Warum ich Fleischersatz esse

Mein Ofen backt mir gerade eine Pizza, wie ich sie noch nie gegessen habe: Sie ist nicht nur mit Jalapeño-Schmand belegt, sondern auch mit Fleischersatz. (Okay, das mit dem Schmand muss mir mal jemand erklären. Ich meine: Schmand auf Pizza? – Darüber sprechen wir ein andermal.)

Jedes Mal, wenn ich Fleischersatzprodukte kaufe, zum Beispiel Veggie-Hack oder Sojawürstchen, dann habe ich diese Stimme im Ohr. Ich weiß nicht, wem sie gehört, wer diese Frage also als Erstes in meiner Gegenwart gestellt hat. Ich weiß auch nicht, ob  ich sie mir nicht nur ausgedacht habe, weil diese Worte irgendwo geschrieben standen, zum Beispiel auf Twitter. Jedenfalls, die Frage lautet:

„Wie idiotisch ist das bitte, Veggie-Würstchen zu essen?“

Es ist überhaupt nicht idiotisch, denke ich dann jedes Mal grimmig und bin traurig, weil der betreffende Kritiker mich nicht hören kann. Wenn irgendetwas idiotisch ist, dann diese Frage. Ich esse also Würstchen, die nicht aus Fleisch sind, und brate mir manchmal sogar ein Hacksteak, das aus Weizen zusammengemanscht wurde. Bedeutet das, dass ich heuchle? Dass ich eigentlich gern Fleisch essen möchte, mir das aber nicht eingestehen will? – MÖÖÖP! Falsch.

Ich liebe Fleisch. Ich mag den Geschmack von gebratenem Schinken. Und von Würstchen, die vom Grill schon ein bisschen kross sind. Ich vermisse Mett- und Teewurst und grobe Leberwurst und Ungarische Salami und diese kleinen Sticks aus der Plastiktüte, die wahrscheinlich genauso gut mit Geschmacksverstärkern gewürzt sind wie meine geliebten Instantnudelsuppen.

Der Punkt ist: Ich will keine toten Tiere essen.

So einfach ist es. Wenn ich mir also ab und zu mal das Röstaroma eines Veggie-Hacksteaks zuführen möchte, dann ist das völlig legitim. Das wäre es übrigens auch, wenn ich es einfach nur lecker fände. Was ich tatsächlich tue. Hach, wie sich die Dinge manchmal fügen …!

Die Pizza ist fertig!

Massimo

Die Melancholie ist wie ein Bonbon, das dir ein Loch in die Zunge ätzt und dabei nach Schokolade schmeckt. Seit einer Stunde oder zwei sitzt sie in der Küche und starrt, sie starrt nichts Besonderes an, aber sie kann auch nicht damit aufhören. Manchmal kommt ihr in den Sinn, wie viele nützliche Dinge sie in dieser Zeit erledigen könnte, beim Finanzamt anrufen, Briefe öffnen, einkaufen, aufräumen, putzen, aber ihr Zeitgefühl ist flüchtig und gleich darauf treibt sie wieder in dieser Wolke aus Wehmut.

Im Nichtstun kommen ihr Ideen. Sie vergleicht Massimo mit einem deckenhohen Regal voller Bücher. Deckenhohe Bücherregale sind die Dome unter den Kirchen der Geistesfreiheit, neulich hat sie bei einem Onkel eine Landkarte von Deutschland gesehen, auf der die Merkmale der größten Städte als farbige Zeichnungen abgebildet waren, ein Dom und zwei Spatzen für Regensburg, bei deren Anblick sie lachen musste, weil sie beim Gedanken an Regensburg nie auf die Domspatzen gekommen wäre, obwohl sie so bekannt sind. Deckenhohe Bücherregale jedenfalls, die findet sie viel einladender als normale Regale, die ohne jeden Grund eine Kopfhöhe von der Decke entfernt abschließen, als ließe sich diese Lücke zwischen Regal und Decke noch irgendwie sinnvoll nutzen. Deckenhohe Bücherregale sind wie gerahmte Bilder, anziehender und ästhetischer als die zu kurz geratenen, was nicht bedeutet, dass sie die kurzen Regale nicht mag, nein, sie liebt Bücher, und sobald sie Bücher vor sich hat, muss sie zugreifen, muss sie Klappentexte studieren, durch Seiten blättern, das Papier spüren (ist es glatt, rau, dünn, stark – letzteres mag sie am liebsten, stark und glatt) und mit den Augen nach Buchstaben greifen, nach Sätzen, die Türen öffnen in Lebenswelten, die so anders sind und zugleich so vertraut. Manche Bücher lassen einen verändert zurück, als hätten sie eine Tür aufgestoßen und vergessen, es mit der letzten Seite wieder zu schließen. Sie ist süchtig nach diesem Gefühl. Und Massimo hat ihr dieses Gefühl versprochen.

Nicht mit Worten, er trat in ihr Leben und es stand ihm ins Gesicht geschrieben, es schimmerte durch seine Erzählungen, es sprang ihm aus den Augen, ich bin ein Abenteuer, sagte sein Subtext, und du sollst mit mir Verstecken spielen. Massimo ist ein deckenhohes Bücherregal, aber eines mit Büchern, die in einer fremden Sprache geschrieben sind, sogar in einer fremden Schrift, Kyrillisch oder Kanji. Verlockend stehen die Bücher Rücken an Rücken, in allen Farben, aus Pappe, aus Stoff oder in Folie eingeschlagen, manche mit goldenen Borten, die neueren mit knappen Titeln in serifenlosen Versalien geschrieben, sie entzünden die Lust in ihr, zuzugreifen und sie aufzuschlagen, doch wenn ihre Augen auf die Zeilen treffen, stößt ihr Geist an eine Mauer. Sie bringt die Worte nicht in einen logischen Zusammenhang oder die Schriftzeichen bekommen keine Stimme oder sie interpretiert kyrillische Buchstaben als lateinische, doch aneinandergefügt ergeben sie keinen Sinn, und so schweigt das Buch, sie steht vor verschlossener Tür und legt das Buch nach einer Weile aus der Hand. Sie fühlt sich zurückgewiesen. Da ist immer noch dieses Regal mit all den runden und glatten und zerlesenen und zerbogenen Rücken, da ist immer noch das Zucken, dieser Impuls, nach einem Buch zu greifen, und sie versucht es mit einem anderen und mit einem dritten, sie bildet sich ein, das Fremde entziffern zu können, aber es will nicht funktionieren. Die Bücher bleiben ein Geheimnis, bleiben Schmuck, und sie muss sich, was sie sonst nie tun würde, von den Büchern abwenden. So ist Massimo. Sie beschließt, ihm all dies in einem Brief darzulegen. Doch zuvor starrt sie noch ein wenig verloren vor sich hin.

Die Sache mit dem Fahrplan

Ich klopfte nach Schulschluss an die Bürotür meiner Deutschlehrerin – mit gemischten Gefühlen, denn ich wusste bereits, dass sie meinen neuen Roman nicht sehr begeistert aufgenommen hatte. Gerade einmal 82 Seiten weit war sie gekommen, ehe sie aufgegeben hatte.

„Tja, tut mir leid“, sagte Frau M., als wir in ihrem Büro saßen, und legte einen dicken Ordner auf den Tisch. Ich hatte vor ein paar Wochen einen Stapel Papier in diesem Ordner abgeheftet: Vom ersten Blatt starrte der Titel meines Manuskripts, zentriert, gefettet, viel zu selbstbewusst, wie ich jetzt fand. Ich hatte rote Ohren vor Scham über meine Großspurigkeit.  Die Sache mit dem Fahrplan weiterlesen

Die Angst vorm weißen Blatt

Die italienische Bar war zur späten Stunde noch gut besucht: Hannah und ich mussten die Stimmen heben, um uns über die Geräuschkulisse hinweg zu verstehen. Wir hatten unsere Getränke jeweils dreimal nachbestellt, sie einen Crodino, ich einen Lillet, aus dem ich mit einem Teelöffel die halbgefrorenen Beeren naschte. Jetzt lag nach zwei Stunden angeregter Unterhaltung Aufbruchstimmung in der Luft.

Ich hatte mir meine Frage für den Schluss aufgehoben, weil ich das damit angeschnittene Thema nicht vertiefen wollte. Obwohl ich die Denkanstöße meiner Freundin sehr zu schätzen wusste, bedrückte mich das Gefühl, dass ich ihr damit ein bisschen zu oft auf die Nerven ging.  Die Angst vorm weißen Blatt weiterlesen

Schreibtypen

Dinge neigen zum Veröden, wenn man sie zu genau plant. Zumindest wenn man der flexible Typ ist, der besser fährt, wenn er sich alle Routen offen hält. Wir haben neulich in der Uni über Schreibtypen gesprochen; das ist sinnvoll für junge Studenten, von denen die meisten noch nie wesentlich mehr geschrieben haben als Aufsätze und eine Seminararbeit. Aber auch mir eröffnete sich nach so vielen Jahren noch eine neue Welt, und ich beginne mein eigenes Schreiben wieder einmal mit neuen Augen zu sehen. Es ist gut zu wissen, dass der Prozess weiterhin lebt. Ich bin erst 30; es ist noch viel zu früh für zementierte Ansichten.  Schreibtypen weiterlesen

Das Glück ist eine Serviette

„Du sitzt ja immer noch hier!“, sagt der Junge mit dem Hoverboard. Er war vorhin schon mal da: Wir haben Schach, Mensch-ärgere-dich-nicht und Mikado gespielt, dann ist er nach Hause gefahren, um zu Mittag zu essen, und jetzt ist er mit seiner nanna zurückgekehrt. Sie setzt sich an ihren Stammplatz, er saust auf dem Hoverboard davon. Das italienische Café gehört seinen Eltern. Und ich gehöre seit vier Stunden zum Inventar. Endlich mal wieder. Das Glück ist eine Serviette weiterlesen

Projekt „Honigmohn“

Ganz frisch auf diesem ohnehin so jungen Blog ist das Projekt „Honigmohn“. Den Namen hat sich Alicia Fresno ausgedacht, eine 16 Jahre junge Autorin, der ich auf Twitter begegnet bin. Lissy, wie sie von den meisten Menschen genannt wird, stellt sich der Challenge, zehn Kurzgeschichten in zehn Wochen zu schreiben. Sie alle veröffentliche ich jeweils auf diesem Blog. Lissys erste Geschichte, „Spiegel“, ist am 12. Juni 2017 erschienen: In ihr geht es um das Thema Gender und Identität. Nähere Informationen zum Projekt und über die Autorin findet ihr hier.