Geh aus meinem Kopf

Gerade habe ich die Wäsche gemacht und dabei kam wieder alles hoch. Das passiert ständig. Deshalb schreibe ich es jetzt auf. Du wirst das niemals lesen, Mama, aber das würde ohnehin nichts ändern.

In meiner Erinnerung sitze ich auf dem Sofa, während du staubsaugst. Du wirfst mir vor, dass ich dich im Stich lasse, dass ich die Hausarbeit auf dir sitzen lasse, und ich ziehe die Lippen auseinander. Ich mache ein „Tja, hab’s vergessen“-Gesicht, zumindest nach meinem Gefühl. Du siehst da nur ein Grinsen, und weil du das so siehst, gibt es keine andere Wahrheit. Du rufst auf, du höhnst, du tobst, dass ich da gar nicht so zu grinsen brauche. Mein Gesicht erschlafft. Ich habe doch gar nicht gegrinst. Aber ich weiß auch, dass es komplett sinnlos ist, dir meine Sicht der Dinge darzulegen.

Ich werde älter. Als Teenager nehme ich meine Kopfhörer, es ist spät nachts, ich ziehe mich an und gehe aus dem Haus. Durch die Dunkelheit kann ich kilometerweit spazieren, die laute Musik ist mein Treibstoff. Ich träume mich in Fantasygeschichten, mein Körper läuft von alleine. In der Bewegung geht das Träumen am Besten. Nach einer Stunde oder anderthalb komme ich wieder nach Hause. Du sitzt immer noch auf dem Sofa und siehst fern. Dann wirfst du mir vor, dass ich Drogen nehmen würde. Was soll ein Teenager sonst um diese Uhrzeit da draußen? Spazieren gehen? Na, klar! Lügen, dieses Kind kann nur lügen, billige Ausreden, natürlich geht es nur raus wegen der Drogen.

Kindheit. Backpfeifen sind normal. Auch den Hintern zu versohlen. Wie oft habe ich geheult und geschrien, wie oft bin ich gerannt, um dir zu entkommen, weil ich wusste, jetzt geht es wieder los. Jahre später wirst du mich verblüfft und empört ansehen und rufen: Ich? Ich habe euch doch nicht geschlagen! Du kannst dir ja nicht vorstellen, wie hilflos und allein gelassen man sich da fühlt.

Ich muss allein damit klar kommen. Musste ich immer. Ich musste auch damit klar kommen, als du Luzis Babys zu früh weggegeben hast, weil sie dir auf die Nerven gingen, und damit, wie Luzi miauend durch die ganze Wohnung lief und nach ihren Babys suchte. Die Viecher kosten so viel Geld, nicht?

Dass ich ausziehen soll, hast du mir nicht persönlich gesagt. Da habt ihr alle am Tisch gesessen, eine geschlossene Gemeinschaft, eine Bastion gegen Thekla, die Terroristin und Psychopathin, wie du mich genannt hast, ihr habt da am Tisch gesessen und habt das die Betreuerin vom Jugendamt machen lassen. Die Betreuerin, die du hattest kommen lassen, um meine kleine Schwester vor mir beschützen zu lassen. Und das tat sie nun auch, nachdem sie all eure, vor allem deine Geschichten geschluckt hatte, indem sie mir erklärte, ich solle gehen. Mit diesem abweisenden Blick. Habt ihr euch alle gefreut, wart ihr alle erleichtert. Und ich rief heulend eine Freundin an, die sofort kam, alle meine Sachen in Kartons packte, und mich mit zu sich nach Hause nahm. Weg von euch.

Und was erfahre ich jetzt, Jahre später? Dass wir uns in den vergangenen Jahren nur wieder angenähert haben, weil ihr dachtet, dass ich mich geändert hätte. Denn ihr wart ja nie Teil des Problems, nicht wahr? Nur ich war das Problem. Ich war immer das einzige Problem.

Dass ich Depressionen habe; dass ich Versagensängste habe; dass ich mich jahrelang selbst ins Gesicht geschlagen und gebissen habe; damit wolltest du in den vergangenen Jahren nur etwas zu tun haben, wenn du mütterlich erklären konntest, dass du dir Sorgen um mich machtest und ich mir professionelle Hilfe suchen sollte. Sobald ich dir aber erzählte, dass es mich im Kopf immer wieder zurück in die Vergangenheit beamte, in verletzende Situationen mit dir, wolltest du davon nichts wissen, denn das hat dich ja gekränkt.

So erzählte ich dir vor vier Wochen, am Abend meines Nervenzusammenbruchs, dass ich mich zum Beispiel immer wieder daran erinnerte, wie ich einmal als Teenager mit dir und deinen Freundinnen daheim am Wohnzimmertisch saß. Ich hatte die Beine überschlagen, wie ihr Erwachsenen. Du sahst das und fingst an, mich auszulachen, bis ich anfing zu weinen, und selbst dann ging das Gelächter weiter, zumindest in meiner Erinnerung. Das habe ich dir neulich geschildert. Ich habe gesagt: Weißt du, mich quälen diese Erinnerungen heute noch. Und du hast geantwortet: Ich? Ich würde doch niemals mein Kind vor meinen Freunden bloßstellen! Und als ich dann aufgestanden bin, um meine Sachen zu packen, weil ich diese ganzen Verletzungen nicht mehr aushielt, da bist du wütend geworden, du hast mich angeschrien, dass ich dich schon immer für ein Monster gehalten hätte.

Du hast auch gesagt, dass ich dich vor anderen Menschen immer schlechtgemacht hätte. Wie damals, als ich Schutz bei einer Freundin suchte, lass mich zwölf, dreizehn gewesen sein. Die Mutter meiner Freundin bekam alles mit, und als du kamst, um mich abzuholen, redete sie mit dir darüber. Wie hast du getobt. Arme, ungerecht behandelte Frau. Dass du so eine verlogene, alles verdrehende Tochter haben musstest, die, nur um dich zu verletzen, nur um dir zu schaden, weinend bis zum Haus einer Freundin lief und dort all die Lügen über dich erzählte. So sehr hat dich das gekränkt, dass du es heute noch weißt. Aber nicht, dass du mich vor deinen Freundinnen ausgelacht hast.

In deinen Geschichten bist du immer diejenige, die gekränkt wurde, oder diejenige, die all den anderen dummen Menschen zeigte, wie es richtig ging. Dutzende Male durfte ich mir von dir anhören, dass diese Lästerziege, jene Intrigantin, einfach jeder, der dir je ans Bein pinkeln wollte, „vom Leben alles zurück bekommen“ hätte. In deiner Welt gibt es nur eine Gerechtigkeit, nämlich die, in der du geliebt wirst. Wer dich nicht liebt, den soll der Teufel holen, denn er hat unrecht.

In den vergangenen Jahren habe ich so oft bereut, dass wir uns meine ganze Jugend hindurch nur gestritten haben. Ich dachte: Wie soll ich das nur verkraften, wenn Mama irgendwann stirbt? Die Streits werden mich verfolgen und wie Messer pieksen. Aber mir ist immer klarer geworden, dass sie das jetzt schon tun. Ich bereue, dass ich dir mal vor die Füße gespuckt habe; ich bereue, dass ich mal deine schmutzige Unterhose nach dir geworfen habe; ich bereue, dass ich euch ständig vorgehalten habe, Tag und Nacht diesen Schund im Fernsehen zu schauen und nie ein Buch in die Hand zu nehmen; aber allmählich kann ich mit meiner Reue abschließen, und weißt du auch, warum?

Weil die Reue mich kaputt macht, während sie dir das Gefühl gibt, im Recht zu sein. Alles, was ich mir gewünscht habe, ist, dass du sagst: „Ja, gut, mag sein, dass ich das getan habe. Ich erinnere mich zwar nicht mehr daran, aber ich möchte nicht, dass du verletzt bist, und deshalb tut es mir leid.“

Stattdessen hast du mich vor vier Wochen beschimpft, und du hast mich an den Armen gepackt und geschüttelt, ich rief, du sollst mich loslassen, aber du hast immer weiter geschüttelt und gebrüllt, bis dein Mann dich von mir weggezogen hat. Danach hatte ich den schlimmsten Nervenzusammenbruch seit meiner Jugend, du hast es mitbekommen, du hast mich schreien und hyperventilieren sehen, du hast gesehen, dass ich am Ende war, dass ich nicht mehr konnte, aber du hast immer weitergemacht, „die ist ja verrückt! Die gehört in die Klinik!“, hast du gekreischt und dabei mir dem Telefon gewedelt.

Als ich mit meinem Mann nach Hause gefahren bin, wollte ich aus dem fahrenden Auto springen. Ich stellte mir vor, wie ich mich auf die Gleise legte. Ich hatte gerade endlich aufgehört zu weinen, als ich so blöd war, das Handy zur Hand zu nehmen, und da stand eine Nachricht von meiner Schwester, der du wohl Entsprechendes erzählt hattest, und die nächste Runde des Zusammenbruchs ging los.

Und dann hast du mir auf Facebook die Freundschaft gekündigt.

Denn genau das bist du: nie erwachsen geworden. Du bist über 50 Jahre alt und im Herzen immer noch der rebellierende Teenager, der an Weihnachten von seinen Eltern vergessen wurde, der die Schule schmiss und nach Berlin abhaute, der meinen leiblichen Vater noch vor meiner Geburt verließ, weil er sich als Patriarch aufgespielt hatte. Wie stolz du diese Geschichte immer wieder erzählt hast. Thekla kennt ihren leiblichen Vater nicht? Egal! Hört nur, wie toll ich mich damals durchgesetzt habe! Wie ich meine Sachen gepackt und gegangen bin! Hört nur, wie super ich bin!

Und ich dumme Kuh sitze jetzt da, alle drei Tage von neuen Erinnerungen bestürmt, fassungslos über deine Reaktion vor und während meines Nervenzusammenbruchs, und weiß nicht weiter. Als hätte ich nicht vorher gewusst, dass du zu Empathie nicht fähig bist. Dass du nicht reflektieren kannst, am wenigsten über dich selbst. Dass du nie einen Versuch unternommen hast, mit mir über die Vergangenheit zu reden, weil es dir immer gereicht hat, dass ich mich verändert hätte.

Ich könnte ewig weiterreden. Ich habe ja noch nicht mal annähernd alles gesagt, was ich sagen möchte. Ich könnte jetzt noch schildern, wie du reagiert hast, als ich dir mit elf Jahren von meinem allerersten Romanprojekt erzählte, auf das ich so stolz war. Weißt du noch, was du mir da geantwortet hast? „Das gibt’s bestimmt schon.“ Das war alles. So nebenher gesagt. So zwischen anderen Dingen in der Küche, eingeschoben, abgehakt. Und im Verlauf der kommenden Jahre hattest du auch so schöne Antworten für mich, zum Beispiel: „Die Verlage klauen dir deine Ideen.“

Ich könnte auch erzählen, dass du nie eine Zeile von dem, was ich geschrieben habe, gelesen hast. Oder dass ich jeder deiner Bekanntschaften meine Bildermappe zeigen musste, weil du dann plötzlich SO STOLZ auf mich warst. SO VIEL TALENT! Wow, wie toll, das ist ja großartig! „Weißt du“, habe ich dann geantwortet, „ich schreibe auch.“ Das habe ich dann irgendwann gelassen. Hat ja niemand gehört, obwohl mir das wichtiger war als das Zeichnen. Jahrelang habe ich hunderte Seiten an Text weggeworfen, weil sie nicht gut genug waren, und bis Ende 20 hatte ich Panikattacken, wenn ich nur eine Verlagswebseite öffnete. Muss das schön sein, Eltern zu haben, die einem Selbstvertrauen und Zuversicht mit auf den Weg geben.

Ich will lernen, meine eigene Mama zu sein.

Ich will endlich frei sein von dir, ich will emotional eigenständig sein, ich will liebevoll und positiv sein, ich will mir vertrauen können. Der letzte Punkt ist der schwerste. Denn er hängt an einer Erinnerung, die vielleicht die schlimmste von allen ist. Das weißt du bestimmt auch nicht mehr.

Ich saß in meinem Zimmer, morgens um fünf. Ich hatte die ganze Nacht gemalt. (Was glaubst du wohl, wann die ganzen Bilder entstanden sind, mit denen du vor deinen Freunden angegeben hast?) Plötzlich hörte ich deinen Wecker gehen, dann kamst du durch den Flur gestampft, wie eine Maschine, ich hörte deine Schritte näherkommen, WUMM, WUMM, WUMM, und auf einen Schlag flog die Zimmertür auf und du kamst herein. Du hast nicht geschrien. Du hast die Hand gehoben, Daumen und Zeigefinger zu einer Null zusammengelegt, und mit hoher, dünner, zitternder Stimme gesagt: „Ich vertrau dir Null, Thekla, ich vertrau dir Null!“ Du hast das wiederholt und auf eine unnachahmliche Weise betont, dass mir noch heute ganz übel wird, wenn ich daran denke.

Und jetzt bitte ich dich. Geh aus meinem Kopf.