Die Sache mit dem Fahrplan

Ich klopfte nach Schulschluss an die Bürotür meiner Deutschlehrerin – mit gemischten Gefühlen, denn ich wusste bereits, dass sie meinen neuen Roman nicht sehr begeistert aufgenommen hatte. Gerade einmal 82 Seiten weit war sie gekommen, ehe sie aufgegeben hatte.

„Tja, tut mir leid“, sagte Frau M., als wir in ihrem Büro saßen, und legte einen dicken Ordner auf den Tisch. Ich hatte vor ein paar Wochen einen Stapel Papier in diesem Ordner abgeheftet: Vom ersten Blatt starrte der Titel meines Manuskripts, zentriert, gefettet, viel zu selbstbewusst, wie ich jetzt fand. Ich hatte rote Ohren vor Scham über meine Großspurigkeit. 

Dass eine Abiturientin nebenher für eine große Tageszeitung jobbte, hatte sie damals beeindruckt, und mit entsprechend hohen Erwartungen hatte sie den Ordner von mir in Empfang genommen. Ich, gerade 24 geworden, glühte vor Stolz, weil eine so respekteinflößende Frau wie meine Deutschlehrerin mein Buch lesen wollte. Da sie nun nach 82 Seiten aufgegeben hatte, war ich nicht mehr ganz so euphorisch. Sie erklärte, dass es wohl einfach nicht ihr Genre sei – Fantasy, andere Welten, dieses Zeug – aber wir beide wussten, dass dies nicht das eigentliche Problem war.

Sie fragte mich: „Thekla, hast du dir denn ein Organigramm gemacht?“

Ich saß einen Moment lang wie erstarrt da. „Ja“, sagte ich. Auf wenig legte ich so viel Wert wie auf eine gute Planung, ich war ungeheuer stolz auf meine ganzen Notizen und Tabellen und Diagramme. „Neulich habe ich von einer Autorin gelesen, die, wenn sie sich an die Arbeit macht, nie so genau weiß, was sie schreiben wird“, sprudelte ich los, um mich zu rechtfertigen. „Ich könnte niemals so arbeiten!“

Auf dem Heimweg hatte ich Puls. Ich fühlte mich ungerecht behandelt und bereute das Vertrauen in meine Deutschlehrerin. Ich schimpfte und tobte und schmollte ein paar Tage. Dann, ganz allmählich, fing ich an zu denken. Ich begriff, dass nicht Frau M. der Fehler war und dass sich eine gute Planung nicht in der Masse an Zetteln und Diagrammen spiegelte. Sondern darin, ob ich einen Plan hatte. Denn in der Regel hatte ich keinen Plan. Ich hielt große Stücke darauf, dass meine Handlungen so kompliziert waren, dass selbst ich sie nicht mehr ohne Diagramme verstand.

Irgendwann in diesem Sommer 2011 besuchte ich eine Bekannte zu Hause. Frei nach dem bayerischen Klischee servierte sie am hellichten Tag Bier – für mich, die ich überhaupt nur selten trank und schon gar nicht tagsüber, eine Herausforderung. Nach ein, zwei Gläsern waren meine Blase und ich ordentlich abgefüllt; ich saß auf der Toilette und starrte benommen auf die weißen Fliesen. Und urplötzlich hatte ich eine funkelnde Idee im Kopf. Dies war die Geburtsstunde von Cronos Cube: ein neues Baby, also genau das, was ich nach dem Desaster meines letzten Buchprojekts dringend brauchte.

Diesmal sollte alles anders werden. Besser, lesbarer, spannender als alles zuvor – so lauteten die ungefähren Ansprüche, die ich an mein neues Werk hatte. Ich rieb mir die Hände, setzte mich an den Laptop und fing an zu schreiben. Und scheiterte. Wieder einmal war ich völlig planlos losgestürmt und merkte nach ungefähr 100 Seiten, dass ich gar nicht wusste, wo ich eigentlich hinwollte. Ich geriet in eine Krise, rappelte mich wieder auf, wischte den alten Text beiseite, hatte eine bessere Idee für den Handlungsverlauf, schrieb los, merkte abermals bald, dass ich nicht weiterkam, geriet in eine weitere Krise, rappelte mich wiederum auf, wischte alles beiseite, hatte eine bessere Idee, fing von vorne an, schrieb und schrieb und …

Manche Menschen müssen wohl öfter gegen die Wand rennen als andere. Wenn ich heute einen Blick in mein Entwicklertagebuch werfe (ich habe es damals aus Jux so genannt – inzwischen habe ich mich daran gewöhnt), dann lese ich, dass es bis 2013 gedauert hat, also weitere zwei Jahre, bis ich innehielt.

Es reicht nicht, zu wissen, was in einer Geschichte passiert, und in welcher Reihenfolge. Handlung ist so viel mehr. Sie ist ein Uhrwerk. Zumindest wurde mir jetzt endlich bewusst, dass dies die Art von Buch war, die ich schreiben wollte: ein Buch mit einer Uhrwerkhandlung. Deshalb tat ich mich so schwer und rannte immer wieder gegen die Wand. Weil ich zwar eine Uhrwerkhandlung wollte, aber noch gar nicht das Werkzeug entwickelt hatte, das ich dazu benötigte. Ganz klare Sache: Eine Geschichte, aus der du keine einzige Szene entfernen könntest, ohne den gesamten Handlungsverlauf zu stören, schreibt sich nicht im Affekt.

Eines Tages im Jahr 2013 ging mir in dieser Hinsicht ein ganzer Kronleuchter auf. Der Schlüssel waren meine Figuren. Durch sie konnte ich mir das Werkzeug und meine Handlung erschließen. Eine Entdeckungsreise begann: Es war die Zeit, in der ich Pauschalistin wurde, in der ich die ersten Recherchereisen nach Irland unternahm und mir unter dem Einfluss meiner kritischen Kolleginnen einen nüchternen Schreibstil angewöhnte. Ich gewann eine neue Perspektive auf meine Figuren und begann, mir Fragen zu stellen.

Warum wollte ich diese Geschichte schreiben?

Über wen schrieb ich da überhaupt?

Welcher Konflikt trieb die Geschichte an?

Was trug diese oder jene Szene oder Figur bei?

Wie endete meine Story und wie fing sie folglich an?

Ich hatte nun auf die meisten meiner Fragen Antworten, weil ich nun schon viel genauer wusste, was ich mit den einzelnen Elementen meiner Geschichte erreichen wollte. Die Zeit der Diagramme und unüberschaubaren Notizzettel war vorüber; alles, was ich brauchte, war mein Entwicklertagebuch, das mir half, innere Klarheit und Struktur zu finden. Und sobald ich diese Klarheit hatte, konnte ich an die Arbeit gehen. Ich hatte einen Fahrplan.

Jenen missratenen Roman hatte ich auch meinem bücherbegeisterten Mathelehrer gegeben. Von ihm erhielt ich ein völlig anderes Feedback: Er las das ganze Werk von vorne bis hinten durch und fand es immerhin „gar nicht schlecht“. Wie in allen Geschmacksfragen hätte ich mich auch auf ihn berufen und meine Deutschlehrerin, die ja mit dem Genre nichts anzufangen wusste, einfach ignorieren können. Ich bin sehr froh, dass ich das nicht getan habe.

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