Der rote Knopf

Viele Menschen neigen dazu, emotional an Gegenständen zu hängen. Ich etwa hatte einen roten Knopf am Handy, den mir ein Südkoreaner aus Seoul, Hyungsik Kim, im Museum für Moderne Kunst in Dublin gegeben hatte. Er wollte, dass ich an einem Kunstprojekt teilnahm, und obwohl ich meine Aufgabe schnell erfüllt hatte, habe ich den roten Knopf danach zwei Jahre lang nicht weggeworfen.  

Der junge Künstler reiste mit seinem Projekt um die halbe Welt: Seoul, Dublin, Italien, Niederlande, ich weiß nicht, wohin noch. Er sprach mich im Museum an und schilderte mir seinen Plan: Jeder Besucher des Museums – er verteilte sehr viele dieser roten Knöpfe – sollte unter dem Hashtag #themuseumisred ein Foto auf Instagram hochladen. Vorher aber sollte man den Knopf auf die Kameralinse kleben. Es handelte sich um einen flachen, halbtransparenten, facettierten Plastikknopf, der, wenn er auf der Kamera klebte, die Fotos nicht nur rot einfärbte. Durch ihn vervielfachte sich auch das Motiv, als sähe man es durch die Augen einer Fliege. Ich entfernte also den Folienschutz vom Klebstoffring auf der Rückseite des Knopfs und klebte ihn auf die Kamera meines Smartphones. Nachdem ich ein paar Fotos geschossen und sie auf Instagram gepostet hatte, löste ich den Knopf ab und klebte ihn neben die Kamera an die Handyhülle. Und da blieb er für zwei Jahre.

Wobei das nicht ganz stimmt: Ich musste ihn abnehmen, als ich das Handy wechselte, und manchmal klebte ich ihn auch auf die Kamera, um den Leuten, die mich nach dem Knopf fragten, seinen Effekt zu demonstrieren. Die Kraft des Klebers erwies sich als phänomenal, denn der Knopf saß trotz der gelegentlichen Bewegung bombenfest auf dem Kunststoff. Er löste sich nicht, wenn das Smartphone in der Handtasche herumflog, auch nicht, wenn es zusammen mit Schlüsseln und Papier meine Jackentasche ausbeulte. Wenn das Handy mit dem Display nach oben auf dem Tisch lag, kippelte es ein wenig, denn durch den Knopf konnte es nicht glatt aufliegen. Ich tippte auf dem Display, während es auf einem Tisch lag, und ärgerte mich wahnsinnig darüber, dass es nicht stillhielt.

Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich nur zwei Jahre her ist, dass ich den Knopf bekommen habe. Ich glaube, dass mich Freunde im Sommer 2015 in Dublin besuchten, wo ich Haus und Katze einer abenteuerlustigen Lehrerin hütete, die gerade für fünf Wochen durch Asien tourte. Und ich glaube, dass ich mit diesen Freunden im Museum für Moderne Kunst war, als ich den Künstler traf. Der Sommer 2015 war mein achter und letzter Besuch in Irland bis zum heutigen Tag, ich hatte die letzten Kapitel von Cronos Cube verfasst und war bereit für die Verlagssuche. Bis dahin hatte ich nur davon geträumt, Schriftstellerin zu werden.

Nach meiner Rückkehr verränderten sich die Dinge in Zeitlupe, aber dafür radikal. Geldsorgen türmten sich vor mir auf und brachen in Formen von Schulden über mir ein; der Job wurde für mich unerträglich und ich entschied mich für eine halbgare Flucht an die Uni; die Psychoanalyse, die ich auch in Irland dank Skype nicht versäumt hatte, ging abrupt und unschön zu Ende. Die Veröffentlichung von Cronos Cube brachte mein Leben endgültig durcheinander. Sehr viel gutes Feedback kollidierte mit wenigen Enttäuschungen. Mein Geist baute währenddessen heimlich an einer Mauer, an der das Glück abprallte, und weil es zu viel Glück gab, um unglücklich zu sein, hatte ich selbst für meine eigenen schlechten Launen immer weniger Verständnis. Der Kitt für die Mauersteine.

Nachdem meine in Schieflage versetzte Welt am Wochenende mit einem großen Knall umgekippt ist, hat ein Sozialpädagoge der Caritas zu mir gesagt: “Dies und das, was Sie da erzählen, das sind alles Merkmale einer Depression.” Das ist noch keine ärztliche Diagnose, aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich dachte an Medikamente und die unangenehme Suche nach einem Therapeuten. Ich spürte, dass sich etwas in mir trotzdem auf diese Noch-nicht-Diagnose stürzen wollte wie eine ausgehungerte Katze auf eine fette Maus. Depressionen, das klang finster und schrecklich, aber es klang auch nach der Erlaubnis, nicht mehr hart sein zu müssen.

In diesem Moment fiel mein Blick auf das Handy, das vor mir auf dem Tisch lag. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, etwas stimmte nicht, ein paar Sekunden lang starrte ich das Gerät an, seltsam entrückt aus der vertrauten Wirklichkeit. Ich erkannte, dass das Handy glatt auf dem Tisch lag. Ich hob es auf und drehte es um; der Knopf war weg. Wo er sich befunden hatte, war nur ein blasser Ring von Klebstoffrückständen geblieben. Ich war enttäuscht, aber nicht sehr überrascht.

“War ja klar, dass das irgendwann passiert.”
“Was ist denn los?”
“Ich hatte da einen roten Knopf. Und jetzt ist er weg.”
“Liegt er hier irgendwo?”

Ich wusste intuitiv, dass er das nicht tat, und ich sollte recht behalten. Schade, dachte ich. Aber vielleicht muss man sich manchmal von alten Emotionen trennen.

 

 

 

6 Kommentare

  1. Liebe Thekla, deine kleine Geschichte ist sehr berührend und regt zum Nachdenken an. Sollten wir besser auf uns aufpassen? Ich wünsche dir, dass du das kleine Glück in vollen Zügen genießen kannst.
    Es freuen sich sehr viele Menschen, ich natürlich auch,auf den nächsten Teil von Cronos Cube.
    Ich wünsche dir Kraft und Durchhaltevermögen aber vor allem Tigertatzen gegen diesen fiesen Dämon Depression.

  2. Liebe Thekla, ein sehr schön erzählter Lebensabschnitt von dir.
    Der rote Knopf, von einem Künstler, mit einem Projekt, dass Menschen mitreißt, weil er sie durch seine Idee des Miteinbeziehens begeistert hat.
    Vielleicht war er für dich wie ein Fels in der Brandung, ein Mantra, ein Akku, deinen Traum weiter zu verfolgen.
    Ich glaube der Knopf ist gegangen, weil du ihn nicht mehr brauchst, denn dein Traum hat sich erfüllt.
    Du bist jetzt eine Schriftstellerin.
    Und zwar eine, die einen inneren Raum besitzt, dessen Wände aus lauter Hundertwasser Schubladen bestehen, die voll von Kreativität und Phantasie sind.
    Ganz liebe Grüße

  3. Dass der Künstler für mich eine Inspiration gewesen sein könnte – so habe ich noch nie darüber gedacht. Danke für den Anstoß. Und für das Hundertwasser-Bild in meinem Kopf. Was für eine Vorstellung! <3

  4. Das schöne an der Kommunikation ist, dass sie andere Sichtweisen eröffnen kann und sich dadurch entweder das Gewicht des Gefühls, das mit der eigenen Sichtweise verbunden ist erleichtert, oder sogar plötzlich eine Tür in einer Sackgasse auftreten kann.
    Aye, das Hundertwasserbild gefällt mir auch sehr :o)

  5. Hallo 🙂
    Ich folge dir ja nun schon eine Weile auf Twitter und ich hatte immer den Eindruck, dass da was kommt.
    Du warst so hibbelig, konntest den Erfolg nicht fassen, warst krank vor jeder Lesung. Ich hatte immer den Eindruck, das wird zu viel für dich. Vielleicht passte der Erfolg nicht zu dem Bild, was du von dir hattest. Die Mauer, die du sicher schon eine Weile um dich hattest, war kaputt. Die neue musste wohl stärker werden. Aber auch die ist nicht von Dauer.
    Glaub an dich, lass dir helfen, schreibe und übrigens, es wird bal dFrühling.:)

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere