Schluck das, Depression!

Es steht heute 24:6 für die Disziplin. Lediglich sechs Punkte hat sich in den vergangenen vier Wochen die Depression geholt; ein Verhältnis von vier zu eins. Im Schnitt habe ich also alle fünf Tage einen depressiven Einbruch. Ansonsten läuft alles super – könnte man meinen.

So golden ist die Lage dann zwar doch wieder nicht. Aber sie ist auch nicht mehr aussichtslos. Nicht einmal an den Tagen, an denen mir die Depression das einreden will. Denn ich habe eine neue Waffe: die Statistik.

Dabei ist das nur die halbe Wahrheit. Es geht nicht nur darum, die guten Tage zu sammeln und sich an schlechten Tagen an sie zu erinnern – jeder mit Depressionen weiß, dass das nicht funktioniert. Es geht um mehr: um einen Wettkampf, ausgetragen in der Öffentlichkeit eines sozialen Netzwerkes, in unserem Fall Twitter. Und um Gemeinschaft, Bestätigung, Routine und Visualisierung. Nennen wir das Duell #Depribattle.

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Der Fußballheld

Ich werde euch jetzt die verrückteste Geschichte eures Lebens erzählen. So eine Geschichte habt ihr noch nie gehört, das verspreche ich euch. Und das Beste an ihr: Sie ist von vorne bis hinten wahr. Ihr werdet sie mir zwar nicht glauben – ich kann sie ja selbst fast nicht glauben. Aber trotzdem versichere ich euch, dass ich nichts erfinde.

Es passierte kurz nach meinem zehnten Geburtstag. Ich war mit meinen Mannschaftskollegen draußen auf dem Platz. Wir waren alle total aufgeregt, weil uns ein wichtiges Spiel bevorstand. Es war das wichtigste Spiel überhaupt! Der FC Bayern wollte uns bald besuchen und gegen uns kicken. Wir trainierten deshalb wie die Verrückten. Alle waren total aufgedreht. Maxi rannte sogar in Socken auf den Platz, weil er vor Aufregung vergaß, sich die Schuhe anzuziehen. Aber ich war ganz gelassen, weil ich nämlich ein ziemlich guter Torschütze bin, genau wie Cristiano Ronaldo, mein großes Vorbild. Außerdem bin ich Kapitän, und als solcher muss ich immer einen kühlen Kopf bewahren. → weiterlesen

Mickey

Für jede Lüge gibt es den richtigen Zeitpunkt. Die Raumfahrtorganisation, deren Name wir alle kennen, sah ihn im vergangenen Juni gekommen.
„Wir haben es hier mit einem sehr komplexen dynamischen Prozess zu tun“, sagte ein Experte in die Mikrofone der Presseagenturen und Fernsehsender. „Die Trümmerteile könnten auf einer Strecke von 400 Kilometern praktisch überall einschlagen. Zumindest wenn wir den Absturz nicht kontrolliert herbeiführen. Aber wir haben alles im Griff. Seien Sie ganz beruhigt.“
Ich sah die Sendung nach dem Abendessen. Karli spielte mit Mickey, dem Bernhardiner-Welpen, den wir am Nachmittag aus dem Tierheim geholt hatten. Der Hund sollte Karli über die Scheidung hinwegtrösten. → weiterlesen

Aliens wie wir

Ich höre ein Knacken und Brizzeln und weiß sofort, dass das nichts Gutes zu bedeuten hat.
„Nicht! Mach das lieber —“
Ein weißer Funkenbogen, ein Knall — und aus meiner VR-Brille zieht ein trauriger Qualmfaden.
Rosc, ein humanoides Chitinpanzeralien, betrachtet das Malheur betreten. Es tut ihm sichtlich leid, aber ich bin viel zu wütend, um Rücksicht darauf zu nehmen.
„Ist sie hinüber?“
„So war das nicht geplant.“
„Wie soll ich jetzt —“ Eine Erkenntnis holt mich ein und raubt mir die Stimme. Ich erkenne, wie allein ich jetzt bin, hier draußen im dunklen All.
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Neu: „Finsterphasen“

Auf www.cronoscube.de gibt es von heute an das erste Kapitel der Fortsetzungsgeschichte „Finsterphasen“ zu lesen. Die Story spielt im Cronos-Universum und dreht sich um die Abenteuer des Muertos Eamon, der im Roman ein paar kurze Auftritte als Zacks Nachbar im Wohnsilo hat.

Eamon ist ein ziemlicher Versager – zumindest in der realen Welt. Sein wahres Leben spielt sich fast vollständig im virtuellen Raum des Cronos Cubes ab, wo er sich als Held einen Namen macht. Als sein Freund Ted von einem anderen Spieler um den Verstand gefoltert wird, muss der eigenbrödlerische Ire über seine Grenzen gehen, um den Täter zu stoppen. Doch dieser hat Eamon bereits im Visier.

Hier entlang zum ersten Kapitel: Cronos Cube „Finsterphasen“

Textfragment: Strohfeuer

(…) Zwei-, dreimal in der Woche suchte er die Bibliothek seiner Mutter auf – die natürlich nicht ihr allein gehörte, jedoch in der Regel nur von ihr allein gepflegt wurde –, um in klassischer Literatur zu lesen, Dramen der Romantik und des Realismus irischer, englischer, französischer und deutscher Herkunft zu verschlingen und letztlich an einem Buch hängen zu bleiben, das ihn derart gefangen nahm, dass er nie aufhörte, es zu lesen, so wie gläubige Menschen die Bibel oder den Koran: Das Bildnis des Dorian Grey, geschrieben von jenem großartigen Mann, vor und durch dessen Statue am Merrion Square sich seine Eltern kennengelernt hatten, was L. in seinen romantischen Phasen – die kamen und gingen – ein wenig schicksalhaft vorkam. Wie Dorian von dem gleichermaßen für ihn schicksalhaften Werk, das Lord Henry ihm nach Sibyl Vanes Suizid zugeschickt hatte, besaß L. neun Ausgaben des Pictures, gebunden in kostbare Stoffe (wenn er sich auch sonst nichts daraus machte, so war dies umso mehr ein Ausdruck seiner Wertschätzung für dieses Buch).

L.s impulsive Reaktion auf das Bildnis des Dorian Grey sprach für seine Beeinflussbarkeit; Z. merkte einmal an, dass er L. nicht nur vor äußeren, sondern auch vor inneren Feinden schützen wollte, und L., der Angst vor seinen eigenen Strohfeuern hatte, dachte bei sich, er vertraue ihm mehr als sich selbst, denn Z. wisse immer ganz genau, was er wolle, während er selbst wie ein Schmetterling sei, angezogen von grellen Farben und süßen Düften, die ihn allzu leicht vom Weg abbringen konnten. Nur nicht von dem einen Weg, der ihm mehr als alles andere am Herzen lag, für den er die größtmögliche Geduld aufbrachte und die so viele seiner inneren Ressourcen fraß, dass er in allen anderen Dingen flatterhaft bleiben musste, ob er wollte oder nicht.

So brannte er für allerlei Dinge, doch sein Interesse erlosch manchmal binnen Minuten. Er war ein sehr sprunghafter Mensch. (…)

Neukölln blüht

Das rote Licht zwinkerte nie. Auf einem dünnen Bein stand es auf dem Dach des Nachbarhauses, und wenn ich nachts aufwachte, starrte es in mein Kinderzimmer. Ich weiß nicht, warum ich es fürchtete. Doch es verfolgte mich in meine Träume und sollte mir bis ins Erwachsenenalter nicht mehr aus dem Kopf gehen.

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„Wenigstens bin ich nicht tot.“

Fünf Tage die Woche ist er im Einsatz, und es bleibt neben der Arbeit keine ganze Stunde, die er für sich hat, ohne im Auto zu sitzen oder sich mit seiner Frau auseinandersetzen zu müssen. Er steht um sechs Uhr auf, sitzt um sieben Uhr im Auto, ist um acht Uhr im Büro, das er um 18 Uhr wieder verlässt, um eine Stunde später vor dem Haus zu parken, in dem er lebt; er unternimmt einen Spaziergang mit dem Hund, danach gibt es Essen und dann ist der Tag um, er ist satt und erschöpft und hat keine Lust, noch ein Fass aufzumachen, also liegt er auf dem Sofa und schaut fern, bis ihm die Augen zufallen und er ins Bett geht, um bis sechs Uhr morgens zu schlafen.

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