dem Brandenburger Tor. Was Menschen eben so tun, wenn sie nach Berlin kommen. Sie fahren in den Zoologischen Garten und zum Hackeschen Markt. Sie gehen in Bars. Was ganz bestimmt nicht auf ihrer Liste steht, ist Neukölln.

Doch auch wenn ich in Berlin geboren und aufgewachsen war: Als Fremdenführerin taugte ich nicht. Berlin, das war für mich Ochsenschwanzsuppe aus dem Automaten im U-Bahnhof, die neueste „Mickey Mouse“ vom Kiosk, ein Glas Waldmeisterbrause bei Oma und Ravioli vom Camping-Kocher bei Papa. Das war der Fußweg zum Kinderladen vorbei am Flughafen Tempelhof, Hundehaufen auf gepflastertem Boden, Graffiti an Hauswänden und alten Friedhofsmauern und Hinterhöfe mit riesigen Kastanien. Das war der tosende Lärm startender und landender Flugzeuge. Und das rote Licht auf dem Dach gegenüber, das Auge auf dem dünnen Bein, das in mein Zimmer starrte. Dinge, die ich meinem Mann schlecht zeigen konnte – oder wollte.

Zum Glück braucht es für ein klassisches Sightseeing in Berlin keine Insider. Und Insider-Tipps würde man sich nach dem Standard-Programm immer noch im Internet holen können. Berlin war groß! Mir tat es deshalb sehr leid, dass das erste, was mein Mann von der Stadt sehen sollte, ausgerechnet Neukölln war. Aber es würde nicht lange dauern, sagte ich mir. Nur mal kurz gucken und wieder fahren.

Vertraute Straßen und Gebäude mit schmuddeligen Geschäften säumten Neuköllns enterisches Nervensystem, die Hermannstraße, in die wir gut zwanzig Minuten später einbogen. Wir sahen etliche geschlossene Friseure, die sich Coiffeure nannten, Tattoo-Studios, die zugleich Kosmetiksalons waren, einen Bäcker mit Graffiti an den Fenstersäulen, einen Schlüsseldienst, der auch Absätze reparierte, einen Spielsalon, eine Eisdiele, einen Handy-Shop und einen geöffneten Döner-Imbiss mit viel, sehr viel Konkurrenz. An der Kneipe Berliner Kindl blinkte mein Mann links. Asphalt ging in Pflaster über, im Wagen zu hören als ein übellauniges Grollen. Ich setzte mich auf dem Beifahrersitz auf und saugte alles in mich auf, was ich sah. Diese krummen Linden kannte ich, und die vertieften Hauseingänge, und die kastigen Balkone. Als die Allerstraße die breite Schillerpromenade kreuzte, tat mein Herz einen Sprung: Da hinten, von hier aus leider nicht zu sehen, stand meine erste Grundschule. An die Pausen auf dem zwischen gemauerten Altbauten eingequetschten Betonhof konnte ich mich noch sehr gut erinnern.

Der Wagen rollte weiter über das holprige Pflaster. Die heruntergekommenen Fassaden der drei- bis vierstöckigen Häuser fielen mir auf, beschmiert in allen Farben. Kaugummi-Automaten hingen neben Hauseingängen, dieselben, in die ich mit Kinderhänden Münzen geworfen hatte. Löcher in den Wänden waren unsauber mit brauner Putzmasse zugeschmiert worden. Wir näherten uns einem Maschendrahtzaun: Da vorne grenzte der Bezirk Neukölln an den Tempelhofer Flughafen, die Allerstraße endete. Ich bat meinen Mann, zu parken.

Der Wind blies streng durch die Häuserflucht. Was für ein beklemmender Ort, dachte ich; kein Ort, um ein Kind aufzuziehen. Und doch lebte in jedem Pflasterstein, in jedem Hauseingang, in all den Graffitis und in den teils blinden Fenstern ein vertrauter Geist. Wir überquerten die Straße, wichen stinkenden Tretminen aus und gingen an den parkenden Autos vorbei zur Hausnummer 26. Der vorletzte, rot ummauerte Hauseingang: Da war ich also. Wieder daheim. „Da oben, das Fenster mit der blauen Gardine“, sagte ich zu meinem Mann, „das war mein Kinderzimmer.“ Er linste nach oben, mit leerem Gesicht: Die Fenster sagten ihm natürlich nichts, mir aber eine ganze Menge. Hinter dieser Glasscheibe hatte ich geschlafen, unter vollgekritzelten und bemalten Zimmerwänden, auf dem Kissen meinen kuscheligen blauen Tapsel und vor dem Schrank eine Plastiktonne voller Barbie-Puppen, ein Geschenk aus der Nachbarschaft. Und durch dieses Fenster hatte jahrelang das rote Licht gestarrt.

Inzwischen wusste ich mehr über das Licht als mein jüngeres Ich. Hindernisfeuer nannte man die starrenden Augen über den Dächern Berlins; sie leuchteten mit einer Lichtstärke von rund zweiunddreißig Candela, also etwa halb so stark wie eine Sechzig-Watt-Glühbirne. In der Nacht teilten sie Piloten mit, dass sich unter ihnen ein Wohnhaus befand. Sie bedrohten also niemanden. Im Gegenteil: Sie wachten.

Ich stellte mich mit dem Rücken zu dem Haus, in dem ich aufgewachsen war, und spähte auf das Dach des Gebäudes gegenüber. Ich sah die rundlichen Ziegel und erahnte sogar den First. Aber das Licht, die Konstruktion mit der roten Haube, konnte ich nicht entdecken. „Komisch“, sagte ich.

„Was denn?“, fragte mein Mann.

„Das rote Licht ist weg.“

Abmontiert, fortgebracht. Ich begriff. Von der Stilllegung des Flughafens Tempelhof hatte ich ja gehört, aber dass das auch bedeuten würde, dass niemand mehr das rote Licht brauchte, soweit hatte ich nicht gedacht. Wie fremd mir die Gegend auf einmal war. Ich schämte mich für meine Sentimentalität, die mich in diese hässlichste Ecke Berlins getrieben hatte, und meinen Mann gleich mit dazu. Ich wollte gerade vorschlagen, zum Alex weiterzufahren, als mir etwas auffiel. Ich bemerkte eine offene Tür im Maschendrahtzaun, der das Flughafengelände begrenzte, und dahinter Bewegung: Spaziergänger, Jogger, Radfahrer. Das gibt’s doch nicht, dachte ich. Jogger auf dem Flughafen Tempelhof? So kannte ich das definitiv nicht. Wir näherten uns der Tür und traten hindurch auf einen langen Weg, der auf der einen Seite vom Maschendrahtzaun, auf der anderen Seite von winterkahlen Büschen flankiert wurde. Nach wenigen Schritten tat sich das Gebüsch für eine Treppe auf, die hinab führte auf das alte Flughafengelände. Dort machte ich eine Entdeckung, die meinen Blick auf Neukölln erheblich veränderte.

Nicht mehr Flugzeuge, sondern bunte Drachen kreuzten den Himmel über dem Tempelhofer Feld. Hunde tobten, Kinder fuhren auf Inline-Skates, Radler strampelten gegen den Wind an. Leben war auf dem alten Flugplatz. Ich zog den Schal enger und ging voraus, angezogen von einer rätselhaften Anlage, die auf dem weiten, leeren Feld wie eine Insel existierte. Im Näherkommen erkannte ich in der Insel einen Garten, das ziselierte Sammelsurium aus Dingen verfeinerte sich zu einer chaotisch und zugleich geordnet wirkenden Konstellation aus Bänken, Beeten und Pflanzkübeln. Alles war handgezimmert und zusammengefügt zu einem winzigen Gartendorf, wie ein Provisorium für die Ewigkeit. Regenbohnenfahnen wehten, irgendwo klapperte eine Dosengirlande. In einer Art Strandkorb hielt ein Mann ein Nickerchen, in seinem Parka gewärmt von der Wintersonne. Zerbrechlich wirkende Regalkonstruktionen trotzten dem steifen Wind, in Kisten standen die letzten Kräuter und Salate des Jahres und Ringelblumen, so viele Ringelblumen blühten in Turnschuhen und aufgeschlitzten Fußbällen – kurz vor Silvester.

„Willst du wieder fahren?“, fragte ich meinen Mann. Er zuckte mit den Achseln und verneinte.

„Ist doch nett hier, oder?“, sagte er.

Dankbar nahm ich seine Hand und schlenderte mit ihm durch das kleine Paradies. Ich begriff, dass ich mich für Neukölln geschämt hatte. Doch während ich weggewesen war, vollgestopft mit schlechten Erinnerungen und meiner Angst vor dem roten Licht, hatte sich der Bezirk weiterentwickelt. Er war aufgeblüht. Oder war er immer schon so schön gewesen? Vielleicht hatte sich diese Warmherzigkeit seit jeher hinter den brüchigen Fassaden, dem Graffiti und den blinden Fenstern verborgen. Und vielleicht galt das sogar für ganz Berlin. Jedenfalls hatten wir es jetzt nicht mehr eilig. In der Hauptstadt mochte es vieles zu sehen geben, doch nur weniges konnte mit dem Neuköllner Garten konkurrieren. Wir setzten uns und sahen den bunten Drachen zu.

3 Kommentare

  1. Du nimmst nicht nur deinen Mann, du nimmst uns Leser an die Hand, und führst uns durch das Loch im Maschendraht aus der Vergangenheit – deiner Vergangenheit – in unsere Gegenwart. Und da regt sich in der Brust dann doch etwas, eine Wehmut, ein Aufatmen. In deinen Erzählfluss eintauchen und von dir mitgetragen werden, das ist, dich zu lesen. Danke für dieses schöne Kleinod.

  2. Ich möchte dich umarmen. Dort bei den bunten Drachen möchte ich dich umarmen.

    Als hätte sich die graue, angstvolle Vergangenheit etwas gelichtet. Nicht ganz mit Hoffnung, was mir zuerst einfiel, sondern eher mit einem ruhigen Abschied, den es bewusst nie gab und einem die Kraft gibt, weiterzugehen.

    Ich wünsche mir sowas auch für meinen Heimatbesuch.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.